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Ursula Grünenwald über die Ausstellung „Hier, wo wir sind. Virtuelle Kunst um's Eck“

Zugvögel

Ursula Grünenwald


Tamara Grcic, Zugvögel, 2026, Augmented-Reality-Projekt, Landratsamt Hofheim, Courtesy: die Künstlerin und WAVA. Fotograf David Bachmann.

Wie künstlerische Interventionen die Wahrnehmung des öffentlichen Raums verändern, ist das Thema der Reihe „Hier, wo wir sind. Virtuelle Kunst um's Eck“, die Ben Livne Weitzman für die World Design Capital 2026 kuratierte. Insgesamt 11 Künstler:innen hat er eingeladen, virtuelle Arbeiten in Kommunen des Main-Taunus-Kreises zu realisieren. Ursula Grünenwald beschreibt am Beispiel der Projekte von Tamara Grcic und Alona Rodeh, wie virtuelle Inszenierungen verborgene Schichten des öffentlichen Raumes offenlegen und ihn überformen.

 

Die Schreie der Kraniche hallen lange nach. Man wird sich noch an sie erinnern, wenn die digitale Installation „Zugvögel“, die Tamara Grcic für das Landratsamt des Main-Taunus-Kreises erschaffen hat, wieder verschwunden ist.

Um die vielschichtige Bedeutung der Arbeit zu erfassen, gilt es zunächst, die Gegebenheiten vor Ort wahrzunehmen. Wer zum Landratsamt in Hofheim kommt, findet sich auf einem kahlen Platz vor einer raumgreifenden dreiflügeligen Anlage mit terracottaroter Ziegelsteinfassade wieder. Die strenge Symmetrie der Fenster und die turmartigen Rundungen, vermutlich Treppenhäuser, drängen unweigerlich Assoziationen an ein Schloss auf. Warum aber, fragt man sich, will eine öffentliche Behörde an fürstliche Machtverhältnisse erinnern? Hielten die damals regierenden bürgerlich-konservativen Parteien den 1987 fertiggestellten postmodernen Bau tatsächlich für eine gelungene Verbindung aus Repräsentativität und Bürgernähe? Und tun sie das heute immer noch?

Reist man an einem Wochenende an, ist der Platz vor dem Gebäude menschenleer. Wer sollte sich auch dort einfinden, sind doch Ballspiele aller Art und Skateboardfahren verboten. Nur eine üppige Bronzedame der Bildhauerin Wanda Pratschke rekelt sich auf einer leicht erhöhten Grünfläche.

Wir starten die App WAVA, für die ein Team um den Kurator Ben Livne Weitzman die Werkreihe „Hier, wo wir sind. Virtuelle Kunst um’s Eck“ für die World Design Capital 2026 entwickelt hat, und navigieren zu Grcics Werk „Zugvögel“. Richtet man, wie vorgeschlagen, das Handy auf die dafür vorgesehene Bodenfläche, entfaltet sich mittels Display und Lautsprecher das virtuelle Geschehen, das den realen Ort überblendet: Zuerst fesseln laute Vogelschreie die Aufmerksamkeit. Blickt man im Handydisplay auf den Himmel über dem Gebäude, sieht man dort einen großen Schwarm Kraniche kreisen. Ihre virtuelle Präsenz nimmt den gesamten Raum ein, sogar auf dem Boden zeichnen sich die Schatten der Vögel ab.


Tamara Grcic, Zugvögel, 2026, Augmented-Reality-Projekt, Landratsamt Hofheim, Ausschnitt, Courtesy: die Künstlerin und WAVA.

 

Das Schweben und Rufen der weißen Vögel überzieht die behäbige Festungsarchitektur mit einer befreiten und heiteren Stimmung, bis die kurz darauf einsetzende Stimme des Schauspielers Wolfram Koch einen neuen Fokus setzt. Koch trägt die Rede „Der Fall des Fremden“ aus dem Theaterstück „Sir Thomas Moore“ vor, das Ende des 16. Jahrhunderts entstanden ist und in Teilen William Shakespeare zugeschrieben wird. In dieser Rede wendet sich Thomas Morus, so der deutsche Name des Lordkanzlers von Henrich VIII., an die marodierenden Londoner Lehrlinge, die in den Maiunruhen 1517 lombardische Flüchtlinge gewaltsam aus der Stadt vertreiben wollen. Er appelliert zunächst an ihr Mitgefühl: „… stellt euch die geplagten Fremden vor, ihre Babies auf den Rücken und ihr armseliges Gepäck, sich zu den Häfen und Küsten schleppend für die Überfahrt“, um ihnen die langfristigen Folgen ihres Handels vor Augen zu führen: „… und ihr in die Halskrausen eurer Meinungen gezwängt, was hättet ihr erreicht? Ich sags euch, ihr hättet gezeigt wie Frechheit und Gewalt obsiegen … und wie nach diesem Muster kein einziger von euch ein hohes Alter erreicht, denn andere Grobiane werden so es ihnen gefällt mit derselben Hand, den selben Gründen und dem selben Recht über euch und andere wie Haie herfallen …“. Der humanistisch gesinnte Morus schließt mit einem weiteren Appell an Solidarität und Menschlichkeit: „Was würdet ihr denken so behandelt zu werden? Das ist das Los der Fremden, und das ist eure gipfelhohe Unmenschlichkeit.“

Schon Shakespeare und seine Zeitgenossen wussten, wie schnell Willkommen in Hass umschlagen kann. Mit Blick auf die identitären Debatten, die derzeit in Deutschland und Europa eine Unterscheidung zwischen bleibewürdigen und zu vertreibenden Bevölkerungsgruppen erzwingen wollen, führt Morus‘ Rede unweigerlich zu der Frage, ob dieses Land und dieser Kontinent in den letzten fünfhundert Jahren tatsächlich so wenig gelernt haben. Sind die Grausamkeiten des 20. Jahrhunderts wirklich schon in Vergessenheit geraten? Fällt Europa entgegen allen anderslautenden Beteuerungen der eigenen Wertebezogenheit hinter die humanistischen Ideen des 16. Jahrhunderts zurück?

Tamara Grcics Intervention nimmt es mühelos mit der Festungsmentalität der Gegenwart auf. „Zugvögel“ legt eine Bedeutungsschicht über das Kreisamt, die es nicht so leicht wieder abschütteln wird. Ihre Arbeit appelliert an eben dem Ort an Empathie, an dem Menschen ihre Aufenthaltstitel beantragen und über ihr Bleiben entschieden wird. Mit der wunderbar schwebenden Balance zwischen den Kranichen, die sich frei bewegen können, und den Menschen, die darauf angewiesen sind, eine lebenswürdige Bleibe zu finden, schreibt sich „Zugvögel“ nicht nur in den öffentlichen Raum des Kreisamtes, sondern auch in die gegenwärtige politische Landschaft ein, die zunehmend nach rechts driftet.

Dass die Künstlerin verschiedene Zeitebenen virtuos zu verbinden und die Schwere der Geschichte zu handhaben weiß, zeigt auch eine andere, 2016 entstandene Frankfurter Arbeit von Grcic: das Denkmal für Fritz Bauer vor dem Frankfurter Oberlandesgericht. Die Arbeit besteht aus zwei Bronzetafeln mit einem Zitat des 1968 verstorbenen Hessischen Generalstaatsanwalts, auf dessen Initiative die Frankfurter Ausschwitz-Prozesse stattfanden, und einem spitz zulaufenden Serpentenit-Steinblock mit ungeschliffener Oberfläche, der mehrere Meter tief in den Untergrund eingelassen ist. Der Untertitel der Arbeit „Nur die Spitze des Eisbergs“ verweist auf die ungeheure Zerstörungskraft von etwas Verborgenem, dessen Größendimension in fataler Weise unterschätzt wird. Das Denkmal lässt die beunruhigende Tektonik der deutschen Geschichte spürbar werden.


Alona Rodeh, Real-time Fogging, 2026, Augmented-Reality-Projekt, Hattersheim, Courtesy: die Künstlerin und WAVA.

 

Auch die anderen Arbeiten der Reihe „Hier wo wir sind“ zeigen, wie virtuelle Kunst auf den öffentlichen Raum und dessen Wahrnehmung einwirken kann. So beschäftigt sich Alona Rodeh mit ihrer Arbeit „Real-time Fogging“ mit der Geschichte des Hattersheimers Stadtteils Okriftel. Ihre schwarz-weiße Backsteinmauer, die permanent einstürzt und sich neu aufrichtet, legt Fragen nach Zerstörung und Überformung von Stadtlandschaften nahe. Okriftel hatte dank der Zellulose- und Papierfabrik der jüdischen Familie Offenheimer ab 1884 einen immensen Aufschwung erlebt. Die Unternehmerfamilie, die die Fabrik 1938 zwangsweise und weit unter Wert verkaufen musste, hatte die infrastrukturelle Entwicklung des Stadtteils unterstützt. Während die Industriegebäude seit einigen Jahren zu Wohnraum umgestaltet werden, wartet die 1906 von dem renommierten Architekten Georg Metzendorf errichtete Villa auf die dringend benötige Sanierung. Ein Neubau verstellt mittlerweile den Blick aus dem früheren Wintergarten auf den Main.

Für die Reihe haben außerdem Mohsen Hazrati, Lucas Larochelle und Tomás Maglione sowie die Künstler*innen-Duos Lena Müller und Claudia Pense, Franςios Pisapia und Pauli Scharlach sowie Thuy Tien Nguyen und Wanwen Zhang Werke produziert. Alle Arbeiten sind noch bis Ende 2026 in Bad Soden, Flörsheim, Eppstein, Hochheim, Hofheim und Kelkheim zu sehen. Mehr Informationen zu den Werken ist auf der Website der gemeinnützigen Plattform WAVA zu finden. Ein Download der App WAVA ist über die herkömmlichen Playstores möglich. 

Die Ausstellung „Here, where we are“ ist noch his zum 31.12.2026 im Main-Taunus-Kreis zu sehen.

 

Erstellungsdatum: 05.11.2026