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Rainer Erd über das traditionsreiches Pariser Kabarett „Au Lapin Agile“

Yves Mathieu verlässt das „Au Lapin Agile“ – für immer

Rainer Erd


André Gill: „Au Lapin Agile“, Ladenschild 1875. wikimedia commons

Das „Kabarett der Mörder“ war im 19. Jahrhundert wohl allzu gewöhnlich, mit seiner Umbenennung in das „Flinke Kaninchen“ wurde es etwas Besonderes. Dieses Cabaret gehörte zu den Sehnsuchtsorten, wie man sie heute vielleicht noch auf der Opernbühne oder im modernen Märchen findet. Auf dem Montmartre gelegen, vereinte es viele gesellschaftliche Attraktionen, die die Pariser damals im Zentrum der Stadt nicht fanden. Rainer Erd schreibt über die Geschichte der „republikanischen“ Institution in Vergangenheit und Gegenwart.

 

Als die Pariser Metrolinie 12 am 5. November 1910 eröffnet wurde, ahnte niemand, dass die vier zentralen Stationen auf Montmartre das heute weltberühmte Viertel in zwei Teile trennen würde. „Pigalle“ und „Abbèsses“ die Stationen, aus denen sich heute täglich tausende von Touristen quälen, sowie „Lamarck Caulaincourt“ und „Jules Joffrin“, die bei den meisten Besuchern der Stadt nahezu unbekannt sind.

Dabei befindet sich an der Station „Jules Joffrin“ das Rathaus von Montmartre und wenn man die Metrostation „Lamarck Caulaincourt“ durch den geburtskanal-ähnlichen Tunnel verlässt, ist man mitten im einheimischen, jungen Viertel mit seinen unzähligen Cafés und Restaurants. Zur Freude der dort Lebenden ist dieser Teil von Montmartre in Touristenkreisen wenig bekannt, weshalb hier die Bewohner keine Laken mit der Aufschrift „Montmartre en colère“ aus dem Fenster hängen, wie dies in der Nähe von Sacré-Cœur geschieht.

Die Montmartrois, die Bewohner des Viertels, das 1860 in die Stadt Paris eingemeindet worden ist, sind immer darauf bedacht gewesen, den dörflichen Charakter ihres Viertels zu bewahren. Vor der Eingemeindung lag das Dörfchen weit außerhalb der Stadt auf einem Hügel, der einen großartigen Blick auf Paris gewährte. Die Pariser fuhren dort gerne hin, weil der Wein dort billig und das Vergnügen groß war, galten doch für Montmartre nicht die teureren Alkoholsteuern der Stadt Paris. Obwohl die Montmartrois es durchaus gewohnt waren, dass sich die Städter (vorwiegend an Wochenenden) mit Pferdedroschken auf den „Butte“ bringen ließen, um ihn nach reichlichem Alkoholgenuss beschwingt wieder zu verlassen, blieb das Gefühl der dörflichen Gemeinschaft immer bestehen. Um dieses zu stärken, haben sie eine eigene Institution gegründet, die sich seit 1921 stolz „République de Montmartre“ nennt und einiges dafür tut, dass dieser Name seine Berechtigung hat.

Zunächst einmal wollen die Mitglieder der „République“, die bei Feierlichkeiten eigenwillige, dem Künstler Aristide Bruant (1851–1925) abgeschaute Kleider tragen, darauf hinweisen, dass sie eigentlich nicht zu Paris gehören, wenngleich die Stadtgeschichte von Paris etwas anderes ausweist. Und dann, das ist ihre praktische Tätigkeit, versteht sie sich als Unterstützungsverein für hilfsbedürftige Kinder und Künstler, die auf Montmartre leben. Hinzugekommen ist das jährlich im Herbst stattfindende Weinlese-Fest (Fête des Vendanges), das – zum Missfallen der Montmartrois – mittlerweile Tausende von Gästen anzieht. Montmartre hat einen kleinen Weinberg, der nur wenige Flaschen hergibt, dafür aber umso temperamentvoller gefeiert wird.


Fête des Vendanges. Foto: Rainer Erd

 

Hintergrund der „République“ ist der in den Seelen der Montmartrois tief verankerte Wunsch, das Bohèmeleben des 19. Jahrhunderts zu konservieren. Dafür bringt der Verein eine eigene Zeitschrift heraus („Montmartre en revue“), die regelmäßig über kulturelle Ereignisse des Viertels unterrichtet, und an jedem Freitag erscheint ein Newsletter („Montmartre addict“), der über die jeweils vergangene bzw. die kommende Woche berichtet. In der Publikation der „République“ Anfang Juni 2026 konnte man diese Notiz lesen:


Anzeige zu Yves Mathieu. Foto: Rainer Erd

Der mit 98 Jahren verstorbene Yves Mathieu war seit einem halben Jahrhundert eine berühmte Person auf Montmartre. 1928 in Paris geboren, hatte es ihn nach dem Studium am renommierten Conservatoire National de Musique in Paris als Sänger und Darsteller in die Welt und in verschiedene Revuen im „Folies Bergère“ verschlagen. 40 Schallplatten sind von ihm bespielt worden. Im reiferen Alter von 54 Jahren fand Mathieu dann über familiäre Kontakte die Berufung seines Lebens: Er wurde Eigentümer und Leiter des legendären Pariser Cabarets „Au Lapin Agile“. Der „Flinke Hase“ ist eine traditionsreiche Pariser Institution, die in den 1860er Jahren auf Montmartre unter dem Namen „Cabaret des Assassins“ („Kabarett der Mörder“) gegründet wurde und sich nach seiner Umbenennung in „Lapin Agile“ rasch zum Treffpunkt der Pariser Bohème des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts entwickelte.

Im Lapin Agile verkehrten alle, die künstlerisch aktiv waren und auf Montmartre lebten. Hier traf man neben Stammgast Pablo Picasso den Dichter Guillaume Apollinaire und die Maler Amedeo Modigliani, Max Jacob, Maurice Utrillo und viele andere. Und da zu dieser Zeit die meisten von ihnen noch wenig bekannt waren und über geringe Einkommen verfügten, bezahlten sie ihre Schulden dem Wirt nicht selten mit Bildern, die später auf Auktionen hohe Preise erzielten.


„Au Lapin Agile“ zwischen 1880 und 1890. wikimedia commons

 

Als Yves Mathieu das Lapin Agile 1972 übernahm und bis zu seinem Tode leitete, verfolgte er die Idee, die der Verein Republique du Montmartre zu seinem Programm gemacht hatte: Bewahrung der Bohème – Tradition von Montmartre. Dafür hatte er den logistischen Vorteil, in dem Teil des Viertels zu liegen, der in der Regel von Touristen nur spärlich, wenn überhaupt besucht wird. Man fährt zum Lapin Agile mit der Metro 12 nicht zu den Stationen Pigalle oder Abbèsses, sondern zur ruhigeren Lamarck Caulaincourt.

Die traditionsbewahrende Idee von Yves Mathieu kam beim Publikum so gut an, dass alle vier Abende in der Woche, in denen das Cabaret geöffnet ist, schnell ausverkauft waren. Yves Mathieu begrüßte die Gäste mit seinen beiden Söhnen Frédéric und Christophe persönlich in der kleinen, dusteren Räumlichkeit und pünktlich um 21:00 Uhr begann das Programm. Die Abende, die bis weit nach Mitternacht gehen, sind, was die technische Ausstattung anbelangt, schlicht gehalten. Es gibt keine elektronische Verstärkung der drei Hauptinstrumente Klavier, Akkordeon und Gitarre und auch keine Mikrofone für die Sänger. Die im Lapin Agile gesungenen Lieder sollen in der Weise präsentiert werden, wie sie auch im 19. Jahrhundert dort aufgeführt wurden.


Au Lapin Agile – heute. Foto: Rainer Erd

 

Mathieu hat regelmäßig Pariser Sänger zu seinen Abenden eingeladen und der Höhepunkt bestand darin, dass er das Publikum aufforderte, die Lieder, deren Text verteilt wurde, mitzusingen. So konnte man, wenn man sich während eines Abendspaziergang auf dem rückseitigen Teil von Montmartre in der Nähe des Lapin Agile bewegte, hören, welche französischen Chansons gerade gesungen wurden. Von manchen zwar als konservative Institution belächelt, die eine Tradition hochhält, die längst vergangen ist, hat sich das Au Lapin Agile in der Zeit unter Yves Mathieu zu einer Kultinstitution in Paris entwickelt, die jeder geschichts- und kulturbewusste Besucher der Stadt aufsucht.

Nun ist Mathieu in biblischem Alter verstorben und am 11. Juni 2026 auf dem kleinen Friedhof Saint-Vincent, wenige Meter vom Lapin Agile entfernt, beerdigt worden. Nicht selten wird er von seinem Schlafzimmer im 1. Stock des Lapin Agile auf seinen jetzigen Ruheort geschaut haben, auf dem auch sein Cabaret-Kollege Michou, der Maler Maurice Utrillo, der Regisseur Claude Pinoteau und die Schauspielerin Anouk Aimée liegen. Wer weiß, ob Besucher des kleinen cimetière nicht zuweilen ein Lied summen, das sie bei ihm gelernt haben, wenn sie über die liebevoll begrünten Wege streifen. Freuen würde er sich bestimmt.

Erstellungsdatum: 02.08.2026