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Ria Endres über Liesl Karlstadt und ihre Verwandlungskunst

Wer A sägt, muss auch B sägen

Ria Endres


Liesl Karlstadt, um 1915, Fotografie, coloriert, 14 cm x 9 cm, Valentin-Karlstadt-Musäum, München

Das Wörtlichnehmen der Sprache, die Logik des Absurden, das anarchische Zu-Ende-Denken des Alltäglichen bildeten die Basis ihrer Bühnendialoge. Man kannte und kennt Karl Valentin und Liesl Karlstadt als Paar; die Rollen – in welchen Kostümen auch immer – waren klar verteilt. Der knurrige, schrullige, bis ins Sadistische insistierende Rechthaber gegen die vernünftige, praktische, ausgleichende Partnerin. Es tun sich Abgründe auf.  Ria Endres erweitert diese Abgründe, indem sie sich auf Liesl Karlstadt fokussiert.

 

A: Das Komikerduo Liesl Karlstadt und Karl Valentin hat mich schon in den 50er Jahren als Schülerin begeistert. Zur abgründigen Komik meiner bayerischen Heimat gehörte auch ihr sehr spezieller Sprachwitz. Wir skandierten im Klassenzimmer die Sätze:

B: „Wer A sägt, muss auch B sägen, deshalb ist heute die gute alte Zeit von morgen“ 

A: Ich machte mir in der Nachkriegszeit keine Gedanken darüber, wie das kunstvolle aneinander vorbeireden der beiden entstand. 
Heute würde man Liesl Karlstadt sicher als Eventkünstlerin bezeichnen. Allein die Tatsache, dass sie Zugharharmonika, Klarinette, Piston, Bombardon und selbstverständlich auch Gitarre spielen konnte, zeigt die musikalische Bandbreite des nicht nur musikbegabten Mädchens. Schon 1919, neun Jahre früher als Karl Valentin, machte sie erste Plattenaufnahmen. Das  Improvisieren lag ihr. Deshalb war es für sie so selbstverständlich, aus dem jeweiligen Stegreif heraus zusammen mit dem genialen Karl Valentin Stücke zu entwickeln. Fast 25 Jahre standen sie zusammen auf der Bühne, die ja auch eine Bühne des Lebens war. Etwa 400 Sketche und Komödien entstanden. Und so wuchs allmählich eine Art Textamalgam, das gar nicht mehr die Frage zuließ: Was ist von dir und was ist von mir. In der Flut von Valentinkommentaren tauchte sie jahrzehntelang allerdings nur wie ein Appendix auf:

B: „Er (Valentin) spielt im Terra-Film ,Donner, Blitz und Sonnenschein‘ die Hauptrolle; Liesl Karlstadt ist wie immer an seiner Seite.“ Oder: „Er hat sie irgendeinmal entdeckt und sie blieb wirklich ,ein Stück von Ihm'.“

A: Leider war es Liesl Karlstadt nicht mehr vergönnt, die Veränderung in der Einschätzung ihres künstlerischen Wertes mitzuerleben. Heute bewundert man ihre Komplexität, ihre Phantasie und die herausragende Ausdruckskraft als Verwandlungskünstlerin, die auch als Ideengeberin mehr konnte, als die dunkle Ironie und lustvolle Widerspüchlichkeit von Karl Valentin weiter auszuformulieren. Heute würde auf ihrer Web-Seite sicher stehen: Autorin, Sängerin, Schauspielerin, Musikerin, Filmerin, Kabarettistin und Bühnenpartnerin von Karl Valentin. Inzwischen sind auch mindestens drei Manuskripte bekannt, die sie ganz allein geschrieben hat: nämlich: „Geschäftsheirat“, „Verein der Katzenfreunde“, und „Die deutsche Laugenbretzel“ (eine Parodie auf Hitlerreden).     


Das Komikerpaar Karlstadt und Valentin (1933) Valentin-Karlstadt-Musäum, München

 

Als Elisabeth Wellano am 12. Dezember 1892 in München als Kind eines Bäckers italienischer Abstammung geboren wurde, sind die familiären Verhältnisse äußerst ärmlich. „Wellano-Italiano, lebst a no“ sollen ihr die Kinder nachgerufen haben. Sie flieht aus der häuslichen Armut und macht mit sechzehn Jahren eine Lehre als Verkäuferin im Kaufhaus Tietz. Aber der Umgang mit Posamenten und Kurzwaren genügt ihr nicht und sie gerät in ihrer Freizeit zu einer Dachauer Volkskapelle, singt Soubrette, jodelt in Einaktern und bringt das Vorstadtpublikum im Stück „Am Glück vorbei“ – einer Kurzfassung der Kameliendame – zum Weinen. 1911 sieht Karl Valentin die sicher recht unfreiwillige Komik der Elisabeth Wellano. Er spricht sie an. Der dürre, rothaarige Salonkomiker kann sie nicht sofort überzeugen, dass sie beim Singen schmalzig-süßer Lieder ihr Talent vergeudet. Doch ihre Neugierde siegt, sie verlässt das Possenensemble und tritt mit Karl Valentin ab 1913 gemeinsam in allen bekannten Münchner Kabaretts auf. 

Die Münchner Atmosphäre dieser volkstümlichen Varietés beschreibt Lion Feuchtwanger in seinem Roman „Erfolg“: 

B: „Die Zuhörer waren zumeist Kleinbürger, Leute aus dem Mittelstand, Dreiviertel-Liter-Rentner, Drei-Quartl-Privatiers wurden sie genannt, weil ihr Vermögen zu einem ganzen Liter Bier nicht reichte. Sie saßen in dem harten Licht des nüchternen, mit patriotischen und mythologischen Fresken geschmückten Saales, rauchten Zigarren oder Pfeife, hörten in den Pausen einem großen Blechorchester zu. Während der Vorträge aßen sie. Der eine Abend musste sie entschädigen für die Entbehrungen der ganzen Woche. Also aßen sie. Würste von vielerlei Art; weiße, hautlose; saftige, prall in der Haut steckende; braunrote, dünne, dicke. Wohl auch Kalbsbraten, kunstlos zubereitet. Nierenbraten, Gratbraten mit Kartoffelsalat. Gewaltige Knödel, bereitet aus Mehl und Leberfleisch. Mächtige, gesottene Kalbsfüße. Salzbrezeln. Rettiche. Von den Frauen tranken viele Kaffee, tunkten Nudeln hinein: Rohrnudeln, hoch, gebuchtet, den Rand gebläht, Dampfnudeln, Kirchweihnudeln, dick, schmalztriefend, Krapfen, fett- und zuckerschwitzend. Serviert das alles auf Geschirr aus den Süddeutschen Keramiken Ludwig Heßreiter & Sohn, zumeist mit dem beliebten, sehr blauen Enzian- und Edelweißmuster. Der Saal war voll von Rauch, gleichmäßigem, langsamen Geräusch, Dunst von Bier, Schweiß, Menschen. Alte Bürger saßen behaglich, Liebespaare hockten breit, seelig. Höhere Beamte, andere Großkopfige waren zahlreich in die Masse der Kleinbürger hineingesprengt.“


Liesl Karlstadt und Karl Valentin im Film Der Firmling, 1934, Fotografie, 8 cm x 12 cm, Valentin-Karlstadt-Musäum, München

 

In den sogenannten Goldenen Zwanziger Jahren wächst dem Kino eine leuchtende Rolle zu. Viele Lichtspielhäuser schießen aus dem Boden. Mit der großen technischen Dynamik hat das Komikerduo nichts gemein – ihre Auftritte wirken eher bescheiden. Besonders Liesl Karlstadt fällt aus dem Zeitgeschmack der attraktiven, mondänen Künstlerin heraus. Die Amerikanismen der damaligen Zeit fanden in Berlin mehr Niederschlag als in München. Dort war die Frau der Metropole unabhängig; sie rauchte und ging in anrüchige Cafés. Liesl Karlstadt war nicht mondän. Zwar trug sie auch den forschen Bubikopf, es fehlte ihr aber die Eleganz der Großstadtdame. Sie betritt als Komikerin alle Terrains der Verwandlung. In einer langen Reihe von Einaktern, Szenen und abendfüllenden Stücken spielt sie alles, nur nicht die Geliebte oder feine Dame. Bevor sie auf der Bühne der berühmte, dick-bornierte Dirigent eines ländlichen Vorstadtvarietés wurde, geht sie mit Bert Brecht und Valentin aufs Oktoberfest und macht den Mann an der Trommel. Sie beherrscht mehrere Blasinstrumente und übt sich mit Valentin in immer wechselnden Improvisationen von  Stücken, deren Kunst die Darstellung des Misslingens ist. Ihr erster Biograph Theo Riegler schreibt:

B: Ob sie einen faulen und doch munteren Photographenlehrling, ein unverschämtes Geheimratssöhnchen, einen behenden Pyrotechniker, einen Schusterbuben oder Feuerwerker darstellt, immer schlüpft sie in ihre Rollen so sehr hinein, dass selbst Freunde sie nicht erkennen.

A: Sie scheut in ihrer Körpersprache nicht die extreme Entstellung; sie kann bösartig, beschränkt, nüchtern und überlegen sein. Sie wehrt sich gegen den ewigen Widerpart Valentin auf skeptische oder beschränkte Art. Als Verkäuferin, Kellnerin, Nachbarin, Frau von der Straße und Ehefrau wirkt sie gegen die zerstörerischen Handlungen von Valentin geduldig vernünftig, gerät aber trotzdem in den Sog der Demontage.
Valentin mutete ihr oft hässliche, verschrumpelte, vollbärtige und milchgesichtige Masken zu, und Liesl Karlstadt imitiert Männer aller Altersstufen in virtuoser, naturalistischer Grausamkeit. Der technische Höhepunkt der Verwandlungskünstlerin ist die „Gerichtsverhandlung“, wo sie fünf konträre Personen darstellt. Riegler hält fest:


Karl Valentin und Liesl Karlstadt Raubritter vor München, um 1930, Fotografie, 16.3 cm x 21 cm, Valentin-Karlstadt-Musäum, München

 

A: Von seinen Anforderungen geformt, vergisst Liesl Karlstadt ihre eigenen Wünsche. Um immer da zu sein und ihn nicht zu verärgern, opfert sie einen großen Teil ihres persönlichen Vergnügens. Der Verzicht aufs Bergsteigen fiel ihr besonders schwer: Karl Valentin hatte Angst, dass ihr – und damit auch ihm – etwas zustoßen könnte. Die Angst, sie zu verlieren, äußerte sich in einer übergroßen Eifersucht; er soll ihr sogar verboten haben, zu heiraten. Als sein persönlicher Besitz wurde sie nicht geschont, sie musste ihn bei Laune halten und seine Narrenfreiheit hätscheln. Ihr ungewöhnlicher Trainer fordert alle Rollen. Ging es im Spiel auf der Bühne darum, dass sich die Charaktere aus gegenseitigem Missverständnis heraus quälen, sich falsch aneinander abarbeiten und verwickelte Borniertheiten in kleinlicher Feindseligkeit und Brutalität zeigen, so muss der Alltag durch die glättende Liesl Karlstadt möglichst von allen Widersprüchen frei gehalten werden. Besonders tief aber schaut sie in die Abgründe der Valentinschen Psyche, als sie 1934 das von ihm eingerichtete Gespenstermuseum, sein „Panoptikum“ besichtigt. Der passionierte Bastler gestaltet den Gruselkeller effektvoll und mit sadistischer Freude. Liesl Karlstadt hat ihr ganzes Geld in den Keller, der im gleichen Jahr wieder schließen muss, investiert. Die surrealen Objekte schockieren sie. Ihr Erschrecken ist erst der Anfang eines tieferen Erschreckens vor dem Sog, in den sie geraten ist. Valentin hat sie zwar bekannt gemacht, aber er will ihre Probleme nicht begreifen. Ihre Fertigkeiten genügen nicht mehr. Riegler beschreibt sie so:

B: „Liesl Karlstadt, ein Unikum der Opferwilligkeit für die gute Sache des Spiels, ein Unikum in der Überwindung aller weiblicher Eitelkeit … “ 

A: Aber die von Valentin zugewiesenen und von ihr eifrig gestalteten Rollen kosten allmählich zuviel Kraft. Deshalb versucht ihre Psyche, die Ambivalenzen auf regressivem Weg zu beseitigen. Da sie nicht böse sein kann wie ihr Partner, wird sie immer trauriger. Sie kennt nicht die Ursache, nämlich einen aggressiven Konflikt mit dem Narzissmus. Die daraus resultierende Depression ist ein missglückter Kompensationsversuch. Valentin, der seine Neurose voll ausleben konnte, ist zufrieden, die starke Liesl Karlstadt bekommt einen Nervenzusammenbruch, springt in die Isar, wird gerettet und muss sich zwischen 1935 und 1939 einige Male in die Psychiatrie begeben. Aber selbst nach diesem Selbstmordversuch kreiste ihr ganzes Leben, wenn auch aus einer gewissen Distanz heraus, um ihn, den Schwierigen, über den Bert Brecht sagte: 

B: „Dieser Mensch ist ein durchaus komplizierter, blutiger Witz.“

A: In Berlin überfällt sie auf der Bühne ein Weinkrampf und sie kann anschließend nicht mehr auftreten. Ab und zu unterbricht sie ihre Aufenthalte in der Klinik, um mit Valentin Kurzfilme zu drehen. Groteskerweise übernimmt sie in der Szene „Beim Nervenarzt“ die Rolle des Psychiaters, während Valentin die des Patienten verkörpert. 
Die unerträgliche Symbiose mit Karl Valentin scheint nur durch eine räumliche Trennung lösbar. Während Valentin in München 1939 eine Ritterspelunke eröffnet, verlässt Liesl Karlstadt ihre Heimatstadt, erholt sich in Garmisch und begibt sich schon bald auf die Ehrwaldalm, wo sie bei Gebirgsjägern lebt. Riegler berichtet, dass sie Männerkleider trägt, als passionierte Bergsteigerin Hochgebirgsübungen mitmacht und schließlich als Mulitreiber den Namen „Leutnant Gustl“ erhält. Ihre letzte Hosenrolle muss ihr ausnehmend gut gefallen haben, sie passt sich völlig harmonisch in das Leben der Gebirgsjäger ein. Als der Krieg zu Ende ist, kehrt sie nach München zurück. Sie trifft wieder auf Valentin und beide spielen im Simpl, einem berühmten Schwabinger Lokal  die „Orchesterprobe“. Valentin ist sehr geschwächt, er stirbt 1948 an einer Lungenentzündung. In panischer Angst, allein kein Engagement mehr zu bekommen, nimmt sie alle Rollen an, die ihr angeboten werden. 


Liesl Karlstadt, letztes Foto, mit Erika Mann, 22. Juli 1960, Fotopostkarte, Valentin-Karlstadt-Musäum, München

Liesl Karlstadt verwandelt sich zum letzten Mal. Während die Beiträge Valentins nach dem Krieg vom Bayerischen Rundfunk zwar angenommen, aber nicht gesendet wurden – sein abgründiger Witz konnte den Nachkriegshörern nicht zugemutet werden –, entdeckt der Funk Liesl Karlstadts angenehme Mikrophonstimme. Ab 1952 bis zu ihrem Tod im Jahre 1960 spricht sie die Rolle der „Meisterhausfrau“ und wird schließlich in der schier endlosen Familienserie „Familie Brandl“ die „Mutter Brandl“. War für das Komikerduo Valentin/Karlstadt die kleinbürgerliche Familie ein wahres Horrorkabinett, so hat sich Liesl Karlstadt als „Mutter Brandl“ jeder clownesken Provokation entledigt. Ihre letzte Rolle trieft vor Edelmut und Biederkeit. Liesl Karlstadt hört auf, eine Verwandlungskünstlerin zu sein. Ihr Nachkriegston bleibt gleichmäßig fest, gütig und katholisch. „Familie Brandl“ als Wiederaufbaugemeinschaft, Liesl Karlstadt als Funkmutter – die gutgemeinte Unterhaltung wird Vorbild für die bayerische Familie.
Liesl Karlstadt fühlte sich in dieser Einrahmung, die sie in den 20er Jahren allenfalls persifliert hätte, wohl. Auf der Straße sagt man zu ihr: „Grüß Gott, Mutter Brandl.“ Zum ersten Mal hat aber nicht sie den Preis für ihre Verwandlungskunst zahlen müssen, sondern die Kunst.


Erstellungsdatum: 22.05.2026