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Leonie Kurtz über Oksana Maksymchuks „Tagebuch einer Invasion“

Von schrecklicher Schönheit

Leonie Kurtz


Krieg gegen die Ukraine. Foto: wikimedia commons

Dass der Poesie eine zaubrische Wirkung innewohne, glauben alle diejenigen, die einmal von ihr affiziert wurden. Dass man mit diesem Zauber Kriege verhindern könne, ist hinzunehmen. Dennoch ist bei Gewalt und Vernichtung seine Wirkungslosigkeit immer wieder enttäuschend und scheint den Wert des Gedichts zu mindern. Dagegen schreibt die ukrainische Dichterin Oksana Maksymchuk an, und Leonie Kurtz hat sich ihren widerständigen Gedichtband angesehen.

 

In Oksana Maksymchuks dunklem Versteck fällt der Schrecken langsam ab, hier traut sich das Gedicht wieder zu tanzen und die Rose zu erblühen. In lyrischer Emanzipation vom Grauen des Krieges wird der Feind plötzlich zum Liebhaber und die Sirenen zum Schlaflied. Es ist das Überleben selbst, das nun als „intim & unmittelbar“ erscheint. Maksymchuk findet in ihrer Poesie des Lebens einen Weg, um in einem existenzbedrohenden Umfeld sich selbst zu erhalten. Sowohl zwischen als auch während der russischen Angriffe zu schreiben, sich zu lieben und zu Musik zu tanzen, wird hier zur höchsten Form des Widerstandes. Doch im Hintergrund dieser lebensbejahenden Poesie wirkt stets das Vanitas-Bewusstsein: Das Wissen, dass man jeden Moment sterben könnte. Nüchtern enthüllt Maksymchuk den Krieg und dessen Alltag in seiner Gewalttätigkeit als zerrissenes Dasein, das zwischen Angst und Hoffnung oszilliert und sich dabei langsam selbst verliert.

Eine Landschaft äußerer und innerer Zerstörung

Als Russland im Jahr 2022 mit der Invasion der Ukraine begann, befand sich die ukrainische Schriftstellerin Oksana Maksymchuk (1982) gerade auf einer Kurzreise mit ihrem Sohn in Ungarn, von der sie nun nicht mehr in die Ukraine zurückkehrte. Voller Schrecken musste sie stattdessen mit ansehen, wie ihr Heimatland angegriffen wurde. In den folgenden Jahren pendelte sie zwischen ihrem Haus in Lviv, Europa und den Vereinigten Staaten. Maksymchuks neuester Lyrikband „Tagebuch einer Invasion“ (2025) beginnt mit der allmählichen Ahnung eines Krieges und behandelt von da an chronologisch zahlreiche Erlebnisse innerhalb ihrer Heimat. Schonungslos schildert Maksymchuk dabei die Zerstörungskraft des Krieges. In der direkten Darstellung „[d]er Kinderstimmen“, die „[nach einer Druckwelle] zerborsten“ wird der Krieg in seiner Sinnlosigkeit veranschaulicht. Durch Maksymchuks bewusst distanziertem Blick auf die „Überfülle des Leids“ bekommen die realistischen Gedichte beinahe etwas Dokumentarisches, sodass man sich der gewaltigen Dringlichkeit der Bilder nicht mehr entziehen kann. Um diesen Effekt „einer freieren, ausgeglicheneren Stimme“ zu verstärken, veröffentlichte Maksymchuk erstmals in ihrer Lyrik-Karriere auf Englisch (unter dem Originaltitel „Still City. Diary of an Invasion“ erschien der Band bereits 2024). Den intendierten „Abstand der Kunst“ begründet Maksymchuk auch durch die lyrische Intention, „das Wesen unserer Zeit zu definieren“ und dadurch ein realitätsgetreues Bild zu vermitteln. Gleichzeitig wird durch den Blick in ein von emotionaler Distanz geprägtes Inneres deutlich, dass sich die Spuren des Krieges auch im Menschen abzuzeichnen beginnen. In dauernder Erwartung des nächsten Anschlags entwickelt sich eine zunehmende Erschöpfung und Kriegsüberdrüssigkeit. Infolge einer inneren Zersetzung ist das Herz bald selbst „kein Organ mehr, sondern / ein Überrest, eine Geschwulst“, sodass der Mensch „fühllos […] inmitten der Wunde“ verharrt und langsam vergisst „wie das geht: atmen“. Nicht in der Lage, das Leid zu fassen und zu verarbeiten, verliert er in Maksymchuks Gedichten sich selbst und seine Menschlichkeit. In konstanter Fluktuation zwischen Vergessen-Wollen und schmerzlichem Erinnern bildet sich eine Wut wie „ein schäumender Fluss“ über die Ungerechtigkeit. Die geschilderten Auswirkungen gehen dabei über das eigene Ich hinaus, sie zeigen einen allgemeinen Gesellschaftszustand, der sich auch auf die Kinder, die im Krieg aufwachsen, niederschlägt. Maksymchuk beschreibt damit in erschütternder Weise nicht nur die äußere, sondern auch die innere Zerstörung des Krieges. Ihre besondere Luzidität beschreibt Ilya Kaminsky im Nachwort auch als „Mittel, um zu erdulden, Zeugnis abzulegen und zu widerstehen.“ Dadurch werde Maksymchuks Distanziertheit selbst zu einer „Form des Überlebens.“

Was übrig bleibt: Die Frage nach Kunst, Philosophie und Religion im Krieg

In Ruinen liegen Stadt und Seele, und auf der Straße sammelt Maksymchuk behutsam die verstreuten Überreste des Lebens ein. Auf der Suche nach Hoffnung und möglichen Bewältigungsstrategien fällt ihr Blick dabei immer wieder auf Kunst, Philosophie und Religion. Maksymchuk ist nicht nur Dichterin, sondern auch Philosophin. Nachdem sie im Alter von 15 Jahren die Ukraine verlassen und in die USA gezogen war, promovierte sie später in antiker Philosophie an der Northwestern University in Chicago. 2005 veröffentlichte Maksymchuk erstmals einen Gedichtband in ihrer Muttersprache. Drei Jahre später folgte der nächste. Im Ausland gab sie außerdem mit Max Rosochinsky die englischsprachige Anthologie „Words for war. New poems from Ukraine“ (2017) heraus und übersetzte Gedichte von Lyuba Yakimchuk und Marianna Kijanowska. Maksymchuks große Expertise zeigt sich auch immer wieder in den poetologischen und philosophischen Reflexionen ihrer Gedichte. So sei die Welt „[v]or allem anderen […] zuerst ein Gedicht“. Dieses poetologisch geprägte Weltverständnis wird im Laufe des Bandes aber immer wieder kritisch hinterfragt. Maksymchuk sinniert: Was ist das Gedicht wert, kann dich die „Metapher […] aufspüren / im Schutt?“ Kann es dich moralisieren, wenn selbst die „Schlachter und Tyrannen […] vertraut [sind] mit Poesie“? Kann es dich trösten, wenn es auf Distanz bleibt und „unnahbar“ erscheint? Kann es Veränderung schaffen, wenn es „neutral“ ist? Es „reflektiert / ändert [aber] nichts“. Und was ist mit dem Dichter, der den Ruf hört: „Es gibt jetzt keinen Bedarf für Kultur“ und sich fragt „Was wird aus mir?” Er scheint so nutzlos wie das Gedicht selbst. Auch Maksymchuks eigene Identität und Zukunft werden durch ihn exemplarisch hinterfragt. Es scheint, als läge die Poesie in Schutt und Asche. Sie kann nur das zeigen, was sie selbst nicht ist: Ihre „Verse // [sind] verzerrt vom Schrecken“. Maksymchuks Gedicht findet erst „für einen Moment nur, dem letzten“ zu sich zurück, um sich zu „widersetzen dem Vergessen“. Dadurch wird das Gedicht selbst zu einer zutiefst menschlichen Form des Widerstands gegen den Tod und die Zerstörung des Krieges – und zu einem Mittel, Erinnerung und Schönheit zu bewahren. Gerade in der dauerhaften Konfrontation mit dem Krieg und Tod sind es „Wörter für ‚Seele‘ und ‚retten‘“, die „schwirren wie Atome, / reisen durch die Leere / kollidieren wie verrückt“. In Maksymchuks existenzieller Auseinandersetzung mit Philosophie und Religion hinterfragt sie kritisch, woran man überhaupt noch glauben kann, wenn man all das Leid in der Welt sieht. Religiöse Heilsprüche wie „alles Leid / diene einem höheren Zweck // alle Frevel würden gesühnt“ werden dabei entwertet durch das Abbild einer Welt, die sich „stürzte […] in einen reinigenden / Taumel der Gewalt“. Bei Maksymchuk endet das Theodizee-Problem automatisch in einem Agnostizismus, sie verkündet: „Die Sonne verdunkelt sich und wird fallen / wie der Leichnam eines Gottes“. Die Philosophie wird anstelle der Religion zur neuen Glaubensrichtung. Maksymchuk lehrt „Lektionen in Stoizismus“ und probiert sich in einer „Amor fati“. Auf der Suche nach einem inneren Frieden wird das Schlechte nicht versucht zu erklären oder zu bekämpfen, sondern akzeptiert. Maksymchuk zeigt dadurch nicht nur, wie man Leid und Angst auch ohne Religion bewältigen kann, sondern entwickelt auch „eine Formel / für die Zeit danach – dafür // wie man neu / beginnt“.

Aus der Entfernung von Worten und Bildschirmen

Auf Social Media zwischen Memes und Werbeanzeigen findet sich ein Video aus der Ukraine. Wie an einen vergessenen Freund wird man erinnert, kurz verunsichert, bevor man weiter scrollt. Auch Maksymchuk bevorzugt „lustige Videos von Hundewelpen / Blumen, Mineralien, Food Porn“ und will lieber „Seiten füllen mit / Wolken und Bäumen“. Gleichzeitig bemängelt sie aber auch eine zunehmende Distanzierung durch die Digitalisierung. In absurder Form spiegelt sie den Wechsel „zwischen Nahaufnahme / und ‚Puppenhausansicht‘“, der das Kriegsgeschehen und die Betroffenen entfremdet. Auch in ihren Gedichten fragt sich Maksymchuk „für wen“ sie schreibt und wer zuhören wird. Der Einfluss der Gedichte wird dabei durch die Bezeichnung als „lautloser Vokativ“ grundsätzlich infrage gestellt. Blind- und Taubheit werden dabei repräsentativ für den Menschen hinter Bildschirm und Buch. Selbst die Natur wird zu einem Sinnbild von Teilnahmslosigkeit und Unbewegtheit. Der Fluss „trauert nicht, wenn die Städte / entlang seiner Ufer / in Trümmern liegen“. Aus ihrer einsamen Verzweiflung heraus reflektiert auch Maksymchuk: „[M]üssen wir / darüber ein Gedicht verfassen? Wie / überhaupt beginnen? // Einmal begonnen – wie dann – / kannst du? – / fortfahren usw.“ In gleicher Art kann man sich selbst auch fragen: Müssen wir darüber Gedichte lesen? Sollen wir uns auf Social Media Videos dazu anschauen? Wie soll man danach weitermachen? Die Antwort wird deutlich in Maksymchuks Appell hinzusehen, da es „Dingen Bedeutung verleiht“ und hinzuhören statt „Wachs / in dein Ohr“ zu tröpfeln, sodass es „[deine Seele] versiegelt“. Maksymchuk will uns Augen und Ohren öffnen. Ihre direkte Sprache rüttelt wach und offenbart die euphemistischen Verzerrungen des Alltags, wenn „[w]ir sagten, sie starb“, sie aber „in Wahrheit […] getötet wurde“. Sie zeigt uns, dass man erst im Bewusstsein des Schreckens ihn auch bekämpfen kann – wohingegen der Versuch seiner Verdrängung leider nicht bedeutet, dass er nicht existiert. Stattdessen wird man selbst in der Distanz durch die „Entfernung von Worten, / im Rahmen einer ausdruckslosen Seite“ zu einem „Zeuge[n]“. Maksymchuk regt dadurch dazu an, über die eigene Verantwortung nachzudenken – und motiviert den ein oder anderen vielleicht sogar zum Handeln.

 

 

Oksana Maksymchuk
Tagebuch einer Invasion
Gedichte
Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Kniep, mit einem Nachwort von Ilya Kaminsky
120. S., geb.
ISBN: 978-3-446-28456-2
Hanser Verlag, München 2025
 
 
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Erstellungsdatum: 30.05.2026