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Claus Leggewie über Hiroko Oyamadas Roman „Die Fabrik“

Yoshiko im Wunderland

Claus Leggewie


Japanische Fabrik. Foto: Yuhei Mukoyama. wikimedia commons

Wenn eine Fabrik so funktioniert wie die Treppen des niederländischen Grafikers M.C.Escher, sollte man nicht nur nach einem perspektivischen, sondern vor allem nach einem organisatorischen Fehler suchen. Dass auch große industrielle Produktionsstätten oder Verwaltungsapparate Abteilungen jenseits von Sinn und Nutzen unterhalten, kommt vor. Die japanische Autorin Hiroko Oyamada hat solche ökonomische Inaktivität zum Thema ihres Romans „Die Fabrik“ gemacht, den Claus Leggewie vorstellt.

 

Die Fabrik war einmal ein fast mystischer Ort – Symbol des industriellen Fortschritts, Hochburg der neuesten Techniken, Heimat der Belegschaften und auch Fokus ihrer Unzufriedenheit mit Arbeitsbedingungen, Entlohnung und zu wenig freier Zeit und Mitbestimmung. Für Kritiker war die Fabrik der Inbegriff manchesterkapitalistischer Ausbeutung, aber dort wurden die Kräfte des Kollektivs geweckt. Es bildeten sich Gewerkschaften, Genossenschaften und proletarische Parteien. Trotz der ungleichen Pole der Arbeitsgesellschaft mit Kapital und Arbeit verband die Fabrik sie zu einer geteilten und am Ende sinnstiftenden Vision industrieller Produktion.

Dass Fabrikarbeit Sinn mache, wurde von anderen Fraktionen der Arbeiterklasse, namentlich Ungelernten, energisch bestritten. Für sie war die Fabrik ein der körperlichen wie seelischen Zerstörung, die Maschinen und Fließbänder anrichteten, es war nichts mehr übrig von der Würde des Handwerks, vom Wissen und Wert schwerer Arbeit, vom Geschick der Fertigung (alias Fabrikation), wovon sich so nennende Fabrikanten wenig wussten. Die Zergliederung und Automatisierung gaben dem Mythos Fabrik den Rest, die Wut tobte sich gegen Vorarbeiter, Aufseher, Werkspolizisten und Bosse aus, bisweilen auch an den Maschinen.

Wie weit die Entfremdung gehen kann, zeigen postindustrielle Arbeitsstätten, in denen zuhauf sogenannte Bullshit-Jobs angesiedelt sind. So bezeichnete der verstorbene David Graeber Arbeitsprozesse ohne jeden gesellschaftlichen Nutzen und individuelle Sinnstiftung, als „eine Form der bezahlten Beschäftigung, die so vollständig sinnlos, unnötig oder schädlich ist, dass sogar die Beschäftigten selbst die Existenz der Beschäftigung nicht rechtfertigen können, auch wenn die Beschäftigten sich durch ihre Arbeitsbedingungen gezwungen fühlen, dies nicht zuzugeben.“ Als Graebers Buch erschien, war ihm der 2013 erschienene Roman „Die Fabrik“ der japanischen Autorin Hiroko Oyamada wohl entgangen, die sinnentleerte Arbeit radikal in einer bisher kaum dagewesenen Weise beschrieben hat. Das erst jetzt ins Deutsche übersetzte Buch ist keine Literatur gewordene Industrie- und Arbeitssoziologie, sondern eine bittere, zum Teil groteske Farce, die sich nur mit Verrenkungen als Kapitalismuskritik lesen lässt und auch nicht die üblichen Klischees eines arbeitswütigen Japan bedient. Typisch dafür sind höchstens die Elemente magischen Realismus.

Das Ausbleiben beider Botschaften haben linken Rezensenten zu Unrecht beklagt. Denn Oyamada überführt die Darstellung sinnloser Arbeit dreier entfremdeter Figuren an einem nur dem Namen nach fabrikartigen Schauplatz in die Selbstentfremdung der Leserinnen und Leser. Das beginnt mit der Erzählweise der Autorin, die die allesamt überflüssigen, um nicht zu sagen hirnrissigen Arbeitsaufgaben der drei Protagonisten – am Schredder, mit überflüssigen Textkorrekturen, mit der angeblich Prüfung für die Bedeckung des Fabrikdaches geeigneten Mooses – so ineinanderfließen lässt, dass man zunächst die Übersicht verliert. Noch schwieriger ist es, die Logik, besser gesagt, die Unlogik der Abläufe zu verstehen, bis man endlich resigniert und die Fabrik als das erkennt, was sie ist: ein Verschiebebahnhof von Körpern in ständig wechselnden Zeitzonen. Diese Verwirrung gelingt Oyamada auf so brillante Weise, dass man sich als Leser irgendwann ergibt und mit einiger Lust in das irre Geschehen hineinbegibt, also beispielsweise bei der Überquerung einer surrealen Brücke mitscheitert. Völlig unheimlich machen den Roman die schwarzen Vögel, die an den Ufern des unüberbrückbaren Flusses lagern oder die gruseligen Nagetiere an der Kanalisation.

Doch diese Absurditäten, die an Werke des absurden Theaters wie beispielsweise von Eugène Ionesco erinnern, sind nichts im Vergleich zu der sinnfreien Kommunikation zwischen den „Arbeitern“ der Fabrik, die keinerlei Plan, Hierarchie, Produkt und Zusammenhang erkennen lässt. Konflikte werden in quälenden Missverständnissen verschluckt, keine Kommunikation führt zu einem Ergebnis. Zu vermissen ist hier also weniger eine Kapitalismuskritik als die Gründe für den Fortbestand einer modernen Institution, die vollkommen funktionslos geworden ist. Oyamada inszeniert den Niedergang der industriellen Moderne für die Leserinnen und Leser als ihren eigenen Orientierungs- und Kontrollverlust. Übrig geblieben ist von ihr nur der müde Fetisch, überhaupt eine Arbeit haben zu müssen. In diesem Mikrokosmus gibt es keinen Friedhof, er ist es selbst.

Hiroko Oyamada
Die Fabrik
Roman
Aus dem Japanischen von Nora Bierich
160 S., geb.
ISBN: 978-3-498- 00794-2 
Rowohlt-Verlag, Hamburg 2026
 
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Erstellungsdatum: 20.08.2026