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Das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren. Teil 3

Bella Baxter: If I know the world, I can improve it! 

Leonie Englert


Ausschnitt Filmplakat Poor Things

Mit dem Gehirn eines Babys, aber im Körper einer Frau lernt die Protagonistin Bella in Yorgos Lanthimos Oscar-prämierten Film Poor Things die Welt kennen. Aufgrund ihrer Unwissenheit widersetzt sie sich wider aller Erwartungen, die an eine Frau in einer patriarchalen Gesellschaft gestellt werden, den gesellschaftlichen Konventionen. In ihrer Naivität spricht sie Unsagbares schamlos aus und hält der Gesellschaft somit einen Spiegel vor. Leonie Englert analysiert im dritten Teil ihrer Reihe über das subversive Potenzial naiver Frauenfiguren im Film, inwiefern die Erzählung der Figur Bella es bewerkstelligt, ein kapitalistisch-patriarchales System als Ideologie zu entlarven.

 

Im Film Poor Things von Yorgos Lanthimos wird die Naivität der Protagonistin Bella Baxter (Emma Stone) durchaus zur Bedrohung der dargestellten Ideologie. Doch anders als bei Barbie beruht ihre Naivität nicht auf der Erfahrung einer „anderen Welt“, sondern auf gar keiner Erfahrung. Bella ist formal der Prototyp des „Born Sexy Yesterday“-Trope. Der Arzt und Wissenschaftler Godwin Baxter (Willem Dafoe), der von Bella später immer God genannt wird, pflanzt einer schwangeren Frau, die sich umgebracht hat, das Gehirn ihres eigenen Babys ein und erschafft so einen neuen Menschen: mit dem Geist eines Babys in einem erwachsenen Frauenkörper. Er erschafft somit die patriarchale männliche Fantasie einer normschönen naiven Frau, die aufgrund ihres Unwissens und ihres eingeschränkten Intellekts kontrollierbar ist. Sie wird zunächst eingesperrt und von der Welt draußen ferngehalten. Auch der Male Gaze, der in das Konzept des „Sexy Born Yesterday“-Tropes passt, wird von dem Film zur Schau gestellt. Die Frau wird trotz ihrer eingeschränkten kindlichen Motorik und ihres offensichtlichen kleinkindlichen Intellekts von den beiden Männern, die sie kontrollieren, Godwin Baxter und seinem Studenten Max (Ramy Youssef), als potenzielle Sexualpartnerin betrachtet. In einer Einstellung, in der Bella, nachdem sie von ihrem „Vater“ betäubt worden ist, bewusstlos mit entblößter Brust auf dem Bett liegt, wird von der Kamera Max’ Blick auf ihre Brust eingefangen. Nachdem dargestellt worden ist, wie Bella ihre Sexualität durch Masturbation entdeckt, schlägt Godwin Max vor, Bella zu heiraten, unter der Bedingung, dass sie weiter im Haus bleibt. Er holt sich damit eine vertragliche Absicherung, um Bella für immer einzusperren. Max fragt ihn daraufhin: „I was wondering if perhaps you were raising her to be your mistress. A dark thought unworthy of me, I know. So, you are not laying with her?“ (Poor Things 2023, 0:29:50) Die Antwort von Godwin auf diese Frage ist zunächst, dass er physisch gar nicht in der Lage sei, Sex mit ihr zu haben. Seine Antwort beinhaltet also nicht, dass sie, die das Gehirn eines Kindes hat, kognitiv noch nicht in der Lage sei, eigene Entscheidungen zu treffen, und somit die Voraussetzung für Konsens fehle. Als zweites Argument erst bringt er an, dass er sich mehr als Vaterfigur sehe. Wir sehen also im ersten Teil des Filmes dabei zu, wie zwei Männer eine Frau, die die Welt nicht kennt und deswegen nicht weiß, was ihr geschieht, missbrauchen und sie ihrer Selbstbestimmung berauben. Hier wird also eine Welt männlicher Kontrolle über den weiblichen Körper dargestellt. 

Die missbräuchliche Zwangsbeziehung, in der sich Bella befindet, scheint auf den ersten Blick das Gegenteil einer subversiven Erzählung zu sein, doch um herauszufinden, ob trotz alledem ein subversives Potenzial in dem Charakter der Figur steckt, müssen wir uns anschauen, wie genau Bellas Naivität über den Film hinweg dargestellt wird und welchen Einfluss ihr Charakter auf den Kontext nimmt, in dem sie sich bewegt. 

Ihre Naivität verändert sich im Lauf der Zeit, je mehr ihr Gehirn sich entwickelt. Zu Beginn, ab dem Moment, in dem sie in der Lage ist zu sprechen, drückt sich ihre Naivität in klassischen frühkindlichen Verhaltensmustern aus: Sie ist unbefangen, unvoreingenommen, neugierig, begleitet von einer – aufgrund der Prämisse – selbstverständlichen Unwissenheit. Bemerkenswert ist jedoch, dass ihre Naivität nicht als ungefährliche „Cuteness“ (vgl. Ngai 2005, S. 815) dargestellt wird. Eher im Gegenteil geht mit ihrer Naivität, ganz anders als bei Barbie, eine gewisse Zerstörungslust einher. So zerstört sie zum Missfallen der Haushälterin reihenweise Geschirr und sticht mit großem Spaß einem männlichen Leichnam in Godwins Labor die Augen aus. Letzteres Ereignis wird kommentiert durch Max’ schockierten Blick (Poor Things 2023, 0:10:03). Es könnte als Warnung verstanden werden, dass ihre Naivität bedrohlich sein kann, auch wenn zu diesem Zeitpunkt, anders als bei der herkömmlichen Frankensteingeschichte, ihre Zerstörungswut keine Angst bei ihrem Schöpfer auslöst, bis zu dem Moment, in dem Godwin die Kontrolle über sie zu verlieren scheint: Bei einem Ausflug in den Park wird Bella handgreiflich, als sie versteht, dass Godwin ihr womöglich nie erlauben wird alleine hinaus und unter Menschen zu gehen. In diesem Moment wird sie für ihn und für das Konstrukt, das er geschaffen hat, zur Bedrohung. Er reagiert mit Gewalt und betäubt sie (Poor Things 2023, 0:19:00). 

Im ersten Teil des Films, in dem sie sich noch zuhause befindet, beruht ihre Naivität also auf ihrer Unwissenheit über die Welt, in der sie sich bewegt, und der daraus folgenden Missachtung gesellschaftlicher Konventionen und Regeln, verbunden mit einer intrinsischen Neugierde und dem Ausbleiben eines Schamgefühls, wenn ihr ihr missachtendes Verhalten gespiegelt wird. Letzteres würde ich nicht zu den klassischen kindlichen Eigenschaften zählen, sondern als Charakterzug deuten der dieser Rolle hinzugefügt wurde, um einen Zweck zu erfüllen, und zwar um die Entwicklung ihrer Sexualität als nicht schambehaftet darstellen zu können. Kinder hingegen entwickeln, vor allem zu Beginn der Pubertät, wenn sie ihre Sexualität entdecken, ein ausgeprägtes Schamgefühl. Ab diesem Moment entzieht sich Bellas Charakterentwicklung etwas der Logik der Entwicklung des kindlichen Gehirns und wird zu einer individuellen figurenspezifischen Entwicklung. 

Die Prämisse, die Bellas Naivität rechtfertigt, auch wenn sie nicht konsistent erzählt wird, erlaubt es dem Film jedoch, im Sinne des epischen Theaters von Brecht einen Verfremdungseffekt zu bewirken und dennoch ihre Figur glaubhaft wirken zu lassen. Ein wichtiger Verfremdungsfaktor ist Bellas eigene Sprache, die sie über den Film hinweg entwickelt. Die Tatsache, dass sie von sich selber immer in der dritten Person spricht, ermöglicht eine distanzierte Betrachtung. Wenn sie spricht, wirkt es, als kommentiere sie durchgehend das Geschehen um sie herum, ihre Gefühle und ihr Handeln. Hier zeigt sich eine Parallele zu Barbie, die immer alles ausspricht, was sie denkt. Bella betreibt eine ständige Selbstreflexion. Es bleibt nichts verborgen. Somit kommentiert sie die Verhältnisse, in denen sie sich bewegt und die sie zu verstehen versucht. Dies hindert das Publikum daran, emotional in den Film hineingezogen zu werden, es ermöglicht ihm vielmehr, durch Bellas Augen eine distanzierte Perspektive auf eine wahrgenommene Realität einzunehmen – und die Möglichkeit, diese als Ideologie zu erkennen. Auch die Fischaugenoptik, mit der große Teile des Films gedreht wurden, schafft eine Distanz zum Publikum. Die Linse, deren schwarze Umrandung sogar manchmal erscheint, wie wenn man durch ein Fernrohr blickt, macht die Medialität der Materie, die wir betrachten, sichtbar. Das hält uns davon ab, der Illusion einer dargestellten Realität zu verfallen, und hilft uns, sie als eine Darbietung zu verstehen. Doch wie wird nun diese Realität erzählt, in der sich Bella bewegt? 

Der Film spielt im Viktorianischen Zeitalter (1837-1901), welches geprägt war von der industriellen Revolution, die England in Verbindung mit der Expansion des British Empire von einer Agrargesellschaft in eine bedeutende Industriemacht verwandelte. Das Wirtschaftswachstum ging mit Armut, Überbevölkerung und der Ausbeutung der Arbeiter:innen einher. Die Arbeiter:innenklasse lebte unter elenden Bedingungen, litt unter langen Arbeitszeiten und niedrigen Löhnen. Die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößerte sich. Wir befinden uns also in einer Zeit, in der das kapitalistische Wirtschaftssystem an Fahrt aufnimmt und den Feudalismus ablöst. Es ist ein entscheidender historischer Wendepunkt für die Entwicklung der Gesellschaft, wie wir sie heute kennen. Es ist die Zeit, in der Marx „Das Kapital“ schrieb und eine Alternative zu dem sich manifestierenden Kapitalismus entworfen wurde. Doch bevor Bella lernt, was Kapitalismus ist, erfährt sie, was es bedeutet, als Eigentum behandelt zu werden. Sie bewegt sich in der neuen Klasse, die sich in diesem Zeitalter bildete: dem Bürgertum. Der viktorianische Kontext wird hyperstilisiert dargestellt und ist gespickt mit surrealen Fantasyelementen. Auch hier findet also durch die „Historisierung“ (vgl. Brecht 1967) der Narrative ein Verfremdungseffekt statt.
 
Durch die Prämisse von Poor Things und die anderen surrealen Elemente wie Enten mit Schweinsköpfen und Blasenrülpser wird deutlich gemacht, dass es sich hier um eine Distanzierung von der Wirklichkeit handelt. Sobald Bella dem Haus entflieht und mit dem Lebemann Duncan Wedderburn (Mark Ruffalo), der ihr ein Abenteuer verspricht, die Welt kennenlernt, erscheint diese in grellen Farben, und die märchenhafte Szenografie wird eindeutig als Kulisse zu erkennen gegeben. Die Welt erscheint also nicht als natürlich, sondern als von Menschen gemacht und somit auch als veränderbar. Bella entdeckt somit diese Welt, die sich als performativ zu erkennen gibt, als Ausdruck der vorherrschenden Ideologie, des ansteigenden Wohlstands des Bürgertums. Das Erste, was sie isst, sind Austern, womit der Wohlstand der sozialen Schicht markiert wird, in der sie sich bewegt. Welchen Einfluss hat also ihre Naivität auf diese bürgerliche viktorianische Welt, die sie umgibt? 


Bella hat in ihrer Naivität etwas Unemotionales, Ehrliches, Trotziges und Selbstbezogenes; wie ein Kind eben und nicht wie eine Erwachsene, die sich dumm stellt. Diese Naivität, die Duncan zunächst attraktiv fand, entpuppt sich für ihn, aber auch die gesellschaftliche Ordnung, zunehmend als eine Bedrohung. Denn Bellas Selbstbezogenheit bedeutet, dass sie sich nicht so verhält, wie sich eine Frau in der Gesellschaft der Norm nach zu verhalten hat, nämlich wie ein lächelndes, nickendes, zuhörendes und belanglose Dinge erzählendes Wesen. Sie spricht die sexuellen Implikationen von Duncans Freundin am Tisch explizit aus und blamiert ihn damit (Poor Things 2023, 0:49:52). Sie macht das nicht, um ihn zu ärgern, sondern weil sie ehrlich ist und sich nicht schämt. 

Da ihr gesellschaftliche Konventionen egal sind, weil sie sie nicht kennt, tut Bella, was sie will. Sie setzt in die Tat um, wovon Duncan nur spricht. In einer Szene, als er herausfindet, dass sie sich von einem Mann hat tätowieren lassen, der dann auch noch auf ihren Wunsch hin einen Cunnilingus an ihr ausführte, schlägt Duncan seinen Kopf auf den Rezeptionstresen des Hotels und weint. Sie klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter und sagt: „You too may tongueplay me, so I am not understanding this complicated feeling“ (Poor Things 2023, 0:58:38). Die Szene ist klar auf einen Lacher ausgelegt, denn sie spielt mit der Erwartung, dass das Publikum Duncans „complicated feeling“ versteht und Bellas Verhalten als ungewöhnlich wahrnimmt. Dieses Verständnis für seine Gefühle beruht auf einem gesellschaftlich internalisierten Besitzanspruch des Mannes in einer Liebesbeziehung. Der Witz entsteht durch die Umkehrung eines vertrauten, geschlechtlich codierten Narrativs: Nicht Duncan, sondern Bella folgt ihren Bedürfnissen, ohne Rücksicht auf ihn zu nehmen. Duncan, als Symbol des unreflektierten Patriarchats, wird mit einem Spiegelbild konfrontiert, das er nicht erträgt. Das Publikum lacht hier also, weil es versteht, dass das, was als gegeben erscheint, nicht gegeben ist. Wir erkennen, dass die vermeintliche Normalität (männlicher Besitzanspruch, passives Sexualleben von Frauen) keine natürliche Gegebenheit, sondern ideologisch produziert ist. Das Lachen markiert damit einen Moment der ideologiekritischen Erkenntnis. 


Duncan entführt Bella nach diesem Ereignis auf ein Kreuzfahrtschiff. Sie versteht diesen Akt missbräuchlicher Machtausübung als das, was er ist – „We are on a boat? […] You aim to trap Bella at sea!“ –, und entzieht sich seiner Nähe (Poor Things 2023, 1:01:58). Auf dem Schiff beginnt ihr Unwissen zu schwinden, was aber nicht bedeutet, dass sie nicht weiterhin naiv ist. Ihre Naivität verändert sich von Unwissenheit zu Unvoreingenommenheit und äußert sich vor allem durch offene Neugierde. Diese Neugierde ist das, was ihre Naivität so nachvollziehbar macht und nicht performativ erscheinen lässt. Denn dass sie so daran interessiert ist, zu lernen, zeugt davon, dass sie tatsächlich vieles nicht weiß. Das unterscheidet sie grundsätzlich von Barbie. Bella beginnt zu lesen, sich mit Philosophie auseinanderzusetzen und eine eigene moralische Überzeugung zu entwickeln. Dieser Prozess wird angeregt durch Harry (Jerrod Carmichael) und Martha (Hanna Schygulla), die sie auf dem Schiff kennenlernt. Harry wird ihr von Martha als Zyniker vorgestellt (Poor Things 2023, 1:07:19). Hier wird sie, nach dem unbewussten System (Duncan), mit dem passiven, aber sich selbst bewussten System (Harry), mit der Ideologie des Zynismus konfrontiert. Duncan ist sich seiner Ideologie nicht bewusst und hat kein Interesse, diese zu ändern, weil er die damit einhergehenden Privilegien genießt. Harry wiederum ist sich des Systems bewusst, hat kein Interesse es zu ändern, weil er glaubt, dass es sich nicht verändern lässt. 

Bella beginnt, Dinge zu beurteilen, und äußert das erste Mal ihre Haltung zur Welt. Als Bella, Martha und Harry gemeinsam auf Deck sitzen, bemerkt Bella gegenüber Martha: „Im reading Emerson. He speaks about the improvement of men. I do not know why he does not give advice to women. Perhaps he does not know any“ (Poor Things 2023, 1:10:10). Dieser Satz fällt beiläufig und offenbart doch einiges. Sie entlarvt damit die Naturalisierung der männlich zentrierten Sprache, in der „Mann“ und „Mensch“ synonym verwendet und Frauen nicht als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft anerkannt werden. Als Harry einwirft, dass Philosophie Zeitverschwendung sei, beginnt eine holzschnittartige Darstellung der Auseinandersetzung zwischen zwei sich fundamental widersprechenden Menschenbildern (Poor Things 2023, 1:10:25-1:1011). Das eine geht vom Guten im Menschen beziehungsweise von der Überzeugung aus, dass der Mensch sich zum Guten entwickeln kann. Martha sagt, „People and society can be improved“, worauf Bella hinzufügt: „It is the goal of all to improve, advance, progress, grow. I know this in me, and I am sure I am indicative of all.“ In Bellas Argumentation steckt, neben ihrer Überzeugung, dass sich Dinge ändern können, auch noch der Imperativ, dass es das Ziel sei, sich zu verändern und zu verbessern. Sie übersetzt damit dieses Weltbild in einen Aufruf zum Aktivismus. Harry wiederum entgegnet: „Trust me, you are definitely unique, Bella, in all ways. But this improvement through philosophy is people trying to run away from the fact that we are all cruel beasts. Born that way, die that way“. Harry bezeichnet Bella hier als Ausnahme, die von ihrer Fähigkeit zu lernen auf alle anderen schließe. Bella erwidert: „It is a dark view of things, Harry!“ Dieses andere Menschenbild, das vom Schlechten im Menschen beziehungsweise davon ausgeht, dass keine Veränderung möglich ist, ist das dominante Menschenbild unserer Gesellschaft (vgl. Bregman 2020, Kap. 1.1). Bella wird hier als eine Ausnahme dargestellt, die die Regel bestätigt. Doch Bella selber schließt von sich auf andere. Die Diskussion wird von Duncan unterbrochen, der kein Interesse daran hat, dass sich Bellas Intellekt weiterentwickelt, und der sich an ihrem sich entfaltenden Wissen stört: „You’re losing some of your adorable way of speaking.“ Bella entgegnet ihm, „I am a changable feast, as are all of us“ (Poor Things 2023, 1:11:25). Bella macht sich hier selbst zum Symbol der Veränderungsfähigkeit des Menschen und der Gesellschaft. Diese Einsicht und ihr gewonnenes Wissen werden als eine Gefahr für Duncan dargestellt, denn Wissen ist Macht, und er ist dabei, seine Macht zu verlieren. Dies wird immer deutlicher durch seine zunehmende Unfähigkeit, ihrer Schlagfertigkeit etwas entgegenzusetzen. Da, wo er keine Worte mehr findet, zerstört er - die abgebildete vorherrschende Wirklichkeit versinnbildlichend - in einem symbolischen Akt ihre Mittel zur Macht, indem er ihre Bücher ins Wasser wirft. 

In einem verzweifelten Versuch, seine Kontrolle über sie zurückzugewinnen, macht er ihr einen Heiratsantrag, um sie als sein Eigentum kontrollieren zu können. Als sie ablehnt, droht er damit, auch sie ins Wasser zu werfen. Sie erwidert: „So you wish to marry me or kill me?" Sie lässt ihn verzweifelt zurück und der Film gibt uns eine halbe Ewigkeit, in der Duncan sie sprachlos anstarrt, um diesen Moment zu verstehen (Poor Things 2023, 1:08:23-1:09:35). Sie spricht ein patriarchales kapitalistisches Grundprinzip an: Was nicht sein Eigentum sein kann wird zerstört, was wiederum darauf hindeutet dass Duncan sie trotz allem als sein Eigentum betrachtet. Denn der Kapitalismus beruht historisch auf dem Prinzip der „absoluten Sachherrschaft“ (Redecker 2020, S.23), auf dem Recht sein Eigentum zerstören zu dürfen.

Duncan, als Sinnbild für das unreflektierte Patriarchat, wird von Bellas Naivität an seine Grenzen gebracht. Nicht, weil Bella das System verstanden hat und dagegen rebelliert, sondern weil sie das System nicht kennt, weil das, was sie kennenlernt, für sie keinen Sinn ergibt und sie dementsprechend nicht daran glaubt und es in Frage stellt. Sie hat die Ideologie nicht internalisiert und lässt sie dadurch auch auf das Publikum als etwas Fremdes wirken. Überrascht über ihre eigenen Gefühle der Grausamkeit, die sie gegenüber Duncan, der ihr zunehmend lästig wird, empfindet, beginnt sie an ihrem Menschenbild zu zweifeln und sucht Harry auf. Sie offenbart ihm, dass sie diese grausame Seite in sich nicht schätze und an sich arbeiten wolle. Er entgegnet, dass sie die Welt nicht kenne und bietet ihr an, sie ihr zu zeigen (Poor Things 2023, 1:14:48-1:15:43). Anders als bei Barbie entscheidet sich Bella Baxter hier freiwillig, eine Wahrheit, nach der sie aktiv sucht, kennenzulernen. 


Bella und Harry verlassen beide komplett in Weiß gekleidet das Schiff. Weiß als Metapher für Unschuld, ist hier wohl nicht unbedacht gewählt. Sie fahren mit der Gondel auf ein in goldenes Gelb getauchtes Alexandria zu, wo sie in einem Turm Tee trinken, während die Schreie der Armen zu ihnen hochdringen. Holzschnittartig, geradezu symbolisch platt, wird hier die Schere zwischen Arm und Reich bildlich dargestellt: Oben trinken die Reichen Tee und können, wenn sie wollen, den Armen beim Sterben zusehen. Sie können aber auch in den Himmel schauen. Harry zeigt Bella, wo die Schreie herkommen. Sie stehen auf dem Balkon und schauen in die Tiefe. Wie die Armut unten dargestellt wird, gleicht den Schwarzweiß-Fotografien von Sebastião Salgado von den Goldminen in Brasilien, nur dass das Bild hier in ein goldenes Gelb getaucht ist. Durch diese Überspitzte Ästhetisierung des Elends, die auch Salgados Bildern anhaftet, wird die zynische Darstellung von Armut sichtbar gemacht. Sie blicken auf das Elend, wie auf ein Kunstwerk, ein goldenes, konsumierbares Elend. Diese Darstellung folgt einer neoliberalen Logik, nach dem Motto: Wenn wir Armut zu einem ästhetischen Produkt machen, lässt es sich verkaufen. Doch Bella scheint gegen diesen Zynismus, gegen die Abstumpfung, immun zu sein, denn sie sieht das Elend zum ersten Mal. Harry unterstreicht das gesehene Leid noch mit einer gewissen Genugtuung, als er Bellas schockiertes Gesicht sieht: „Lot of dead babies. Must be hot.“ Bella antwortet unter Tränen: „We must go help them.“ Doch Harry erwidert: „How will we do that? We go down there, they’ll quite rightfully rope us, rob us, and rape us. And if they were here and we were there, we’d do the same to them“ (Poor Things 2023, 1:15:43-1:17:18). 

Harry möchte Bella an dieser Stelle Beweise liefern für das Hobbes’sche Menschenbild, an das er glaubt. Doch Bella folgt ihrem Instinkt, der sagt: Wem es schlecht geht, dem muss geholfen werden. Sie rennt die Treppe hinunter und unterlegt mit dramatischer Musik sehen wir, wie Harry ihr hinterherrennt. Er hält sie davon ab, in den Abgrund zu fallen, und sie beißt ihm in die Hand, bevor sie mit Blut im Mund weinend zusammenbricht. Sie greift den Zynismus an, aber dieser hält sie trotzdem zurück. Die Kamera fährt raus, und wir sehen, dass die Treppe nach unten zerstört wurde, sodass es keinen Weg mehr gibt weder nach nach oben noch nach unten (Poor Things 2023, 1:17:56). Was wird uns mit diesem Bild gezeigt? Was Harry ihr von oben präsentiert hat, ist eine Wahrheit, die sie nur sehen kann, aber an der sie nichts ändern kann, ohne selbst zu fallen und sich zu verletzen. Es ist die karikierte Darstellung eines zynischen Weltbildes. Für die Figur Bella ist dieser Moment der einschneidendste des Films. Sie weint und erleidet zum ersten Mal einen emotionalen Zusammenbruch, der zwar übertrieben dramatisch, aber nicht satirisch dargestellt wird. Er reißt sie aus ihrer fröhlichen Neugier. Sie versteht die Verbindung zwischen ihrem Reichtum und der Armut der anderen und reagiert ehrlich schockiert über diesen Fakt. Man könnte meinen, das war’s nun mit der Naivität, jetzt hat sie gesehen, wie die Welt wirklich ist. Doch ihre Erkenntnis löst keine Resignation, sondern eine Aktion aus. Sie akzeptiert die abgebrochene Treppe, die die Verbindung unmöglich zu machen scheint, nicht. Zurück auf dem Schiff, gibt sie das Geld von Duncan, das er beim Glücksspiel gewonnen hat, an zwei Matrosen, die ihr versprechen, es an die Armen weiterzugeben (Poor Things 2023, 1:19:37). An dieser Stelle wird zu verstehen gegeben, dass diese Matrosen das Geld für sich behalten werden. Es wird wiederholt ein zynisches Weltbild des „egoistischen Menschen“ impliziert, welches Bella nicht versteht, weil sie es nicht kennt. An dieser Stelle geht ein subversives Potenzial verloren, denn wenn die Reaktion der Matrosen offen ließe, was sie mit dem Geld vorhaben, würden wir als Publikum uns vermutlich dabei erwischen, wie wir selbstverständlich davon ausgehen, dass sie das Geld für sich behalten, ohne zu wissen, ob dies tatsächlich die Erzählung ist. Diese mögliche Selbsterkenntnis wird uns an dieser Stelle leider genommen. 


Die Konsequenz von Bellas Großzügigkeit ist, dass sie und Duncan das Schiff verlassen müssen, weil Duncan nun ihren Aufenthalt nicht mehr bezahlen kann. Dies ist eine Metapher dafür, dass sie in der Armut gelandet ist, dass sie im übertragenen Sinne die Treppe hinuntergesprungen ist. Der Film erzählt also an dieser Stelle, wie sich das zynische Weltbild bestätigt. Als Bella sich von Harry verabschiedet und nach seiner verletzten Hand fragt, entschuldigt er sich bei ihr, doch sie entgegnet ihm: „You were trying to help me understand.“ Er antwortet daraufhin: „No. I actually wanted to hurt you. Couldn’t bear to see such dumb, beautiful happiness in someone. It was cruel of me“ (Poor Things 2023, 1:23:03). Er beschreibt in diesem Satz wohl ein Gefühl, mit dem sich ein Großteil des Publikums identifizieren kann, das Bedürfnis, Bella wachzurütteln und zu sagen: Die Welt ist halt ungerecht, sei nicht so naiv! Aufgrund der Prämisse, dass Bella ein Kindergehirn hat – und weil Emma Stone den kindlichen Gestus sehr überzeugend imitiert –, fällt es uns als Publikum leichter, Bellas Naivität anzunehmen, als wenn diese die reine Weltfremdheit einer erwachsenen Frau wäre, und trotzdem löst sie ein gewisses Unbehagen aus. Denn ihre Naivität als ein legitimes Weltbild anzuerkennen, würde bedeuten, aus einer zynischen Komfortzone ausbrechen zu müssen. Dadurch, dass Harry in dieser Szene selber sein Unbehagen erkennt und seine eigentlichen Beweggründe offenlegt, tritt er aus der ihm zugeschriebenen Rolle heraus, denn ein echter Zyniker würde sich nicht so verhalten. Somit tritt seine Haltung als etwas Ablegbares in Erscheinung und entlarvt den Zynismus als Ideologie. Seine Figur wird als ambivalente, komplexe Persönlichkeit dargestellt, im Unterschied zu den anderen Charakteren. Er ist keine Karikatur. Er spricht modernes amerikanisches Englisch, Jerrod Carmichaels Spiel ist low-key naturalistisch und nicht auf Lacher ausgelegt. Yorgos Lanthimos hat sich entschieden eine absolut ernsthafte und die einzige zeitgenössisch authentisch wirkende Rolle mit einem berühmten Comedian zu besetzen. Er wirkt wie aus einem anderen Film, wie aus einem naturalistischen sozialen Drama beziehungsweise wie aus unserer Gegenwart. Dieser Kontrast zu den grellen Farben, den überspitzten Charakteren und der herausgeputzten viktorianischen Fantasy-Kulisse, schafft einen Bruch in der Erzählung, einen Verfremdungseffekt, reißt uns heraus aus dem Kostümspektakel, macht uns deutlich: Hier wird versucht darzustellen, wie die Dinge wirklich sind. Da Harry keine Karikatur ist, verhält er sich nicht stringent, sondern ambivalent. Auf seine entblößende Selbstkritik reagiert Bella dankend: „I am not sorry. If I know the world, I can improve it“ (Poor Things 2023, 1:23:03). Mit diesem Satz zitiert sie im Grunde Brechts Zielsetzung im Theater. Brecht war der Überzeugung, dass die Repräsentation von Wirklichkeit immer auch die Konstruktion von Wirklichkeit ist und dass „the goal of constructing a particular reality is to gain knowledge about it in order to undertake actions effectively that can change it“ (Silberman 2012, S. 174). Bella macht Harry also mit ihrer Antwort ungewollt zum Komplizen einer aktiven Veränderung, denn er hat ihr geholfen, die Wahrheit zu sehen. Doch Harry versucht, sich gegen diese Komplizenschaft zu wehren, indem er seinen Beweggrund deutlich macht. Er erwidert, dass sie die Welt nicht ändern könne: „That is the real point. Don’t accept the lie of religion, socialism, capitalism! We are a fucked species. Know it. Hope is smashable. Realism is not. Protect yourself with the truth“ (Poor Things 2023, 1:23:24). Das, was er hier als „Wahrheit“ postuliert, wiederholt die Hobbes’sche Vorstellung, dass der Mensch von Natur aus schlecht sei und ohne Bändigung durch Machtstrukturen in einen Krieg aller gegen alle verfallen würde. Dieses pessimistische Menschenbild, die Vorstellung, dass der Mensch egoistisch handelt, bildet die Grundlage des Kapitalismus und staatlicher Machtstrukturen (Bregman 2020, Kap. 3.1), Der Realismus, von dem Harry spricht, den er als nicht zerstörbar beschreibt, ist das Bewusstsein der Ungerechtigkeit, gepaart mit dem Glauben an ein unveränderliches, negatives Menschenbild. Mark Fisher legt dar wie durch eine solche Haltung die Ideologie des kapitalistischen Realismus sich von der Kritik an sich selbst ernährt: 

„Den Kapitalismus moralisch zu kritisieren, zu betonen, auf wie vielen verschiedenen Wegen er zum allgemeinen Leid beiträgt, bestärkt den kapitalistischen Realismus nur. Armut, Hungersnöte und Krieg können so als unvermeidbarer Teil der Realität präsentiert werden, während die Hoffnung, dass diese Leiden jemals aus der Welt geschafft werden könnten, leicht als naiver Utopismus dargestellt werden kann.“ (Fisher 2020, S. 24) 

Durch die Verletzlichkeit, die Jerrod Carmichael der Figur, mit seinem Spiel gibt, wirkt das Argument, das er zu proklamieren versucht, wenig überzeugend, und Bella realisiert seine Ambivalenz. „I realize what you are now, Harry. Just a broken little boy, who cannot bear the pain of the world“ (Poor Things 2023, 1:23:30). Bella zitiert an dieser Stelle bell hooks, die in ihrem Buch „All about Love“ schrieb: „Ultimately, cynicism is the great mask of the disappointed and betrayed heart” (hooks 2001, S. xviii). Bella demaskiert Harry und macht den Zynismus somit zu etwas Ablegbarem. Auf diese direkten und harten Worte reagiert Harry überraschend einsichtig: „I suppose so“ (Poor Things 2023, 1:23:36). Jerrod Carmichael spielt diesen „gebrochenen kleinen Jungen“ im Kostüm eines Zynikers. Die Spannung, die bis zu diesem Punkt den Charakter hat inkonsistent wirken lassen, wird in diesem Moment, in dem er die Analyse seiner Person durch Bella akzeptiert und zustimmt, als dialektische Funktion im Brecht’schen Sinne (Silberman 2012, S. 174) offensichtlich. Dabei ist Bellas Naivität, die sich in diesem Fall als Gutgläubigkeit in Verbindung mit kindlicher Direktheit äußert, der Katalysator, der diese Funktion aktiviert und zu einem subversiven Moment macht. Denn, metaphorisch gesehen, dekonstruiert sie seine zynische Ideologie im Sinne Mark Fishers: „Der kapitalistische Realismus ist […] dann bedroht, wenn man aufzeigen kann, dass er auf irgendeine Art inkonsistent oder haltlos ist – falls sein augenscheinlicher Realismus eben keiner ist“ (Fisher 2020, S. 24). Das, was Harry Bella als Wahrheit zu verkaufen, in gewissem Sinne als Tatsache zu naturalisieren versucht, entlarvt sie als eine Coping Strategie, die ihn schützt, eine Ideologie, und macht sie damit haltlos. Slavoj Žižek beschreibt eine solche „Zynische Distanz“, wie Harry sie an den Tag legt, als „eine Art […], uns gegenüber der strukturellen Macht einer ideologischen Fantasie blind zu machen“ (Žižek 1989. S. 33). Bella öffnet Harry und uns die Augen. 

Sie verabschiedet sich von Harry und er fordert ein letztes Mal ihr Weltbild heraus (Poor Things 2023, 1:23:50): „Why do you stay with him?.“ Bella: „I always think it will be better.“ Er widerspricht ihr nicht, sondern erwidert wenig überrascht: „’Course you do.“ Er lässt ihr somit das letzte Wort. Spätestens hier wird ihre Überzeugung, dass sich Dinge zum Besseren wenden können, zum Mantra. In dieser komplett unaufgeregt geschnittenen Szene liegt eine starke subversive Kraft. Wenn man Harry als Repräsentanten eines gegenwärtigen Zynismus betrachtet und Bella als Repräsentantin eines Optimismus — in einer Zeit, die einen entscheidenden Wendepunkt markiert in der Frage welche gesellschaftliche Ordnung (Kapitalismus oder Kommunismus) sich durchsetzen wird —, so birgt dieses Aufeinandertreffen ein hoffnungsvolles Moment der Veränderbarkeit der Geschichte, die historisch gesehen nicht eingetroffen ist, aber möglich gewesen wäre. Es eröffnet sich also ein Möglichkeitsraum, sich das als unmöglich Erscheinende vorzustellen. Das Wissen beraubt Bella nicht ihrer Naivität, hier im Sinne von Gutgläubigkeit. Insofern ist ihre Naivität eine konstruktive Bedrohung für den Zynismus. Gleichzeitig wird sie für das Patriarchat zur zerstörerischen Bedrohung. Dies ist ein konstantes Narrativ der Beziehung, die Bella mit Duncan führt, der immer mehr an ihr zugrunde geht.


Als Bella und Duncan mittellos in Paris landen, macht sich Bella optimistisch auf die Suche nach einer Unterkunft und trifft auf ein Bordell, in dem sie gegen Geld mit einem Freier Sex hat. Als sie mit dem Geld zurückkehrt, erzählt sie Duncan, dass sie sich durch diese Erfahrung wieder mehr zu ihm hingezogen fühle. Er reagiert nicht auf das Kompliment, sondern beschimpft sie: „You are a monster. A whore and a monster. A demon sent from hell to rip my spirit to shreds. To punish my tiny sins with a tsunami of destruction. To take my heart and pull it like taffy to ruin me. I look at you, and I see nothing but ugliness.“ Sie antwortet daraufhin nüchtern: „That last bit was uncalled for and makes no sense, as your odes to my beauty have been boring but constant. And the simple act of letting a strange man ride on me has erased all that?“ (Poor Things 2023, 1:29:20). Auf seinen aggressiven emotionalen Ausbruch reagiert sie also sehr gefasst und rekonstruiert, logisch analytisch, warum es keinen Sinne ergibt, was er sagt. Sie versteht hier nicht, wie das, was sie getan hat, ihn so verletzen und als etwas so Schlechtes bewertet werden kann. Denn sie kennt die moralischen Normen nicht, wenn es um Sexarbeit geht. Oder noch viel grundlegender: Sie versteht nicht, dass sie sich in einer Welt bewegt, die von einer patriarchalen Ideologie dominiert ist, deren Grundpfeiler die Kontrolle von Männern über den weiblichen Körper ist. Duncan schreit sie an: „Fuck! You whored yourself.“ Und sie antwortet: „Which you are now going to explain to me is bad. Can I never win with you?“ (Poor Things 2023, 1:29:55). Sie versteht hier, dass er das, was sie getan hat, verurteilt, ordnet es aber als Teil seiner andauernden Beschwerden über ihr Verhalten ein, nicht als ein allgemein gültiges Urteil. Und als Duncan sie weiter kritisiert –„It is the worst thing women can do.“ – ist ihre Reaktion ihn endlich zu verlassen: „We should definitely never marry. I am a flawed, experimenting person and I will need a husband with a more forgiving disposition“ (Poor Things 2023, 1:30:00). Sie nimmt die Schuld, die er ihr zuschiebt, nicht an, sondern entscheidet sich zu gehen. Ihr sehr sachlicher Umgang mit seinem emotionalen Ausbruch macht jegliche Kontrolle Duncans über sie zunichte und entzieht damit der Naturalisierung der patriarchalen Kontrolle über Frauen den Boden. Hier beobachten wir einen entscheidenden Wendepunkt in Bellas Naivität, denn anstatt die Normen und Moralvorstellungen, die sie lernt, zu internalisieren und auf sich anzuwenden, lehnt sie sie ab, wenn sich ihr nicht die Sinnhaftigkeit dahinter erschließt. Das macht Bella gefährlich für die vorherrschende ideologische Ordnung, denn sie gibt dem Publikum die Möglichkeit, das gesellschaftliche System so zu sehen, wie es ist, und nicht, wie es gefiltert durch eine Ideologie in Erscheinung tritt. Außerdem erlaubt diese Form der Naivität den Mut, Dinge anzusprechen, die ihr als nicht richtig erscheinen oder deren Logik sich ihr nicht erschließen.


So kritisiert Bella das System des Bordells, in dem sie anfängt zu arbeiten, und macht einen Gegenvorschlag (Poor Things 2023, 1:33:46-1:34:51). Im existierenden System können sich die Freier eine Sexarbeiterin aussuchen. Bella stellt dies in Frage: „Madam Swiney, this lineup system; you really expect me to go upstairs with a man even if I find him dis-tasteful and therefore am sad when I let him furious jump me?“ Auf diese legitime Frage antwortet Madam Swiney (Kathryn Hunter), die das Bordell leitet: „That is the way it is, my darling.“ Bella akzeptiert diese klassisch zynische „Die Welt Ist ungerecht“- Antwort nicht und wendet sich direkt an den Freier: „So, would you not prefer it if the women chose, as it would be a sign of enthusiasm toward you? Um, you wouldn’t have the vague sense that they are in a state of horror when you jump them.“ Mrs. Swiney beruhigt den verwirrten Freier daraufhin mit dem Satz: „Bella is new and may have a mental illness.“ Bellas Frage macht klar, dass die darin formulierte Annahme logisch ist: Konsensueller Sex mit einer Person macht mehr Spaß. Warum sollte jemand Gefallen an Sex mit einer Person haben, die selber keinen Gefallen daran hat? Doch die Art und Weise, wie Mrs. Swiney auf die Frage reagiert, indem sie Bella für "krank" erklärt, zeigt, dass Bellas Haltung der vorherrschende Vorstellung von Sex zuwiderläuft. Sie spricht damit die Wahrheit an, dass manche Männer durchaus die Macht genießen, über den weiblichen Körper entscheiden zu können, auch gegen den Willen der Frau. Diese Machtausübung wird von Mrs. Swiney als etwas Natürliches - die Dinge sind halt so - dargestellt. Diese Naturalisierung nicht anzuerkennen kategorisiert sie als krankhaft. Doch Bella ist davon überzeugt, dass sich Strukturen ändern und vor allem verbessern können. Sie erwidert also: „As God, my father, says, it is only the way it is until we discover the new way it is, and then that is the way it is until we discover the new way it is, and so it goes until the world is no longer flat, electricity lights the night, and shoes are no longer tied with ribbons.“ Sie argumentiert hier gegen die Naturalisierung eines Systems mit einer wissenschaftlichen Grundüberzeugung — etwas ist nur so lange wahr, bis es widerlegt wird — und bekommt dafür Zustimmung von ihrer sozialistischen Kollegin Toinette (Suzy Bemba): „As a socialist, I agree entirely.“ Als Bella sie in einer früheren Szene fragt, was eine Sozialistin sei, antwortet diese, „A Person, who changes the world, to make it a better world.“ Bella antwortet: „Then I am that too“ (Poor Things 2023, 1:33:25). 

Die Überzeugung, die Welt verbessern zu können, wird in einer zynischen Gesellschaft als naiv bezeichnet (vgl. Bregman 2020), dennnoch behält Bella, trotz konstanten Lernens über die Welt,diese Überzeugung bei. Diese Naivität, die radikale Überzeugung der Verbesserung der Verhältnisse, ist ihre subversive Kraft, die einen Möglichkeitsraum eröffnet. Bellas Naivität verändert sich, je mehr sie lernt, von der schamlosen Neugierde eines Kindes zu der hinterfragenden Ergebnisoffenheit einer Wissenschaftlerin. Im weiteren Verlauf des Films schließt sie sich der sozialistischen Partei an, bekommt die Gefahr des sich gegen seine Zerstörung aufbäumenden Patriarchats in Gestalt von Duncan, der immer wieder auftaucht, um sich zu rächen, zu spüren, setzt sich neugierig ihrem gewalttätigen Exmann aus, schafft es auch, ihn zu dekonstruieren, und wird schließlich Medizinerin. 


Leider wird die subversive Kraft der Figur, die in dem Film steckt, überschattet von den unzähligen, für die Erzählung unnötigen Sexszenen, in denen Emma Stones Körper zur Schau gestellt wird. Formal reproduzieren diese Szenen genau das, wogegen Bella als Figur steht: die Normalisierung der Machtausübung von Männern über den weiblichen Körper. Daran ändert auch die Darstellung nackter Männerkörper nichts. Der Film schafft es hier also nicht, das „Sexy“ des „Born Sexy Yesterday“ -Tropes zu unterwandern. Dadurch entfaltet das subversive Potenzial von Bella nicht seine volle Kraft. Nichtsdestotrotz attackiert die Figur Bella die vorherrschende Ideologie des Zynismus und des kapitalistischen Realismus mit ihrem radikalen Optimismus und ähnelt darin der Figur der Kimmy aus Unbreakable Kimmy Schmidt

 

Quellenverzeichnis Literatur

Ngai, Sianne (2005): The Cuteness of the Avant-Garde, in: Critical Inquiry, Vol. 31, Nr. 4 (Summer), S. 811–847. Chicago: The University of Chicago Press.
Brecht, Bertolt (1967): Gesammelte Werke in 20 Bänden. Band 15: Schriften zum Theater. Frankfurt am Main: Suhrkamp.
Bregman, Rutger (2020): Im Grunde gut: Eine neue Geschichte der Menschheit. [E-Book] Hamburg: Rowohlt Verlag.
Redecker, Eva (2020): Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt a. M.: S. Fischer.
Silberman, Marc (2012): Bertolt Brecht, Politics, and Comedy, in: Social Research, Vol. 79, Nr. 1 (Spring 2012), S. 169–188.
Fisher, Mark (2020): Kapitalistischer Realismus ohne Alternative? Eine Flugschrift. Übers. von Christian Werthschulte, Peter Scheiffele und Johannes Springer. Hamburg: VSA-Verlag (unveränderter Nachdruck der dt. Ausgabe von 2013).
Hooks, Bell (2001): All About Love: New Visions. New York: William Morrow.
Žižek, Slavoj (1989): How Did Marx Invent the Symptom?, in: The Sublime Object of Ideology. London: Verso, S. 11–53.
Emerson, Ralph Waldo (1841): Self-Reliance. [Online-Artikel], URL https://nationalhumanitiescenter. org/pds/triumphnationalism/cman/text8/selfreliance.pdf, Zugriff am 25.08.2025.
Poor Things (2023), Spielfilm von Yorgos Lanthimos, Drehbuch: Tony McNamara (nach dem Roman von Alasdair Gray), Irland/UK/USA: Searchlight Pictures, Laufzeit: 141 Min., gestreamt auf Disney+

 

Siehe weitere Beiträge der Reihe:

Erster Teil: Das Comeback der Naivität

Barbie: Can I meet the woman in charge? (Barbie)

Der vierte und letzte Beitrag folgt nächste Woche:
Kimmy Schmidt: I have hope! (Unbreakable Kimmy Schmidt)

 


Erstellungsdatum: 12.03.2026