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Eran Rolnik über zionistische Rettungs- und Endzeitvisionen

Wartet nicht auf die frankophone Kavallerie

Eran Rolnik


Die Rettung: Un officier des cuirassiers fin 19eme. Bild: Edouard Detaille. Wikipedia

Der rächende Held, der den in Not geratenen Menschen zu Hilfe eilt, kämpft nicht nur im Märchen. Der Traum vom großen Retter mit seiner Heeresmacht zieht sich durch die ganze Literatur, vor allem, wenn sie von Kriegssituationen handelt, das heißt: Armageddon mit wundersamer Befreiung. Wie aber das zionistische Israel von der klärenden Intervention einer auswärtigen Macht nicht nur träumt, sondern sie erwartet, erklärt Eran Rolnik in seiner erhellenden Analyse der israelischen Gesellschaft.

 

In diesem Monat jährt sich zum 129. Mal der Erste Zionistenkongress, auf dem Theodor Herzl für den von ihm formulierten Traum die Unterstützung Europas suchte. Diese Unterstützung kam erst, nachdem das jüdische Volk einen entsetzlichen Preis bezahlt hatte. Von der Peel-Kommission 1937 bis zu den Gaza-Plänen des Jahres 2026 hat die internationale Gemeinschaft nahezu jede denkbare Formel zur Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts erprobt. Eines jedoch hat sie nie versucht, und gerade dies ist bis heute eine Art Weltuntergangsfantasie geblieben, die Teile der israelischen Linken und der Palästinenser gleichermaßen beschäftigt: eine Israel von der internationalen Gemeinschaft aufgezwungene Lösung. Generationen israelischer Diplomaten waren stolz darauf, dieses Schreckensszenario abgewendet und den Augenblick hinausgeschoben zu haben, in dem Israel seine Souveränität und die Kontrolle über die Festlegung seiner endgültigen Grenzen verlieren könnte. Im Friedenslager hingegen wartet man seit rund fünfzig Jahren auf eine frankophone Kavallerie, die endlich kommt und der Besatzung ein Ende setzt.

Keine Großmacht hat die Lösung des Konflikts je als ein für sie vitales Interesse betrachtet. Und ähnlich wie in der israelischen Politik erweist sich auch in der europäischen und amerikanischen Politik die Bereitschaft, wirklichen Druck auf Israel auszuüben, meist als Wahlkampfgerede. Dennoch gehört der Traum von einer Internationalisierung des Konflikts weiterhin zum festen Repertoire des israelischen Friedenslagers.

Wer nach Präzedenzfällen für eine mögliche Erzwingung einer politischen Lösung der Palästinafrage sucht, verweist auf Bosnien, Nordirland oder Südafrika, mitunter sogar auf die bedingungslose Kapitulationsurkunde, die Nazideutschland gegenüber den Alliierten unterzeichnete. Vielleicht aber ist der einschlägige Präzedenzfall die Geschichte des Konflikts selbst. Neunzig Jahre internationaler Einmischung haben keinen einzigen Versuch hervorgebracht, Israel eine politische Lösung aufzuzwingen. An Analogien herrscht kein Mangel; einen Präzedenzfall, aus dem sich Lehren — oder Hoffnung — gewinnen ließen, gibt es nicht.

Die Hoffnungen auf eine internationale Intervention wurzeln zum Teil in den Anfängen des Konflikts selbst, in der Erinnerung an zwei historische Augenblicke, in denen es dem Zionismus gelang, die internationale Ordnung für seine Ziele zu mobilisieren: die bemerkenswerte zionistische Diplomatie, die zur Balfour-Deklaration führte, und drei Jahrzehnte später das seltene Zusammentreffen verschiedener Umstände — das Interesse der Großmächte an einem Ende des Mandats, die Entschlossenheit der Führung des jüdischen Jischuw und der Untergrundorganisationen sowie der moralische Schock über die Vernichtung der europäischen Juden. Zusammen ebneten sie den Weg für die Gründung des Staates Israel mit Unterstützung der Vereinten Nationen.

Dass sich die Interventionsfantasie bis heute vor allem auf Europa richtet, deutet zudem auf eine Art historischen und moralischen Anspruch an Europa hin — gewissermaßen auf eine erweiterte „Herstellerverantwortung”. Schließlich war es Europa, das die politische Landkarte des modernen Nahen Ostens zeichnete; aus Europa kamen sowohl die zionistische Idee als auch jene Katastrophen, die ihre Verwirklichung zwingend erscheinen ließen; und Europa hinterließ auch den Palästinensern ein Erbe aus jahrzehntelangen widersprüchlichen Versprechen und konkurrierenden Vorstellungen nationaler Souveränität.

Der säkular-liberale Zionismus wandte sich gegen den Fatalismus der Diaspora und strebte nach territorialer nationaler Selbstbestimmung. Im Laufe der Jahre jedoch wurde er selbst zur Verkörperung einer modernen Variante einer der Grundfantasien ebenjener Diaspora: der Erwartung, die Rettung werde von außen kommen. Über Generationen hofften jüdische Gemeinden in der Diaspora auf das Eingreifen einer höheren Macht, auf eine Kavallerie, die kommen und sie vor ihren Verfolgern retten würde. Sie kam nie; nur der Verfolger wechselte. In der alten Fantasie sollte jemand die Schreie der Gemeinde hören und unsere Brüder vor dem Gutsherrn, dem Kaiser oder der Kirche retten. Die neue Fantasie verlangt, dass jemand den jüdischen Staat vor sich selbst rettet.

Für eine solche Umkehrung ist die Welt nur schwer zu gewinnen. Es ist vergleichsweise einfach, Solidarität mit Verfolgten gegen einen äußeren Verfolger zu mobilisieren. Weitaus schwieriger ist es, Großmächte dazu zu bewegen, eine Nation vor ihrem eigenen Größenwahn zu retten. Die Welt beeilt sich nicht, die Iraner vor den Ajatollahs zu retten, und es gibt wenig Grund zu der Annahme, sie werde sich gegenüber Israelis anders verhalten, die immer wieder und mit demonstrativer Entschlossenheit eine verantwortungslose rechte Führung wählen.

In der europäischen und amerikanischen Politik ist kaum noch von einer moralischen Schuld der Welt gegenüber den Juden als historisch verfolgter Minderheit die Rede — weder von einer Dankesschuld noch von einer Schuld, die nach Sühne verlangt. Sympathie für Israel und Sorge um sein Schicksal flammten nach dem 7. Oktober für kurze Zeit wieder auf, verschwinden aber zunehmend aus der Parteien- und Parlamentspolitik Europas und der Vereinigten Staaten. Der Versuch des israelischen Hasbara-Apparats, westliche Islamophobie in bedingungslose Unterstützung für jüdischen Nationalismus zu übersetzen, ruft längst eher Spott als Zustimmung hervor.

Journalisten, Intellektuelle und Prominente, die den öffentlichen Diskurs im Westen prägen, tragen nicht mehr dasselbe historische und psychische Gepäck in Bezug auf Juden und Israel mit sich wie ihre Eltern. Auch die Holocaust-Erziehung in Europa tendiert zunehmend dazu, ihre Lehren zu universalisieren: Im Mittelpunkt stehen die Gefahren von Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und dem Zusammenbruch der Demokratie, weniger die Pflege einer besonderen historischen Verpflichtung gegenüber dem Staat Israel. Wer gegen Ende des 20. Jahrhunderts in Frankreich, den Niederlanden oder Michigan aufgewachsen ist, muss nicht aus einer muslimischen Einwandererfamilie stammen, um sich mit dem Leiden der Palästinenser stärker zu identifizieren als mit der „einzigen Demokratie im Nahen Osten” und den Nachkommen der von den Nationalsozialisten Verfolgten.

Heute gehört die Fantasie einer äußeren Intervention, die den Konflikt beenden werde, in eine Art politischen und soziologischen Jurassic Park. Bevölkert wird er vor allem von den in den vierziger, fünfziger und sechziger Jahren Geborenen — Menschen, die mit einem selbstverständlichen israelischen Lebensgefühl aufwuchsen und zugleich eine tiefe Bindung an den liberalen Universalismus und an das Europa der Nachkriegszeit entwickelten. Die Illusion, Israel könne sich nicht dauerhaft von den Werten entfernen, zu denen sich Europa nach 1945 bekannte, und irgendwann werde Europa ihm eine Grenze setzen, hatte etwas Optimistisches.

Diese Fantasie, die längst weder eine politische Position noch ein diplomatisches Programm darstellt, funktioniert heute als psychische Struktur. Sie begrenzt die politische Vorstellungskraft jener, die noch an ein jüdisch-arabisches Zusammenleben glauben: die Vorstellung, Israelis seien im Grunde nur ungezogene Kinder aus gutem Hause, deren ferne und jüngste Traumata ihre Herzen gegenüber den Palästinensern verhärtet und sie vergessen lassen hätten, woher sie kommen. Jeden Augenblick, so lautet die Fantasie, werde die internationale Gemeinschaft die Geduld verlieren und einen verantwortungsbewussten Erwachsenen schicken — vorzugsweise einen Norweger —, der wieder Ordnung schafft.

Auch ich hing einmal der Vorstellung an, Israel brauche eine „Zwangsbehandlung” (Haaretz, 26. Dezember 2014), die ihm helfen würde, seine Sucht nach Besatzung und jenen messianischen Narzissmus zu überwinden, der jeden gesunden Teil seiner Persönlichkeit aufzehrt.

Doch diese generationelle Distanzierung des Westens von der Verantwortung für das Geschehen im jüdischen Staat geht mit einer parallelen Veränderung innerhalb Israels einher. Die zunehmende Verreligiösung und chauvinistische Indoktrinierung des staatlichen Bildungssystems sowie die fortschreitende Militarisierung der Medien und der öffentlichen Meinung haben die Einstellung junger Israelis zur Möglichkeit von Boykotten oder internationalen Interventionen verändert. Selbst die Drohung internationaler Haftbefehle scheint Reservisten heute kaum noch den Schlaf zu rauben. Für große Teile der jüdischen Öffentlichkeit bedeutet die Aussicht, sich in Barcelona unerwünscht zu fühlen oder kein Forschungsfreisemester in Berkeley verbringen zu können, nicht mehr den Ausschluss aus der Welt. Denn die Welt, zu der sie gehören wollen, entsteht zunehmend aus ideologischen Gemeinschaften, digitalen Netzwerken sowie zweckorientierten politischen und wirtschaftlichen Bündnissen, die nicht auf den Werten des liberalen Westens beruhen. Darin liegt meines Erachtens eine der tiefgreifendsten Veränderungen, die die israelische Gesellschaft im vergangenen Jahrzehnt durchlaufen hat.

Es gibt noch eine weitere Ebene, die manche zweifellos als Psychologisierung abtun werden: die Rolle des unbewussten Antisemitismus bei einigen „Freunden Israels” im Westen. Der Zusammenbruch des demokratischen Israel und der Aufstieg eines brutalen Israel lösen neben Angst, Wut und Enttäuschung auch ein gewisses unbewusstes Genießen aus. Im Freudschen Sinne kann das Bild vom Scheitern souveräner jüdischer Existenz Lust bereiten — offen bei Israels Feinden, verleugneter und komplizierter hingegen bei manchen, die sich selbst als seine Freunde verstanden haben. Ihre Identifikation mit Israel enthielt bisweilen eine Mischung aus historischer Schuld, Bewunderung, Neid und Unbehagen. Israels Scheitern könnte sie aus dieser Spannung entlassen und im Nachhinein sogar eine frühere moralische Haltung gegenüber Juden im Allgemeinen bestätigen. Bei manchen evangelikalen Freunden Israels ist selbst die glühende Liebe zu Israel mit einer endzeitlichen Vision verbunden, in der eine globale Katastrophe Voraussetzung für die Erlösung der Welt ist.

Man kann diese Spekulation noch einen Schritt weiter treiben und sich eine historisch neue und zugleich alte Konstellation vorstellen. Das Gewissen einer Welt, die angesichts der Verbrechen des Zionismus an den Palästinensern weitgehend passiv bleibt, könnte erst dann erwachen und mit Nachdruck in Israels Schicksal eingreifen, wenn die „Judenfrage” erneut zu einer europäischen oder amerikanischen statt zu einer nahöstlichen Frage wird. Wenn sie also wieder zu einer Frage nach dem Platz, der Sicherheit und der Zukunft von Juden und Israelis in den Diasporas wird, in denen sie leben — vor dem Hintergrund eines wachsenden Antisemitismus an beiden Enden des politischen Spektrums, auf der nationalistischen Rechten wie auf der progressiven Linken.

Mit anderen Worten: Der Zionismus wollte die Judenfrage aus der europäischen Geschichte herauslösen. Vielleicht wird es ausgerechnet der Zionismus sein, der sie früher, als wir denken, an ihren historischen und geographischen Ausgangspunkt zurückführt: in die Diaspora.

Wie dem auch sei: Eine „Entkahnizierung” Israels steht nicht bevor, weil keine militärische Niederlage bevorsteht. Einen wirklichen internationalen Konsens über eine Zweistaatenlösung gibt es nicht, weil keine Großmacht die israelische Apartheidherrschaft als Bedrohung ihrer eigenen Interessen betrachtet. Und auch das Königreich Davids wird nicht kommen — weder durch die Kraft des Willens noch durch die Gewalt der Waffen. Ein Liberalismus, der erwartet, die Geschichte werde sich ihm von außen unterwerfen, unterscheidet sich im Kern nicht von einem religiösen Messianismus, der erwartet, die Geschichte werde sich ihm von innen unterwerfen. Beide warten auf einen Erlöser, der nicht kommen wird.

Selbst jene innere Kraft, die in den vergangenen Jahren den Niedergang Israels als liberale Demokratie gebremst hat — die liberale, „kaplanistische” Elite —, wird von der Weltöffentlichkeit nicht mehr als realistische politische Alternative zu einem brutalen, messianischen Zionismus wahrgenommen. Auf Fernsehbildschirmen und in den sozialen Medien sieht die Welt Abend für Abend Bilder, die die israelischen Medien mithelfen, an den Rand des Bewusstseins zu verdrängen: Gaza hungert, das Westjordanland brennt, Israel verroht zusehends — und die Welt schaut zu.

Es ist an der Zeit, sich von der Fantasie zu verabschieden, die internationale Gemeinschaft werde eine Kavallerie schicken, um die Palästinenser vor Israel zu retten — oder Israel vor Judäa.

Erstellungsdatum: 25.08.2026