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Krise des linksliberalen Zionismus in der Diaspora

Zwischen Freud und Epstein

Eran Rolnik


Straßenschild nach Masada. Foto: Bantosh. wikimedia commons

„Die jüdisch-liberale Existenz ist nicht dazu bestimmt, ein Gefühl moralischer Selbstgewissheit oder seelischer Ruhe zu vermitteln, sondern moralisches Unbehagen als existenzielle Haltung zu halten.“, schreibt der Psychiater und Psychoanalytiker Eran Rolnik in seinen Überlegungen zur Situation der links-zionistischen Juden innerhalb und außerhalb Israels. Damit stehen sie im Widerspruch zum Freund-Feind-Denken der Regierung, werden nicht mehr verstanden und haben zunehmend Probleme, sich selbst zu artikulieren.

 

Die Äußerung des US-Botschafters in Israel, Mike Huckabee, Israel habe das Recht, Gebiete „von Ägypten bis zum Euphrat“ zu kontrollieren, verdeutlicht, wie leicht es heute für Vertreter einer nationalistisch-ethnozentrischen Weltanschauung ist, Israel zu unterstützen – und wie schwer es geworden ist, internationale Unterstützung für die Idee eines „anderen Israel“ zu finden: eines Israel, das nach Frieden, Gerechtigkeit und der Anerkennung der nationalen Rechte beider Völker strebt, die zwischen Mittelmeer und Jordan leben. Nationalistische Juden können sich ohne Zögern mit einer machtbewussten jüdischen Souveränität identifizieren, die keiner moralischen oder politischen Rechtfertigung bedarf. Liberale Juden hingegen, die an der Möglichkeit einer gerechten jüdischen Souveränität innerhalb der Grenzen der Grünen Linie festhalten und zugleich das Recht der Palästinenser auf einen eigenen Staat anerkennen wollen, geraten ins Stottern, entschuldigen sich und entfernen sich von Israel – gerade in dem Moment, in dem das liberale Israel um sein Überleben ringt.

Die Frage der „doppelten Loyalität“, jenes alte antisemitische Stereotyp, das Juden in der Diaspora eine verdächtige Bindung an Israel unterstellte, kehrt sich heute ins Gegenteil. Israel ist nicht länger ein Ort komplexer Identifikation für liberale Juden, sondern ein bewundertes Symbol machtbewussten Nationalismus in den Augen einer globalen populistischen Rechten – bisweilen gerade auf Kosten der liberalen Juden außerhalb Israels.

In den vergangenen Jahren und mit wachsender Intensität seit dem 7. Oktober entdecken viele links-zionistische Juden in der Diaspora, dass Positionen, die sie über Jahre vertreten haben, über Nacht kaum noch verteidigbar erscheinen. Nicht weil sich ihr Inhalt dramatisch verändert hätte, sondern weil die Sprachen, in denen sie bis vor Kurzem sprechen konnten – die universalliberale und die kritisch-zionistische Sprache – ihnen kein Zuhause mehr garantieren. Zwischen einem israelischen Nationalismus, der jede Kritik als Verrat diffamiert, und einem dominanten progressiv-liberalen Diskurs, der Schwierigkeiten hat, zwischen Kritik an israelischer Politik und der Delegitimierung jüdischer kollektiver Existenz zu unterscheiden, steht der linke Zionismus in der Diaspora an einer historischen Wegscheide.

Bis zum 7. Oktober war es noch möglich, die links-zionistische Position auch aus geografischer Distanz zu vertreten. Liberale Juden in der Diaspora konnten Israel als Gegenstand – auch scharfer – Kritik sehen, ohne dass dies ihr Zugehörigkeitsgefühl grundsätzlich erschütterte. Selbst die beunruhigenden politischen Entwicklungen in Israel – der institutionelle Umbau, die religiös-nationalistische Radikalisierung und die Erosion demokratischer Normen – wurden als innere Krise wahrgenommen, der man im Namen gemeinsamer Werte aus der Ferne entgegentreten könne. Die Proteste auf der Kaplan-Straße schufen für einen Moment sogar ein Gefühl der Nähe zwischen liberalen Juden und nicht-zionistischen Kritikern des Staates.

Der 7. Oktober und der darauf folgende Krieg zerbrachen dieses fragile Gleichgewicht zwischen Kritik und Loyalität. Der mörderische Terrorangriff und das von ihm ausgelöste Trauma sowie die anhaltende Zerstörung und das Töten im Gazastreifen haben die Karten neu gemischt. Juden mit scharfer Kritik an der offiziellen israelischen Politik sahen sich zwischen widersprüchlichen Loyalitäten gefangen: einer moralischen Verpflichtung, das Leid der Palästinenser und die beispiellose – in der Geschichte des Zionismus – Zerstörung palästinensischer nationaler Identität anzuerkennen; und zugleich der prinzipiellen Weigerung, auf das Recht der Juden auf Selbstbestimmung und eine nationale Heimstätte zu verzichten. In einer Welt, die die Geduld mit komplexen Positionen verliert, wird eine solche Haltung selbst sprachlich schwer formulierbar.

Hier ereignet sich ein Bruch, der nicht nur politisch, sondern auch sprachlich und psychisch ist. Kritik an Israel, die früher auf Zugehörigkeit gründete und von der Annahme getragen war, „man dürfe im eigenen Lager alles sagen“, wird plötzlich verdächtig. Nicht weil sich ihr Inhalt geändert hätte, sondern weil sich das Publikum verändert hat. Dieselben Sätze, die früher in einem jüdischen oder links-zionistischen Binnenraum geäußert wurden, klingen nun in fremden, bisweilen feindseligen Ohren und verlieren den Loyalitätsanker, aus dem sie hervorgingen. Links-zionistische Juden sehen sich immer wieder gezwungen, entweder ihre Kritik oder ihre Bindung an Israel zu relativieren, sich zu entschuldigen oder sich eindeutig zu positionieren – als wäre schon der Versuch, Differenzierung aufrechtzuerhalten, ein moralischer Makel.


Knesset. Foto: Beny Shlevich. wikimedia commons

 

Diese Erfahrung lässt sich mit einem Begriff beschreiben, den Sigmund Freud das „Unheimliche“ nannte: jener Moment, in dem das Vertraute und Sichere gerade durch seine Nähe fremd und bedrohlich wird. Für viele liberale Juden in der Diaspora bricht der Raum, in dem sie sozialisiert wurden und mit dem sie sich identifizierten, nicht von außen zusammen, sondern wird von innen her fremd. Begriffe wie Gerechtigkeit, Menschenrechte und Universalismus kehren in einer verzerrten Form zurück – einer Form, die jüdische Angst, jüdisches Leid oder das jüdische Recht auf Selbstbestimmung kaum noch anzuerkennen vermag. Es ist keine einfache Entfremdung, sondern eine tief beunruhigende Erfahrung: Das eigene Zuhause hört auf, ein Zuhause zu sein.

Mit dieser Erfahrung des Unheimlichen verbindet sich im vergangenen Jahr auch eine erneute Erfahrung von Antisemitismus – nicht notwendigerweise in seiner klassischen, offen artikulierten Form, sondern als affektiv-politische Haltung, die durch Risse im liberalen Diskurs selbst eindringt. Nicht mehr nur direkter Hass auf Juden, sondern eine wachsende Bereitschaft, jüdische Angst als übertrieben, jüdische Partikularität als moralische Abweichung und die Bindung an Israel als per se verdächtig zu betrachten. Dieser Antisemitismus ist nicht immer explizit; bisweilen erscheint er als Mangel an Empathie und Anerkennung oder als Erwartung, dass der Jude seine Identität als Voraussetzung der Zugehörigkeit verleugne.

Im Unterschied zum klassischen Antisemitismus, der auf dem Bild des fremden, bedrohlichen und unmoralischen Juden beruhte, operiert der Antisemitismus in zeitgenössischen liberalen Räumen bisweilen im Namen eines universellen Moralismus. Er bestreitet nicht die Menschenrechte als solche, sondern spricht Juden das Recht ab, sich als Kollektiv auf sie zu berufen – nicht als Volk, nicht als politische Gemeinschaft und mitunter nicht einmal als verletzbares Subjekt, das Anspruch auf Schutz hat. So erscheint jüdische Angst als Hysterie, nationale Bindung als privilegierte Sturheit und das Bedürfnis nach kollektiver Sicherheit als moralisches Versagen. Gerade weil dieser Antisemitismus in der Sprache von Rechten, Gerechtigkeit und Universalismus formuliert ist, ist er schwer zu erkennen: nicht weil er nicht verletzend wäre, sondern weil er sich selbst als aufgeklärte moralische Position präsentiert.

Diese Verzerrung bleibt nicht auf zwischen-gemeinschaftliche Beziehungen beschränkt, sondern spiegelt sich auch in breiteren kulturellen Bildern wider, die die Krise des gegenwärtigen Liberalismus begleiten. So lässt sich – mit aller gebotenen Vorsicht – auch die Intensität verstehen, mit der die internationale Presse über den Fall Jeffrey Epstein berichtet: nicht nur als Aufdeckung realer und schwerer Verbrechen, sondern bisweilen als umfassende Allegorie – als Bild einer globalen, kosmopolitischen und bindungslosen Elite, die die Sprache von Rechten, Freiheit und Aufklärung als Deckmantel für moralische Verkommenheit benutzt. Die kulturelle Struktur ist historisch wohlbekannt: eine politische Fantasie über eine verborgene, wurzellose Macht, die nicht selten – bewusst oder unbewusst – mit alten jüdischen Bildern assoziiert wird. In einem solchen Raum kann die Kritik an Israel und an Juden leicht ihren konkreten politischen Charakter verlieren und zum Projektionsobjekt für die Ängste liberaler Gesellschaften werden, die den Zusammenbruch ihrer eigenen Wertordnung erleben.

Schon vor der Shoah erkannten kritische Denker in Europa, dass das Scheitern von Emanzipation und Liberalismus die Juden vor eine einzige Lösung stellen könnte – den Zionismus –, nicht gewählt aus politischer Freiheit, sondern erzwungen durch den Zusammenbruch der Alternativen. In diesem Sinne erscheint der Zionismus nicht nur als Verwirklichung eines Ideals, sondern auch als tragische Antwort auf eine Welt, die ihre Fähigkeit verloren hat, kollektive jüdische Existenz zu tragen.

Im gegenwärtigen progressiv-liberalen Diskurs besteht die Tendenz, Gewalt ausschließlich durch eine einzige Linse zu erklären: durch Machtverhältnisse. Es ist anzuerkennen, dass die postkoloniale Sprache aus einem authentischen moralischen Impuls hervorgegangen ist – dem Wunsch, die Schwachen zu schützen und Unrecht sichtbar zu machen. Doch innerhalb dieses Rahmens bleibt kaum Raum für das Ereignis als Ereignis, für das Massaker als Massaker oder für persönliche Verantwortung, die nicht sofort im historischen „Kontext“ aufgeht. Der israelisch-palästinensische Konflikt unterminiert solche Dichotomien beständig.

Gerade die verbreitete progressive Sprache, die Wirklichkeit entlang einer simplen Dichotomie von „stark“ und „schwach“ ordnet, vermag kaum zu erfassen, was sich in den vergangenen Jahren in Israel ereignet hat. Das nationalistische, machtorientierte und hemmungslose Israel offenbarte keine Stärke, sondern eine tiefe Schwäche – militärisch wie moralisch: das Versagen, seine Bürger zu schützen, und die Bevorzugung eines langanhaltenden Rachekrieges gegenüber der Heiligkeit jüdischen Lebens, wie sie sich auch in der Preisgabe der Geiseln manifestierte.

Für einen Diskurs, der Macht mit Kontrolle und Verletzlichkeit mit Schwäche identifiziert, ist eine solche Realität kaum denkbar. Das Ergebnis ist eine doppelte Blindheit: nicht nur gegenüber palästinensischem Leid, sondern auch gegenüber dem Leid jüdischer Bürger, die unter einer Souveränität leben, die ihre Fähigkeit verloren hat, ihr Leben zu schützen. In diesem Sinne verfehlt ein Diskurs, der Machtverhältnisse als eindimensional festschreibt, nicht nur eine politische Nuance – er scheitert an der grundlegenden Anerkennung menschlicher Verletzlichkeit und stärkt damit paradoxerweise gerade jene Kräfte, die er kritisieren möchte.

Ein weiterer Ausdruck dieser Verzerrung zeigt sich auch im internationalen akademischen und psychoanalytischen Feld. Im vergangenen Jahr zeichnet sich eine wachsende Entfremdung gegenüber jüdischen Kolleginnen und Kollegen ab, die früher Kritik an Israel teilten, zugleich aber Verständnis für dessen besondere emotionale Bedeutung im Leben jüdischer oder israelischer Intellektueller und Therapeutinnen und Therapeuten aufbrachten. In professionellen Räumen, die Ambivalenz und Sensibilität für hybride Identitäten enthalten sollten, nehmen mitunter Erwartungen an eine eindimensionale moralische Angleichung zu. Die Fähigkeit, Kritik aus jüdischer Identifikation und Zugehörigkeit heraus zu artikulieren, erscheint inzwischen selbst als problematische Haltung – ein weiteres Zeichen dafür, dass die Krise nicht nur politischer Natur ist, sondern die Grundsprachen des Verstehens und Denkens betrifft.

In einem weiteren Zusammenhang hat der Historiker Amit Varszicki kürzlich auf die Krise des Liberalismus als innere Krise von Sinn, Zugehörigkeit und Ethos hingewiesen – nicht nur als institutionelles oder politisches Versagen („Haaretz“, 20.2.). Diese Unterscheidung erhellt die Lage des linken Zionismus in der Diaspora: Wenn der Liberalismus keine überzeugende moralische und emotionale Rahmung mehr anbietet, verlieren politische Identitäten, die Komplexität, Zweifel und eine vermeintlich doppelte Loyalität zu halten versuchen, ihren Anker.

Im jüdischen Fall gleitet dieser Zusammenbruch rasch von legitimer politischer Kritik an israelischer Politik in eine Infragestellung der Legitimität kollektiver jüdischer Existenz selbst. In diesem Prozess hört der Antizionismus auf, eine klar umrissene politische Position zu sein, und wird mitunter zu einer verfügbaren Sprache der Negation – einer Sprache, die nicht mehr unterscheiden oder korrigieren will, sondern die Möglichkeit einer moralischen jüdischen Souveränität als solche verwirft.

In den vergangenen Jahren mehren sich Versuche, die Distanzierung von Juden vom liberalen Zionismus zu formulieren – teils als unvermeidliches historisches Scheitern, teils als Beweis dafür, dass der liberale Zionismus seinen Weg erschöpft habe. Eine radikalere Variante im Diskurs der jüdischen Linken geht über die Kritik am Riss zwischen der gegenwärtigen extremen Regierung und der Diaspora hinaus und behauptet, es handle sich nicht um eine Abweichung des Zionismus von einem säkular-liberalen Projekt hin zu autoritärem Messianismus, sondern um eine Chronik, deren Ende von Anfang an feststand. Die vollständige Übernahme der These, „Zionismus ist Rassismus“, bedeutet den Verzicht auf die Möglichkeit, zwischen einem Zionismus zu unterscheiden, der seine Macht begrenzen und eine gerechte Souveränität begründen will, und einem ethnozentrischen Nationalismus, der Macht zum alleinigen Maßstab erhebt. Für den linken Zionismus in der Diaspora ist diese Unterscheidung kein Ausweichen, sondern eine notwendige Bedingung fortgesetzten politischen Denkens und moralischer Verantwortung.

Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt habe ich („Haaretz“, 11.9.2014) die Position vertreten, dass das Leben außerhalb Israels nicht zwangsläufig einen Rückzug vom Zionismus bedeutet, sondern eine legitime und sogar konstruktive politisch-zionistische Haltung darstellen kann. Was damals als ungewöhnliche Position oder als Rationalisierung einer eigennützigen Präferenz erschien, ist heute nahezu eine Existenzbedingung für Eliten geworden, die von der gegenwärtigen Regierung als legitimes Ziel von Hetze und Angriffen markiert wurden.

Gerade deshalb ist der linke Zionismus in der Diaspora kein Ausdruck von Nostalgie, sondern eine Forderung nach Verantwortung: ein beharrlicher Versuch, der Politik Begriffe wie Grenze, Maß und Heiligkeit des Lebens zurückzugeben. Er besteht auf der Möglichkeit zu denken und zu unterscheiden, auch wenn die Sprache zerfällt, und ein Zuhause zu bewahren, selbst wenn dieses Zuhause fremd geworden ist.

Die jüdisch-liberale Existenz ist nicht dazu bestimmt, ein Gefühl moralischer Selbstgewissheit oder seelischer Ruhe zu vermitteln, sondern moralisches Unbehagen als existenzielle Haltung zu halten. Sie steht im Gegensatz zu dem Versprechen, das das offizielle Israel heute anbietet – einer jüdischen Existenz, die Zweifel und Angst durch Macht, starre Identität und ein Gefühl absoluter Gerechtigkeit zum Schweigen bringen will. Diese Position steht zugleich der jüdischen Nationalisierung wie auch einer moralisch puristischen Progressivität gegenüber, die sich durch ideologische Gewissheit vom Unbehagen befreien möchte. Die jüdisch-liberale Existenz bietet keinen Trost – sondern Verantwortung. In einer Welt, die die Fähigkeit verliert, Komplexität auszuhalten, ist die Krise des linken Zionismus in der Diaspora keine kleine interne Randerscheinung jüdischer Geschichte mehr. Möglicherweise handelt es sich um einen Prüfstein für die Möglichkeit, die große Krise zu bewältigen, in der sich der Liberalismus insgesamt befindet.

 

 

Erstellungsdatum: 14.03.2026