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„Die Ferien sind vorbei. Der Gute Leser packt die ungelesenen Bücher wieder in den Koffer, denkt an den Herbst, den Winter, an die raschen konzentrierten Viertelstunden vor dem Einschlafen, die der Lektüre vorbehalten sind, bevor er ins Büro eilt, in der Trambahn fährt, im Wartezimmer des Zahnarztes sitzt…“, und dort, ja, da, jetzt, endlich liest er WIE EIN REISENDER IN EINER WINTERNACHT, was denn sonst, als...?! Ja, Klaro! … Italo Calvino. Der Essay von Volker Breidecker möchte Sie einführen in einen wahren Erzählkosmos voller Abenteuer aus allen geschriebenen wie ungeschriebenen Welten.
„Es war einmal ein kleines Schiff auf dem Meer, ich habe es gesehen.
Und zwei Matrosen, die ruderten, ruderten. Und dann ist es hinter dem
Dach eines Hauses verschwunden, und niemand hat es mehr gesehen.“
„Vom Flug der Schmetterlinge zu erzählen, von schön gedrechselten Frauenhüften, vom Meer, das sich in den Felsen bricht, von Werkstätten, Weinbergen, von Menschen, die arbeiten und lieben.“ – das narrative Programm des jungen Italo Calvino umfängt bereits einen ganzen Kosmos: Der damals achtzehnjährige Student der Agrarwissenschaft entwirft es in einem Brief vom Dezember 1941 noch als eine Chimäre. Eigens, schreibt er, habe er sich „ein paar weiße Flügel“ wachsen lassen, um den von San Remo nach Rom verzogenen Jugendfreund Eugenio Scalfari – den künftigen Begründer und Herausgeber der Tageszeitung „La Repubblica“ – mit seinen Erzählungen zu beglücken: „Er öffnet das Fenster, schwingt sich in die Lüfte und überfliegt – die Bedrohung durch die Luftabwehr nicht mehr achtend – einen Großteil der Apenninenhalbinsel...“ – „Er“, das ist Calvino bereits selbst, der auch späterhin – wie im Roman „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“ – häufig über sich in der dritten Person schreibt, wenn es ihm um den Autor und nicht um seine natürliche Person zu tun ist. In Calvinos Jugendjahren ist da schon der Zweite Weltkrieg eingebrochen. In dessen Verlauf wird Calvino sich den im bergigen und bewaldeten Hinterland Liguriens kämpfenden Partisanen der Brigade „Garibaldi“ und den im Untergrund operierenden Kommunisten des PCI anschließen.
Doch das „Bedürfnis nach einem Flügelschlag, der die stehende Luft in Bewegung bringt“ – viel später, im August 1973, wird sich noch der gestandene Schriftsteller in einem Brief an die Kollegin Elsa Morante dazu bekennen –, treibt Calvino zur Feder. Er schreibt Erzählungen, in denen er seine Erlebnisse aus Krieg und Bürgerkrieg verarbeitet. Aus den von kleinen wie großen Leidenschaften und erlittenen Traumata bewegten Geschichten, die sich die Partisanen gegenseitig erzählen, und sei es weniger aus bloßem Mitteilungsdrang als aus Prahlerei, ergibt sich die Fülle und Vielgestalt der Stoffe und die Unmittelbarkeit der Formen. Am nächtlichen Lagerfeuer wird erzählt wie noch in vorbürgerlichen Zeiten, nur dass der heimische Herd, um den sich die Zuhörer einst gruppierten, ins Feld ausgelagert worden ist.
Calvinos Erzählungen aus der Nachkriegszeit lassen Bilder einer Kindheit und Jugend unter dem Faschismus aufscheinen, wie man sie ähnlich von den autobiographischen Reminiszenzen mancher Filme des nur um wenige Jahre älteren Federico Fellini kennt (Amarcord, Achteinhalb, Fellinis Roma). Nur die maritimen, dabei doch sehr provinziellen Schauplätze sind wie um die Achse des Apennins herum gedreht: Fellinis adriatischem Rimini steht Calvinos an der Riviera del Ponente gelegene Heimatstadt San Remo gegenüber. Als Schauplatz oder zumindest als ein auch aus gemessener Ferne stets sichtbarer oder als schmaler Streifen wenigstens aufscheinender Horizont ist die beschauliche alte Hafenstadt am Meer mit ihren einst mondänen Ufern, engen Gassen und üppigen Gärten aus Calvinos erzählerischem Kosmos nicht wegzudenken. Das von dort geschilderte Treiben der Kinder, ihre Wasserspiele und Badespässe sind von Faschismus und Krieg scheinbar unberührt. Wenn Giovannino und Serenella, denen wir gleich mehrmals begegnen, in der Erzählung „Der verzauberte Garten“ unter gleißendem Licht über einen Bahndamm mit vor Hitze leuchtenden Schienen dahinwandern, so ist das beinahe wie im Märchen oder eben wie in einem Italien, das alle Welt liebt: „Unten lag das Meer, dunkelblau-hellblau gewürfelt, oben ein Himmel, kaum gestreift von weißen Wolkenstrichen“. Wie im Märchen klingen auch die Namen der Protagonisten: Das Personal aus Zeffirinos, Maria-nunziatas, Liberosos, Fulmines, Bombolos, Airoldis und Zandis, Foffos und Nasotortos, Germinals und Omnias usf. ergäbe einen wunderbaren Namenskatalog.
Und doch fällt auf Calvinos früheste Erzählungen ein dunkler Schatten, nicht nur angesichts faschistischer Schwarzhemden, sondern auch angesichts des heimtückischen und brutalen Terrors der deutschen Besatzer, der sich mit Geiselnahmen und Geiselmorden gegen die Zivilbevölkerung, vor allem gegen Familienangehörige, Freunde und Bekannte von Partisanen richtet. Ähnlich wie in der Erzählung „Von gleicher Substanz wie das Blut“ wurden auch Calvinos Eltern von der SS in Geiselhaft genommen, und man folterte den Vater im Beisein der Mutter mit Scheinerschießungen, um Auskünfte über den Verbleib der Kinder zu erpressen, die – wie es heißt – „in die Berge gegangen“ waren. Verstörend sind manche dieser Partisanengeschichten, wenn sie sich in dunklen Andeutungen über das grausame Geschick ergehen, das „Verrätern“ und Denunzianten beschieden war. Calvino selbst verleugnete nicht – wie es 1964 in einem Rückblick auf die autobiographischen Hintergründe seiner literarischen Anfänge heißt –, was für den jungen Mann aus gutem Hause, dessen etwas versnobter „stiller Antifaschismus“ von der Abscheu „gegen den Kult der kriegerischen Gewalt“ motiviert war, dagegen „die Gewalt des Partisanenkampfs“ bedeutete: „Ein Trauma, mein erstes.“
Seit der Befreiung Frankreichs im Sommer 1944 war die benachbarte italienische Provinz Ligurien nicht mehr nur inneres, sondern auch äußeres Frontgebiet, das für die deutschen Besatzer von enormer strategischer Bedeutung war. Besonders grausam haben sie hier gegenüber tatsächlichen oder vermeintlichen Widerstandsnestern gewütet. Um so heftiger waren die Kämpfe in Calvinos heimatlicher Landschaft, seitdem die Front von der Rivieraküste bei Menton, nicht weit von San Remo, die steilen Berghänge Liguriens hinauf, quer durch die Voralpen verlief. Die Entscheidung, sich den Partisanen anzuschließen, fiel inmitten geradezu versteinerter Verhältnisse: Da ist von zwei Brüdern die Rede, die, „am Rand der Schlucht“ sitzend, auf ihren künftigen Anführer, einen Kommunisten, warteten, der sich unterdessen in geologische Gedanken erging „und überlegte, wie sich die Felsen gebildet haben mochten und wie die Schlucht und die Berge, und wie viele Jahre die Erde alt war. Und alle gemeinsam diskutierten sie über die Gesteinsschichten, über die Erdzeitalter und über die Frage, wann der Krieg zu Ende sein würde.“
Als der Krieg zu Ende war erschienen die ersten Erzählungen Calvinos zunächst in Tageszeitungen und Zeitschriften. Anders als die Deutschen dürstete es die befreiten Italiener geradezu nach Neuigkeiten, nach novelle, und nach Schilderungen des Erlebten und Erlittenen oder des unter der langen faschistischen Epoche auch nur Versäumten: Die Menschen, schreibt Calvino rückblickend, wurden von „einer Art Erzählsucht“ ergriffen: „in den Zügen, die wieder zu fahren begannen, vollgestopft mit Menschen, Mehlsäcken, Ölbehältern, erzählte jeder Reisende völlig Unbekannten, was er erlebt hatte … Das Grau des Alltags schien einer anderen Zeit anzugehören; wir bewegten uns in einer bunten Welt von Geschichten.“ Und es sollte noch eine Weile dauern, bis die Reisenden in den Zügen mit so schweigsamen Gesten kommunizierten wie in Calvinos etwas prekärer, in den frühen sechziger Jahren von und mit Nino Manfredi meisterhaft verfilmten Erzählung vom amourösen „Abenteuer eines Rekruten“, welches dieser im stummen Verkehr mit einer ebenso schönen wie sinnlichen jungen Witwe (verkörpert von Fulvia Franco) teilte.
Davor und vor den noch kommenden italienischen Wirtschaftswunderjahren lag die Zeit der „Volksküchen“, der Generalstreiks und des Nachkriegsschismas zwischen den politischen und ideologischen Lagern. Calvino, der gleich nach dem Krieg ein neues Studium der Literaturwissenschaft aufnahm, um über Joseph Conrad zu promovieren, zog es in die für die politische Linke wiedergewonnene intellektuelle wie industrielle Hochburg Turin. Für die kommunistische Parteipresse verfasst er Reportagen, Erzählungen und Berichte, ohne zum Propagandisten einer literature engagé zu werden, die unter den Vertretern der italienischen Nachkriegsavantgarde, aller persönlichen Loyalitäten gegenüber den Parteikommunisten zum Trotz, durchweg verpönt war.
Die Tageszeitung L'Unità, das Zentralorgan des PCI, erschien damals mit regional unterschiedlichen Ausgaben – wie die bürgerliche Presse – auf nur vier Seiten. Die dritte Zeitungsseite, die unter dem Namen Terza Pagina auch als Ressort firmierte, war der Literatur und dem kulturellen Leben verschrieben, also dem, was in Deutschland Feuilleton heißt. Kein bedeutender italienischen Autor, der auf den Seiten dieses gut geölten Generators und Motors für die Entstehung und Verbreitung von anspruchsvoller Literatur nicht geschrieben, debütiert oder debattiert hätte! Einige unter ihnen – Giorgio Manganelli, Pier Paolo Pasolini, Italo Calvino, Umberto Eco und andere – entwickelten sich dort zu Meistern dessen, was in Deutschland leider noch immer etwas verschämt als „kleine Form“ des Erzählens verharmlost und allzu gering geschätzt wird. Calvino schrieb nicht nur für die L'Unità, sondern firmierte vom Frühjahr 1948 bis zum Herbst 1949 auch als deren verantwortlicher Redakteur für die Terza Pagina der Turiner Ausgabe.
Bis dahin hatte Calvino erste publizistische Erfahrungen lediglich als Zeichner von Cartoons gesammelt, die unter dem Pseudonym Jago um 1940 in einer von Giovanni Guareschi, dem Verfasser der „Don Camillo und Peppone“-Geschichten, betreuten Zeitschriftenrubrik erschienen sind. Neben dem Lesen, Schreiben und Schauen – Calvino war ein unermüdlicher Kinogänger, wovon seine „Autobiographie eines Zuschauers“ handelt – bot das passionierte Zeichnen und Skizzieren seiner poetischen Imagination eine nicht zu unterschätzende zusätzliche Quelle, die zugleich als Kontrollinstanz und Korrektiv fungieren konnte. Zu einem Zeitpunkt, als er eine längere Schreibpause einlegte, im August 1950, berichtet er seiner Kollegin Natalia Ginzburg in einem Brief, er habe angefangen, „Muscheln zu zeichnen“, einfach deshalb, „um nicht den Kontakt zu den Dingen zu verlieren“. Diesem lebendigen Vorläufer des Herrn Palomar – jener selbst geschaffenen, letzten Kunstfigur seiner Schriftstellerbiographie – war es seit seinen Anfängen auch ganz instinktiv darum zu tun, Denken und Anschauung zur geglückten Übereinstimmung zu bringen.
Der Entdecker, freundschaftliche Mentor und Förderer des Nachwuchsautors Italo Calvino war kein Geringerer als der früh aus dem Leben geschiedene Cesare Pavese. Dem noch unbekannten Debütanten verhalf Pavese dazu, seine Erzählungen und einen ersten Roman verlegerisch unterzubringen. Durch ihn fand Calvino auch den Zugang zu dem, was Antonio Gramsci, der geistige Übervater gleich mehrerer Generationen italienischer Intellektueller, ein focolaio di irradiazione genannt hatte: einen hegemonialen geistigen und kulturellen Mittelpunkt oder einen Ausstrahlungsherd, wobei die Teilnehmer auch gewissen Habitus und ein besonderes Ethos miteinander teilten. In Italiens intellektueller Hauptstadt Turin war dies für lange Zeit der dort niedergelassene, im Jahr 1933 gegründete Verlag von Giulio Einaudi, dessen – bis zum Niedergang in den 1980er Jahren – geradezu institutionelle Bedeutung prägend war für das ganze Land.
Mitbegründer des Verlags Einaudi war der Schriftsteller und Journalist Leone Ginzburg, der als einer der führenden Köpfe des Widerstands 1944 im römischen Gefängnis Regina Coeli von der Gestapo zu Tode gefoltert wurde. Er war verschwägert mit Carlo Levi, dem nach Lusitanien verbannten Maler und Verfasser des großen ethnographischen Berichts Christus kam nur bis Eboli, und Vater des Historikers Carlo Ginzburg. Leones Witwe Natalia Ginzburg teilte sich bei Einaudi in der Nachkriegszeit das Lektorat mit Elio Vittorini und Cesare Pavese als dem für das literarische Programm Hauptverantwortlichen. Mit dem Eintritt auch Calvinos in den Verlag im Jahr 1949 fand sich dort ein enger Zirkel von schreibenden Lektoren und lektorierenden Dichtern zusammen, die das literarische und intellektuelle Leben in Italien mitgestalteten und als eine Art Kaderschmiede entscheidend prägten, auch und gerade was die Zuflüsse an fremdsprachlicher Literatur in italienischen Übersetzungen anging.
Calvino leitete zunächst die Pressestelle des Verlags und war verantwortlicher Redakteur mehrerer Hauszeitschriften, bevor er nach dem Tod Paveses im Spätsommer 1950 für anderthalb Jahrzehnte als sein Nachfolger und Sachwalter im Lektorat wirkte. Von Calvinos Charakter, seiner mit schalkhafter Ironie gepaarten Strenge gegenüber dem eigenen Metier wie dem der anderen, erhält man großartige Einblicke in seinen Briefen: Einmal bescheinigt er dem Anbieter eines Manuskripts zwar „das Zeug zum Schriftsteller“, weist ihm im Anschluss aber am eingereichten Text minutiös die „vollkommene literarische Unfähigkeit“ nach, um ihm schließlich den beinahe kameradschaftlichen Bescheid zu erteilen. „Also, lieber Frosi, schicke ich Ihnen Ihr Manuskript zurück und erwarte Sie in ein paar Jahren wieder, Jahren des Lesens, des Überdenkens und guter Arbeit. Ich grüße Sie sehr herzlich...“
Calvinos erste Frucht ähnlicher Exerzitien war der 1947 erschienene Roman Wo Spinnen ihre Nester bauen. Wie alle seine Nachfolger, vom Geteilten Visconte und dem Ritter, den es es nicht gab bis hin zu den die Gattungsform künftig auflösenden Romanexperimenten Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt, Die unsichtbaren Städte und Wenn ein Reisender in einer Winternacht, war auch der von der Kritik ebenso gefeierte wie vom Lesepublikum goutierte Erstlingsroman weder seinen Stoffen noch dem narrativen Gestus nach von den „Erzählungen“ zu trennen, wie sie mittlerweile auch in deutscher Übertragung in einem Band (Schwierige Liebschaften, Hanser 2013) versammelt sind. Auch als Romancier ist und bleibt Calvino ein leidenschaftlicher Geschichtenerzähler. Aber auch ein listiger, wie schon sein erster Rezensent Cesare Pavese erkannt hatte, der ihn „ein Eichhörnchen der Feder“ nannte, dafür aber auch den plausibel nachvollziehbaren Grund anführte: Calvino klettere in seinem Debütroman „auf die Bäume – mehr zum Spiel als aus Angst –, um das Partisanenleben wie ein aufregendes buntes, 'andersartiges' Waldmärchen zu beobachten.“
Über diese Beobachterwarte als eine Präsenz und Distanz vereinigende Zwischenposition, die der Erzähler Italo Calvino beinahe durchgängig einnimmt, und zwar als eine Haltung, die weder die Nähe zu den Dingen und zum Geschehen verleugnet, noch sich allzu weit davon entfernt, wird noch zu sprechen sein – über ihre poetischen wie über ihre lebensweltlichen Gründe. Calvinos List in Wo Spinnen ihre Nester bauen beruht zunächst einmal darin, dass er Krieg und Bürgerkrieg aus der märchenhaft verzauberten, dem realen blutigen Geschehen damit zugleich aber auch entfremdeten Perspektive eines naiven und verträumten Knaben mit Namen Pin schildert, wie ihn ein Charles Dickens nicht besser hätte erfinden können, dessen Held Pip aus „Great Expectations“ hier ebenso Pate gestanden hat wie Grimmelshausens „Abenteuerlicher Simplicissimus“ und die ganze Tradition des pikaresken Romans. Neben dem Personal der Straßenjungs und Vagabunden, der leichten Mädels und Krieger, der Waldmenschen und Küstenbewohner sind vor allem die landschaftlichen Schauplätze und Bezüge im Roman dieselben wie in den Erzählungen dieser Jahre, desgleichen auch die Art und Weise, wie Menschen einander begegnen und wieder auseinandergehen.
Genau genommen, sind es zwei Welten, die hier wie dort im steten Wechsel berührt und dort, wo sie getrennt sind, miteinander verbunden werden, ebenso wie sie da, wo sie schicksalhaft einander verbunden scheinen, im Gegenzug wieder getrennt werden. Die eine und die andere Welt, beider Welten Zusammenhänge, beider Interaktionen und Unvereinbarkeiten, die wechselnde, aber auch noch in der Nahsicht auf die Dinge eine mittlere Distanz einnehmende Perspektive des Betrachters und Beobachters – dies scheint mir das große poetische, erzählerische und auch lebensgeschichtliche Thema Italo Calvinos zu sein. Es verbindet die frühesten, entweder an den Ufern und in den Wassern des Meeres oder in den Wäldern und Bergen des rauhen Hinterlands angesiedelten Erzählungen aus der erstmals 1949 erschienenen Sammlung Zuletzt kommt der Rabe mit den Exerzitien des Herrn Palomar in Calvinos letztem erzählerischen Werk von 1983, die ausgehen vom „Versuch, eine Welle zu lesen“, um in Meditationen angesichts der Welt und der Sterne und im Nachdenken über den Tod und das Sterben zu enden. Und dabei beruht jenes große, beinahe Proust'sche Thema – wäre es nicht ohnehin die geradezu experimentelle Fortsetzung von Prousts Recherche auf den Wegen und nach den Welten zweier cȏtés – auf präzise rekonstruierbaren topographischen und soziographischen Voraussetzungen in der lebendig erfahrenen Welt, in der Calvino auf- und herangewachsen ist.
„In San Remo – ein ungewöhnlicher Ort, der auf düsteren, offenen Bogen errichtet worden ist, so dass man unter der ganzen Stadt umherstreifen kann – finden sich bezaubernde Gartenterrassen ...“ Charles Dickens, der Italienreisende des Jahres 1844, vergaß hier hinzufügen, dass die Gartenterrassen die Möglichkeit boten, im Gegenzug auch über der ganzen Stadt umherzustreifen, mit Blick auf das Meer, den Rücken dem nahen, schroff ansteigenden Hinterland zugewandt. Und so wie Straßen und Treppen die unterschiedlichen Ebenen und Höhenniveaus dieser Stadt miteinander verbinden, so führen steile Wege und Pfade nach den bewaldeten Höhen des ligurischen Berglandes. Wenn auch noch in Sichtweite zum Meereshorizont, so ist dort ein ganz anderer Menschenschlag heimisch, ein verschwiegenes und verschrobenes Bergvolk, dessen Leben anderen Gesetzen und Rhythmen folgt als das der Städter und Küstenbewohner.
Doch wie durch ein Riegel war die kosmopolitische Stadt, war das Durcheinander ihres Hafens als eines geschäftigen Handelsplatzes von Waren und Menschen, von schrillen Tönen, und Stimmen der verschiedensten Zungen und war auch das Meer durch jenes nahe und doch so fremde Hinterland für lange Zeit wie abgeschirmt vom übrigen Italien und damit auch von der Geschichte und ihren Verwerfungen. Nicht mehr indessen seit dem Zweiten Weltkrieg: „Von den dunklen Gesimsbogen der Altstadt bis hinauf zu den Wäldern“, schreibt Calvino im nachgetragenen Vorwort zur Neuauflage seines Debütromans, „entfaltete sich eine einzige Geschichte, sie bestand im Sichverfolgen und Sichverstecken von Bewaffneten“, wovon nunmehr auch die Villen auf halber Anhöhe mit ihren paradiesischen Gärten nicht mehr unberührt blieben.
Damit hatte Calvino bereits seinen eigenen Standort definiert, als wie auf einer Gartenterrasse oder auf einem Aussichtsbalkon gelegen, einem auf halber Höhe situierten Zwischenreich, das die Stadt und das Meer, denen er sich zugehörig fühlte, und die Berge und Wälder, in die es die Partisanen zog, miteinander verband oder, je nach Betrachtungsweise, auch trennte: Italo Calvino, im Jahr 1923 auf Kuba geboren, wo sein Vater, ein bedeutender Agronom, seit 1917 eine Pflanzenzucht betrieb, wuchs seit der 1925 vollzogenen Rückkehr der Eltern nach Italien in der Jugendstil-Villa Meridiana von San Remo auf. Die Mutter war eine renommierte Biologin, und beide Elternteile entstammten einer Familie von Naturwissenschaftlern, vorwiegend Chemikern, die – wie die Mutter auch – einen Großteil ihres Lebens hinter dem Mikroskop verbrachten. Der erstgeborene Sohn, der im Bruch mit der Familientradition den Schriftstellerberuf wählte, blieb von seinem familiären Hintergrund nicht unberührt: Dieser war spürbar im konstanten Antrieb zur präzisen Beobachtung, dem Drang zu Perfektion und methodischer Systematik, zumal Flora und Fauna – auch menschliche – neben anderen kosmologischen Abteilungen unter den Objekten von Calvinos Beschreibungskunst stets eine herausragende Rolle einnehmen: Bis hin zur kosmographischen Erfassung jener mikrologisch kleinen Welt von Tautropfen und Haarlocken, von Wirbeln und Wellen, die auch schon Calvinos sehr viel früheren Landsmann Leonardo da' Vinci gleichermaßen als Maler, Schriftsteller und Naturforscher in den Bann gezogen hatten.
In der mit Sigmund Freud geteilten, festen Überzeugung, wonach „es die Schauplätze der ersten Jahre unseres Lebens sind, die unsere Vorstellungswelt formen“, begab sich Calvino in einem 1962 verfassten autobiographischen Essay unter dem Titel „Die Wege nach San Giovanni“ erneut auf die ausgetretenen Pfade und verschlungenen Wege, die er in seiner Kindheit an der Seite des Vaters beschritten hatte: Tagaus tagein war der Agronom frühmorgens schon im Jagdanzug und in Begleitung auch eines Hundes „bergauf“ zu seinen experimentellen Pflanzenkulturen und in die Wälder gezogen, um, wie es heißt, „seiner einzigen Leidenschaft“ nachzugehen: „zu erkennen, zu kultivieren und zu jagen“. Der Knabe musste ihn dabei täglich begleiten, wohingegen sein ganzes Sinnen und seine eigene karthographische Welt vom Hause aus "nach unten“ ging, dahin, wo in seinen Augen die Erwartung der Zukunft und, als deren Vorzeichen, „die Stadt schlechthin" lag, als „Vorschein aller möglichen Städte“.
Mithin lag die elterliche Villa für den Knaben „gleichsam auf der Grenze zwischen zwei Kontinenten“, einer ersehnten Welt „unterhalb" und einer davon getrennten Welt „oberhalb", zwischen denen jener hin und her schwankte, um gleichwohl hier wie dort Orientierung zu suchen: „Man versteht nun“, schreibt Calvino, „wie weit unsere Wege auseinandergingen, der meines Vaters und meiner. Aber auch ich, was suchte ich anderes als den gleichen Weg, den mein Vater ins Dickicht einer anderen Fremdheit geschlagen hatte, nun meinerseits in die Überwelt (oder die Hölle) der Menschen zu schlagen, was suchte ich mit meinem Blick in die trübe beleuchteten nächtlichen Hauseingänge (in denen manchmal der Schatten einer Frau verschwand), wenn nicht die halboffene Tür, die zu durchschreitende Kinoleinwand oder die umzublätternde Seite, die mich in eine andere Welt entführten, wo alle Wörter und Figuren wahr und greifbar wurden, gegenwärtig, meine Erfahrung...“
Das italienische Original dieses autobiographischen Schlüsseltexts trägt die Überschrift La strada (= Weg) di San Giovanni und korrespondiert nicht nur mit den zugehörigen Wegen und Pfaden des ligurischen Hinterlands, sondern auch mit dem Titel von Calvinos Erstlingsroman Il sentiero dei nidi di ragno. Der Saumpfad zu den Spinnennestern, unter denen der Knabe Pin die einem deutschen Soldaten entwendete Pistole versteckt hatte, war einer der Orte, an denen sich auch die Schicksale kreuzten, so wie auf dem väterlichen Pfad für den Knaben Italo – wie es in dem Essay heißt – „noch etwas zurückgeblieben ist, ein unbewältigter Rest", weshalb auch für den gereiften Schriftsteller, der sich tagaus tagein seinen Weg „durch Labyrinthe aus Mauern und beschriebenem Papier zu bahnen" hat, „der allmorgendliche Gang nach San Giovanni noch immer weitergeht", mit all seinen Zwiespälten.
Aber erst in den Zwiespälten und in den Zwischenwelten findet Calvinos steter Wunsch, "anderswo zu sein", seine Nahrung und bestünde diese auch nur, wie beim Lesen und beim Schreiben, aus Papier oder, wie im Kino, aus rechteckigen Bildern, die über die weiße Leinwand laufen. Hier wie dort wird vom gewöhnlichen Leben Distanz genommen, wird die Realität verwandelt und womöglich ins Märchenhafte verzaubert, bis das Märchen schließlich in die Realität zurückgeholt wird, um endlich wahr zu werden, als Realität auf dem Papier (oder auf der Leinwand). Für Calvino vermag auf diesen Unterlagen buchstäblich alles wahr zu werden, das Phantastische wird zur beschriebenen Realität, liefert keine Kopie des gewöhnlichen Lebens und der profanen Realität, sondern ist deren Äquivalent als etwas ganz anderes oder als deren Anderswo schlechthin.
Schon Pavese hatte Calvino einen durchgängigen Märchenton, eine „Märchenstimme" attestiert. Sie ist in all seinen Erzählungen wiederzufinden, was ihn in den fünfziger Jahren geradezu prädestinierte, zum „italienischen Grimm“ zu werden: Im Auftrag des Einaudi Verlags machte sich Calvino daran, die auf der Apenninhalbinsel seit Jahrhunderten erzählten, in Anthologien verstreuten und in entlegenen volkskundlichen Werken aufgezeichneten Märchen zusammenzutragen, sie nach Regionen zu systematisieren und sie aus den unterschiedlichsten und entlegensten Mundarten in ein lesbares Italienisch zu übersetzen.
Zu seiner „Reise in die Märchenwelt“ getrieben, sah sich Calvino in der festen Überzeugung: „die Märchen sind wahr“. Ihre Wahrheit bestünde in einer Logik der „Verwandlung und Verzauberung“, die „Menschen, Tiere, Pflanzen, Gegenstände“ gleichermaßen berühre, als „die unendliche Möglichkeit alles dessen, was existiert, sich in alles andere zu verwandeln.“ Die Logik der Verwandlung, die Calvino in seinem letzten Werk, den bei seinem plötzlichen Tod im Jahr 1985 unvollendet gebliebenen Poetikvorlesungen „Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend“ im Rekurs auf Ovid und Lukrez zu einer literarischen Anthropologie ausbaut, ist seinem erzählerischen Werk von Anfang an immanent. Sie bleibt auch dort erhalten, wo Calvino in den fünfziger Jahren einen gewandelten, scheinbar profaneren Ton anschlägt, mit anderen Gattungsformen wie der Reportage und dem Essay experimentiert und dabei doch wieder die zuweilen unheimlichen und manchmal bloß absurden Phantasmen der neuen Realitäten erzählt: Von einer gigantischen Ameisenplage an der ligurischen Riviera, der die Menschen, die die Techniken der Naturbeherrschung scheinbar längst perfektioniert haben, vergeblich Herr zu werden suchen; von der Zerstörung der Städte durch die Bauwut von Investoren und Grundstücksspekulanten; oder von Wahlbetrug und anderen seltsamen Praktiken in einem wahren politischen Irrenhaus – Calvinos Langerzählungen aus dem Wirtschaftswunderland Italien sind noch immer von erstaunlicher Frische und teilweise beklemmender Aktualität.
Narrative Experimente, die im Grunde doch weiter an der Märchenform haften, bietet der Zyklus von abenteuerlichen Erzählungen moderner Liebesverhältnisse unter Durchschnittsbürgern, die nicht weniger prekär und von scheiternden Erwartungen behaftet sind, wie die in den alten Mären geschilderten amourösen Begegnungen zwischen den Geschlechtern oder auch zwischen den beiden Königskindern, die zusammen nicht kommen konnten, weil das Wasser zu tief war. Zugleich kündigen sich in Calvinos Entwicklung neue und komplexere Formen des Erzählens an, die selbst dann, wenn sie die Romanform fingieren, sich doch für alle anderen literarischen Gattungen vom Märchen bis zur Reportage von der Kurzgeschichte bis zum Essay, vom Prosagedicht bis zum Traktat öffnen und durchlässig machen. Calvino folgt einer ebenso einfachen wie hochkomplexen Poetik, die zwischen den Polen eines anschaulichen Denkens und der denkenden Anschauung oszilliert.
Wovon Calvino erzählt, das lässt sich immer auch beschreiben, und seine Beschreibungen lassen stets genügend Raum zur Reflexion bis hin zu einem rein meditativen Erfassen der Dinge. Seine Erzähl- und Beschreibungsverfahren stehen wie im Bunde mit Goethes Ideal des Weltschauens als eines erkennenden, eines 'sehenden Sehens', das zur „zarten Empirie“ gerinnt, die sich „mit ihrem Gegenstand innigst identisch macht und dadurch zur eigentlichen Theorie“ werde. 'Zarte Geometrien' verbinden alsdann Calvinos frühe mit seinen späteren Erzählungen: In „Ein Schiff voller Krebse“ teilt ein trotz aller Schlichtheit ziemlich ätherisch anmutendes Mädchen den versammelten Strandbuben eine Lektion: „Das Mädchen blickte alle an und lachte. Dann drehte es ihnen den Rücken zu, ging bis an die Spitze des Bugs, hob beide Arme, führte sie an den Händen zusammen, sprang ab, wobei es die Arme wieder ausbreitete, wie ein Engel, tauchte ins Wasser und schwamm davon, ohne sich umzublicken.“
Geheimnisvoll und madonnengleich bewegt sich das blonde und ob der Farbe seines Anoraks „himmelblaue Mädchen auf Skiern“ in der Erzählung vom „Abenteuer eines Skifahrers“ – eines Jungen, der gegenüber der Eleganz und beinahe schwerelosen Leichtigkeit, mit der jene sämtliche Kurven nimmt, immer nur das Nachsehen hat: „... inmitten des ganzen Gewusels von undeutlichen und verwechselbaren Gestalten war ihre nur wie eine oszillierende Klammer gezeichnete himmelblaue Figur durchaus noch erkennbar, ja sie blieb die einzige, die man verfolgen und unterscheiden konnte, dem Zufall und dem Chaos enthoben. Die Luft war so klar, dass der Junge mit der grünen Sonnenbrille glaubte, im Schnee das dichte Netz der geraden und schrägen Skispuren zu erraten, die Streifen, die Buckel, die Löcher, die Eindrücke der Skistockteller, und ihm schien, dass da in dem formlosen Sammelsurium des Lebens die geheime Linie verborgen war, die Harmonie, die allein das himmelblaue Mädchen zu finden vermochte, und dass dies ihr Wunder war, jederzeit im Chaos der tausend möglichen Bewegungen, die eine und nur diese zu wählen, die richtig und klar und leicht und notwendig war, die eine Geste und nur diese unter tausend, auf die es ankam.“
Nicht anders zeichnet die Geste von Italo Calvinos schreibender Hand auf weißen Blättern.
Aus dem Nachwort Schwierige Liebschaften. Gesammelte Erzählungen von Italo Calvino.
Mit freundlicher Genehmigung des Hanser Verlags
„Ich bedaure, dass wir uns nicht kennen“. Briefe 1941-1985, ausgewählt und kommentiert von Franziska Meier. Aus dem Italienischen von Barbara Kleiner, München 2007.„Vorwort“ (1964), in: Wo Spinnen ihre Nester bauen. Roman. Mit einem Nachwort von Cesare Pavese, Aus dem Italienischen von Thomas Kolberger, München 1992, S. 5-26:
Herr Palomar. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1985.
Der Baron auf den Bäumen. Roman. Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostitz, München 1991.
Der geteilte Visconte. Roman. Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostitz, München 1991.
Der Ritter den es nicht gab. Roman. Aus dem Italienischen von Oswalt von Nostitz, München 1991.
Marcovaldo oder Die Jahreszeiten in der Stadt. Aus dem Italienischen von Nino Erné , Heinz Riedt und Caesar Rymarowicz, München 2000.
Die unsichtbaren Städte. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 2007.
Wenn ein Reisender in einer Winternacht. Roman. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1983..
„Der Weg nach San Giovanni“, in: Die Mülltonne und andere Geschichten. Mit einem Nachwort von Jean Starobinski. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1994, S. 9-35.
„Autobiographie eines Zuschauers“, in: Ebenda, S. 36-65.
„Einleitung“ in: Italienische Märchen, gesammelt, neu gefasst und eingeleitet von Italo Calvino. Aus dem Italienischen von Lisa Rüdiger, Zürich 1993, S. 7 ff.
Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend. Harvard Vorlesungen. Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, München 1991.

Italo Calvino

Italo Calvino
Geschriebene und ungeschriebene Welt
aus dem Italienischen von Anna Leube, Dietrich Leube
160 Seiten
Hanser Verlag 19.05.2026
Hardcover
ISBN 978-3-446-28580-4

Italo Calvino
Schwierige Liebschaften
Gesammelte Erzählungen
mit einem Nachwort von Volker Breidecker
864 Seiten
Hanser Verlag 2013
Hardcover
ISBN 978-3-446-24325-5
Erstellungsdatum: 24.08.2026