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Ruth Hoffmanns „Raubzug von rechts“

Auch Staaten haben Seele

Matthias Buth


Plakat gegen Rechts (Ausschnitt) • Gestaltung: Christiane Mamok • www.verlagegegenrechts.de

Der französische Komponist Luc Ferrari hat einmal Reinheit als rassistisches Konzept bezeichnet. Daran erinnern die sprachlichen Differenzierungen, wenn es den Deutschen um das Deutsche geht. Wer ist Volkszugehöriger, wer -angehöriger? Wie deutsch ist der Deutsche? Wir sehen, dass die extreme Rechte nach den Begriffen unserer gesellschaftlichen Werte greift, um sie gegen die liberalen Deutschen umzudeuten. „Raubzug von rechts“ ist ein Buch, das diesen Vorgang aufschlüsselt. Dessen Autorin Ruth Hoffmann hält uns den Spiegel vor, schreibt Matthias Buth.

 

Sie kommen aus Uganda, Mauretanien, Tunesien, Kosovo, Ungarn, Indien, Irak und aus den Nachbarorten von Bergisch Gladbach, sie lächeln und wenden sich den Kranken zu, mit Können und aller Kraft, sehen hinab ins entblößte Menschendasein, waschen den Sterbenden am Morgen eingekotet von Nacht und Todesangst, geben einen aufmunternden Klaps auf den Fuß des Patienten im Bett auf dem Weg zu OP, im Aufzug „nur für Patienten und Begleitpersonal“, sie sind einfach da. Ohne sie wäre das von Franziskanerinnen getragene und geführte Krankhaus nicht da, wäre kein Ort der Rettung und Neubeginns – und so auch des schönsten Wortes in deutscher Sprache – der Barmherzigkeit, dem Begriff Nächsten-Liebe innerlich verwandt. Viele von den wunderbaren Menschen im Marienhospital kennen auch das bekannteste deutsche Gedicht, das Abendlied von Matthias Claudius, singen es mir ins Ohr, auch die letzte Strophe.

„So legt euch denn, ihr Brüder / In Gottes Namen nieder; / Kalt ist der Abendhauch. / Verschon uns, Gott! mit Strafen / Und laß uns ruhig schlafen! / Und unseren kranken Nachbarn auch!“

Ja, unseren kranken Nachbarn auch. Das sind wir. Und Zuwendung, Zugang und freundliche Lippen kommen von Menschen aus fernen Ländern, welche Wohltat, welch ein Glück!

So ist es in der Kreisstadt Bergisch Gladbach, so ist es in allen Teilen Deutschlands.

Über 300.000 ausländische Pflegekräfte arbeiten in Deutschland, in der Krankenpflege 177.000, in der Altenpflege:130.000, d.h. oder prozentual sind es 17, in der Altenpflege 21 Prozent.

Aus etwa 190 Ländern bzw. Ethnien kommen Menschen, die in Deutschland leben, gekommene, geflüchtete, gerufene Menschen. Die deutschen Länder seit dem Jahr 800, seit der Kaiser-Krönung von Karl dem Großen in Aachen, die Menschen in Fürstentümern, Königreichen und Herzogtümern hatten oft offene Arme für Fremde, Glaubensflüchtlinge, für Neu-Siedler. Ebenso hatten sie andere – meist Juden und Sinti und Roma – ausgegrenzt und verfolgt. In Mitteleuropa war es im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation bis 1806 immer so, nach der sogenannten Reichsgründung 1871 auch. Deutschland war immer vielsprachig mit Dominanz des Deutschen als Verständigungs- und Rechtssprache. Bis dann die Terrorzeit kam, die Zeit der Verbrecher und Massenmörder von 1933 bis 1945, jene Zeit unserer Vorfahren, auf die sich die Nationalisten der AfD beziehen, aus der sie den Begriff  „Schuldkomplex“ ableiten. Die AfDisten sind Menschen mit wenig Verstand, Gedächtnis, Bildung, Geist und Gemüt, eben Nationalisten wie die MAGA-Leute in den USA. Und sie versuchen, uns aus lebenserhaltenden Begriffen zu drängen: jenen des Grundgesetzes, der Kulturgeschichte Deutschlands und Europas und somit aus allem, was uns Grund und Fassung, Zusammengehörigkeit und ja – auch – Seele gibt. Auch Staaten haben Seele und so ein Leitmotiv.

Ruth Hoffmann ist diesem allen nachgegangen in einer brillanten Studie, die darstellt, beweist und vor Augen führt, was wir zum Teil schon wissen, aber so noch nicht gelesen haben, die Autorin ist Historikerin und Journalistin und schreibt uns so Erkenntnisse ins Herz, die Unruhe auslösen und zugleich Kräften mobilisieren.

Erich Kästner (1899-1974) hat die deutsche Grauenszeit genau erlebt und beobachtet. Die NS-Katastrophe nahm 70 Millionen Menschen das Leben und uns einen unverstellten Zugang zum Begriff, der uns bezeichnet: Deutschland. Gedichte wissen oft mehr als Politiker. So schrieb Erich Kästner:

Man darf nicht warten, bis der

Freiheitskampf Landesverrat genannt

wird. Man darf nicht warten, bis aus dem

Schneeball eine Lawine geworden ist.

Man muss den rollenden Schneeball

zertreten. Die Lawine hält keiner

mehr auf… Drohende Diktatoren

lassen sich nur bekämpfen, ehe sie

die Macht übernommen haben.


Der Schneeball AfD ist längst Lawine geworden. Sachsen-Anhalt wird unterm Schnee liegen im Herbst.
Und wir haben alle zugesehen.

Ein Kernbegriff, den sich die AfDisten kapern, ist jener der Nation. Sie gehen den im Nazi-Reich profilieren Sagen und Mythen nach, so dem Kyffhäuser-Mythos vom schlafenden Kaiser Friedrich I., genannt Barbarossa, dem Staufer-Kaiser im 12. Jahrhundert, der 1190 als Kreuzzügler auf dem Weg nach Jerusalem verstarb, dessen Grab bis heute unauffindbar ist und deshalb sagenumwoben tief unten im Berg schläft im Kyfffhäusergbirge im Thüringer Wald. Und da er nur schläft, kann er erwachen und „das Reich“ neu begründen.

Ruth Hoffmann
Raubzug von rechts
Familie, Freiheit, Widerstand: Wie die Rechte unsere Werte kapert und für ihre Zwecke missbraucht
288 S., geb.
ISBN: 978-3-442-30240-6
Goldmann Verlag

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Erstellungsdatum: 05.05.2026