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Lew Tolstoj in seinen letzten Tagebüchern

Weiterschreiben, um zu überleben

Felix Philipp Ingold


Sergei Progudin-Gorskii (1863-1944): Lew Tolstoj 1908. wikimedia commons

In seinen Tagebüchern soll sich der Satz finden: „Es gibt etwas, was ich mehr als das Gute liebe: Ruhm.“ Lew Tolstoj hat deshalb stets auf seine Außendarstellung als moralische Autorität größten Wert gelegt. Der Graf im Bauernkittel hatte sich nach siebzehn Büchern und seinen beiden monumentalen Werken „Krieg und Frieden“ und „Anna Karenina“ seinen dauerhaften Ruhm erschrieben. Danach verfasste er noch über 70 Werke: Ruhm will erhalten und genutzt werden. Der Vater des realistischen Romans war, wie Felix Philipp Ingold berichtet, eine widersprüchliche Persönlichkeit.

 

Als Lew Tolstoj 1910 im Alter von 82 Jahren starb, war er nicht nur als Großschriftsteller (mit Werken wie „Familienglück“, „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Auferstehung“, „Chadschi Murat“), sondern auch als dezidierter Meinungsmacher mit eigener Statur und Stimme längst weltweit bekannt. Tausende von Trauergästen gaben ihm bei der Bestattung auf seinem Landgut Jasnaja Poljana mit Gesängen, Gebeten und Sprechchören das Geleit. –Tolstoj war auf einem abgelegenen Provinzbahnhof gestorben, nachdem er sich heimlich von zu Hause abgesetzt hatte, um sich den Drohungen und Übergriffen seiner Frau, aber auch den permanenten Anforderungen seines Ruhms zu entziehen. Sein unverkennbares klassenkämpferisches Image als „Graf im Bauernkittel“ war geprägt von politischem, gesellschaftlichem und moralischem Rigorismus, und eben dieser Rigorismus war es denn, der ihn mit der russischen Autokratie einerseits, mit der russischen Orthodoxie andrerseits entzweite, ihn offiziell in die Rolle eines Outcasts, wenn nicht eines Landesverräters und Häretikers versetzte, während er im Ausland als eine Lichtgestalt von globaler Ausstrahlung gefeiert und verehrt wurde. – Seinem autoritativen Auftreten zum Trotz war Tolstoj keineswegs frei von Widersprüchen, Selbstzweifeln, Gewissensnöten. Dass er sich, im Gegenteil, oftmals überfordert fühlte, sich aber auch Überheblichkeit und Übergriffigkeiten vorzuwerfen hatte und eben deshalb, in christlicher Zerknirschung, unentwegt mit sich selbst haderte – darüber legte er in seinen späten Tagebüchern schonungslos Rechenschaft ab.*

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Nach eigenem Bekunden fühlte sich Lew Tolstoj bei der Niederschrift seiner späten Tagebücher – im Bemühen um bekenntnishafte Offenheit und Vollständigkeit – stets von der durchaus realistischen Vorstellung „gestört“, sie könnten einst unredigiert und unkommentiert einem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Angesichts der von ihm laufend rapportierten privaten Peinlichkeiten (eheliche Dauerkrise, Ärger mit den eigenen Kindern, Querelen mit Nachbarn und Besuchern, vielerlei Altersbeschwerden) ist diese Befürchtung nachvollziehbar, andererseits jedoch gewinnt man bei der Lektüre den unabweisbaren Eindruck, dass diese kompromisslos ehrlichen Aufzeichnungen eben darauf angelegt waren, den „wirklichen“, mithin schuldhaften, verzweifelten, kränklichen Tolstoj bekenntnishaft als einen Menschen wie du und ich („einfach Lew“) herauszustellen, um das vorherrschende Image des vermeintlich unfehlbaren und unsterblichen Weltautors zu konterkarieren.

Die letzten Jahre vor seinem Tod verbrachte Tolstoj in einer höchst umtriebigen, dabei streng geregelten Lebens- und Arbeitswelt. Mit seiner zahlreichen Familie, mit Dienstpersonal und vielen hilfreichen Hausfreunden bewohnte er in Jasnaja Poljana, rund 200 Kilometer südlich von Moskau, einen weiträumigen Landsitz, der schon damals von Touristen, Presseleuten und Bittstellern gern besucht wurde. Entspannung fand er nach eigenem Bekunden am ehesten bei Spaziergängen, bei leichter Feldarbeit oder auch beim Schach- und Kartenspiel.

Dass er darüber hinaus auch noch die Zeit fand und die Energie aufbrachte, sein vielfältiges Tagwerk schriftlich zu dokumentieren, ist schon staunenswert genug, und noch erstaunlicher – dass er dabei selbst über seinen fortschreitenden körperlichen und geistigen Verfall skrupulös Buch geführt hat. Denn lückenlos hielt er die sich häufenden Gedächtnisausfälle, die qualvollen Phasen des „Nichtstuns“, die Momente äusserster Erschöpfung und Verzweiflung fest, und man fragt sich bisweilen, ob ihm das unablässige Schreiben zum Überleben verhelfen sollte oder ob er, umgekehrt, sein Restleben durch das Weiterschreiben zu verlängern und zu rechtfertigen hoffte.


Tagebuch des Lew Tolstoj zwischen 1891 und 1895. Foto: wikimedia commons

 

Zu schreiben gab es für den alten Tolstoj allerdings auch außerhalb des Tagebuchs noch immer genug – sein vorrangiges Anliegen bestand (nach definitivem Verzicht auf „hohe“ künstlerische Literatur) darin, sich mit Gebrauchstexten unterschiedlicher Art an le grand monde zu wenden, und die „große Welt“, das war für ihn gerade nicht die Welt der Gebildeten und Wohlhabenden, die er generell für „taub“ hielt, sondern einfach das Volk. Dass damals das einfache russische Volk noch immer mehrheitlich aus Analphabeten bestand, hielt ihn nicht davon ab, es mit zahllosen Schriften – Artikeln, Aufrufen, Geschichten, Gleichnissen, Aphorismen – aufzuklären und zu unterweisen. Allein für 1910, sein letztes Lebensjahr, plante er nach eigenem Bekunden „rund ein Dutzend Aufsätze“: „1) über die Trunkenheit, 2) über das Fluchen, 3) über Familienzwiste, 4) über das Teilen, 5) über Eigennutz, 6) über Ehrlichkeit, 7) über Handgreiflichkeit und Schlägereien, 8) über den Respekt gegenüber Frauen, 9) über das Mitgefühl für Tiere, 10) über sauberes städtisches Leben, 11) über Vergebung.“

Mit diesem Programm – Pflichtübung eines lehrhaften Moralisten! – versuchte Tolstoj sein bildungsfernes Publikum anzusprechen, doch dazu notierte er gleichzeitig: „Gott sei Dank bin ich mir selbst in höchstem Maß widerwärtig und nichtswürdig.“ Dass er sich für seinen Selbstekel auch noch bei „Gott“ bedankt, lässt auf die fundamentale Zerrissenheit eines Tugendlehrers und Weltverbesserers schließen, der seinen eigenen Idealen nicht zu entsprechen vermag und selbstquälerisch Zeugnis davon ablegt. Tatsächlich hatte Tolstoj, viel früher schon, seine vielfache Schuld als Mörder, Ausbeuter, Vergewaltiger, Trunksüchtiger und Gotteslästerer explizit eingestanden und fühlte sich danach verpflichtet, streng nach christlichem Gebot zu leben und überdies ohne Fleisch, ohne Tabak, ohne Alkohol auszukommen. Doch so oder anders, ob mit oder ohne Gott – zeitlebens blieb er ein zerknirschter „Sünder“, unterlag auch immer wieder schlimmen „Versuchungen“, derweil er in der Öffentlichkeit wie in seinen Publikationen autoritativ als Sittenprediger auftrat.

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Bis zu seinem Tod – noch auf dem Sterbebett – predigte Tolstoj angestrengt weiter, obwohl er sich vom „unbegreiflichen Irrsinn des Lebens“ überfordert und deshalb außerstand fühlte, etwas zu dessen „Verständnis“ beizutragen. Nach außen hin gab er sich souverän, wirkte selbstsicher, wurde aber auch als stur, hochfahrend, eigenmächtig wahrgenommen. In seinen späten Tagebüchern beklagte er demgegenüber – bei ständiger Anrufung Gottes – die Sinnleere und Würdelosigkeit seines Daseins, während er überlebensgroß im grellen Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit stand. Wenn er damals (nach eigenem Bericht) immer wieder zu seinen Karten griff, um Patience zu legen und Aufschluss über sein Schicksal zu gewinnen, ist dies ein Beleg dafür, dass er sich seiner Mission keineswegs sicher war.

Bereits in seiner „Beichte“ von 1879/1882 hatte Tolstoj den Zwiespalt zwischen Gottvertrauen und Gottverlassenheit freimütig aufgezeigt und den Selbstmord als ultimative Problemlösung in Betracht gezogen: „Dazu sage ich – die Suche nach Gott ging bei mir nicht auf das Nachdenken zurück, sondern auf ein Gefühl … Es war ein Gefühl der Angst, der Verwaisung, der Einsamkeit inmitten einer fremden Welt und in der Hoffnung auf irgendjemandes Hilfe.“ – Solcher Kleinmut passt schlecht zum Image eines selbstgewissen Weltverbesserers und weithin respektierten Heilsbringers, und Tolstoj hat denn auch bis zuletzt durch ruppige Rechthaberei erfolgreich darüber hinweggetäuscht, obwohl ihm seine diesbezüglichen Schwächen und Anfechtungen täglich (und selbst in seinen Träumen) schwer zu schaffen machten. Die letzten Tagebücher sind beredtes Zeugnis dafür – sie dokumentieren die wohlmeinende, gutmenschliche Predigt ebenso wie die Klagen und Anklagen, die der Autor zu einem wirren, in sich widersprüchlichen Monolog verschmilzt.

Lew Tolstojs äußerlich glorioses Lebensende war verdüstert durch ständige wüste Auseinandersetzungen mit seinen Söhnen, die sich von ihm nicht zu emanzipieren vermochten und die er eben deshalb mit Verachtung strafte, und noch mehr war es vergiftet durch den erbarmungslosen Ehekrieg, den seine Gattin Sofja Andrejewna einseitig gegen ihn führte – mit Handgreiflichkeiten, hysterischen Auftritten, schließlich mit einem Selbstmordversuch. Grund dafür war Tolstojs Entscheidung, die Verwaltung seines literarischen Nachlasses einem seiner Freunde anzuvertrauen, und nicht ihr, die zuvor jahrzehntelang als Kopistin und Agentin für ihn tätig gewesen war. Der ständige Streit darüber zerrüttete nicht nur die ohnehin problematische eheliche Beziehung, er belastete auch das Famlienleben insgesamt, und gravierender noch – als bekennender Christ geriet Tolstoj in die unhaltbare Situation, die ihm lästige und verhasste Frau lieben zu müssen. Da er dies schon lange nicht mehr vermochte, schämte er sich dafür, machte sich Vorwürfe, doch das tiefe Leid, das er dabei empfand, nahm er selbstquälerisch in Kauf: „Es ist gut, sich schuldig zu fühlen, und so fühle ich mich auch.“ Und: „Mir ist das schon peinlich geworden. Und peinlich, dass es mir peinlich ist.“

Mehr als einmal notierte er in seinem letzten Lebensjahr, sein Zuhause sei ihm zur „Hölle“ geworden: „Ja, man möchte in die Wüste.“ Ende Oktober 1910 entschloss sich Tolstoj unter dem Druck dieser „höllischen“ Verhältnisse zur Flucht und setzte sich insgeheim, zusammen mit seinem Arzt und seiner jüngsten Tochter Aleksandra, aus seiner Residenz ab, um in einem abgelegenen Kloster Frieden zu finden. Statt des Friedens brachte ihm der allzu späte Ausbruch den Tod. Noch vor der Ankunft an seinem Reiseziel starb Lew Tolstoj, 82-jährig, auf einem Durchgangsbahnhof an Herzversagen.

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In seinem Sterbejahr führte Tolstoj zwischen dem 2. Januar und dem 3. November wie üblich Tagebuch, Ende Juli 1910 legte er („allein für mich selbst“) zusätzlich „ein neues, wahrhaftiges“ Heft an, um seine schriftlich festgehaltenen „Wahrheiten“ dem indiskreten Zugriff seiner Frau zu entziehen. In diesen geheimen Aufzeichnungen rapportiert er allerdings nicht viel anderes als im regulären Tagebuch („bin schwach“, „bin krank“, „bin schlecht“), nur dass er hier offen seine Absicht erklärt, „abreisen“ und von allem sich trennen zu wollen: „Sehr nah schon bin ich daran, die Flucht zu ergreifen.“ Gemeint ist damit die Flucht in die Besitzlosigkeit („nichts braucht man, nichts“), in die Anonymität („mich verstecken“) und Einsamkeit („fortgehn von allen“), aber auch die Absage an die eigene Lebensleistung, den lastenden Ruhm sowie der Zweifel daran, dass „das [von ihm] Geschriebene für die Seelen der Leute nützlich“ sein könne. Tolstojs weit zurückreichende Neigung zum Freitod kommt hierin definitiv zum Ausdruck: „Und ich kann nicht, kann doch den Tod nicht nicht wünschen, ihn nicht freudvoll erwarten.“

„Viele, so viele Gedanken, doch alle verstreut.“ Schon in spürbarer Todesnähe, geplagt von Vergesslichkeit und Müdigkeit, nahm Tolstoj Anteil am Weltgeschehen, interessierte sich für zeitgenössische und klassische Literatur, für Philosophie, Wissenschaft, Technik, vermochte aber seine „Gedanken“ dazu nicht mehr auszuformulieren, musste sich eingestehen: „Alles gerät durcheinander, es gibt keine Konsequenz und keine Beharrlichkeit in einer Richtung.“ Eben dies war wohl sein Hauptproblem: Die Dialektik vernünftigen Denkens war ihm abhanden gekommen; er vermochte nicht mehr nach Pro / Contra beziehnungsweise Entweder / Oder zu unterscheiden; Gutes und Böses, Glaube und Wissen, Wahrheit und Lüge erkannte er nicht mehr als Gegensätze, fand sich statt dessen einem beängstigenden Gemenge des Sowohl-als-auch ausgeliefert, in dem alles, selbst Unvereinbares ineins fiel.

Tolstoj mochte sich noch so sehr um eine christliche Lebensführung bemühen („hilf mir, Gott, bei dir zu sein und zu tun, was du willst“), noch so angestrengt mochte er nach ehelicher Treue und familiärer Verantwortung streben oder öffentlich immer wieder Mitmenschlichkeit, Bescheidenheit, Toleranz bekunden – gleichzeitig war er eben doch ein Frauenverächter und Familientyrann, ein unduldsamer Rechthaber und Kritikaster, ein dezidierter Regime- und Kirchengegner. Die ständige Spannung zwischen dem, was er nach Jesu Vorbild sein wollte, und dem, der er als Mensch und Mann tatsächlich war, hat ihn nachhaltig zermürbt – „abgewrackt“, wie er am 3. August 1910 in seinem geheimen Tagebuch notiert.

Im Hinblick darauf könnte man die Titelheldin von Tolstojs epochalem Roman „Anna Karenina“ als ein sexuell verkehrtes Selbstbildnis deuten: Die rechtschaffene fromme Ehefrau ist zerrissen zwischen Pflicht und Begehren, Ordnung und Exzess; sie will, sie muss (um sich selbst gerecht zu werden) beides verwirklichen. Zwar wird sie unzweideutig als eine „Sünderin“ vorgeführt, die persönliche und gesellschaftliche „Schuld“ auf sich lädt und sich dafür, zur „Strafe“, das Leben nimmt. Dennoch gerät sie, vom Autor als abschreckendes Beispiel konzipiert, unweigerlich zur positiven Heldin und wird zum maßgeblichen Vorbild der modernen selbstbewussten Frau. So gewann auch Lew Tolstoj selbst, seinen offenkundigen Unzulänglichkeiten und Fehltritten zum Trotz, breitestes Ansehen als moralische Autorität.

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Der Aristokrat, das Genie, der Weltverbesserer, kostümiert mit einem schlichten Bauernkittel, als ein „Mensch wie du und ich“? Zu diesem ungewöhnlichen Rollenspiel ist aus Tolstojs letztem Tagebuch manches zu erfahren. Der Form nach mögen die Aufzeichnungen rudimentär und unbedarft sein, inhaltlich bieten sie jedoch einen dichten Jahresbericht, der Privates und Zeitgeschichtliches, Triviales und Grundsätzliches zusammenführt, dies in abrupten Schnitten, mit vielerlei Widersprüchen und Wiederholungen, ständig schwankend zwischen Kolloquialität und Pathos, doch bis zuletzt geprägt von der Aufmerksamkeit, vom kritischen Geist und – von der nicht nachlassenden Graphomanie des Verfassers, der hier unter anderem über die Arbeit an seiner populärphilosophischen Anthologie „Für jeden Tag“ sowie an seinen Traktaten über den Selbstmord, den Sozialismus, die „Schrecken der christlichen Zivilisation“, „Über den Glauben“ und „Über das Leben“ berichtet.

Berichtet wird außerdem über ausgedehnte Lektüren von Epiktet über Montaigne und Larochefoucauld bis hin zu Schopenhauer, von Konfizius und Laotse bis zu Taine und Amiel, aber auch über literarische Neuerscheinungen (Gorkij, Andrejew, Kuprin), die er pauschal als „schreckliches geistiges Gift“ abfertigt. Damit erweist sich Lew Tolstoj schon zu Lebzeiten als ein selbstgewisser „Klassiker“, dem die Vorstellung, er könnte von nachrückenden Autoren eingeholt, gar überholt werden, unerträglich ist – mit seiner polemischen Abhandlung über die von ihm behauptete Dekadenz der künstlerischen Moderne hatte er bereits in den 1890er Jahren für ungutes Aufsehen gesorgt.

Ebenso kategorisch diffamierte er im übrigen die aktuellen Fortschritte im Wissenschaftsbereich, ohnehin hielt er die exakten Wissenschaften für gänzlich geist- und gottlos. Um so mehr ist man überrascht, dass er sich gleichzeitig für neueste technische Errungenschaften wie die motorisierte Fliegerei, das Automobil, die Pressephotographie, den Film oder die Tonaufzeichnung begeistern konnte – manche dieser Medien hat er bis kurz vor seinem Tod effizient genutzt, etwa für die Aufnahme und Verbreitung von Interviews oder zu seiner systematischen Imagepflege als Großschriftsteller. Für eine der frühesten russischen Filmdokumentationen (schwarzweiss, stumm, mit Zwischentiteln) hat der alte Graf sein Landgut in Jasnaja Poljana zur Verfügung gestellt und ist, umgeben von seiner Dienerschaft und Mitgliedern der Familie, auch selbst vor die Kamera getreten.           

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Das äußere Geschehen in Tolstojs privater Umgebung war, soweit er es in seinem Sterbetagebuch festgehalten hat, von ständigem Streit, von Frustration und schmerzhaften Altersbeschwerden dominiert. Einzig durch sein gewaltiges Arbeits- beziehungsweise Schreibprogramm vermochte er das Ungemach phasenweise zu verdrängen. Obwohl er allein schon damit am Limit seiner schwindenden Kräfte operierte und zudem Müdigkeit und Vergesslichkeit ihn beeinträchtigten, empfing er durchreisende Besucher (unter ihnen der Dichter Rainer Maria Rilke, der Philosoph Lew Schestow, der Künstler Leonid Pasternak) oder vertraute Freunde gern zu Gesprächen, liess sie von seinem Dienstpersonal bewirten, lud sie oft auch zu Hauskonzerten ein – um danach, wiederum mit letzter Kraft, im Tagebuch Rechenschaft darüber abzulegen.

Zu Tolstojs diszipliniertem Alltag gehörten aber auch seine regelmäßigen Rundgänge, Ausritte, Wagen- oder Schlittenfahrten in Jasnaja Poljana, von denen er sich Beruhigung und Ablenkung erhoffte. Oft jedoch verfiel er dabei, wie er mehrfach eingesteht, auswegloser Grübelei und Schwermut, und statt sich zu regenerieren, haderte er mit der Welt und mit sich selbst, verlor sich in verzweifelten Geständnissen und klischeehaften Gebeten. Doch stets von neuem fing er sich auf, überwand die depressiven Niedergänge, und in jedem Fall war es das Schreiben, das ihm die Motivation dazu verschaffte – die Abfassung von Auftrags- und Gelegenheitsartikeln, die Formulierung von Interviewtexten oder öffentlichen Aufrufen, schliesslich die Erledigung seiner umfänglichen Korrespondenz.

„Die Frage ist nicht: Wozu lebe ich, sondern – was habe ich zu tun?“ Wenn Tolstoj mit diesen Worten den Sinn seines Lebens hinter sein „Tun“ (das Schreiben) zurückstellt, verliert sein ständiges Moralisieren an Dringlichkeit wie an Glaubwürdigkeit, und in den Vordergrund tritt noch einmal die graphomanische Obsession des ambitionierten Berufsliteraten, der hier in unmittelbarer Todesnähe sein offenkundiges, geistiges wie physisches Elend noch einmal durch den Verweis auf sein schriftstellerisches Pflichtenheft zu verdrängen sucht. Der Wunsch, wenn nicht der Zwang zum Weiterschreiben ist nichts anderes als sein ultimativer Wille zum Überleben, und das Tagebuch scheint nur noch diese dokumentarische Funktion zu haben: Die fortwährende Schreibbewegung als die einzige ihm noch mögliche Lebensregung auszuweisen.

Noch im Sterben schrieb Lew Tolstoj weiter, beharrte (in fehlerhafter französischer Sprache!) auf seinem „Tun“: „Fais ce que doit, adv …“ (etwa: „Tu, was man muss, komme [was da wolle].“ Eben darin glaubte er gemäß dem allerletzten Satz des Tagebuchs sein „Heil“ zu erkennen – „ein Heil auch für andere, doch vorab für mich selbst.“ Als sein letztes, letztgültiges Wort gilt seither das Wort – „selbst“: Ein ebenso gewaltiges wie nichtiges Vermächtnis.

 

 

 

 

*) Zitiert und übersetzt wird im vorliegenden Beitrag nach der russischen Ausgabe Lew N. Tolstoj, Izbrannoe (Tagebücher 1895-1910, Geheimes Tagebuch 1908, „Beichte“ 1879-1882), Rostov na Donu 1998; vgl. in deutscher Sprache: Leo N. Tolstoi, Tagebücher (1847-1910), München 1979.

 

 

Erstellungsdatum: 12.01.2026