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Essay über die Welt und ihre Visualisierung

Alles ist Bild

Enno Rudolph


Magrittes „Ceci n’est pas une pipe“ als Graffiti. Foto: wikimedia commons

Ohne Weltanschauung sieht das Leben für uns Augenmenschen traurig aus. Was aber schauen wir, was sehen wir? Schon unsere individuell unterschiedlichen Sinne lassen uns zuweilen daran zweifeln, dass wir uns in einer gemeinsamen Realität befinden. Dazu kommt, dass wir nicht wissen, ob wir uns ein Bild machen oder nur ein Abbild. Enno Rudolph zeigt, wie das autonome Kunstwerk zur Einsicht führt.

 

Im Zeitalter der perfekten Visualisierungstechniken ist es zur totalen Erfassung der Lebensverläufe durch das Bild gekommen. Was im Bild erfasst ist, gilt als wirklich, tatsächlich oder gar wahr. Die Welt ist ihre Visualisierung. „Die Welt ist es, die mittels des Bildes ihr eigenes Selbstporträt macht“.(1) Dem Bild wird vertraut im Wissen um seine Nachträglichkeit, seine Abhängigkeit und seine Abbildhaftigkeit – gerade letzteres gilt als Authentizitätsbeweis. Ihm wird vertraut wegen seiner über allen Zweifel erhabenen Repräsentationsperfektion – garantiert durch den optimalen Standard der Visualisierungstechniken. Das Bild ist zwar mehr denn je abhängig vom Original, das es bloß vermittelt, aber es ist mehr denn je in der Lage, die Abwesenheit des Originals zu kompensieren, obwohl es dieses nur vermittelt. „Wir schalten jetzt direkt zu ….“: die folgenden Bilder „sind“ die Welt – in der Wohnstube. Ontologie und Repräsentation fallen zusammen – ein alter Philosophenkonflikt wurde ebenso elegant wie zeitgemäß gelöst, das Trauma von der Unerreichbarkeit der fernen Welt ist überwunden. Die Ambivalenz, dass für jedes Bild schon semantisch seine Defizienz mitgesagt und mitgegeben ist, dass es, wie getreu die Wiedergabe auch immer sein mag, immer „nur“ ein Bild bleibt, wird nicht erlebt. Im Gegenteil: Das Bild vertritt nicht nur auf authentische Weise das Original – es verdrängt es wie sein Über-Ich.

Was Helmuth Plessner einmal generell von jeder Übersetzung behauptete – jede Übersetzung sei ein „Verrat am Original“(2) – gilt natürlich gleichermaßen von der bildlichen „Übersetzung“ des Originals in sein Abbild: das Original wird um seine Unvertretbarkeit geprellt. Es wird kopiert, es wird multipliziert, es wird in den Schatten gestellt, sobald die Reproduktionen das erste „Blitzlicht der Welt“ erblickt haben, ähnlich wie eine Originalmedizin ersetzt wird durch sein Generikum, das billiger ist, obwohl ihm stets irgendeine wesentliche Eigenschaft fehlt. Niemand merkt es: das ist das Geheimnis des Markterfolgs der nachgeahmten Welt, so wie das des Schattenspiels in Platons Höhle: solange niemand weiß, dass die Figuren Schatten sind, ist die Welt „in Ordnung“. Und – ebenfalls wie bei Platon – niemand will es wissen. Darauf setzt die Bilderproduktion: niemand fragt nach dem Original, weil niemand es vermisst. Von dieser Manipulierbarkeit, von jenem Verrat zehrt jede Bildpolitik. Nota bene: Es kommt hinzu, dass Platons im besagten Gleichnis erzielte Wirkung einer Sehnsucht nach dem Original, dem ursprünglichen Licht als Symbol des Guten, im Kontext unverständlich scheint: Platons Welt ist nach seinem eigenen Bekunden nämlich ein Bild, erstellt nach einem Original, das überhaupt erst als Bild die Wirkung erhält, die sein Zweck ist: Bei Platon ist also das Original abhängig von seinem Abbild; ohne dieses bleibt es defizitär. Nur – dieser philosophische Mythos weiß es sogar: Wenn die Welt ein authentischer Lebensraum sein soll, dann darf sie nicht second hand sein. In Platons Bildwelt fallen Original und Bild zusammen.

Der Befund von der modernen Welt, die ihre eigene Visualisierung ist, bleibt vor diesem Hintergrund zwiespältig: als Ergebnis der Gegenwartsdiagnose ergibt sich, dass Visualisierung, verstanden als die mit ihrem Bild identisch gewordene Welt, zu einer Methode der Vergleichzeitigung geworden ist. Visualisierung schafft Partizipation aller an allen und allem – Akteure an jedem Teil der Welt können sich ihrer Zuschauer an jedem anderen Teil gewiss sein: Frei nach Kant kann ein Unrecht, das an irgendeinem Teil der Welt begangen wird, nunmehr an jedem anderen Teil der Welt gesehen werden – Kant musste noch auf die Solidarität des Gefühls setzen, während im Zeitalter der totalen Visualisierung auf die Augenzeugenschaft gesetzt werden kann: die Welt ist ein panoptisches Subjekt und Objekt in einem.

Und noch etwas: nie wurde – philosophisch gesprochen – die Gegenwart so wenig zwischen Vergangenheit und Zukunft zerrieben, wie „gegenwärtig“. Das dem Auge vermittelte Geschehen bedarf nicht nachträglicher Beglaubigung ungebrochener Gültigkeit; als Nachricht über das Jetzige im Jetzt kennt es kein Verfallsdatum. Geschichte wird vor ihrer Vergänglichkeit bewahrt, Vergangenheit von der Gegenwart überboten, Zukunft von der Gegenwart eingeholt. „Visionen“ sind nicht mehr Sache prophetischer Spezialkompetenzen, sondern Alltagsbeschäftigung von jedermann. Wer in der Gegenwart lebt, ist sorglos; Sorgen rechnen mit Zukunft.

Alles bis hierhin Gesagte gilt allerdings nur von einem einzigen Bildtyp und beansprucht von daher lediglich eine eingeschränkte Bedeutung: Es gilt vom Bild als Zeichen für eine bildlich externe Wirklichkeit, nach der allerdings, der raffinierten Vergleichzeitigungstechnik wegen, nicht mehr gefragt wird. Dennoch: diese versteckte und verdrängte Abhängigkeit sorgt dafür, dass diese Bilder die Welt niemals um Ereignisse bereichern, die nicht schon die Welt sind. Sie sind weder innovativ, noch – als Bilder – überraschend, mögen die Ereignisse, für die sie stehen, es noch so sehr sein. Es bleibt dabei – sie zeigen immer nur auf etwas, was origineller ist als sie, auch wenn ihre Betrachter das Medium mit dem Mediatisierten identifizieren. In der Konkurrenz mit Bildern, die kein Ereignis „illustrieren“, sondern die „selbst“ ein Ereignis herstellen (3), besser: ein Ereignis „sind“, können sie nicht bestehen. Ihnen bleibt auch hier nur der eher peinliche Versuch, sich als das wohlfeilere Double zu empfehlen.

Bilder, angesichts derer niemand auf den Gedanken käme, zu fragen, was sie darstellen, sind solche, die die Frage nach einem Original kraft ihrer Originalität obsolet machen. Wer immer ein solches Bild schafft, ist ein Künstler; wann immer sich einer Künstler nennt, verpflichtet er sich, ein solches Werk zu schaffen. Ein Bild, das die Frage nach seiner Legitimation durch ein Original erübrigt, ist autonom. Es zeigt auf sich, nicht auf anderes (4), es ist in diesem Sinne intransparent (5), vor allem aber ist es ein „Ereignis“ im strengen Sinne des Wortes: keines nämlich lediglich „in“ der Welt, wie diejenigen, die die Welt sind, indem sie auf sie zeigen, sondern Ereignis „von“ Welt.

Man hat aufgehört, zu definieren, was Kunst ist, lange bevor durch Hegel oder Danto deren „Ende“ ausgerufen wurde. Kant, unentbehrlich für alle diejenigen, die, wie Adorno oder Heidegger, einen Projektionsschirm benötigen, um zu sagen, was sie ablehnen, hat das Kunstwerk definiert als eines, das durch seine Existenz neue Maßstäbe setzt für… die Kunst.(6) Aber wer war der erste Künstler? Und – Maßstäbe nur für die Kunst und ihre Produzenten? Oder auch für ihre Betrachter und Konsumenten? Wenn ja, wer entscheidet, wann und durch wen die alten Maßstäbe durch die neuen annulliert werden?

Diese Fragen lassen sich nicht befriedigend beantworten. Kant hat sie im Übrigen selbst wieder dementiert, indem er eine Hermeneutik des Kunstwerks mitgeliefert hat, die verdeutlicht, wie ein Kunstwerk, gerade auch ein Bild, sich als Kunst erweist, nämlich durch eine unnachahmliche Wirkung: Kunst befreit. Sie befreit von der Welt durch Schaffung einer neuen, die sie ist. Das können keine transparenten Bilder, das können nur Bilder ohne Referenz – und Legitimationsbedarf. Das können nur die Bilder, deren Betrachtung einer Entdeckungsreise gleichkommt, die das ganze Leben kostet.

Ein solches Bild ist von der Evidenzqualität einer Metapher, deren Originalität nicht in dem Bild zu suchen ist, das sie versprachlicht, sondern in der Verknüpfung mit einer Bedeutung, die sie visualisiert. Die Metapher gibt ein Exempel für das, was ein autonomes Bild leistet: Erzeugung von Faszination davon, wie mit Bekanntem, nämlich Farben, Flächen, Figuren, Unbekanntes sichtbar geschaffen werden kann, keine sekundäre Visualisierung, sondern visualisierte Originalität. Goyas schlafende Vernunft zum Beispiel demonstriert pars pro toto, wie die vertrauten Dimensionen des Lebens um unvertraute komplementiert werden.

Der Blick auf das Bild perzipiert dies im Nu: Wie die Metapher im Allgemeinen, sofern sie nicht zum Arsenal der „toten Metaphern“ gehört, so wirken die autonomen Bilder im Besonderen durch Evidenz des Neuen, Unerhörten, Unnachahmlichen und Unerschöpflichen. Jedes solcher Bilder ist sich selbst genug; jedes solcher Bilder kann nur über die Sicht zur Einsicht führen; jedes solcher Bilder wird von keiner Einsicht endgültig erschlossen.

Erstellungsdatum: 20.04.2026