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Eine Unterhaltung mit Micha Ullman

Wo man Bücher verbrennt

Christel Wollmann-Fiedler


Micha Ullman während des Vortrages in der Mendelssohn-Remise. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

Wenn die Sonne die Seiten umblättert und die Lücken zwischen den Skulpturen sich zu Buchstaben formen, sind wir bei Micha Ullman. Der Künstler, der 1939 in Tel Aviv geboren wurde, in Jerusalem und London studierte, in Düsseldorf und Haifa lehrte, in Berlin lebte und von 1991 bis 2005 eine Professur für Bildhauerei in Stuttgart innehatte, schuf in Berlin das Denkmal zur Erinnerung an die Bücherverbrennung und in Jerusalem das Buchstabenfeld. Christel Wollmann-Fiedler unterhielt sich mit ihm über seine Herkunft und seine Arbeit.

 

Christel Wollmann-Fiedler: Vor Jahren – es muss wohl 2012 gewesen sein – begegnete ich Ihnen in der St. Matthäus-Kirche in Berlin bei der Übergabe und Einweihung Ihrer Bodenskulptur „Stufen“, die Sie gelegt hatten. Seitdem hege ich den Wunsch, mit Ihnen ein Gespräch führen zu dürfen. Die schreckliche Geschichte der Bücherverbrennung in Deutschland, in Berlin, durch die Horden der SA, der SS und der Hitlerjugend ist mir bekannt. Auch Professoren der Berliner Friedrich-Wilhelm-Universität und Studenten des Nationalsozialistischen Studentenbundes waren am 10. Mai 1933 an der schrecklichen Vernichtungsorgie dabei. Heinrich Heines Worte klingen wie eine Prophezeiung für das, was auf dem damaligen Kaiser-Franz-Joseph-Platz 113 Jahre später passierte:

„Das war ein Vorspiel nur, dort
wo man Bücher verbrennt,
verbrennt man am Ende auch Menschen.“

(Heinrich Heine 1820)

Ihre leeren Bücherregale unter dem Asphalt des Platzes lernte ich kennen und Ihre tiefsinnigen künstlerischen Ideen beeindrucken mich immer wieder. Vor einigen Tagen haben Sie in der Mendelssohn-Remise über die Entstehung Ihrer Bildhauerarbeit Letters of Light erzählt, die in Jerusalem ihren Platz gefunden hat. Des Hebräischen nicht mächtig konnte ich nur wenig verstehen, die Licht- und Schatteneinfälle und Spiegelungen zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten habe ich aber verstanden. In Jerusalem war ich schon oft, doch die wunderbare Arbeit Letters of Light kenne ich noch nicht. Das Kunstwerk wurde im Oktober 2023 aufgestellt, wegen der Katastrophe am 7. Oktober aber noch nicht offiziell. Bei meinem nächsten Besuch in Jerusalem werde ich die Buchstaben-Skulpturen bewundern und fotografieren.

Bevor ich Sie nach dem Jerusalemer Buchstabenfeld frage, möchte ich ein wenig über Sie erfahren. Sie sind international bekannt und Ihre Arbeiten in vielen Regionen Deutschlands, Europas, in Asien und Australien, in den USA und natürlich in Israel präsent. Sie stehen sowohl im Freien und in öffentlichen Räumen wie in Museen und Archiven. Sie haben Kunstpreise jeglicher Art und auch den Israel Preis erhalten und Ihr Ausstellungskatalog ist überaus umfangreich. Sie wurden in den 1930er Jahren in Tel Aviv geboren als in Deutschland die Verfolgung der jüdischen Bevölkerung begann. Ihr Name klingt nicht Hebräisch und könnte ein deutscher oder skandinavischer sein. Woher kommen Ihr Vater und Ihre Mutter und Ihre Großeltern?

Micha Ullman: Die Mutter kommt von Mannheim, der Vater von Dorndorf, das ist ein Dorf in der Nähe von Stadtlengsfeld und Martinroda in Westthüringen, kurz vor der Hessischen Grenze, nicht weit von Eisenach entfernt. Von dort kommt Vaters Familie. Woher die Großeltern kamen, wissen wir nicht so genau. Die Legende sagt, dass er als Händler über die Dörfer ging. In Dorndorf hatte er einen großen Laden. Im Dorf waren sie die einzige jüdische Familie. Der Großvater der mütterlichen Familie ist von Heidelberg, das ist fast sicher.

Wo haben sich die Eltern kennengelernt? 

1933 sind sie nach Palästina emigriert. Das Zitat von Heinrich Heine aus dem Jahr 1820 „Das war ein Vorspiel, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“, müssen meine Eltern als Warnung wahrgenommen haben. Kurz nach der Bücherverbrennung 1933 muss es gewesen sein, dass sie Deutschland verlassen haben. Sie haben sich beim Hebräischunterricht in Palästina in einer Schule kennengelernt und verliebt. Beide waren schon im Alter von 30 Jahren, also nicht so jung. 1934 haben sie geheiratet. Ich wurde 1939 geboren, mein Bruder 1935 und meine jüngere Schwester 1947.

Haben Sie mit Ihren Eltern Deutsch gesprochen, Hebräisch, Jiddisch? 

Die Eltern haben viel Deutsch miteinander geredet. Sie haben Hebräisch gelernt, es wurde auch immer besser, aber nie richtig gut. Ich habe Deutsch gehört, natürlich auch Hebräisch, aber nie Deutsch geantwortet. Das wäre für mich eine Schande gewesen. Das war typisch, nicht nur für mich. Meine Eltern aus Deutschland sprachen miteinander Deutsch, auch polnische oder arabische Eltern sprachen ihre Muttersprachen. Wir Kinder haben dagegen Hebräisch gesprochen. Als ich nach Deutschland kam und hier später unterrichtete lernte ich erst Deutsch als ich merkte, dass die Studenten kein Englisch können. Ich war gezwungen Deutsch zu lernen, was anfangs sehr schwierig war. Die Wörter wurden aus dem Mund gezogen, wie mit einem Kran. Dann ging es aber leichter, ich hatte die Sprache irgendwie im Kopf. Sie merken, mein Deutsch ist nicht perfekt, doch es ist kein Deutsch von einem Engländer oder Italiener, es hat etwas mit den Spuren zu tun.

Ich kenne einige Juden, die Deutsch ein wenig Jiddisch aussprechen... 

Nein, in meiner Familie wurde kein Jiddisch gesprochen, nur Deutsch.

In einer sehr interessanten Stadt, in Jaffa-Tel Aviv, mit den meisten Bauhausarchitekturen der Welt, sind Sie geboren worden. Sind Sie dort auch zur Schule gegangen? 

Ja, und als ich zehn Jahre alt war sind wir in einen Ort außerhalb der Stadt umgezogen der heute zu Tel Aviv gehört. Einige Kilometer weiter nordöstlich liegt die Kleinstadt Ramat Hasharon in der ich wohne.

Wann haben Sie sich für Bildhauerei interessiert und wollten selbst dieses künstlerische Handwerk erlernen? 

Relativ spät. Ich habe immer gezeichnet, dann auf der Kunstschule auch gemalt, Zeichnungen Graphiken, Radierungen und Malerei. Mit 30 habe ich begonnen zu graben und bin darüber zufällig zur Bildhauerei gekommen. Mit Erde arbeite ich eigentlich bis heute, die Grube auf dem Bebelplatz in Berlin, ist das bekannteste Werk von mir.

An welcher Kunstschule haben Sie studiert? 

Das war an der Bezal'el-Akademie für Kunst und Design in Jerusalem, wo ich vier Jahre studiert habe, dann ein Jahr in London als post graduate an der Central School for Arts and Crafts, insbesondere Radierung und Graphik. 1970 habe ich angefangen zu lehren. Zuerst acht Jahre in der Bezalel Akademie, dann sechs Jahre in Haifa in der Fine Arts Section an der Universität und in der Architecture and Town Planning am Technion. 1991 bekam ich eine Professur in Stuttgart an der Akademie der Künste. 14 Jahre habe ich dort gelehrt. Ich wohnte nie richtig in Deutschland und habe eigentlich immer gependelt: Deutschland – Israel – Deutschland. Mit einem DAAD Stipendium kam ich 1989 nach Berlin und wohnte mit der Familie ein Jahr in der Stadt. Zwei Jahre später hat man mich für Stuttgart entdeckt, es war ein großer Wettbewerb, 50 Bewerber, und ich war der letzte.

Vierzehn Jahre waren Sie Professor an der Stuttgarter Kunstakademie von 1991 bis 2005. Dann konnten Sie in Deutschland ihre künstlerischen Ideen umsetzen. Wie kam das zustande? 

Ich habe die Kunstprojekte nicht genau gezählt, aber es sind nicht wenige und nicht nur in Deutschland realisiert. Im Laufe meiner Lehrzeit war ich aktiv. In Deutschland habe ich einige Wettbewerbe gewonnen. Wie etwa in Berlin mit der Arbeit auf dem Bebelplatz. Es ist die bekannteste überhaupt. In Stuttgart sind fünf Werke zu sehen, in Berlin werden es auch fünf sein, in Heidelberg und Bamberg eine Arbeit sowie in weiteren Orten. Arbeiten von mir sind zudem in Łódź in Polen, in Melbourne in Australien, in Japan in Tokyo und Sabae, nicht weit von Kyoto, in Finnland in Turku und in Italien in Rom zu sehen. In Frankreich gibt es eine Wand in der israelischen Botschaft in Paris und in der Kunstakademie in Nîmes in Südfrankreich. Das sind die wichtigsten Bildhauerarbeiten und natürlich gibt es auch in Israel viele Werke von mir. In Deutschland sind es vielleicht sogar noch mehr, ich habe das nicht so genau gezählt.


Kalihalde bei Dorndorf, Micha Ullmans väterlicher Familie Herkunft. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

 

Noch kurz eine Zwischenfrage. Ich las in einer Zeitung, dass Sie vor Jahren einen Sack mit Kali nach Israel haben bringen lassen, der aber vom Zoll nicht ausgeliefert wurde. Haben Sie den Sack überhaupt bekommen? 

Ja, das stimmt. Es hat nicht funktioniert. Ich erinnere mich: Ich wollte Kali und Basalt für ein Projekt haben, Das hat aber nicht funktioniert. Aus Sicherheitsgründen ging das nicht, weil Kali explosiv ist. Der Zoll hat das nicht zugelassen. Dann habe ich Basalt aus Israel genommen. Das Kunstwerk „Bergwerk“ war ausgestellt in der Evangelischen Erlöserkirche in Ost-Jerusalem. Eines von sieben Werken in Basalt. Der Berliner Galerist Alexander Ochs hat das organisiert. Es war die gleiche Arbeit, die ich im Altenburger Lindenau-Museum in Ostthüringen ausgestellt habe mit Kali und Basalt. Das sind rohe Materialien. Die Inspiration kam durch die Kaliberge in der Umgebung von Dorndorf. Das war der Grund für dieses Material. Ich arbeite am meisten mit Erde, in anderen Ländern auch mit lokaler Erde. In der Dorndorfer Region ist es Kali.

Sind Ihre Ideen philosophische Erkenntnisse oder korrespondieren Sie mit der Natur? Kommen die Ideen aus der Thora, der Bibel oder dem Koran oder vielleicht aus der Mythologie? Oder sind es spirituelle Gedanken oder schlichte Ideen, die dem Bildhauer Micha Ullman im Kopf schweben? 

Zu allem kann ich Ja sagen. Inspiration bekomme ich parallel und gleichzeitig aus mehreren Richtungen. Ich würde es nicht philosophisch und auch nicht theoretisch nennen, ich bin kein Philosoph. Aber man hat in meinem Werk manchmal philosophische Tendenzen entdeckt. Beim Arbeitsprozess passiert bei mir viel im Kopf – Fantasie, Intuition, Träume. Am Anfang trete ich in Dialog mit dem Ort und dem Material, wobei Dialog für mich erst einmal zuhören, mit den Augen hören, bedeutet. Im Laufe von Monaten manchmal von Jahren entwickelt sich dann eine Theorie, findet zusammen was ich sehe, was ich denke, was ich weiß. Der Bebelplatz hat zum Beispiel sehr viel Charakter und Geschichte. Daran erinnert zu werden spielt eine große Rolle was bei mir im Kopf geschieht und was ich in meinem Rucksack trage. Am Bebelplatz ist auf diese Weise die Idee zur Grube entstanden.  

Ich habe 1970 mit Grubenskulpturen begonnen. Auch auf der Biennale Venedig in Italien, auf der documenta 8 und 9 in Kassel waren es Gruben. Ich dachte das wäre der richtige Weg. Auf der Istanbul Biennale war es keine Grube. Über den Bebelplatz in Berlin habe ich viele Bücher über die Geschichte des Ortes gelesen, nach dem Regen gesehen, wie die Pfützen die Umgebung reflektieren und die Wolken wie Rauchschwaden nach einem Feuer erscheinen lassen. Wenn man tagsüber auf die Glasscheibe sieht, erkennt man die Spiegelungen bei jedem Wetter. Weil man die Wolken auch als Rauch sehen kann brennt die Bibliothek in Berlin fast jeden Tag. Das ist symbolisch und ein wenig poetisch zu verstehen. Im März 1995 wurde diese leere unterirdische Bibliothek eingeweiht.


Leere Bibliothek auf dem Bebelplatz in Berlin. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

 

In dem Gedicht von Paul Celan in der Todesfuge aus dem Jahr 1944/45 ist zu lesen …wir schaufeln ein Grab in den Lüften da liegt man nicht eng… Ich denke, man sieht eigentlich, was man will. Die Fantasie wird angeregt, vielleicht zu einem poetischen Denken. Vorhin haben Sie bereits das Gedicht von Heinrich Heine erwähnt. Meine Eltern haben es 1933 nach der Bücherverbrennung als Signal verstanden und sind nach Palästina gegangen.

Auch die deutsche Flagge spiegelt sich in dem Glas auf dem Bebelplatz, auch das Kreuz auf der St. Hedwigs-Kathedrale oder der Betrachter sieht sich selbst. Das hat mich zu dem Glas geführt, das die Grube bedeckt. Dann kam die Idee von der Leere und ist zentral in meinem ganzen Werk. Das kommt von der Leere jeder Grube – von der kleinsten bis zur größten. Je tiefer die Grube ist, desto mehr Himmel haben wir. Dass sich alles zu diesem Resultat vermischte hat viele Gründe die aus allen Richtungen kamen. Wie zum Beispiel die Vorschläge und Ideen von Studenten und Professoren der Humboldt Universität. So baut sich etwas Schritt für Schritt auf. Das ist mehr oder weniger der Prozess.

Haben alle Ihre künstlerischen Werke, die Sie angefertigt haben, mit dem Holocaust zu tun? 

Nein, überhaupt nicht. Ich würde es fast umgekehrt sagen. Ich habe nicht genau gezählt, wie viele Denkmäler und Skulpturen es sind. Es sind wohl mehr als 70 ortsbezogene Skulpturen, die ich in verschiedenen Ländern gemacht habe, darunter vier Denkmäler. Ein Denkmal soll nach meinen Maßstäben ein selbständiges Kunstwerk sein das für sich selbst steht. Das bedeutet, es stimmt mit dem ganzen menschlichen Leben überein. Jedes Kunstwerk beschäftigt sich mit dem Leben und dem Tod von Menschen. So oder so gibt es unendliche Möglichkeiten. Wenn dieses Kunstwerk diese Prüfung besteht, dann gibt es mir die Hoffnung, dass es richtig sein könnte, was man von diesem Kunstwerk will. Natürlich erst einmal die künstlerische Qualität. Jeder macht das Beste was er kann ist mein Maßstab bei allen Kunstwerken und ich denke, das es der Maßstab von allen Künstlern ist. Sie gehen kunstbeschäftigt mit dem Tod um. Nicht direkt, aber zum Beispiel in Form einer Vase mit Blumen wie bei van Gogh. Bei ihm sind sie auch ein Denkmal, man nennt es nur nicht so. Denkmal bedeutet Erinnerungen aus dem Leben des Künstlers, der das Werk geschaffen hat.

Einiges hat mit dem Holocaust zu tun und hat mit der Erinnerung zu tun. Unter der Erde, im Verborgenen liegen einige Arbeiten von Ihnen. Warum? 

Ich habe keine Erklärung, es hat sich so entwickelt. Im Alter von dreißig waren es Gruben. Die Grube ist vielleicht eine Form, die ich bis heute nicht verstehe. Es bleibt immer ein Geheimnis, es ist elementar. Die Leere, Erde, Luft, das zieht mich immer weiter von Werk zu Werk. Im Laufe der Jahre war ich mehr interessiert an der Leere der Grube als an der Erde selbst. Das bedeutet, dass die Erde die Form der Luft definiert. Die Leere ist am Bebelplatz passiert. Ich gehe noch einen Schritt weiter. Sie waren bei meinem Vortrag in Berlin, haben nicht viel verstanden, aber Buchstaben gesehen. Die Buchstaben waren nicht die Steine, sondern der Zwischenraum zwischen den Steinen.

Über die Buchstabenskulptur in Jerusalem würde ich gerne mehr erfahren. Haben Sie mit dem Kalkstein gearbeitet, der in Israel liegt und für Bauwerke im gesamten Land verwendet wird? 

Kalkstein und Dolomit gibt es fast in ganz Israel, Granit dagegen sehr wenig. Ich habe ein Jahr lang Wüstensteine gesucht und sie in einem großen Steinbruch bei Mitzpe Ramon, in der Mitte vom Negev auch gefunden. Der Grund für dieses Denkmal war die hebräische Sprache, die mir sehr nah ist. Das Wort für Wüste in Hebräisch heißt Midbar und Reden ist Dibur. Diese Verbindung war für mich konzeptuell wichtig. Das Werk insgesamt ist für mich Aufschreiben und vorher Reden. Ich kann erklären, was dahinter steckt. Die Sprache hat mehrere Schichten. Die geologischen Schichten der Steine und die kulturellen Schichten der Steine. Für mich war es der Hinweis auf das Alte Testament und die Geschichten, die dazu gehören. Moses zieht mit dem Volk der Israeliten 40 Jahre durch die Wüste, bis sie reden gelernt haben und erzählen konnten, was dort auf dem großen Berg Sinai geschieht. Solche Geschichten haben Einfluss auf diese Steine.


Buchstabenfeld in Jerusalem. Foto: Christel Wollmann-Fiedler

 

Ich habe Bilder von Ihnen gesehen in der letzten Woche in der Mendelssohn Remise. Das Kunstwerk in Jerusalem nennen Sie „Letters of Light“. Die Fotos mit Licht und Schatten konnte ich auch ohne die hebräische Sprache verstehen. Ich weiß, wie Licht und Schatten zu verschiedenen Tageszeiten und Jahreszeiten entstehen. Erzählen Sie mir bitte, wie Sie das gesehen haben.

Man kann dieses Kunstwerk als Sonnenuhr mit Buchstaben bezeichnen. Das Kunstwerk selbst ist gebaut mit den 22 Buchstaben der hebräischen Schrift sowie den lateinischen und arabischen Buchstaben. Die 22 hebräischen Buchstaben dienen als Grundlage für die hebräische Sprache von der Antike bis zur Gegenwart. Mit ihnen können alle Wörter ausgesprochen oder geschrieben werden. Das Werk ist eine skulpturale Umweltarbeit aus Stein, Licht und Schatten das über und unter der Erde angeordnet ist.

Die Inspiration für dieses Werk stammt aus dem alten Buch Sefer Yezira, das biblische „Buch der Schöpfung“, das die Erschaffung der Welt mit zweiundzwanzig hebräischen Buchstaben beschreibt. Das zentrale Thema des Werkes ist der Klang der Aussprache der unterschiedlichen Buchstaben. Es stützt sich auf die Erfindung des alten Alphabets das Zeichen für Laute bereitstellt, auf die Erfindung des A-B-C Alphabetsystems, das Buchstabenzeichen zur Darstellung von Klängen zuordnet.

Zweiundzwanzig Grundbuchstaben sind im Klang der Stimme eingraviert, vom Atem geschnitzt und an fünf Stellen im Mund fixiert: Aleph, He, Chet, Ein im Hals, Gimel, Jod, Chaf und Kuf im Gaumen, Dalet, Tet, Lamed, Nun, Taf in der Zunge, Zayin, Samech, Shin, Resch, Zadyk in den Zähnen, Bet, Vav, Mem, Pe in den Lippen. (Buch der Sefer Yezira, 3,3)

Im Garten des Gebäudes befindet sich der obere Teil der Skulptur – 18 Steine, die in einem Kreis angeordnet sind. Die Höhe jedes Steins entspricht der einer menschlichen Figur. Die stehenden Steine sind einander zugewandt und bilden ein sich drehendes Rad. Die Anordnung der Buchstaben in diesem Rad basiert auf Gruppen von Buchstaben entsprechend ihrer Position im Mund. Die Buchstaben erscheinen in den Lücken, die zwischen den Steinen eingemeißelt sind, entstehen aus den Zwischenräumen der Steine. Das sind „fehlende“ Buchstaben, durch die das Sonnenlicht dringt und einen Schatten auf den Boden wirft. Die Buchstaben des Lichts erscheinen zwischen den Schatten der Steine. Die Buchstaben verlängern und verkürzen, öffnen und schließen sich je nach Stand und Höhe der Sonne während des Tages und der wechselnden Jahreszeiten.

Der Betrachter kann durch die Lücken zwischen den Steinen mit seinem eigenen Schatten hindurchgehen und so an der Schrift mit Licht und Schatten teilnehmen. In der Mitte des Steinkreises, zur unteren Kammer hin sind drei Glasfenster in den Boden eingelassen. Die Form der Fenster entspricht dem ersten Buchstaben der drei Sprachen: das arabische Alif, das nach Osten zeigt, das hebräische Aleph, das nach Norden weist, und das lateinische A, das nach Westen gerichtet ist. Diese drei Sprachen haben einen gemeinsamen linguistischen Ursprung, der es ermöglicht, dass alle drei Sprachen den gleichen Klang haben.

In der unteren Kammer der Skulptur gibt es einen unterirdischen Gang, in dem drei kehlige Buchstaben in ihrem tiefen Klang in die Wände eingraviert sind. Der Gang führt in den zentralen Raum, an dessen Decke man drei Fenster sehen kann. Jedes Fenster hat die Form eines Buchstabens in drei Sprachen mit dem Klang „Ah“, wenn die Kehle ganz geöffnet ist. Wenn man nach oben schaut, sieht man den gleichen Himmel. Das durch die Fenster einfallende Sonnenlicht erzeugt ein Lichtspiel der drei Buchstaben und lässt sie täglich neu erscheinen. Ihre Form verändert sich je nach Sonnenstand von morgens bis abends und im Wechsel der Jahreszeiten. So werden kleine Lichtflecken am Morgen an der westlichen Wand des Raumes mittags zu großen Buchstaben und verschwinden am Abend. Die sich verändernde Form der Buchstaben im Raum ist eine visuelle Parallele zur Aussprache der Buchstabenlaute im Mund. Man sieht die Laute. Dieser Raum kann als Mund gesehen werden, der die Laute der Buchstaben hervorbringt oder als Gebärmutter, in der die Buchstaben vor ihrer Geburt geschaffen werden. Die Sprache wird jeden Tag aufs Neue geboren.

Der Kreis ist eine astronomische Grundform. Das sich drehende Rad kann auch die Form eines sich um die eigene Achse drehenden Buches haben. Die flachen Steine können wie die Seiten eines Buches aussehen. Der tägliche Schatten, der sich morgens im Westen befindet, bewegt sich mittags mit den Buchstaben nach Osten, als würde man Seite für Seite von Westen nach Osten umblättern. So wird eine Verbindung zwischen der Sprache und der universellen Natur hergestellt. Die drei zentralen Buchstaben, die den selben Klang erzeugen veranschaulichen die Verbundenheit zwischen den Sprachen, den gemeinsamen menschlichen, kulturellen und religiösen Nenner im Geist der Propheten.

Die „fehlenden“ Buchstaben bestehen aus Luft, dem Material, das die Sprache in allen Sprachen ermöglicht und der Schrift vorausgeht. Durch die Bewegung des Betrachters entsteht eine wechselnde Komposition aus Kombinationen, Formen und Schatten. So wird der Betrachter mit seinem Schatten zu einem aktiven Teil des Werkes. Von der Mitte des Kreises aus betrachtet, verschwinden alle Steinbuchstaben und es bleibt nur der Schatten der Buchstaben zurück. Die Buchstaben werden als ein offenes System von Lücken, Licht- und Schattenräumen zwischen Menschen und Zeiten, zwischen Materie und Geist, zwischen Geist und Klang, zwischen Sprache und Handlung, zwischen Sein und Leere gesehen. „Er schuf wirklich aus dem Nichts und machte das Nichtsein zu etwas, und er schlug große Säulen aus der Luft, die nicht zu fassen sind.“ (Buch Mischna 6,2)

Das ist eine Einladung zum Entdecken und zum langsamen Verstehen wie so etwas passiert – auch für Leute, die Hebräisch können.

Wie sind Sie zu dem letzten Skulpturenprojekt in Jerusalem gekommen. War das eine Ausschreibung? 

2013 habe ich einen Telefonanruf bekommen von dem Leiter der Nationalbibliothek David Blumberg. Ich kannte ihn bereits. Er hat mich nach Jerusalem eingeladen und zusammen gingen wir zu dem Ort. Er sagte mir: „Hier haben wir die Vision, an diesem Ort die neue Nationalbibliothek zu bauen. Wir wollen von Dir hier ein Kunstwerk. Du hast in Berlin eine leere Bibliothek gemacht. Wir wollen hier von Dir eine volle Bibliothek haben.“ Das war für mich der Anfang.

Erstellungsdatum: 16.03.2025