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Aus dem Notizbuch

Ahle Worscht und Krinoline

Eldad Stobezki


Reifrock-Krinoline von 1858. Foto: Wilhelm Storm. wikimedia commons

Wenn er nicht aus seinem Buch liest, schreibt er eines. Eldad Stobezki notiert, was ihm widerfährt, wenn er Verständigungs- und Wahrnehmungslücken spürt, und immer wieder die Kuriositäten, die die Sprache bereitstellt. Neben der Ahlen Worscht, Kleiderfragen und Michelangelo Buonarotti, Ravel und die Empfängnis geht es um die Bedeutung des schönen deutschen Wortes „Zustrombegrenzungsgesetz“.

 

In einer Kleinstadt in Nordhessen hatte ich aus meinem Buch gelesen. Nach der Lesung saß ich mit der Buchhändlerin und anderen Gästen in einem Restaurant. Es war bereits spät, und die Küche hatte geschlossen. Vorbestellt war eine reichhaltige Käse- und Wurstplatte. Man fragte mich, ob ich wüsste, was Ahle Worscht sei. „Ich weiß auch, was Eichsfelder Stracke ist“, antwortete ich.

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Mein Neffe schickte mir aus Israel ein Video von seiner Fahrt zum Toten Meer. „Vor lauter Steinen sieht man die Wüste nicht“, bemerkte ich dazu.

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Meine Freundin Dalia, Musiklehrerin in Israel, erinnerte mich heute an den 150. Geburtstag von Maurice Ravel. „Ja“, schrieb ich zurück, „mir wird schon schwindelig, wenn im Radio wieder sein Boléro erklingt“. Auf Bayern Klassik kündigte der Moderator Ravels Einakter-Oper „Die Spanische Stunde“ an. Die Handlung spielt im 18. Jahrhundert, in einem Uhrmacherladen in Toledo. Torquemada betreibt ein gut florierendes Geschäft. Seine Frau Concepción hat zwei und am Ende drei Liebhaber. Am Schluss singen alle fünf vergnügt zusammen. Der Name Concepción bedeute die unbefleckte Empfängnis, erklärte der Moderator. Das ist falsch, lieber Moderator. Richtig heißt es auf Spanisch: inmaculada concepción, und hat mit dieser Oper nichts zu tun. Aus Annie Ernaux’ Roman „Das Ereignis“ wissen wir, wie befleckt eine Empfängnis ist.

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Am Weltfrauentag sahen wir die Oper „Le postillon de Lonjumeau“ von Adolphe Adam (1803—1856). Eine komische Oper, natürlich mit einem Happy End. Die Kostüme spiegeln die Mode des 18. Jahrhunderts wider, genauer gesagt die Zeit Ludwigs XV. von Frankreich (1715–1774). Die weibliche Hauptfigur trägt eine Krinoline. Ich kann kaum glauben, dass Frauen freiwillig diese Reifröcke getragen haben. Wie setzt man sich damit hin? Wie benutzt man die Toilette? Ein Horror. Da sind die Frauen doch ein Stück weiter gekommen, auch wenn sie, bei gleicher Leistung, immer noch weniger verdienen als Männer. Dann kam die gute Nachricht des Tages aus Warschau: Aktivistinnen hatten eine Abtreibungsklinik eröffnet.

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Übrigens feiern wir in diesem Jahr den 550. Geburtstag Michelangelos. Ich schrieb Dalia, dass er sich drei Monate vor den Medici versteckte, weil er um sein Leben fürchten musste. Er hatte die republikanische Regierung unterstützt, die gegen die Medici kämpfte. Papst Clemens VII., ein Mitglied der Medici-Familie, bewunderte Michelangelos Kunst und begnadigte ihn.

Künstler, die sich gegen Regierungen stellen, werden auch heute bedroht. Sie fliehen in demokratische Länder, doch denen droht gerade der Verlust ihrer demokratischen Werte.

Ich schrieb Dalia auch, dass Michelangelo schwul war. Darauf antwortete sie: „Ich kenne seine sexuelle Neigung. Das tut der Größe und Stärke seiner Kreativität keinen Abbruch.“

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„Zustrombegrenzungsgesetz“ – als wären Menschen die Ahr, die plötzlich über die Ufer tritt und ein Dorf mit sich reißt. Abgesehen davon, auch Überschwemmungen und Dürren wären weniger katastrophal, wenn alle den Klimawandel ernst nehmen würden. Wir könnten die Migration, und ich sage bewusst nicht „Das Migrationsproblem“, besser steuern, wenn frühere Regierungen das Thema mit Ehrlichkeit und Sachlichkeit behandelt hätten.

Erstellungsdatum: 22.03.2025