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18 Einblicke in die Ateliers der Villa Massimo

Wo die Citronen glüh'n


ACC-Galerie Weimar

Im ACC-Eingangsraum werden die Villa Massimo per Kurzfilm und die Künstler*innen mittels Künstlerheften (außer David Grossman und Thomas Brussig) vorgestellt. Hinzu kommen ab 5. August 2026 Filminterviews mit 12 der 18 Rompreistragenden (außer David Grossman, Almut Grüntuch-Ernst & Armand Grüntuch, Alicja Kwade, Hanne Lippard, Peter Piller und Barbara Yelin). 

Im Treppenhaus kann man nachlesen, auf welche Weise die Künstler*innen (außer Tobias Nolte & Max Schwitalla) auf drei Fragen der ACC Galerie geantwortet haben.

Der Rompreis der Deutschen Akademie Rom Villa Massimo gilt als die bedeutendste Auszeichnung für deutsche und in Deutschland wirkende Künstler*innen. Seit 2020 präsentiert die Villa Massimo ihre aktuellen Stipendiat*innen in einem jeweils wechselnden Bundesland. 2026 fiel die Wahl auf Thüringen, auf Weimar. In der ACC Galerie Weimar begegnen sich alle 18 Rompreistragenden der Jahrgänge 2024/25 und 2025/26. Besonderen Stellenwert genießen in der Ausstellung die Prozesse der Kunstwerdung, jene unsichtbaren Momente künstlerischer Produktion zwischen erster Idee und abgeschlossener Arbeit. An dieser Stelle machen wir Sie mit den Ideen und Werken der 18 Rompreistragenden in der Reihenfolge ihres Erscheinens auf dem Ausstellungsrundgang bekannt.

Ausstellungsrundgang:

Alicja Kwades (gefundene) Wanduhr Gegen den Lauf mit analogem Zifferblatt folgt einer eigenen, absurden Logik: Rückt der Sekundenzeiger eine Sekunde vor, dreht sich das gesamte Zifferblatt gegen den Uhrzeigersinn zurück, sodass der Sekundenzeiger scheinbar auf der Stelle tritt. Ein Modell für die ortsspezifische Ausstellung INFRASUPRA im FOROF in Rom verknüpft Kwades Gegenwartskunst mit den antiken archäologischen Überresten der Basilica Ulpia im Trajansforum. Diese immersive Installation tritt in einen Dialog mit den originalen kaiserlichen Marmorböden und regt zum Nachdenken über Zeit, Macht und Geschichte an. 3 Zeichnungen von Kwades Sohn Horatio, die bereits in der Villa Massimo zu sehen waren, komplettieren die Präsentation. Bauhaus-Museum: Weitere Werke Kwades.

Max Schwitallas Raumgestaltung From Solid and Void identifiziert mit einem Dutzend stadträumlicher Analysen und vierzehn 3D-Printmodellen Aspekte, Funktionen und Narrative des urbanen Void (der Leere), jenes meist öffentlichen, nicht umbauten Zwischenraums der Stadt, der prägt, wie wir einander im urbanen Raum begegnen und Gemeinschaft erleben.

Tobias Noltes Videoinstallation Sciografia Digitale zeigt den Park der Villa Massimo als eine Summe an Pixeln, vermessen mit einem Laserscanner von Dutzenden Standpunkten. Die Schatten — Hohlräume im Datensatz, wo der Laser nicht hinkam — kehren als Datenschatten (Poché) wieder. Vorm Bauhaus-Museum ist Noltes Google-Baum zu sehen.

Lola Randl blieb in Rom. Im Vorstadtland verwandelt sie eine alte Autowerkstatt in ihr Experimentier- und Forschungsfeld Officinacittà Studio für planetarisches Gärtnern — wovon über 100 Dinge und der essayistisch-dokumentarische Film Il Giardino Planetario zeugen. Vier Bücher der Schriftstellerin und Regisseurin sind im Lesekabinett einzusehen.

Andrea Winkler & Stefan Panhans beauftragten Vittorio Montalti mit einer schlagkräftigen Komposition für ihren von der Percussionband BLOW UP performten Film Untitled (Gespenster), entwickelten Kostüme und Make Up und schrieben die von Romanautor Tom McCarthy und einer KI-Stimme gesprochenen Lyrics — bis ins Groteske kombinierte Superlative, die das immer stärkere Bedürfnis nach Luxus, Exklusivität und Distinktion unserer Gegenwart widerspiegeln und sich nach und nach mit einem Stakkato von Namen aktueller Überwachungssoftware, KI-Apps, Mega-Serverfarmen und Waffensystemen bis zur Unkenntlichkeit vermischen. Bauhaus-Museum: Pupidrama.

Kyung-Ae Kims Das Dazwischen untersucht in 70 Simulationen die Villa Massimo als bestehende räumliche Ordnung – als vorhandenes Gefüge, dessen Beziehungen neugeordnet werden. Eine flache Wasserfläche wird in die Kiesfläche des Parks eingeschrieben (zu sehen derzeit bei M Books in Weimar), drei der Stahlmodule des Beckens berichten im ACC davon. Wanddurchbrüche verbinden z.B. die Massimoateliers miteinander.

→ Zwischen September und November 2025 umkreiste Peter Piller per pedes Rom in 15 Etappen. 68 + 8 Fotos, 4 Zeichnungen, ein Print, ein Stadtplan und eine Broschüre seiner Archivreihe Materialien (M) dokumentieren diese 180 km lange Peripheriewanderung Rom.

Barbara Yelins Raum spiegelt mittels 70 Zeichungen, Büchern und Filmen ihre Arbeitsatmosphäre in Rom. Die narrativen und künstlerischen Möglichkeiten des Mediums Comic nutzend, wird die Zeichnung zur Form, die Schauen und Lesen verschmilzt. In den Serien Winter in Rom, Wir haben die Wahl und Lullaby verflechten sich Texte, Bilder und Leerstellen, erweitern sich gegenseitig und erzeugen miteinander Rhythmus, Reibung und Platz für Zwischenraum. Gedenkstätte Buchenwald: Emmi Arbel. Die Farbe der Erinnerung.

Hanne Lippard gab am 25. Juli 2026 gemeinsam mit Renato Grieco (Viola da gamba u.a.) im Bauhaus-Museum Weimar die Performance Aficionado, eine minimalistische Symbiose aus dynamisch gesprochenem Wort und reduziert barockem Klang. Hinzu kommen neun Bücher, die während des Villa-Massimo-Aufenthalts zu Lippards Lektüre gehörten.

Caroline Barneaud und Stefan Kaegi haben für ihre Sound-Video-Raum-Installation Holy Shit mit einer Pianistin und einem Geologen kooperiert. Letztere schluckten – unter Aufsicht eines Arztes – je eine Kamera in Pillengröße. Während die Kameras ihre Körper durchquerten, kamen alle ins Gespräch: Sind wir was wir essen? Wie beeinflussen die Bakterien in unserem Darm unsere Entscheidungen? Und was haben Vulkane damit zu tun? Das Publikum bewegt sich über 15 numerierte Stationen zwischen medizinischem Gerät, Zeichnungen und Fossilien auf der Suche nach den Überresten dieses Gesprächs über Erdbeben und epileptische Anfälle, allmächtige Mikroben und geologische Zeiträume …

Ann Cottens künstlerische Forschungsarbeit Dicht aber im Ganzen löchrig, die sich des von Franco Moretti (Stanford) so genannten Verfahrens des distant reading bedient, ist mit einem Goethe-Zitat betitelt. Dabei werden quantitative Methoden eingesetzt, das Lesen geschieht gewissermaßen nebenbei. Um den Zielort Rom als Achse symmetrisch aufgefächerte Grafen zeigen die Menge von Sätzen pro Kilometer in jedem Reiseabschnitt von Goethes Italienischer Reise an — die Streckenmaße richten sich dabei nach den nötigen Pferdewechseln der Postkutschen und Vetturinen, mit denen Goethe unterwegs war. Die Nachbildung eines Beins des Dichters liegt unter einem Tisch, nebst vom Schuhmacher Andrea Capaldi aus Rom originalgetreu nachgebautem Schuh, und erinnert an undefinierte Maße wie die Muße beim sinnerfassenden Lesen. Die Rauminstallation umfasst ca. 70 Objekte, Zeichnungen und Schriftstücke, unter ihnen ein Bodenbelag mit einem vervielfältigen Auszug aus der Transkritik zu Kant und Marx, nämlich der ersten Seite des Kapitels Die Krise der Synthese: Die Form des Wertes als Synthetisches Urteil: Ex Ante Facto und Ex Post Facto des japanischen Philosophen und Literaturwissenschaftlers Kojin Karatani.

Sina Fani Sani stellt seine Klanginstallation mit Bassklarinette solo und Elektronik HEBE 1 vor, die dazu einlädt, sich (ohne Garantie) in eine Maschine zu legen. Diese verkörpert einen alten Wunsch, den bereits 1546 Lucas Cranach d.Ä. in seinem Jungbrunnen abbildete. Hebe – Göttin der Ewigen Jugend, Mundschenkin des Olymps – reichte den Unsterblichen den Trank, der sie unsterblich machte. Nicht durch Kraft. Durch Stille. Durch Nähe. 16 Fotos vom Werkaufbau sowie vier weitere Werkbeispiele (Notate) aus Musiktheater und Kammeroper säumen HEBE 1 in diesem ins Bläuliche eingetauchten Raum. Nutzen Sie die Installation!

Benedikt Hartls (Opposite Office) Film Der letzte Stipendiat Il ist keine Fiktion. Alles, was zu sehen ist, hat stattgefunden. In dokumentarischen Bildern verdichtet er ein Jahr in der Villa Massimo zu einer Reflexion über das Zusammenleben von Mensch, Architektur und Natur. Was bleibt, ist das Porträt eines Ortes und seines letzten Stipendiaten – einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Alltag, künstlerischer Arbeit und der lebendigen Umwelt des Gartens zunehmend verschwimmen. Hinter den hohen Mauern der Villa Massimo existiert eine eigene Welt. Der Garten, über Jahrzehnte kultiviert und gepflegt, bildet ein abgeschlossenes Ökosystem zwischen Natur, Architektur und kultureller Produktion. Der Film korrespondiert mit drei Modellen aus Hartls Architekturprojekt Halailla Luontoa auf den östlichen Archipelagos vor Helsinki. Weitere Werke Hartls sind bei M Books zu sehen.

→ Third Coast Lullaby für vier Schlagzeuger von Hans Thomalla ist eine Studie über Impulse, über jene kleinen Zeiteinheiten, die traditionell mit Stabilität assoziiert werden. Das Stück für ein einzigartiges Musikinstrumentarium — 38 Holzstücke — wurde vom römischen Ensemble Blow Up Percussion eingespielt. Es versetzt uns in einen fast traumartigen Zustand, in dem die zeitliche Ordnung ebenso schnell verschwindet wie sie erscheint, und schließlich fast vollständig durch sich ständig verändernde Klangwellen ersetzt wird. Fotos von vier seiner Opern und ein Filmmitschnitt seiner Nachtmusik zeigt Hans Thomalla außerdem.

→ Schriftsteller (Am kürzeren Ende der Sonnenallee) und Bühnenautor (Hinterm Horizont) Thomas Brussig nimmt mit einem Satz aus seinem neuesten Buch — Die Erfindung des Glücks — an der Schau teil. Was, wenn es ein „Elixier“ gäbe, das Glücksgefühle in einem unermüdlichen Maße verstärkt, wie ein Bagger die Muskelkraft oder ein Mikroskop die Fähigkeit der Augen? Und wenn es einen Konsens darüber gäbe, dass wir das alle wollen und brauchen? Während Brussigs Aufenthalt in der Villa Massimo starb sein Vater. Für die Trauerkarte fertigte seine Tochter, die italienisch-deutsche Zeichnerin Ambra Durante, ein Sterbebildnis ihres Opas an, das sie mit dem Satz verknüpfte, den Brussigs Mutter am Totenbett seines Vaters sagte: „Jetzt kann ich nur noch von dir träumen.“ Die gezeichnete „Pietà“ ihres Opas war Ambras Reaktion auf eine Erzählung ihres Vaters über seine Bewunderung gegenüber Michelangelos Pietà, die Darstellung der vollkommenen Kraftlosigkeit des Toten, eines Körpers, der nur noch der Schwerkraft gehört, die er kurz zuvor im Petersdom sah. Fünf von Brussigs Büchern kann man im Lesekabinett studieren.

→ Das literarische und essayistische Werk David Grossmans wird für seine tiefe Menschlichkeit, die psychologische Präzision und den unermüdlichen Einsatz für eine friedliche Aussöhnung im Nahen Osten geschätzt. Er setzt sich konsequent für den Dialog mit den Palästinensern und die Errichtung einer Zweistaatenlösung ein. Frieden ist die einzige Option heißt seine jüngste Sammlung von Essays und politischen Stellungnahmen zum Nahost-Konflikt. Neun Bücher laden im Treppenhaus zum 2. Geschoss zum Lesen ein.

→ Von der Arte Povera inspiriert ist Fabien Lévys 21-Minuten-Komposition À propos für Flöte, Klarinette, Violine, Cello, Klavier – aufgebaut wie ein imaginäres Museum, dessen vier Sätze sich jeweils auf einen bildenden Künstler beziehen: Die intimen Automaten von Tim Hawkinson, Jeff Wall betrachtet Ein plötzlicher Windstoß, nach Hokusai, das Burri-Rot des Alberto Burri, das eine fundamentale symbolische Rolle in dessen Werk einnimmt, und Verjüngen, nach Penone — inspiriert von Giuseppe Penones künstlerischem Verfahren.
Für ein zweites Projekt hat sich Lévy von der Musik und der Lebensphilosophie der Mbaka, Bedzan und Aka inspirieren lassen, insbesondere von den Prinzipien der Kollektivität, Polyrhythmik und klanglichen Illusionen, ohne deren Musik zu imitieren. Die Kompositionen Que reste-t-il? und De l’art d’induire en erreur verstehen sich als symbolische Hommage an diese Kulturen und kritischer Kommentar zum Anthropozän, zur ökologischen Krise und zum modernen Konsumdenken. Reisefotos, Notate, Haarbürste, PVC-Rohrflöte illustrieren dies.

→ Die Foto-Video-Rauminstallation Perforationen vom Architekturbüro Grüntuch Ernst Architekten verdichtet vielfältige Wahrnehmungsfragmente zu einer kaleidoskopischen Installation: Ausschnitte und Momentaufnahmen der individuellen Seh- und Raumerfahrung aus der Zeit in der Villa Massimo — Entwürfe, Ideen und Perspektiven im Kontext aktueller architektonischer Fragestellungen. Rom war dabei Quelle, Resonanzraum und Inspiration: Die Überlagerung von Zeitschichten, die Spuren von Kultur und Natur, die Tiefe wie auch Leichtigkeit der Schönheit — all das entfaltet seit Jahrtausenden seine Wirkung und ist bis heute als kreative Anregung spürbar. Weitere Werke sind derzeit bei M Books zu sehen.

→ Als Komponistin hat sich Malika Kishino der Musik für westliche Instrumente und der elektronischen Musik verschrieben. Ihre Herkunft als Tochter eines buddhistischen Priesters und die Philosophie und Kultur ihres Heimatlandes Japan inspirieren sie und ihre künstlerische Arbeit dennoch in essenzieller Weise. In ihren Kompositionen, wie dem zu hörenden Monochromer Garten Project, spürt sie sinnlich und dynamisch dem Wechselspiel der Schönheit von Licht und Schatten nach, begreift ihre Musik selbst als eine sich organisch entwickelnde und zyklisch funktionierende Kraft. Die beiden Kalligraphien – das Zentralwerk der Rauminstallation – stammen von ihrem Vater. Ein für das japanische Kulturverständnis essenzielles Buch wie Lob des Schattens von Tanizaki Jun'ichirõ, ein zentrales Werk des japanischen Ästhetizismus, ist ein bedeutender Anker für Malika Kishinos Gesamtwerk.

 

 

 

ACC-Galerie

Burgplatz 1 + 2
D-99423 Weimar

Ausstellung

Fr. 24.07.2026–So. 04.10.2026

Erstellungsdatum: 10.08.2026