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Wolfgang Bock über Tove Ditlevsens Kopenhagen Trilogie

Autofiktion und Lebenswille

Wolfgang Fritz Bock


Tove Ditlevsen. Foto: Aufbau Verlag

Schreiben oder zugrunde gehen: Tove Ditlevsens „Kopenhagen-Trilogie“ Kindheit, Jugend und Abhängigkeit ist Autofiktion und Realität. Es entsteht das Porträt einer Frau, für die Schreiben nicht bloß Beruf, sondern eine Form des Überlebens ist und die sich gegen Armut, Abhängigkeit und gesellschaftliche Grenzen eine eigene Existenz erschreibt. Die Autorin zeichnet das Bild einer selbstbestimmten Frau, die ihr Leben nach eigenen Maßstäben gestaltete. Wolfgang Bock hat das Buch „bewohnt“ und wollte nicht mehr aufhören zu lesen.

 

Flucht und Welt

Wer sich in die dreiteilige Autobiografie der dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen (1917–1976) vertieft, findet sich in einer Atmosphäre der Authentizität und der Identifikation wieder. Und das, obwohl sie freimütig davon erzählt, dass ihr Bruder als ihr erster Kritiker sofort versteht, dass sie sich eine Biografie nur erträumt. Damit ist ein ähnliches Verhältnis von Fiktion und Realität angesprochen, wie es die Psychoanalyse als reflektierte Konstruktion von traumatischem Erlebnis und diesem entfliehenden Abwehrversuch zugleich kennt. In ihren drei Bänden Kindheit, Jugend und Abhängigkeit erzählt sie ihr Leben spröde und schonungslos als angehende Schriftstellerin in einer Welt, die davon ausgeht, dass ein Mädchen keine Dichterin werden kann. 

Ein Heliotropismus

Da sie aus der dänischen Unterklasse stammt, wurde ihr Werk oft zwischen Arbeiter- und Frauenliteratur verortet und mit ähnlichen Büchern von Annie Ernaux oder Rachel Cusk verglichen. Das mag nicht falsch sein. Den Kritiker aber bewegt ein anderes Motiv. Es ist ihr ungebrochener Wille, sich das Leben schreibend zu erobern. Sie will sich dadurch einen Raum für das eigene Selbst entwickeln. Damit reagiert sie auf die Widrigkeiten der mangelnden Privatsphäre, der ärmlichen ökonomischen Verhältnisse und den verstellten Bildungshorizont. Dieses Leben erscheint damit als unter diesen Umständen von einer größtmöglichen Autonomie bestimmt. Mit anderen Worten, ihr Wille zum Schreiben erscheint als ein unbändiger Trieb ähnlich dem Heliotropismus, der in einem alten Emblem die Pflanzen sich nicht nur zur materiellen Sonne, sondern auch zu dem dahinter wirkenden metaphysischen Stern wenden lässt. 

Schreiben oder Tod

In dieser Hinsicht gleicht Ditlevsen Rainer Maria Rilke in seiner Antwort auf die Frage des jungen Dichters Franz Xaver Kappus. Dieser hatte ihm Gedichte zur Probe mitgeschickt, die Rilke beiseitelässt, um ihm spröde mitzuteilen, dass einzige Kriterium einer Antwort auf seine Frage bestehe darin, dass er nicht anders könne als zu schreiben. Ob er ohne solches Schreiben zugrunde ginge? lautet Rilkes Gegenfrage.(1)  Es stellt sich heraus, dass Kappus eine solche Passion nicht hegte, sondern Journalist wurde. Anders Tove Ditlevsen. Sie wird, wie sie im Band Kindheit erzählt, für ihre Gedichte zunächst verlacht. Im Band Jugend aber erfährt sie Anerkennung dafür. Im Band Abhängigkeit schließlich erlangt sie noch während des Zweiten Weltkriegs in Dänemark ein Stadium des Erfolges. In diesem wird sie berühmt und kann von ihrem Schreiben leben. Freilich sieht sie sich zugleich anderen Problemen gegenüber, die mit ihrem Dasein als Frau zu tun haben. Das trifft allerdings schon auf die Mädchenzeit zu, wenn sie berichtet, dass ihr älterer Bruder von der Familie unterstützt wurde. Sie dagegen besaß in der Wohnung keinen privaten Bereich, ja nicht einmal eine Schublade, in der sie ihr Poesiealbum vor fremden Augen hätte gesichert unterbringen konnte. So musste sie es immer mit sich herumtragen. Das wiederum erinnert an den bekannten Essay von Virginia Woolf, die eine Generation älter ist: Ein Zimmer für sich allein aus dem Jahr 1929.(2)  Privatsphäre, materielle Unabhängigkeit und ein Talent aber bilden nur die notwendigen Voraussetzungen dazu, gute Bücher zu schreiben, sie sind aber nicht hinreichend. Ein Erfolg lässt sich nicht antizipieren, sondern nur im Nachgang feststellen. 

Schreiben und Existenz

Der zeitgeschichtliche Epochenhintergrund tritt bei Tove Ditlevsen vornehmlich im dritten Band hervor. Sie heiratet insgesamt viermal, wird schwanger, treibt ab und bekommt Kinder. So zeichnet sie eine Welt, die neben dem Schreiben aus Stillen und Erziehen, aber auch aus Begierde, Frigidität, Schmerz, Langeweile und Sehnsucht besteht. Diese Mischung treibt sie aus ihren Ehen in die Hände von Liebhabern und Abtreibungsärzten. Sie muss sie schließlich mit einer Drogensucht bezahlen. Es ist das zuweilen eine existenzialistische Atmosphäre, wie wir sie ebenfalls in Jean-Paul Sartres Roman Der Pfahl im Fleisch vorliegen haben, der 1938 am Vorabend des Münchner Abkommens in Paris spielt.(3)  Wie Tove Ditlevsen, so beschreibt auch Sartre, gestärkt durch die feministische Brille seiner Partnerin Simone de Beauvoir, die existenzielle Not einer Frau zwischen Kinderwunsch und Abtreibung, freilich tut er das aus der Sicht eines uneinsichtigen Mannes. Umgekehrt besitzt Ditlevsens Protagonistin ebenfalls eine männliche Härte sich selbst gegenüber. Diese macht sie überhaupt schreib- und lebenstüchtig. Darin ist die Dänin Hannah Arendt (1896-1975) verwandt, die mit ihrer Schnoddrigkeit und Distanz zum Leben auch ihrem Liebhaber Martin Heidegger nacheifert – im Guten wie im Schlechten.(4) Beide Frauen gehören in etwa der gleichen Generation an. Ebenso wie auch die jüdisch-ukrainisch-brasilianische Schriftstellerin Clarice Lispektor (1920–1977) mit ihren Romanen Nahe dem wilden Herzen (1944) oder Der Apfel im Dunkeln (1961).(5)  Diesen Frauen ist gemeinsam, dass sie schreiben, um ihre brüchige Realität in einer Form zu verarbeiten. Sie schildern keine heile Welt, sondern ihre Ausdrucksversuche noch von den Narben und Schründen ihres Geistes, ihrer Seele und ihrem Körper gezeichnet. Insofern bestätigen sie die Diagnose, wonach die Romanform in der Moderne vornehmlich der Ausdruck von Ratlosigkeit ist. Ein Roman bietet auf der semantischen Ebene keine „Lösung“ und keine Anweisung für ein gelingendes Leben. Erst die Vermischung von Ausdruck, Erzählung und Form bildet eine Konstellation, in der Wahrheit und Sehnsucht eine Rolle spielen. 

Dramatisierung und Verlust

Das Moment hat auch das Theater erkannt und aus der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen eine Dramenfassung hergestellt mit aktuellen deutschen Inszenierungen etwa in München 2024 oder in Bremen 2026. Schaut man eine Aufführung an und liest zuvor die literarische Vorlage, so merkt man allerdings, wie sehr die DramaturgInnen auf der Suche nach Sätzen sind, welche bereits vorherrschende Lagen bestätigen. Darunter schwindet die Aufmerksamkeit für die Dinge, die andere Autorinnen nicht ansprechen. Der Kritiker ist beeindruckt von Tove Ditlevsens Kampfesmut und ihrer Sensibilität sich dennoch als Schriftstellerin im männlich bestimmten Literaturbetrieb durchzusetzen. Ihre wertvollsten Sätze beziehen sich auf solche gegenläufigen Momente wie in der Erzählung Mitleid zu hegen für den Mann, den sie verlässt und für das ungeborene Kind, das nach ihrem Willen nicht auf die Welt kommen darf. Dieses Motiv durchzieht die Trilogie. Ihr erstes gedrucktes Gedicht handelt davon, obwohl sie es noch als junge Frau ohne sexuelle Erfahrung verfasst. 

Lesen und Laune

Ditlevsen schreibt im Medium einer Fiktionalität, die über eine reale Erfahrung hinausgreift und darin die Kosten des Lebens antizipierend mit umfängt. Vielleicht ist es gerade ihre umfassende Phantasie, die Lustprinzip und Realitätssinn auf diese unnachahmliche Weise zusammenfügt, die ihre Bücher so anziehend macht. Der Kritiker jedenfalls mag nicht mehr aufhören zu lesen, er bewohnt das Buch geradezu. Ihm geht es gut, wenn die Protagonisten glücklich ist und er leidet mit, wenn sie eine Phase des Unglücks erlebt. Er ist dem Buch und dem darin beschrieben Stück Leben so ausgesetzt wie ein Wanderer und seine Stimmung auf einer Hochebene der Sonne und dem Regen. Während eines solchen gehenden Lesens kann er in ihrer autofiktionalen Geschichte zugleich seine eigene erkennen. Und dieses Erkennen erfolgt umso stärker, je weniger sich die konkreten Lebensumstände gleichen.

 

(1) Vgl. https://www.glanzundelend.de/Red22/P-R/rilke_briefe_an_einen_jungen_dichter.htm.
(2)Vgl. Virginia Woolf: Ein eigenes Zimmer. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001.
(3) Vgl. Jean-Paul Sartre, Der Pfahl im Fleisch, Reinbek, Rowohlt 1987.
(4) Arendts Formel von der „Banalität des Bösen“ angesichts der Aussagen von Adolf Eichmann in Jerusa-lem mag allerdings weniger einer nüchternen politischen Analyse als einer tiefen Identifikation mit Hei-degger Position geschuldet sein. Vgl. dazu Emmanuel Faye, Hannah Arendt und Martin Heidegger. Zer-störung des Denkens, Würzburg: Königshausen & Neumann 2024.
(5) Vgl. Clarice Lispector, Nahe dem wilden Herzen. Übers. Ray-Güde Mertin und Corinna Santa Cruz. Schöffling & Co, Frankfurt am Main 2013; dies., Der Apfel im Dunkeln. Übers. Curt Meyer-Clason. Suhr-kamp, Frankfurt am Main 1983.

 

 

Tove Ditlevsen
Kopenhagen-Trilogie
übersetzt von Ursel Allenstein
Aufbau Verlag, Berlin 2022

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Erstellungsdatum: 30.09.2026