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Peter Handke teilt sich mit, indem er unaufhörlich schreibt. In Gesprächen dagegen zeigt er sich oft reserviert. Nun öffnet sich ein anderer Zugang zum Schriftsteller Handke, der seinen Werdegang und seine familiären Verhältnisse sichtbar macht. Die Fotografin Isolde Ohlbaum, die vor allem mit Autorenporträts bekannt geworden ist, hat über ein halbes Jahrhundert hinweg den nahe Paris lebenden, prominenten Autor mit zahllosen Momentaufnahmen abgelichtet und eine Auswahl daraus in Buchform veröffentlicht. Martin Lüdke ist davon beeindruckt.
Es ist ein „Langzeitporträt“ geworden, das die auch auf Porträts von Schriftstellern spezialisierte, bekannte Fotografin Isolde Ohlbaum unter dem schlichten Titel „Peter Handke“ hier vorgelegt hat. Fünfzig Jahre, von 1975 bis in unsere Gegenwart, 2024. Sie zeigt Handke. Sie zeigt Handke zu Hause, in aller Welt, mit seiner Familie, seinen Freunden, seinen Kollegen, lesend, vorlesend, lächelnd, mürrisch, freundlich, ernst. Sie zeigt Handke – fünfzig Jahre lang, wenig verändert, doch älter geworden. Und, nebenbei, zeigt sie sich als eine begnadete Fotografin, die mit dem Autor, dem Schriftsteller, dem Dichter, dem Nobelpreisträger umgehen kann, ihn vielleicht nicht zum Lachen, doch zum Lächeln und ihn uns näher bringt.
Für die ersten zehn Jahre seiner Geschichte, seine – sagen wir vorsichtig – wilden Jahre gibt es hier (noch) keine Bilder. Viel zu sehen gab es da auch nicht. Ein junger Mann, groß, schlaksig, mit den damals handelsüblichen langen Haaren, gerne mit Sonnenbrille, auch mit einem Oberlippenbart, aber weichen Gesichtszügen, eher schüchtern aussehend, dabei aber doch ein Provokateur, der seinen Betrieb aufmischen wollte. Nichts, aber auch gar nichts deutete auf den späteren Nobelpreisträger hin. Seine ersten beiden Romane, „Die Hornissen“ (1966) und „Der Hausierer“ (1967), nicht weit entfernt vom Nouveau Roman der Franzosen á la Alain Robbe-Grillet, wurden zwar wahrgenommen, aber nicht groß beachtet. Bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton war Handke aber, und das gleich kräftig, aufgefallen. Auch mit einer Beschimpfung. Er warf seinen Kollegen Impotenz vor. Es waren ja genügend Journalisten dabei, die den Eklat sofort nach Hause meldeten. Das machte Furore. Handke. Der Name war im Umlauf. Und kaum war er zurück aus den USA, folgte die Uraufführung seines ersten Theaterstücks, 1966, am Frankfurter Theater am Turm, dem schon bald legendären TAT. Claus Peymann, ein junger Regisseur, bis dahin vor allem im studentischen (Theater-) Umfeld bekannt geworden, machte die Aufführung zu einem kleinen Skandal und zu einem Riesenerfolg. Handke war quasi über Nacht zum Star des deutschen Literaturbetriebs geworden. Und das mit einer „Beschimpfung“:
Hier wird nicht dem Theater gegeben, was des Theaters ist. Hier kommen Sie nicht auf ihre Rechnung. Ihre Schaulust bleibt ungestillt. Es wird kein Funken von uns zu Ihnen überspringen. Es wird nicht knistern vor Spannung. Diese Bretter bedeuten keine Welt. Sie gehören zur Welt. Diese Bretter dienen dazu, daß wir darauf stehen. Dies ist keine andere Welt als die Ihre.“
Damit war Handke DA. Auf einen, besser: mit einem Schlag. (Es war, nebenbei, zu der Zeit, als die versammelten Schriftsteller der Gruppe 47 bei ihrer Tagung in der Pulvermühle von angereisten Studenten ebenfalls beschimpft wurden, und das mit dem (damaligen Schimpf-) Wort: „Dichter“.
Wenn es bei Isolde Ohlbaum losgeht, ein gutes Jahrzehnt später, die Situation hat sich wieder beruhigt, die Fotografin steht mit Kamera um den Hals in der Landschaft, Handke, ausgesprochen cool, mit schulterlangen, etwas wirren Haaren und einer Zigarette im Mund, daneben, das Ganze in Tusculum bei Rom, 1977 aufgenommen von ihrer, seiner Zeit auch berühmten, Kollegin Digne Meller Marcovicz (die u.a. Rudolf Augsteins Besuch in Heideggers Hütte dokumentiert hatte). Von der Dignität des späteren Dichters ist noch wenig zu spüren. Fünfzig Jahre sind, beigott, auch eine lange Zeit.
Und es ist auch ein Stück deutscher Literaturgeschichte, das sich hier abbildet, obwohl, bis auf Sarah Kirsch, keine ostdeutschen Schriftsteller vertreten sind. Dafür Polen, Zbigniew Herbert, Tschechen, Jan Scácel, Franzosen, Italiener, eben Poeten von Rang, die mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet worden waren, was jeweils an Orten, die für Petrarca eine Rolle gespielt hatten, mehrere Tage lang, auf Einladung von Hubert Burda, der auch den Preis selber gestiftet hatte, ausgiebig und keineswegs nur mit Lesungen, gefeiert wurde. Wer dabei sein durfte, konnte sich glücklich schätzen.
Es gibt viel zu sehen, nicht unbedingt viel zu erkennen. Anfang der achtziger Jahre lässt Handke immer noch seine nur etwas kürzeren, dichten, leicht welligen, dunklen Haare mit Mittelscheitel nach beiden Seiten über die Ohren wallen. Erst viel später werden sie, noch etwas kürzer geworden, nach hinten gekämmt, und 1988 in Aquilaia, Venezien, unterscheidet sich die Frisur kaum mehr von der des späteren Nobelpreisträgers. Das Gesicht ist da noch glatt, faltenlos, das des jungen Handke. Erst 1992, in Modena, Handke mit seiner zweiten Tochter Léocadia, das Kind dürfte etwa ein Jahr alt sein, da zeigen sich die Spuren der unruhigen Nächte, die ein Kind dieses Alters seinen Eltern bereitet. Handke wird älter. Was die Bilder nicht zeigen können, das ist die Entwicklung des Dichters: Handkes, mit den Worten eines seiner wichtigsten Bücher gesagt, „Langsame Heimkehr“, 1979 erschienen und die Entwicklung des Schriftstellers Peter Handke zum Dichter Handke markierend.
Die Bilder zeigen Nähe und halten doch immer auch Distanz. Es sind tatsächlich, wie es der Untertitel des Buches verspricht, Porträts. Was auch für die Schnappschüsse gilt. Für Isolde Ohlbaum gilt der Begriff aus der Sozialforschung: teilnehmende Beobachtung. Sie gehörte dazu. Und hielt sich auch außerhalb. Viele der Bilder strahlen die Intimität aus, die sich Handkes kollegialer Haltung verdankt. Handke liebt die Dichtung, und er verehrt die Dichter. Aus dieser Einstellung heraus entsprang die besondere Atmosphäre der Petrarca-Preis-Verleihungen. Hubert Burda war der Gastgeber, Peter Handke der spiritus rector. An seiner Seite: Peter Hamm. Und immer dabei, ich habe ihn schon früher einmal als „Schwungrad im Literaturbetrieb“ bezeichnet, der Autor, Erzähler, Lyriker, Verleger, Freund und Kollege, Michael Krüger. Auf einem der Bilder liegt er entspannt auf dem Rasen. Gut möglich, dass er kurz schlief. Ohne ihn hätte es das alles nie gegeben.
Das sechste Kapitel des Buches, Chaville, November 2024, schließt das Buch ab. Handke, und das in mehrfacher Hinsicht, ist da zu Hause, in dem Ort, nahe Paris, in dem er jetzt seit Jahrzehnten wohnt, in dem Haus, in dem sich seine Bücher, auch die verschiedenen Ausgaben in den verschiedensten Sprachen, etwas ungeordnet stapeln, in dem nach wie vor sein kleiner, allerdings immer aufgeräumter Schreibtisch, fast am Fenster, steht, und sein Blick, bei der Arbeit, mit einer leichten Kopfdrehung nur, ins Grüne, die üppige Vegetation, die bis an das Fenster reicht, streifen kann. Und dann, Caspar David Friedrich lässt herzlich grüßen: Das letzte Bild zeigt ihn, am gleichen, jetzt aber geöffneten Fenster stehend, Hände in den Hosentaschen, im dunklen Anzug, die Haare deutlich grau geworden, den Blick in eine verschneite Winterlandschaft gerichtet. Es ist zwar neblig draußen, aber durch den Schnee noch verstärkt, sehr hell. Dadurch wirkt seine Gestalt noch dunkler, rechts und links, die Wände neben dem Fenster, völlig schwarz, wie ein breiter dunkler Rahmen. Nr. 151, „Blick aus dem Fenster“. Schluss.
Abgeschlossen wird das Buch mit einer Sammlung von Handke-Zitaten, die Isolde Ohlbaum zusammengestellt hat. „Ja, Dichtung ist nur, wenn Schönheit verkündet wird.“ Und: „Für mich sind die Orte, ja die Räume, die Begrenzungen, die erst Erlebnisse hervorbringen. Mein Ausgangspunkt ist ja nie eine Geschichte oder ein Erlebnis, ein Vorfall, sondern immer ein Ort. Ich möchte den Ort nicht beschreiben, sondern erzählen. Das ist meine größte Lust.“
Möglich, dass er jetzt sagt: Das war meine größte Lust. Denn auch Handke hat sicher schon ein gutes Stück Zukunft hinter sich. Wie sagt er selbst: „Unwillkürliches Selbstgespräch: Bin ich noch, oder war ich schon!“

Isolde Ohlbaum
Peter Handke
Ein Langzeitporträt 1975 – 2024
mit 150 Photographien.
248 S., geb.
ISBN: 978-3-8296-1034-6
Verlag Schirmer/Mosel, München 2025
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Erstellungsdatum: 03.01.2026