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Wolfgang Rüger über Erika Thomalla: Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus

Archäologie der Gegenwart

Wolfgang Rüger


Der Freund Nr.6 von Eckhart Nickel (Autor), Christian Kracht (Herausgeber)

Soll alles bleiben, wie es ist, muss sich alles ändern. Die Geschichte der Künste bestätigt das. Stets hat der Traditionsbruch zur Erhaltung der Tradition geführt. Er hat sie immer belebt. Ob nun die ars nova alles Vorhergehende als ars antiqua, nämlich für erledigt erklärte oder, im letzten Jahrhundert, eine avantgardistisch gesinnte Jugend die etablierten ästhetischen Maßstäbe aufbrechen oder in die Tonne treten wollte, – sie haben sich wiederum Maßstäbe und Regeln gegeben, die sich bald erledigt hatten. Erika Thomallas Geschichte des Popjournalismus belegt diesen Prozess. Wolfgang Rüger hat ihr Buch gelesen. 

 

Mitte der Achtziger erfuhr auch der deutsche Journalismus eine Frischzellenkur. Für wenige Jahre tauchte etwas auf, was als Popjournalismus bezeichnet wurde. Die Illustrierten hießen zum Beispiel Wiener, Tempo, Spex, Der Freund, Jetzt, Mode & Verzweiflung, Vanity Fair, Park Avenue.

Man orientierte sich an englischen und amerikanischen Autoren wie Julie Burchill, Tony Parsons, Lester Bangs, Hunter S. Thompson, Tom Wolfe, Joan Didion und Gay Talese und an Zeitschriften wie The Face aus England oder Actuel aus Frankreich. Gemeinsam war all diesen Blättern, dass es darum ging, „radikal autobiografisch zu schreiben“ (Christoph Gurk).

Erika Thomalla, Professorin an der LMU in München, forscht seit Jahren zur Buch- und Zeitschriftenkultur und präsentiert jetzt mit „Gegenwart machen. Eine Oral History des Popjournalismus“ eine vielstimmige Collage dieser Zeit. Sie hat mit annähernd hundert Leuten Gespräche geführt, die damals dabei waren, und schneidet diese so zusammen, dass daraus fast so etwas wie ein Dokumentarfilm entsteht.

Die Motivation der Newcomer war, alles, was dem Journalismus bis dahin hoch und heilig war, über den Haufen zu werfen. Clara Drechsler formuliert den Anspruch am radikalsten: „Es ist ein dauerhaftes Missverständnis, dass die Musikpresse irgendjemandem Respekt schuldet. Vielleicht kann man das für die großen Magazine sagen, die von Konzernen gemacht werden. Aber wir hatten nicht das Gefühl, dass wir irgendjemandem etwas schulden. Wir drehten die Idee eher um: Es ging uns nicht darum, dass wir uns bemühten, verstanden und gemocht zu werden, sondern wir fanden, dass die Leser und die Musiker sich anstrengen sollten, um uns zu verstehen. Wir wollten uns nicht erklären. Und auch die Bands nicht, über die wir schrieben.“ Die Message war der Text, der Stil. Es ging um Originalität, um eine eigene Sprache, um eine singuläre Meinung. In letzter Konsequenz konnte das bei Spex dazu führen, dass Platten besprochen wurden, die es gar nicht gab.

Letztlich war es eine Rebellion gegen alles Althergebrachte. „Mein Ansatz bestand dagegen darin“, ergänzt Diedrich Diederichsen, „die ganze Ideologie des Authentizismus und die damit verbundene Schreibweise abzulehnen. Was ich dagegen setzte, waren sehr unterschiedliche Dinge, die eigentlich gar nicht zusammenpassten, aber die gemeinsam hatten, dass sie mit Bruce Springsteen nicht vereinbar waren: einerseits theoretische Texte, zum Beispiel Deleuze/Guattari, andererseits aber auch Trashkultur, queere New Wave – also Dinge, die man aus der Machoposition des Rock nicht gut finden konnte –, aber auch Poppiges, Kindliches. Oder Punk, Transgression, Aggression. Es gab ein Potpourri an Gegenmodellen, und es war auf einmal gar nicht wichtig, was man selbst vertrat, sondern nur, wogegen man sich damit richtete.“

Bei den jugendlichen Lesern kam diese Schreibe gut an. Um den Trend der Zeit nicht zu verpassen, versuchten dann selbst seriöse Medien wie die Süddeutsche Zeitung mit ihrem SZ-Magazin an den Popjournalismus anzudocken. Ausgerechnet dort ereignete sich dann ein Super-GAU des deutschen Journalismus: Tom Kummer verkaufte dem Magazin haufenweise gefakte Interviews mit Hollywood-Größen. Hier wurde bitterer Ernst, was manchmal eine Spielerei war: „Das SZ-Magazin hat sich oft hart an der Grenze zwischen Fakten und Fiktion bewegt. Einmal haben wir ein Cover gemacht, bei dem Idi Amin angeblich auf dem Gardasee gesichtet wurde, beim Wasserski-Fahren.“ (Christian Kämmerling)

Es war eine Zeit, in der auch Äußerlichkeiten wichtig wurden. „Man konnte an Mode, Kleidung, Haarschnitt und so weiter ablesen“, erklärt Justin Hoffmann, „wofür jemand stand oder welcher Szene man angehörte.“ Die Welt wurde in Listen und Typologien eingeteilt. „Punks. Popper. Mods. Spießer. Und je klarer sich alles in Schubladen einsortieren lässt, desto mehr kann man natürlich damit spielen“, resümiert Johanna Adorján ein Konzept von Jetzt, der Jugendbeilage der SZ. Redaktionen sagten der Jugend, wo es langging. „Was cool ist und was nicht, das war damals eine wichtige Frage. Es gab ein Gespür dafür in der Redaktion. Man musste darüber nicht diskutieren, sondern war sich einig. Codes waren wichtig.“

Wie ein roter Faden zieht sich der Frankfurter Autor Eckart Nickel fast durchs ganze Buch. Gefühlt war er überall dabei. In einem persönlichen Gespräch hat er mal erwähnt, sein Ehrgeiz sei, in allen wichtigen Medien wenigstens einmal publiziert zu haben. Das erklärt vielleicht, warum schon der junge Nickel in jedem der damals angesagten Blätter mitgemischt hat. Kultstatus erlangte er spätestens als Mitherausgeber von Der Freund. Zusammen mit Christian Kracht entwickelte er ein Konzept für eine Zeitschrift, wie es sie auf dem deutschen Markt bis dahin nicht gab. Mit dem Springer-Konzern fanden sie einen Geldgeber, der das auf acht Ausgaben konzipierte „Gesamtkunstwerk, eine Mischung aus Punk und Dandytum“ (Sophie Zeitz) finanzierte. Neben den exquisiten Inhalten war vor allem der Erscheinungsort von Der Freund faszinierend: Kathmandu. Was für den Leser wie ein exotisches Versprechen daherkam, hatte aber ganz banale Gründe: „Die Herstellung war enorm kostengünstig. Ein Zimmer im Hotel Sugat kostete umgerechnet drei Dollar die Nacht. In Deutschland wäre das Magazin nicht machbar gewesen. Da gerät man in dieses Verwaltungsriesenrad und verliert wie auf dem Oktoberfest den Überblick vor lauter Bieren. In Kathmandu war das Arbeiten viel konzentrierter, feiner.“ (Eckart Nickel)

Der Faktor Finanzierung spielte bei allen Blättern des Popjournalismus eine große Rolle. Programmatisch folgten sie vergleichbaren Motiven, starke Differenzen gab es allerdings in Produktion und Vertrieb. Die konzerngestützten Illustrierten hatten diesbezüglich keine Probleme und verbrannten teilweise Millionen, die meist von Redaktionskollektiven finanzierten Fanzines hatten es da ungleich schwerer. Bei Mode & Verzweiflung mussten die Autoren Geld (100 DM) mitbringen. Spex konnte nur erscheinen, weil die Gründer mit jeweils 5000 DM einstiegen, und bei den Titanic-Gründern waren es gar 50 000 DM. Idealismus war noch nie umsonst.

Eines der aufschlussreichsten Kapitel ist der Geschichte von Titanic gewidmet. Die noch lebenden Helden dieses Frankfurter Tankers erzählen Anekdote um Anekdote. Zum Beispiel, wie Hans Zippert den vollkommen unbekannten Max Goldt entdeckte und ihn gegen große Widerstände ins Blatt hievte. Goldt bekam eine eigene Kolumne und wurde so zu einer heute unverwechselbaren Stimme in der deutschen Literatur. Oder 1988 die Aktion „Freiheit für Rudi Dutschke“. „Die Redaktion stellte sich vor der Frankfurter Uni auf“, erinnert sich Oliver Maria Schmitt, „sammelte Unterschriften und verteilte Aufkleber, die Dutschkes Freilassung forderten. Da war er fast zehn Jahre tot. Es war unglaublich, wie gut diese Aktion funktionierte und wie lustig sie war.“ Am Beispiel Titanic lässt sich auch sehr schön sehen, wie wechselnde Chefredakteure die „Stoßrichtung“ (Bernd Eilert) eines Blattes verändern können. Unter Martin Sonneborn kam es sogar zur Gründung einer Partei. Die Partei sitzt bis heute als verlängerter Arm der Titanic im EU-Parlament.

Wie sehr sich die Zeiten in den letzten vierzig Jahren verändert haben, kann man an den Statements der Frauen ablesen, die damals ins Business einsteigen wollten. Was die Grether-Schwestern über ihre Erfahrungen in der Spex-Redaktion erzählen, zeigt, wie verhärtet die Machtstrukturen selbst in der Alternativpresse in den Neunzigern noch waren und was der Kampf dieser Autorinnen für die Emanzipation bedeutete. So neuartig die Ziele waren, so altbacken die Macken der Jungs, die ans Ruder drängten. „Das war das Großartige an Tempo: dass das von Anfang an so unklein, so unbescheiden, eben als großes, strahlendes Siegerprojekt geplant war“, schwärmt Moritz von Uslar noch heute. Strukturell ging es nicht um Revolution, die Buben wollten an die Töpfe, an denen „diese Alt-68er und noch älteren ehemaligen HJ-Jungs und Wehrmachtsoffiziere“ (Maxim Biller) saßen. „Und jetzt kamen wir und vernichteten mit jeder unserer irren Ich-Geschichten ihre langweilige Edeljournalistenwelt. Dass wir nie ihre Auflagen erreichten, war egal, denn wir waren die Avantgarde, und das sind wir leider immer noch.“ Billers großkotzige Selbsteinschätzung hat sich bis heute gehalten. Der Prototyp dieses Größenwahns war Markus Peichl, der erste Chefredakteur von Tempo, der den deutschen Popjournalismus geprägt hat wie kein anderer. Wenn ihm danach war, verwarf er über Nacht ein bereits fertiges Heft, schrieb es im Alleingang um und bürstete die Stories auf Krawall.

Einige Jahre konnte man damit die Medienlandschaft aufmischen, wirklich erfolgreich war keines der konzernfinanzierten Blätter. Kurioserweise sind es zwei Frankfurter Medien, die von kleinen Verlagen gemacht werden und bis heute überlebt haben. Neben der Titanic gibt es noch das Journal Frankfurt, das bei seiner Gründung auf regionaler Ebene mit ähnlichem Anspruch angetreten ist wie die in Hamburg und München herausgegebenen Zeitgeistgazetten.

Thomallas reich bebildertes Buch ist intelligente Unterhaltung mit hohem Erkenntnisgewinn und ein unverzichtbares Dokument. Es erzählt nicht nur die Anfänge vieler inzwischen etablierter Autoren (Christian Kracht, Eckart Nickel, Thomas Meinecke, Maxim Biller, Clara Drechsler, Kerstin und Sandra Grether, Max Goldt, Diedrich Diederichsen, Benjamin von Stuckrad-Barre, Johanna Adorján, Rainald Goetz, Marcel Beyer, Dietmar Dath), es zeigt auch schmerzlich, was uns heute fehlt: aufregende, innovative, kontroverse, experimentelle, kurzweilige Printmedien.

 

 

Erika Thomalla

Gegenwart machen
Eine Oral History des Popjournalismus
Sachbuch
256 Seiten | Gebunden
€ (D) 36,– | sFr 47,90 | € (A) 37,10
ISBN 978-3-69097-005-1

Schöffling & Co. 2025

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Erstellungsdatum: 25.07.2026