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Wolfgang Bock zur Relektüre von Sartres Roman „Zeit der Reife“

An der Wirklichkeit vorbei

Wolfgang Fritz Bock


Jean-Paul Sartre. Zeichnung: Anna Stein

Was bleibt von der Freiheit, wenn sie sich nur um sich selbst dreht? In Jean-Paul Sartres „Zeit der Reife“ verdichten sich zwei Tage im Paris des Jahres 1938 zu einem Reigen aus Begehren, Eifersucht, Selbsttäuschung und existenzieller Entscheidung. Mathieu Delarue möchte frei bleiben und verliert dabei genau das, was ihn mit anderen Menschen verbindet. Eine Relektüre von Wolfgang Bock folgt Sartres Figuren durch diese Welt aus Philosophie und Kolportage und fragt, ob hinter dem großen Thema der Freiheit am Ende nicht vor allem die alten Klischees von Liebe, Alter, Geschlecht und Begehren sichtbar werden.

 

48 Stunden

Jean-Paul Sartre (1905–1980) schreibt den Roman Zeit der Reife(1) nicht als eines seiner ersten literarischen Werke. Das Buch, das 1945 in Frankreich erscheint (die erste deutsche Ausgabe ist von 1961) markiert aber den Beginn des Zyklus Die Wege der Freiheit. Er behandelt zwei Tage, den 13. und den 14. Juni 1938. Sartre schreibt hier durchaus in avantgardistischer literarischer Manier. Der kurze Handlungszeitraum von 48 Stunden, die vom Film inspirierte cut-up-Technik und der Wechsel von inneren Monologen zu wörtlicher Rede stellen ihn in einen formalen Zusammenhang etwa mit James Joycs‘ Ulysses, Virginia Woolfs Mrs. Dalloway, Arthur Schnitzlers Leutnant Gustl, John Dos Passos‘ Manhattan Transfer oder, früher, mit Gustave Flauberts Madame Bovary. Allerdings verfehlt Sartre trotz der Anwendung ähnlicher Mittel die literarische Qualität dieser Werke.

 

Ein politischer Rahmen

Die Rahmung des Buches ist politisch und philosophisch. In der ersten Szene trifft der Protagonist Mathieu Delarue, ein geachteter Philosophielehrer am Pariser Gymnasium, auf einen bettelnden Anarchisten, der ihn für seine milde Gabe mit einem Umschlag mit einer Briefmarke aus Madrid beschenkt. Dieser ist an die Adresse des Pariser Anarcho-Syndikalistischen Komitees gerichtet. Wie in Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig von 1911 ist damit zu Beginn ein großes Thema verfremdet und rätselhaft gegeben – bei Mann die Homosexualität und bei Sartre der spanische Bürgerkrieg. Aber auch Sartres Roman wird mit der Betonung des homoerotischen Motivs enden, allerdings mit einer anderen Akzentuierung als bei Mann. Offiziell geht es um seine Philosophie der Freiheit angesichts des drohenden Zweiten Weltkriegs. Der zweite Band der Reihe, Der Aufschub, behandelt die Zeit unmittelbar vor dem Münchner Abkommen; der dritte, Der Pfahl im Fleisch, einen Aufenthalt im Gefangenenlager. Von dem letzten, nur projektierten Band, Drôle d’amitié, existieren zwei Kapitel, der Rest ist unfertig geblieben.

 

Eine psychologisch gehaltene Milieustudie

Die Zeit der Reife kann aber durchaus eigenständig betrachtet werden. Denn darin geht zwar um die angegebenen Freiheitsmotive, zugleich handelt es sich aber auch um eine auf einer bestimmten Psychologie aufgespannten Milieustudie. Diese wird durch die gesellschaftliche Szenerie um den Philosophielehrer Mathieu Delarue gebildet. Er versteht sich als Sozialist und sympathisiert mit der KP, ohne allerdings dort einzutreten und politische Verantwortung zu übernehmen. Vielmehr ist der Roman um eine Freiheitsidee herum gebaut, die selbst irreale und fetischistische Züge trägt. Offiziell geht es um eine persönliche Unabhängigkeit im Leben. Diese hat kaum etwas mit der Pflichtidee des deutschen Idealismus wie bei Kant etwa zu tun. Sie versteht sich eher als ein solipsistisches „frei von“, als dass es sich um eine „Freiheit zu“ handelte. Es geht um die persönliche Freiheit des Protagonisten, die ebenfalls aus subjektiven Gründen empfindlich gestört wird. Mathieus langjährige Geliebte Marcelle gesteht ihm, dass ihre Periode zwei Monate ausgeblieben ist. Sein einziger Gedanke ist, das Kind abtreiben zu lassen. Er denkt im Folgenden an das Geld, das dazu nötig ist, um Marcelle vor einer Kurpfuscherin zu schützen. Das ist durchaus ehrenvoll, er erwägt aber nicht die Möglichkeit, dass Marcelle das Kind bekommen möchte. Er denkt also nicht daran, sie zu heiraten und in eine bürgerliche Existenz als Familienvater einzutreten. Mathieu hängt also an seiner persönlichen Freiheit. Diese benutzt er allerdings in der Praxis nur dazu, der jungen Ivich, der Schwester eines seiner Studenten, den Hof zu machen, die seine Versuche aber ablehnt.

Aus dieser Ignoranz heraus zeigt Daniel, ein homoerotischer Widersacher Mathieus bei Marcelle, der Mathieu bewundert und ihm zugleich schaden möchte, ein vorgeschobenes und gleisnerisches Verständnis für Marcelles Kinderwunsch. In Wirklichkeit geht es Daniel um Mathieu. Am Ende des Romans erliegt die junge Frau dann auch Daniels Einflüsterungen. Mathieu muss erkennen, dass seine Beschäftigung mit einer medizinisch sauberen Abtreibung für seine Geliebte ihn noch weiter von dieser entfernt hatte. Denn nun tritt der böse Widersacher, der sich damit erst spät offen zu seinem Schwulsein bekennt, als zukünftiger Ehemann von Marcelle auf. In der Schlussapotheose tritt bei Sartre dann eine Art metaphysische Verdammnis in der Hölle auf: Mathieu verliert Marcelle, diese heiratet einen homosexuellen Mann, der nicht wirklich an ihr interessiert ist und sie nicht glücklich machen wird. Daniel indessen hat mit diesem coup sein eigentliches perverses Ziel erreicht, nämlich im Umweg über Marcelles Zuneigung dem Mann Mathieu näherzukommen. Und sei es nur, indem er ihm schadet. Es geht in der Geschichte also um den Kontakt eines Mannes zum Mann durch die Frau.(2) Mathieu bleibt am Ende doppelt gehörnt zurück: als Philosoph, der seine Unabhängigkeit verliert, ebenso wie als heterosexueller Mann, dem seine Frauen davonlaufen. Man weiß nicht genau: Will Sartre das antibürgerliche Milieu als falsches Gegenbild zum bürgerlichen bloßstellen? Oder identifiziert er sich selbst mit der Hauptperson, in der anscheinend viele seiner eigenen Züge stecken? Denunziert er im „Sonntagsphilosophen“ Mathieu ironisch sich selbst oder ist dieser sein Anti-Held, der dem Nihilismus der Welt tapfer die Stirn bietet und weitermacht, auch wenn es keinen Sinn gibt? Man erfährt es bis zum Schluss des Buches nicht.

 

Eine Gruppe von Verlorenen

Die Geschichte ist jedenfalls enorm verwickelt. Sie spielt im Großen wie im Kleinen mit Motiven, die von Sartre mit psychologischem Einfühlungsvermögen aus einer Binnenperspektive geschildert werden. Zugleich bewahrt er sich dabei eine Distanz zu seinen Figuren wie Flaubert, wir finden hier aber auch wieder, das er dessen literarische Meisterschaft nicht erreicht. Statt dessen herrscht in dem Buch das Klischeehafte eines Groschenromans vor. Die Szenerie der ungewollten Schwangerschaft und die Unwilligkeit des Mannes, diese anzuerkennen, besitzt daher nicht umsonst Züge von Bertolt Brechts Dreigroschenoper oder der Story aus dem Film Kuhle Wampe von 1932. Auch dort ist der Mann unwillig, sich in die Not seiner schwangeren Freundin hineinzuversetzen. Man muss ihm erst proletarisch auf den Hut hauen, damit er sich wider Willen zu ihr bekennt. Das einigt durchaus die Männer der früheren Erzfeinde Deutschland und Frankreich: Mann ist Mann heißt überdies auch Brechts Stück um den Arbeiter Galy Gay von 1926. Wo diese hahnenhaften Über-Männer über die Freiheit reden, da treten die Frauen mit ihrem Leib für dieses Leben ein. „Mann bleibt Mann“ könnte daher in doppelter Hinsicht – trotz oder vielleicht wegen dessen Verbindung zu der Feministin Simone de Beauvoir – das wirkliche Motto von Sartres Roman abgeben. Mathieus Freiheit gegenüber Marcelle besteht nämlich darin, sich mit der jungen Medizinstudentin Ivich zu treffen. Die rasselt allerdings gerade durchs Physikum und will zudem nichts von den eher plumpen Annäherungsversuchen des für sie zu alten Mannes wissen. Spiegelbildlich dazu fällt Marcelle auf Daniel herein, der über sie an Mathieu gelangen möchte. Ivich wiederum ist mit Mathieu von sich aus nur dadurch verbunden, dass ihr jüngerer Bruder Boris dessen Schüler in der letzten Klasse auf dem Gymnasium ist und er ihn für seine Coolness sehr bewundert. Ansonsten bleibt sie Mathieu gegenüber kalt und pflegt lesbische Phantasien. Offen bleibt, ob sie überhaupt lieben kann. Auch solche Figurenkonstellation, wo der eine oder die andere nur zum Mittel für die Zwecke Anderer wird, erinnert an Brechts Formel vom „Denken in anderer Leute Köpfe“. 

 

Die Jugend und das Alter

Neben solchen gegenläufigen Beziehungen geht es in dem Buch um das nur vorgeschoben platonische Verhältnis zwischen den Generationen. Ivich ist vielleicht Zwanzig und Boris um die Achtzehn, während Mathieu bereits Mitte Dreißig ist und sich bereits sehr alt fühlt. Boris ist zudem der junge Geliebte der alternden Diva und Sängerin Lola Montez, die mindestens Vierzig ist. Zum eigentlichen Thema des Romans wird damit ein abstrakter und leerer Begriff von Freiheit, dem ein nicht minder abstrakter und leerer von Jugend und Altern gegenübergestellt wird. Es geht weniger um die tatsächlichen Gefühle in den Beziehungen als um ein permanentes Vorrechnen der Jahre des Altersunterschieds. Die politischen und philosophischen Fragen bilden dazu nur eine Fassade. Ein solches verdinglichtes Altwerden, das nur die Jahre und die Falten zählen will, ist ein beliebtes nicht weniger abstraktes Motiv auch der Nouvelle Vague-Filme in Frankreich. So soll man, wie es ein beliebtes Klischee will, angeblich auch Jean-Paul Belmondo im Film jeden Tag das Altern ansehen. Dabei konserviert der Film doch gerade das Antlitz. Es sind formalistische und in der Sache einer Liebe zwischen den Generationen inhaltsleere Phantasmagorien, die bis heute auch Kundinnen und Kunden der Schönheitschirurgie etwa in Brasilien antreiben. 

Von solchen Klischees ist Sartres Roman voll. Er schildert die sexuelle und metaphysische Halbwelt, die um das Tanzlokal Sumatra herum aufgebaut ist. Hier spielt auch die erste Hauptszene des Romans, in der die Aktion nach Art eines Pulp Fiction das erste Mal kulminiert. Mathieu hatte nach seinem Gespräch mit der schwangeren Marcelle eine Engelmacherin aufgesucht. Er war entsetzt von den persönlichen und hygienischen Verhältnissen, die dort herrschten. Er organisierte daraufhin einen Termin bei einem erfahrenen jüdischen Abtreibungsarzt, der aus Wien nach Paris geflohen war. Obwohl Mathieu als Lehrer gut verdient, benötigt er nun für diesen Arzt die große Summe von 5000 Francs. Er versucht sie sich bei verschiedenen seiner sogenannten Freunde zu leihen. Diese aber entpuppen sich als Machtspieler, die nur darauf aus sind, seine vermeintlich stoische Souveränität fallen sehen wollen. Auch das ist ein denunziatorisch eingesetztes homoerotisches Motiv bei Sartre, der damit die böse und perverse Welt der Schwulen zeigen will. So verfügt der angebliche Freund Daniel über das Geld, verleugnet das aber und verfolgt stattdessen eigene Pläne. Mathieus älterer Bruder Jacques, ein gut betuchter bürgerlicher Anwalt, hält Mathieu Moralpredigten und sein Schüler Boris versucht das Geld von seiner Freundin Lola zu bekommen, ohne ihr allerdings die wahren Motive dazu offenzulegen. 

 

Eher Phantome als Menschen

Die einzelnen Personen des Romans verkörpern als Allegorien klischeehaft abstrakte Positionen. Daniel ist der schlitzohrige Schwule, der seine wirklichen Motive verbirgt, böse Pläne schmiedet und körperliche Raufereien schätzt; Ivich und Boris sind die Kinder von russischen Adeligen, die vor der nach Frankreich geflohen sind. Sie verhalten sich so, wie man heute den narzisstischen Sozialisationstyp etwa nach Otto Kernberg und Fritz Morgenthaler beschreiben würde: Ivich ist mit ihren blonden Locken befasst, während Boris endemisch stiehlt. Lola ist die alternde Diva, die nur im Horizont von Ausgenutzt-Werden denkt, während Marcelle das Leben eines rosigen und einsamen Frauenzimmers führt, das niemals ausgeht und nur auf den Geliebten wartet. 

 

Erste Klimax im Sumatra

In der Szene im Nachtclub Sumatra langweilt Ivich sich so sehr, dass sie sich mit einem von Boris gestohlenen Messer einen tiefen Schnitt in die Hand beibringt. Sie tut das gleichsam als eine frühe Form eines Ritzens.(3) Mathieu durchsticht sich anschließend mit demselben Dolch den Handrücken, um ihr zu gefallen. In diesem Akt symbolischer Verbundenheit fließt allerdings Blut und kein Sperma; das war bereits anderswo geflossen. Die daraus resultierende eskapistische Nähe zwischen Mathieu und Ivich ist denn auch nur von kurzer Dauer. Währenddessen versucht Boris von Lola das Geld für Mathieu zu leihen, was ihm aber nicht gelingen will: Lola vermutet in ihrer Eifersucht eine andere Frau im Hintergrund. Man geht spät nach Hause.

 

I gonna marry you, I gonna burry you

Am Morgen danach erscheint Boris aufgelöst im Café bei Mathieu und Ivich. Lola habe zu viel Kokain geschnupft und läge nun tot in ihrem Bett, aus dem Boris geflohen sei. Mathieu geht für ihn in ihr Zimmer, um belastende Briefe des jungen Liebhabers zu retten. Er tut es aber auch aus dem Grund, um nun – die Zeit dräng – das Geld der Toten für Marcelles Abtreibung zu stehlen. Er nimmt das Geld zunächst nicht. Als er sich zum Gehen wendet, erweist sich Lola überraschend als lebendig. Erst später kehrt Mathieu zurück und entwendet diesmal die Scheine. Er trägt sie sogleich zu Marcelle, um damit die Abtreibung zu bezahlen. Inzwischen aber hatte Daniel, der die naive und wie Madame Butterfly träumende Marcelle seit einiger Zeit heimlich besucht, diese scheinheilig davon überzeigt, dass Mathieu angeblich seine Position zur Abtreibung ihres Kindes bereut habe. Er gedenke sie inzwischen sogar mit dem Kind zu heiraten, flüstert Daniel ihr als ihren eigenen Traum zugleich ein. Als Mathieu nun aber Marcelle gegenüber gar keine Anstalten dazu macht, sondern ihr nur das Geld bringt, erkennt sie schmerzlich ihren Irrtum. Sie lässt endgültig von ihm ab und wendet sich äußerlich wie innerlich dem Schmeichler Daniel zu. Dessen böser Plan geht damit auf. 

 

Zweite Klimax am Ende: Der gestohlene Brief, das gestohlene Geld, die gestohlenen Worte

Es fehlt nur noch der letzte Akt. In einem zweiten elliptischen Höhepunkt des Romans kommt es dann zu ernüchternden Gesprächen von Mathieus mit Ivich, Lola und Daniel: Ivich weiß mittlerweile, dass sie durch das Examen gefallen ist und zu ihren Eltern ins verhasste Provinzkaff zurückkehren muss, wo sie vermutlich gegen ihren Willen verheiratet wird und versauert. Lola dagegen hat den Diebstahl ihrer Ersparnisse entdeckt. Sie hat Boris in Verdacht und sucht ihren so jungen wie feigen Liebhaber vergeblich bei Mathieu. Sie beschuldigt ihn auch noch immer weiter, als Mathieu ihr gesteht, das Geld genommen zu haben. Kurz bevor Lola und Ivich gehen wollen, stellt sich schließlich auch noch Daniel bei Mathieu ein. Er hatte an der Tür gelauscht und auf seinen großen Moment gewartet: Er kommt von Marcelle und bringt nun das gestohlene Geld zurück. Lola erkennt es an ihrem Parfüm. Sie zieht daraufhin die angedrohte Anzeige zurück und geht zusammen mit Ivich. Daniel gesteht Mathieu nun seine Homosexualität und dass er Marcelle mit dem Kind heiraten wird. Mathieu bleibt doppelt düpiert zurück: als Mann und als existenzialistischer Philosoph. Er hat Marcelle für nichts verloren und steht allein und vollends vereinsamt da. Damit endet der Roman.

 

Und was soll das alles?

Wenn Sie sich jetzt als LeserInnen nach dieser zugegeben wüsten Handlungsbeschreibung fragen: Und was soll das alles? So ist diese Frage durchaus berechtigt. Der Rezensent hatte das Buch als junger Mensch vor mehr als fünfzig Jahren wie fast alles andere von Sartre auch gelesen. Er war damals beeindruckt von den Einsichten in die französische Gefühls- und Lebeswelt. Einige dieser frühen Eindrücke haben ihn sein Leben lang begleitet. Sie haben sich immerhin so weit bis in die heutige Zeit gerettet, dass daraus der Wunsch nach einer Relektüre erwuchs. 
Aber halten diese Motive das, was sie einst versprachen? Die Bilanz fällt eher nüchtern aus. Sartres Roman lebt – auch darin wieder durchaus ähnlich wie Thomas Manns Novelle Der Tod in Venedig – von seiner Einfühlung in solche vermeintlich bösen Halbwelten. In Wirklichkeit aber bewegt er sich eher in Klischees als in einer realistischen Wirklichkeit. Für seine Romanfiguren gilt das, was man den dramatischen Personen auch in seinen Theaterstücken vorgeworfen hat: Sie sind kaum lebendig und agieren zu stark als Allegorien allzu abstrakter Ideen. Die Wiedergabe der Eckpunkte der Romanhandlung offenbart überdies, dass Sartre in einer Tradition französischer Tragikomödien, wie etwa derjenigen von Eugène Scribe (1791–1861) steht, in denen Verwechselungsgeschichten, Scheintote, Messer, abgewehrte Küsse in Kutschen und verräterische Briefe oft genug als die eigentlichen Hauptpersonen hin- und hergeschoben werden. Im vorliegenden Fall handelt es sich um das Geld und um die damit verbundene Frage nach der Freiheit, deren Verfolg einen bürgerlichen Sumpf offenbaren. In diesem spielen die stereotyp gesetzten sexuellen Zuschreibungen die wichtigste Rollen. Anders gesagt, die Freiheitsdiskussion Sartres erscheint darin nur als eine vermeintliche. Die Freiheit geht hier sowohl auf Kosten der Frauen als auch der Schwulen. Und auch auf Kosten der Freiheit selbst. Der Protagonist Mathieu erlangt seine gelangweilte Freiheit zunächst auf dem Rücken seiner beiden Geliebten. Er verliert im Anschluss beide für nichts. Wenn Sartre das zum Ausdruck bringen wollte, umso besser. Allerdings weist die Fabel selbst auch Schwächen auf: Wenn Mathieu erkennt, dass Daniel seit langem heimlich Marcelle besucht, wie kann er sicher sein, dass er, obwohl er schwul ist, nicht doch auch mit ihr geschlafen hat und der leibliche Vater des Kindes sein könnte? Immerhin will er sie auch heiraten. Diese Frage stellt in dem Roman niemand. 

 

Ein Schatten

Daher hinterlässt die Lektüre des Buches beim Leser einen Schatten. Das liegt nicht allein an der etwas seltsamen Übersetzung von Hans Georg Brenner (1903-1961), der etwa statt des Ausdrucks „Backfisch” für ein junges Mädchen, nun „Bratfisch” übersetzt und statt eines „Mikrophons”, in das hineingesungen wird, von einem „Megaphon”. Das hätte man bereits 1961 besser wissen können. Es ist allerdings der Gestus der Kolportage, des mindestens ambivalenten und in der Sache ratlosen Fortsetzungsromans, von dem Sartres Schreiben hier getragen bleibt. Seine Philosophie des Absurden scheint dazu nur ein verdeckendes Mittel zu sein. Es ist genau besehen eigentlich gerade keine philosophische Programmliteratur. Sie wird dadurch nicht besser. Die weiteren Lieferungen des Zyklus verstärken diesen Eindruck noch. Und damit meldet sich die bange Frage: Ist das noch Literatur oder ist das schon Kitsch? Es war der Surrealismus, der mit seiner Dialektik versucht hat, diese Frage obsolet werden zu lassen, um auch diesen halbseidenen Rausch für die Revolution zu gewinnen. In dem Roman ist die surrealistische Position offiziell allerdings Mathieus Bruder Jacques, dem nun saturierten Anwalt, vorbehalten. Eine Parteinahme für den Surrealismus ist nicht Sartres Meinung, Breton und Bataille waren im wirklichen Leben seine Antipoden. Dem späten Leser scheint aber dennoch mehr von Sartre in Mathieu zu stecken als ihm und seinem Engagement offiziell lieb war. Kurz: Sartres Roman spielt weniger mit existenzialistischen philosophischen Motiven wie Freiheit und Entscheidung als mit psychologischen Klischees über Alter und sexueller Perversion. Insbesondere der coup mit dem männlichen sexuellen Begehren zum Mann durch die Frau verfolgt das Bild einer Homoerotik, die an der Wirklichkeit vorbei geht und einer eigen Projektions- und Reaktionsbildung Sartres folgen dürfte.

 

(1) Jean-Paul Sartre, Zeit der Reife (L’Âge de raison, frz. 1954, dt. 1961), Reinbek 1961.
(2) Das sind Motive, mit denen sich auch die deutschen Tiefenpsychologen Felix Boehm und Harald Schultz-Hencke befassten. Vgl. https://www.glanzundelend.de/Red24/S-U/michael_schroeter_auf_eigenem_weg_geschichte_der_psychoanalyse.htm.
(3) Vgl. zu den Körperbildern, die zuerst in der Literatur auftauchen und später erst von der Medizin beschrieben werden: Jean Starobinski, Kleine Geschichte des Körpergefühls, Frankfurt am Main: Fischer 1991. 

 

 

Erstellungsdatum: 14.10.2026