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Im Impressionismus des 19. Jahrhunderts sah man vermutlich die Entwicklung des naturgetreuen Abbilds abgeschlossen. Georges Seurat und Paul Signac lassen das Konkrete bis in die Pigmente zurückweichen. Der Pointilismus zerlegt das Gegenständliche. Roy Lichtensteins Pop-Art sucht die pointilistischen Raster mit der Vergrößerung von Comic-Bildern wieder auf. Thomas Bayrle aber lässt das Abbild aus mikroserialistischen Abbildern hervortreten. Martin Lüdke hat die Ausstellung seiner Werke in der Frankfurter Schirn, die gerade in Bockenheim untergekommen ist, besucht. Sie ist bis zum 10. Mai 2026 zu sehen.
Von Bertolt Brecht gibt es die hübsche „Keuner“-Geschichte. Ein Mann, der Herrn K. lange nicht gesehen hatte, begrüßte ihn mit den Worten: „Sie haben sich ja gar nicht verändert.“ „Oh“, sagte Herr Keuner und erbleichte.“
„Fröhlich sein!“ heißt die in der ausgelagerten Frankfurter Schirn präsentierte Ausstellung der Werke des bedeutenden und weltweit renommierten Frankfurter Künstlers und langjährigen Städel-Schul-Professors Thomas Bayrle, die ab 12. Februar bis zum 10. Mai 2026 präsentiert wird. Besucher, die da und dort, zum Beispiel auf der Documenta in Kassel, schon einmal seinen Bildern begegnet sind, könnten leicht, wie der Bekannte von Keuner, auf die Idee kommen, Bayrle habe sich ja gar nicht verändert. Die Bilder, die jetzt in der Schirn präsentiert werden, sind typische Bayrles, allesamt. Kleine, oft winzige Teilchen, die sich zu EINEM Bild zusammenfügen. Sein frühes Mao-Porträt, das aus hunderten, vielleicht tausenden kleinen Maos zusammengesetzt war, oder der Volkswagen, der aus lauter kleinen Volkswagen bestand, das waren schlagende Beispiele für das schlüssige Konzept. „Serielle Wiederholungen in Rasterstrukturen übertragen.“ – heißt es in dem Heft „Fröhlich sein!“, das die Schirn zur Ausstellung präsentiert. Also: Individualitäten, die einerseits in der Masse verschwinden, aber dadurch erst zu sich selbst kommen: Mao ebenso wie der VW. Erst die Vervielfachung bringt das Individuelle hervor (und umgekehrt).
An seinem Verfahren hat sich nichts oder zumindest nur wenig verändert. Nach wie vor kleine Einzelelemente, die sich zu einem Anderen zusammenfügen. Und doch könnte Bayrle bei dieser Diagnose noch stärker als unser Herr Keuner empört zusammenzucken, vielleicht ohne zu erbleichen. Denn die jetzt präsentierten Arbeiten, die alle in den letzten gut zwanzig Jahren entstanden sind, verwenden zwar nach wie vor das gleiche Verfahren und sehen doch ganz anders aus. Warum? Dieses Rätsel gibt uns der Künstler auf. (Und freut sich wahrscheinlich darüber.)
Sebastian Baden, der Schirn-Direktor, hat geradezu programmatisch das Vorhaben beschrieben: „Seit mittlerweile etwa sechzig Jahren untersucht Thomas Bayrle visuell die gesellschaftlichen Auswirkungen der zunehmend beschleunigten, konsumorientierten Gegenwart. (…) Während sein Kompositionsprinzip der Superform in den frühen Werken die digitale Pixelästhetik vorweggenommen hat, antwortet es heute auf die hoch technologisierte Medienlandschaft der Gegenwart.“ Unbestritten, da ist was dran. Aber diese Deutung ignoriert bereits den Titel der Präsentation: „Fröhlich sein!“ Ich bezweifle, dass Bayrle tatsächlich etwas „untersucht“. Er präsentiert! Stellt dar. Stellt vor. Und zwar immer spielerisch. Und zwar immer in der vertrackten Kombination von Naivität und Produktivität. Seine Reflexion ist an das Material gebunden. Seit jeher. (Dabei handelt es sich, um hier Missverständnisse auszuschließen, nicht um eine reflexive Schlichtheit, sondern um eine ans Material gebundene Reflexion.)

Man kann von Alterswerk sprechen. Also von einem anderen, neuartigen, lockeren Ansatz, der deutlicher noch als früher das Spielerische seiner Verfahren demonstriert. Eben: „Fröhlich sein!“
Eine madonnenhafte Figur, die nicht den toten Sohn auf ihren Knien bettet, sondern ein hübsch ausgewachsenes Modell einer Boeing 747. In dieser Kombination bleibt von aller Religiosität nur das Spiel, das man mit ihr treiben kann. Oder eine weitere Pietà, die schon aufgrund ihrer mosaikartigen Darstellungsweise weit weniger an den verblichenen Erlöser und seine Mutter, sondern weit mehr an gegenwärtige Konfektions-Werbung eines Mode-Designers erinnert.
Oder die sechs nebeneinander hängenden Porträts von gestrickten Figuren (aus der Sesamstraße), die sozusagen ‚in echt‘ auch von Louise Bourgeois stammen könnten. Auch an der Kunstgeschichte hat er sich orientiert, mit gegenwärtigen und historischen Vor-Bildern.
Oder die ‚Porträt-Aufnahmen‘ seiner fotografierenden Frau „Helke“, die mit der für sie bezeichnenden Baskenmütze und ihrem Fotoapparat vor den Augen das paradoxe Spiel des porträtierenden Porträtierten präsentiert.
Bei diesen Werken fällt auf, dass oft nicht mehr die gesamte Bildfläche von den seriellen Elementen ausgefüllt wird, sondern ein freier Raum bleibt, der den Elementen tatsächlich so etwas wie Freiraum verschafft, in dem sie sich gleichsam, eben freier, entfalten können.
Die Ausstellung zeigt aber auch, und nicht nur nebenher, andere Aspekte von Bayrles Arbeit, Autoreifen, Maschinenteile, also Elemente, die bereits auf der Kassler Documenta zu sehen waren.
Thomas Bayrle hat mittlerweile ein stolzes Alter erreicht. Er wurde 1937 in Berlin geboren. Er absolvierte eine Lehre (ich wusste gar nicht, dass es diesen Beruf noch gibt) als Weber, studierte dann an der damals noch so genannten Werkkunstschule in Offenbach und entwickelte sich zum echten Frankfurter, dem man auch sofort anhört, wo er zu Hause ist. Siebenundzwanzig Jahre unterrichtete er an der Städel-Schule. Dort war auch sein Atelier. Und dort verkündete er seinen Studenten fortwährend das Motto seiner Arbeit und seines Lebens: „Fröhlich sein!“, das die Schirn-Leute glücklicherweise zum Motto dieser Ausstellung gewählt haben. Die jetzige Präsentation zeigt Arbeiten, die allesamt nach seiner Städel-Schulzeit entstanden sind.
„Fröhlich sein!“ Also kein Spaß, auch wenn es Spaß macht, die Sachen zu betrachten. Kein Witz, auch wenn es oft witzig wird. Humor hat immer alle diese Arbeiten grundiert.
Kulturtipp: Ausstellung Thomas Bayrle
Siehe auch: Claudia Scholz: Eröffnungsrede zur Thomas-Bayrle-Ausstellung
Erstellungsdatum: 24.02.2026