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Michael Eschmann über die neu herausgegebenen Gedichte Danny Gürtlers

Heutige Psychiater haben sicher die passenden Diagnosen für das Verhalten des Kabarettisten und Schauspielers Danny Gürtler, der von 1875 bis 1917 lebte. Dessen Späße und Sottisen richteten sich gegen die Autoritäten an der Spitze der irdischen Hierarchie, aber auch gegen die bigotte Wahrung von Sitte und Anstand in den Kaiserreichen. Und Gedichte und Prosa schrieb er auch noch. So jemand gehörte selbstverständlich weggesperrt. Wilfried Ihrig hat die Gedichte des Darmstädter Künstlers neu herausgegeben und Michael Eschmann stellt das Buch vor.
Heute dürften ihn nur noch wenige kennen. Um 1900 herum war der Kabarettist Danny Gürtler das, was man heute einen Star nennt: bekannt, häufig in der Presse erwähnt und von Skandalen verfolgt. Der 1875 in Darmstadt geborene Schauspieler und Lyriker machte Abitur, brach eine kaufmännische Lehre ab und besuchte ab 1893 die Schauspielschule „Theaterhort“ in Berlin. Schnell erlernte er die schauspielerischen Kniffe, und bereits 1898 wurde er für das Burgtheater in Wien engagiert. Dort blieb er allerdings nicht lange, da er wegen seiner Exzentrik entlassen wurde.
Gürtler war als Provokateur bekannt und gefürchtet. Ausgestattet mit einer Kindertrompete verkündete er in bizarren Auftritten humoristische Geschichten über das Kaiserreich oder das Papsttum, die schnell in Beleidigungen übergingen. Als unbeirrbarer Exzentriker, der sich selbst „König der Bohème“ nannte, vollzog er 1906 einen spektakulären Auftritt in Darmstadt. Er mietete eine elegante Kutsche, mit der er in Richtung Schloss fuhr. Dort angekommen, glaubten die Bediensteten, einem hohen Gast die Ehre erweisen zu müssen. Gürtlers Fahrt sollte jedoch eigentlich in das berüchtigte „Provinzial-Arresthaus Rundeturmstraße“ führen, wo ihn bereits die Presse erwartete. Derartige Provokationen würde man heute als Aktionskunst bezeichnen.
Den ersten Aufenthalt in der Psychiatrie erlebte Gürtler im Jahr 1910 aufgrund einer Einweisung durch seine Ehefrau Meta, die ebenfalls Schauspielerin war. Dieser Schritt erfolgte nach einer erneuten Eskalation, an der er jedoch nicht ganz unschuldig war. Kurz nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis fuhr Gürtler nach St. Goarshausen, wo er nachts betrunken mit seiner Kindertrompete durch die Straßen zog. Er richtete aufgeschreckten Bürgern Grüße von Heinrich Heine aus, der bereits seit 1856 verstorben war. Einen Tag später war er immer noch stark betrunken. Auf dem Marktplatz von St. Goarshausen entkleidete er sich. Während einer Rede an die Menge wurde er unterbrochen und festgenommen. Am 6. Oktober erfolgte seine Einweisung in die Irrenheilanstalt Eichberg, anschließend in die Universitäts-Irrenklinik Heidelberg und dann in die Landesirrenanstalt Heppenheim.

Aus Gefängnis und Irrenhaus ist die Neuausgabe einer Auswahl von 61 Gedichten aus dem Jahr 1912. Das Nachwort von Wilfried Ihrig stellt den ersten Versuch einer Biographie von Danny Gürtler dar. Die Gedichte berichten von Behandlungsmethoden, Mitgefangenen, Ärzten und Pflegern – alles in einer klaren, leicht ironischen Sprache. Das Buch ist ein lesenswertes Zeitdokument über die katastrophalen Behandlungsmöglichkeiten in der Psychiatrie um 1900 geworden.
Das Wort „Therapie“ ist hier fehl am Platz. Übliche Behandlungsmethoden waren die Ruhigstellung mit dem Mittel Hyoscin sowie eiskalte Bäder, die zwangsweise verordnet wurden und bis zu zehn Stunden andauern konnten. Den Patienten sollten Unruhe und eine angebliche Aggressivität genommen werden. Tatsächlich nahm man ihnen allerdings die Freiheit und die Menschenwürde. Hinzu kamen Gewaltexzesse durch Pflegepersonal und Mitpatienten sowie Mangelernährung. Wer all dies überlebte, musste robust und klug sein. In dem Gedicht „Sekt oder Hyoscin“ zeigt Gürtler, dass er auch unter solchen Umständen seinen Humor und seine dichterische Phantasie nicht verloren hatte:
„‘Ne Flasche Sekt ist mir lieber
Als ne Spritze Hyoscin
Zur Beruhigung meiner Nerven
In der Irrenanstalt d’rinn.
‘Ne Flasche Sekt ist mir lieber
In verschwieg’nem Separé
Mit einer schönen Sylphide
Auf molligem Kanapé.
Ein Souper mit meiner Kleinen
Bei Kaviar, Austern und Mumm,
Nachher schön in die Betten –
Ich gäb’ mein Leben d’rum.“
Danny Gürtler starb am 30. April 1917 in der Irrenanstalt zu Lichtenberg (Herzberge) in der Nähe von Berlin. Offiziell wurde Herzschwäche als Todesursache angegeben, vermutlich starb er jedoch an Unterernährung.

Danny Gürtler
Aus Gefängnis und Irrenhaus
Gedichte
Herausgegeben von Wilfried Ihrig.
97 S., brosch.
ISBN: 978-3-911820-30-1
Verlag Moloko Print, Bd. 314, Schönebeck 2026
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Erstellungsdatum: 04.07.2026