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Philipp Mosetters Rundgang um die Frankfurter KunstSäule „Köpfe“

220 Köpfe – 220 Gedanken

Philipp Mosetter


Köpfe. Acryl auf Pappe, jeweils A4 © Andrea Ludwig und Charlotte Schröner

Die Frankfurter KunstSäule haben Andrea Ludwig und Charlotte Schröner mit den unterschiedlichsten Köpfen bestückt. Nach eingehender Beschäftigung mit der Bilderserie kommt Philipp Mosetter zu dem Schluss, dass das mimische Potenzial des Gesichts den Worten weit überlegen ist. Unter dem Titel „220 Köpfe – 220 Gedanken“ machte der Autor und Kabarettist unlängst mit der Eigentümlichkeit des Kopfes vertraut, nach außen ein Gesicht und im Inneren unzählige Gedanken zu besitzen. Die können sich nur durch Mimik oder Sprache äußern, wie er überaus amüsant mit Beispielen aus der Literatur belegte.

Die alte Frage – Bild oder Wort

Das Bild hat gewisse Vorteile, es lässt sich beispielsweise unmittelbar und sofort in seiner Gesamtheit erfassen. Das Wort hingegen beansprucht Zeit. Und am Anfang kann man nie wissen, wieviel Zeit einem abverlangt wird, bis man verstanden hat, was das Wort gesagt haben will. Ich denke, in etwa zwanzig Minuten werde ich alles gesagt haben, was ich sagen wollte.

Seit drei Wochen schauen sich diese 220 Köpfe hier nun schon das Treiben rund um sie herum an, auf diesem Platz ohne Namen, in diesem Park ohne Namen. Es ist also ist davon auszugehen, dass sich in dem einen oder anderen der 220 Köpfe auch der eine oder andere Gedanke gebildet haben wird. Davon kann man ausgehen. Wo ein Kopf ist, ist leicht auch mal ein Gedanke drin.

Das bringt mich auf den zentralen Gedanken: Innen und außen. Ein Kopf hat ein Innen und ein Außen. Außen ist das Gesicht und Innen ist der Gedanke.

Damit ein Gedanke als solcher erkennbar wird, muss er geäußert werden. Der Gedanke muss also aus dem Kopf heraus, um als Gedanke erkennbar zu sein. Dieses „Austreten“ aus dem Kopf geschieht entweder durch Mimik oder durch Sprache. Ich darf hier Martin Schwab zitieren, der 1990 in seinem Stück „Die Präsidentinnen“ das Sprechen wie folgt beschreibt:


Köpfe. Acryl auf Pappe, jeweils A4 © Andrea Ludwig und Charlotte Schröner

 

Werner Schwab „Die Präsidentinnen“ 1990

Aber das Sprechen ist doch so aufgeschnitten schön, das Sprechen ist wie eine warme Blinddarmoperation am Geschlecht des Gehirns.

Auf den Gedanken muss man allerdings erst einmal kommen.
Alle möglichen Gedanken können sich in so einem Kopf befinden. Nur um sich eine rein faktische Vorstellung von so einem Inneren des Kopfes zu machen, da sind etwa 90 Milliarden Gehirnzellen mit insgesamt 160.000 Kilometer Verknüpfungen, das sollte, rein theoretisch, eigentlich fast jeden Gedanken möglich machen und doch begnügt man sich mit ein paar wenigen, sagen wir einmal handelsüblichen Gedanken. Da sich die Köpfe hier nicht äußern, ihre Gedanken also nicht unmittelbar preisgeben, schlage ich vor, wir begeben uns in das Innere der KunstSäule. Und lassen die 220 Köpfe selbst sprechen.

 

Robert Walser hat in seinem Roman „Jakob von Gunten“ (1909) das wie folgt beschrieben.

Oft gehe ich aus, auf die Straße ...

Welch ein Geschiebe und Gedränge, welch ein Rasseln und Prasseln. Welch ein Geschrei, Gestampf, Gesurr und Gesumme. Und alles so eng zusammengepfercht. Dicht [an dicht] gehen die Menschen, die Kinder, Mädchen, Männer und elegante Frauen; Greise und Krüppel, und solche, die den Kopf verbunden haben ...

In die vorhandenen Mengen schieben sich neue, und es geht, kommt, erscheint und verläuft sich in einem fort. ... [Die ganze Welt] sendet hierher seine Menschenexemplare. Vornehmes geht dicht neben Niedrigem und Schlechtem, die Leute gehen, man weiß nicht wohin, und da kommen sie wieder, und es sind ganz andere Menschen, und man weiß nicht woher sie kommen. ...

Und die Sonne blitzt noch auf dem allem. Dem einen beglänzt sie die Nase, dem anderen die Fußspitze. Spitzen treten an Röcken zum glitzernden und sinnverwirrenden Vorschein. Hündchen fahren in Wagen, auf dem Schoß alter, vornehmer Frauen, spazieren. Brüste prallen einem entgegen, in Kleidern und Fassonen eingepresste, weibliche Brüste. Und dann sind wieder die dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen Mundteilen.  ...

Merken Sie sich diesen Gedanken, darauf werde ich später noch einmal zu sprechen kommen.

... Abends zwischen sechs und acht wimmelt es am graziösesten und dichtesten. Zu dieser Zeit promeniert die beste Gesellschaft. Was ist man eigentlich in dieser Flut, in diesem bunten, nicht endenwollenden Strom von Menschen? Manchmal sind alle diese beweglichen Gesichter rötlich angezärtelt und gemalt von untergehenden Abendsonnengluten.
Und wenn es grau ist und regnet? Dann gehen alle diese Figuren, und ich selber mit, wie Traumfiguren rasch unter dem trüben Flor dahin, etwas suchend, wie es scheint ... Es sucht hier alles, ..., aber die Hast, das Sehnen, die Qual und die Unruhe glänzen schimmernd zu den begehrlichen Augen heraus.
Dann ist wieder alles ein Baden in der heißen, mittäglichen Sonne. ... Und die Menschen blicken so verständnislos. ... Mädchen eilen dahin, Pakete werden getragen. Man möchte sich jemandem an den Hals werfen.

Komme ich heim, so sitz Kraus da und spottet mich aus. Ich sage ihm, man müsse doch ein wenig die Welt kennen lernen. „Die Welt kennen lernen?“ ... [sagt er] und lächelt verächtlich.

So weit Robert Walser. Damit hätten wir schon einmal 187 Gedanken abgedeckt, Sie werden ja mitgezählt haben. Ein paar der Köpfe schauen ja auch nur ganz gedankenlos vor sich hin, wie Ihnen aufgefallen sein wird.

Auf einen Gedanken von Robert Walser möchte ich noch einmal zu sprechen kommen. „Und dann sind wieder die dummen vielen Zigarren in den vielen Schlitzen von männlichen Mundteilen.“

Auffallend ist, dass das Hässliche mit großer Lust, fast lüstern und mit Hingabe beschrieben wird, wohingegen das Schöne eher hilflos, auf geradezu ängstlich schüchterne Art und Weise, geradezu fliehend beschrieben wird.

Dieses Phänomen lässt sich überall beobachten, beispielsweise bei Thomas Mann, diesem großen Stilisten, wie sich seine Sprache an der Hässlichkeit geradezu weidet, bei den Buddenbrooks beispielsweise:

Thomas Mann „Die Buddenbrooks“ 1901

Die ,Fliege’, die der fremde Herr zwischen Kinn und Unterlippe trug, stand im Gegensatz zum Schnurrbart ein wenig borstig empor. Die Wangen waren außerordentlich dick, fett, aufgetrieben und gleichsam hinaufgeschoben zu den Augen, die sie zu zwei ganz schmalen, hellblauen Ritzen zusammenpreßten und in deren Winkeln sie Fältchen bildeten. Dies gab dem solcherart verquollenen Gesicht einen Mischausdruck von Ergrimmtheit und biederer, unbeholfener, rührender Gutmütigkeit.
Unterhalb des kleinen Kinnes lief eine steile Linie in die schmale weiße Halsbinde hinein ... eines kropfartigen Halses, der keinen Vatermörder geduldet haben würde. Untergesicht und Hals, Hinterkopf und Nacken, Wangen und Nase, alles ging ein wenig formlos und gepolstert ineinander über ... Die ganze Gesichtshaut war infolge aller dieser Schwellungen über Gebühr straff gespannt und zeigte an einzelnen Stellen, wie am Ansatz der Ohrläppchen und zu beiden Seiten der Nase, eine spröde Rötung ...


Oder nehmen sie jene Beschreibung einer Diplomatengattin aus dem Jahr 1690 (etwa) von Leopod dem Ersten:

Eine Diplomatengattin über Leopold I. (Ende des 17. Jahrhunderts)

Er ist ein junger Mann von mittlerer Größe, ohne Kinnbart ... Seine Lippen sind wulstig wie die eines Kamels. Immer wenn er spricht, trieft ihm der Speichel aus seinem Mund und von seinen Kamellippen.
Die strahlend schönen Pagen, die ihm fortwährend zur Seite stehen, wischen mit riesigen roten Tüchern ständig den Geifer ab. Er selbst kämmt seine Locken und Kringeln, dauernd mit einem Kamm, seine Finger sehen aus wie Gurken.

Demgegenüber tut sich schreibende Zunft mit der Schönheit doch sehr viel schwerer:

Gertrud von Le Fort beschreibt eine gewisse Blanche de la Force.

Sie war jetzt zu einem schmalen 16jährigen Mädchen herangereift mit einem kleinen zarten Mund und einem etwas zusammengepressten Gesichtchen...

Hier ist allerdings der Zusammenhang wichtig. Die Passage ist aus ihrer Novelle Die letzte am Schafott aus dem Jahr 1931. Sie beschreibt also die schöne Novizin auf dem Weg zum Schafott, weshalb das „etwas zusammengepresste Gesichtchen“ eher natürlich erscheint. Dann fährt sie fort:

... Madame de Chalais hatte nicht versäumt, sie an ein ebenso enges Mieder zu gewöhnen wie ihr eigenes; infolgedessen waren ihre Bewegungen von einer etwas abgezirkelten Anmut ...

Und schon verlässt sie die Schönheit des Gesichts und weicht aus, hin zur Bewegung, zum Gesamteindruck.

Max Frisch versucht zwar länger der Schönheit standzuhalten, muss aber letztlich dann doch auch aufgeben:

Max Frisch „Stiller“ 1954

Ihre Haare sind rot, der gegenwärtigen Mode entsprechend sogar sehr rot, jedoch nicht wie Hagebutten-Konfitüre, eher wie trockenes Menning-Pulver. Sehr eigenartig. Und dazu ein sehr feiner Teint; Alabaster mit Sommersprossen. Ebenfalls sehr eigenartig, aber schön. Und die Augen? Ich würde sagen: glänzend, sozusagen wässerig, auch wenn sie nicht weint, und bläulich-grün wie die Ränder von farblosem Fensterglas, dabei natürlich beseelt und also undurchsichtig. Leider hat sie die Augenbrauen zu einem dünnen Strich zusammenrasiert, was ihrem Gesicht eine graziöse Härte gibt, aber auch etwas Maskenartiges, eine fixierte Mimik von Erstauntheit. Sehr edel wirkt die Nase zumal von der Seite, viel unwillkürlicher Ausdruck in den Nüstern. Ihre Lippen sind für meinen Geschmack etwas schmal, nicht ohne Sinnlichkeit, doch muß sie zuerst erweckt werden, und die Figur ...


... ja und da haben wir dann den Kopf, das Gesicht bereits wieder verlassen. Fast fluchtartig rettet sich Max Frisch hin zur Figur. Er ahnt wohl, dass die Sprache ihrer Schönheit nicht gerecht werden kann. Alles hat seine Grenzen.

Ich habe jetzt natürlich nicht die gesamte Literaturgeschichte der letzten 3000 Jahre durchgearbeitet, und man wird natürlich Ausnahmen finden können, da bin ich sicher. Grundsätzlich aber, ist das Hässliche für das Beschreiben von ungleich größerem Genuss:

 

E.T.A. Hoffmann „Der Sandmann“ 1815

Denke Dir einen großen breitschultrigen Mann mit einem unförmlich dicken Kopf, erdgelbem Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche Katzenaugen stechend hervorfunkeln, großer, starker über die Oberlippe gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hämischen Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar und ein seltsam zischender Ton fährt durch die zusammengekniffenen Zähne.

Demgegenüber:

Marie Larisch über Mary Vetsera 1889

Ich brauch nur die Augen zu schließen, um sie in ihrer frischen Schönheit vor mir zu sehen. ... Ihr Teint war wunderbar zart; ihr kleiner roter genussfroher Mund öffnete sich über kleinen weißen Zähnen, die ich Mausezähne zu nennen pflege, ...

Ein doch eher hilfloser Versuch in die Beschreibung von Schönheit ein bisschen Farbe zu bringen.

... und niemals habe ich wieder solche beseelten Augen gesehen mit solch langen Wimpern und solchen feingezogenen Brauen. Ihr dunkelbraunes Haar war sehr lang, ... ihr Gang war von einer verführerischen und unwiderstehlichen Grazie.“

Und dann natürlich wieder das Ausweichen auf den Gang, die Grazie.

Eigentlich haben wir die 220 Gedanken ja inzwischen schon vollständig beisammen. Lassen sie mich aber noch einen anfügen, sozusagen einen Nebengedanken, der ein bisschen aus der Reihe fällt: Ein Gesicht zu haben bedeutet natürlich auch, die Deutungshoheit über sich selbst aufzugeben.

Alle haben immerzu eine Meinung, eine Einschätzung, oft sogar eine Beurteilung von jedem Gesicht. Das eigene Gesicht ist kaum mehr als der Spielball der Beurteilungslust der anderen. Marie Luise Scherer hat das erkannt und entsprechend ihre Beschreibung eines Gesichts:

Marie Luise Scherer in „Die Bestie von Paris“ 2012             

Mademoiselle Ilona Saigaresco hatte es eilig eine alte Frau zu werden. Sie trug einen kleinen braunen Filzhut, den sie sich, ohne das Echo ihres Garderobenspiegels abzuwarten, einfach überstülpte. Nur fest und tief musste er sitzen und das Gesicht wegnehmen.

Und damit sind wir wieder im Kopf drin, also dort wo das stattfindet, was wir dann von außen betrachtet als Gesicht beschreiben - die Gesichtserkennung. Die findet primär im sogenannten Gyrus fusiformis statt, Korbinian Brodmann hat das Gehirn in Areale aufgeteilt und benannt, das ist eine langgestreckte Gehirnwindung im unteren Schläfenlappen. Nach 170 Millisekunden hat das Gehirn einen ersten Eindruck von seinem Gegenüber, nach 350 Millisekunden lösen Signale aus der Amygdala körperliche Reaktionen aus. Wir kennen leider keine Geschichtsbeschreibung von Brodmann.

Man kann allerdings auch Gesichter nicht erkennen, das nennt man dann Prosopagnosie, oder Gesichtsblindheit. Das gibt’s. Oliver Sacks hat das in seinem Buch „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ ausführlich beschrieben. Aber zurück zu den Gedanken.


Aber nicht jeder Gedanke ist auch schon ein Gedanke. Das belegt Prof. Dr. Georg Witte mit seiner Einladung zu einem Proseminar an der Universität Witten/Herdecke im Jahr 2015:

Prof. Dr. Georg Witte, Slawist und Komparatist – „Proseminar“ 2015

Das Seminar versucht, der literarischen Bedeutung des Gesichts innerhalb eines Spannungsfelds nachzugehen, das man vorläufig so skizzieren könnte:

Auf der einen Seite haben wir die rhetorische Verfasstheit, die Figurativität, das Gesetzte und Behauptungshafte des Gesichts: als Prosopopoiia wird das sprechperfomativ „verliehene“ Gesicht im dekonstruktivistischen Diskurs zu einer Art Schlüsselfigur für die Rhetorizität literarischer Texte.

Auf der anderen Seite gilt das Gesicht als Inbegriff einer den Makel der Arbitrarität, der maskierenden Konvention, der „willkürlichen Sprache“ abstreifenden, „natursprachlichen“ und „unmittelbaren“ Signifikation – im Sinne der charakteroffenbarenden Physiognomie.

Solchem ontologosierenden Verständnis der Signifikationskraft des Gesichts widersprechen pathognomische Konzepte des – kontrollierten wie unkontrollierten – Affektausdrucks.

Im mimischen Potential des Gesichts wird der „Ort“ zum Handlungs-Ort: Das Gesicht ist eine Aktion.

Das macht deutlich, dass der Schreibstift doch recht hilflos ist, gegenüber dem Malstift. Mag ja sein: Am Anfang war das Wort. Aber am Ende zählt eben das Bild.

 

 

Vormerken:
Vernissage der Ausstellung Köpfe von Andrea Ludwig und Charlotte Schröner in der Familie Montez ist am 15. Januar 2027, die Finissage am 15. Februar 2027.

 

 


Philipp Mosetter an der KunstSäule, Brückenstraße Ecke Gutzkowstraße in Frankfurt am Main.

Mit der Frankfurter KunstSäule bringen Florian Koch und Daniel Hartlaub bereits seit 2017 auf dem Brückenstraßen-Spielplatz in Sachsenhausen Kunst in den Öffentlichen Raum. Das aktuelle Gemeinschaftsprojekt „Köpfe“ der Künstlerinnen Andrea Ludwig und Charlotte Schröner ist noch bis 3.9.2026 zu sehen.

Erstellungsdatum: 18.07.2026