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Mit der provokanten Frage „Mann oder Bär?“ zeigt Traudl Kupfer, wie tief das Misstrauen sitzt. Der Wald erscheint sicherer als das eigene Zuhause – das belegen Statistiken. Und wir wissen das nicht erst seit der mutigen Entscheidung von Gisèle Pelicot, ihren Prozess öffentlich zu machen und so einen erschütternden Einblick in die „Banalität“ der Täter zu geben. Also – alle Frauen raus aus dem Haus und rein in den Wald? Oder gibt es noch andere Möglichkeiten? „Es sind nicht alle Männer, aber es ist immer ein Mann.“
Als Lektor:innen haben wir es oft mit umständlich formulierten, ausschweifenden Texten zu tun, denen eine Kürzung sehr guttun würde. Und ich kürze sehr gern, muss ich zugeben. Zumindest Fachtexte. Mini-Sagas – Geschichten in exakt 50 Worten – zu verfassen, sind ein gutes Training für die Konzentration auf das Wesentliche. Ich liebe diese Texte. Und so stolperte ich kürzlich über ein Projekt einer 10. Klasse eines Gymnasiums in Frankfurt am Main, deren Schüler:innen Mini-Sagas im Unterricht verfasst haben. Eine dieser Geschichten einer namentlich nicht genannten Schülerin bzw. eines Schülers lautet:
Was? Ein Bär jagte mich durch den Wald. Dann hatte ich keine Kraft mehr, hörte auf zu rennen und ließ mich vom Bären fangen. Der Bär lächelte und umarmte mich. Aber warum hat er das getan? Ich war so neugierig und verwirrt, dass ich mich auf die Suche nach ihm machte.
Ich fragte mich, wie es dann wohl weitergehen würde, nachdem die Schreiberin den Bär gefunden hat. Und dann erinnerte ich mich an einen großartigen Essay von Elisa von Hof im Spiegel vom 14.09.2024, in dem sie Bezug nahm auf den aufsehenerregenden Prozess um den jahrelangen Missbrauch, die hundertfache Vergewaltigung, welche die Französin Gisèle Pelicot durch ihren Ehemann und mindestens 50 weitere Männer erleiden musste.
Eröffnet hat Elisa von Hof ihren Essay mit einer Frage, die auf TikTok im Zuge des Prozesses viral ging: Wem würden Frauen allein im Wald eher begegnen wollen – einem Mann oder einem Bären? Ein interessantes Gedankenexperiment, wie sich herausstellte. Denn die an der Diskussion beteiligten Frauen warteten mit folgenden Argumenten zugunsten des Bären auf:
Das Schlimmste, was der Bär mir antun kann, ist, mich umzubringen.
Der Bär würde es nicht filmen und allen seinen Freunden schicken.
Man würde nicht fragen, was ich anhatte, als es geschah.
Ob ich ihn vielleicht ermuntert hätte, mich anzugreifen.
Man würde mir glauben, dass es geschehen ist und dass ich es nicht gewollt habe.
Wenn ich den Angriff überlebe, muss ich den Bären danach nicht auf Familienfeiern wiedersehen.
Der Wald ist eigentlich nicht der gefährlichste Ort für Frauen, sondern das Zuhause. Oder um es noch präziser zu formulieren: „Solange es Männer gibt, gibt es keine sicheren Orte. Nirgendwo“, so Elisa von Hof. Dass man ihr hier eine populistische Pauschalierung, einen Generalverdacht vorwerfen könnte, ist ihr egal. Sie hat keine Lust mehr, besonders nett zu Männern zu sein, sie behutsam mitzunehmen, vorsichtig zu erklären, was schiefläuft. Und sie zu beschwichtigen, dass ja nicht alle Männer so seien, sondern nur die anderen.
Nun, die 50 identifizierten mutmaßlichen Täter sind alle keine „Monster“, sondern vermeintlich nette Nachbarn von nebenan, Familienväter, Krankenpfleger, Feuerwehrleute, Restaurantmanager etc. – ein Querschnitt der Gesellschaft. Und Elisa von Hof fragt ihre Leser – Leser, ohne zu gendern wohlgemerkt, also die Männer unter ihnen –, und zwar diejenigen, die sich gerade nicht angesprochen fühlen (die gibt es ja glücklicherweise auch noch), und die auch keinen solchen Mann kennen: Wie kann es sein, dass fast jede Frau in irgendeiner Form Opfer von Übergriffen wird, aber kein Mann einen Täter kennt?
Der Fall Gisèle Pelicot ist nur einer von Hunderttausenden von Vergewaltigungen, sexuellen Übergriffen und schlimmeren Verbrechen, denen Frauen täglich, stündlich weltweit ausgesetzt sind. Und solange es kein Umdenken unter den Männern gibt, entscheiden wir Frauen uns in der Frage „Mann oder Bär?“ wohl lieber für das Tier. Ihr merkt schon: Auch ich bin wütend. Wir Frauen reden viel zu wenig darüber, welchen sexuellen Übergriffen wir ausgesetzt waren oder sind. Diejenigen meiner Freundinnen, die offen mit mir darüber sprechen (zu wenige, viel zu wenige!), haben alle Übergriffe erlebt; auch ich, wenn auch nicht in dieser Monstrosität. Und ich werde in diesem kurzen Beitrag, dem brillanten zweiseitigen Essay von Elisa von Hof sicher nicht gerecht – denn hier liegt die Würze nicht in der Kürze. Der Beitrag ist auch eher als Denkanstoß oder Anregung für Diskussionen gedacht. Damit Übergriffe auf Frauen nicht ständig unter den Teppich gekehrt werden. Denn die Scham hat leider in den meisten Fällen immer noch nicht die Seite gewechselt. Dabei sollten die Täter sich schämen – in Grund und Boden! Chapeau, Gisèle Pelicot! Für den Mut, diesen Prozess vor aller Augen, in aller Öffentlichkeit stattfinden zu lassen. Damit die Welt erfährt, „wozu ein Durchschnittsmann fähig ist“. (Elisa von Hof)
Erstellungsdatum: 13.04.2026