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Matthias Buth über die Quellen der Dichtung

Chinesen dichten immer – Professoren in Deutschland auch

Matthias Buth


Bai Juyi (唐名臣像-21-白樂天. wikimedia commons

Schon auf dem Parnass waren die Zuständigkeiten für die Dichtung divers verteilt. Fünf von neun Musen teilten sich diesen enormen Arbeitsbereich in tragische, ländliche, lyrische, Liebes- und epische Dichtung auf. Das Attribut des Lorbeerkranzes trug Klio. Die aber war für die Geschichte verpflichtet. Die Poesie entspringt vielen Quellen und wird von einfachen wie von komplizierten Menschen betrieben. Einigen Berufsgruppen entspringen indessen mehr Verse als anderen, prominent darunter, wie Matthias Buth beschreibt, – die Juristen.

 

 

Der alte Teich 
Ein Frosch springt hinein 
Das Geräusch des Wassers
 
Dieses Gedicht ist einfach und erfasst gerade deshalb die Flüchtigkeit, die jedem Moment innewohnt. Wir Deutsche haben dafür das poetisch-mystische Wort „Augenblick“. Jedes Schulkind kennt in China diesen Haiku im Silbenmaß von 5 – 7 – 5 des Dichters Matso Bashō (1644 – 1694), später bekannt als Matsuo Chūemon Munefusa; er war der berühmteste japanische Dichter des Edo-Zeitraums von 1603 bis 1868.


Matsuo Basho: Zeichnung auf seiner Reise. Foto: wikimedia commons


Das Dichten in Haiku und Tanka wird als selbstverständlicher Ausdruck von Gefühlen, Verständnis für Natur und als kreative Übung geschätzt. Dichten gehört einfach zum Leben und wird nicht in den Elfenbeinturm des weltabgehobenen Seherzentrums verbannt. Hölderlins Sprachstil und die genialen Reimwelten eines Rilke liegen fern und werden erst gar nicht angepeilt. Es sind zu ferne Sprach- und Gefühlswelten.

In China kombiniert die „TingTing Poetry Education“ klassische Gedichte mit Musik und macht sie für junge Menschen so attraktiv. Über 3.300 Schulen nutzen solche Methoden.

Die (heroischen) Gedichte, die Mao in Anlehnung der Tang-Dynastie geschrieben hat, dürften den Verfasser nicht zum literarischen Dichter qualifiziert haben, Hitlers Gemälde und Zeichnungen machten aus diesem Massenmörder auch keinen Künstler, und er ließ das Künstlern auch, nachdem er sich zum Politiker berufen fühlte; das Gedichtemachen übt aber eine starke Anziehung aus, die im asiatischen Kulturraum weit verbreitet ist. Wer dichtet, zeigt Bildung und Sensibilität, auch Gelehrsamkeit. Das scheint das Leitmotiv den Menschen in China, Korea und Japan zu sein, ist also eine Statusbegründung oder Selbstbehauptung und ist stark vom Taoismus und Buddhismus beeinflusst, welche die Harmonie mit der Natur und Vergänglichkeit betonen. Poesie wird als Ausdruck von Gefühl gesehen und oft mit kalligraphischen Ausdrucksformen verbunden, was in Europa eher unbekannt ist. Stefan George ist da eine Ausnahme, so im Band Jahr der Seele von 1904.

In Europa ist die Dichtung auch eine Grundform künstlerischer Welterfassung. Der Begriff „Poeta doctus“ wurzelt in der griechischen und lateinischen Lyrik und meint, dass der Dichter stets der universal gebildete Mensch ist, einer, der die Enden der Gelehrsamkeit mit jenen der sinnlichen Erscheinungen aus Gegenwart und Vergangenheit zusammenbringt, ja, zusammmenwebt, also Texte entstehen lässt wie ein Tuch, einen Teppich oder einen Schal, der wärmt.

Dichter zu werden, ist demnach nicht jedermanns Sache, sondern erfordert auf der Grundlage von Talent und Sprachbeherrschung die Befähigung, Phantasie, Bildung und Seinserfahrungen so zu verknüpfen, dass die Leser mitgenommen werden, dass diese den Text quasi als fast eigene Erfahrung erleben und so zum zweiten Erschaffer der Dichtung werden, da die Verse den Rezipienten fast zum zweiten Autor werden lassen.

Gelehrsamkeit kann auf vielfältige Weise erworben werden. Einen besonderen Rang als Disziplin und Sprachtraining bilden dabei die Rechtwissenschaften, die Jurisprudenz in den Bereichen Staats- und Verwaltungsrecht, Zivil- und Strafrecht.

In der deutschen Gegenwartsliteratur präsentieren sich zahlreiche Autorinnen und Autoren, die eine juristische Ausbildung mitbringen, meist sogar zwei Staatsexamen gemacht haben (also sogenannte Volljuristen sind), manche zudem durch die „Denk-Schule“ einer Dissertation gegangen sind.

Als ehemaliger Strafverteidiger in der Kanzlei von Otto Schily hat sich Ferdinand von Schirach (Enkel des NSDAP-Reichsjugendführers Baldur von Schirach, 1907 – 1974) an die Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben mit Erzählungsbänden wie Verbrechen (2009) und Schuld (2010) sowie mit Romanen wie Der Fall Collini und Theaterstücken (Terror, Regen). Sein sachlich-kühler Sprachstil ist der eines Juristen, auch wenn er in manchem an Hemingway erinnert. Er will den „Sachverhalt“ – die wichtigste Aufgabe in der Strafrechtspflege – erfassen, also was war, was ist. Erst dann fragt er nach den Folgerungen aus Moral und Gesetz, dem Strafgesetzbuch. Ausgehend vom juristischen Denken greift er hinab in viele Bereiche menschlichen  Lebens, in die Philosophie, Geschichte und Politik, stets auf der Spur nach der Zerbrechlichkeit der Existenz. Er macht keine Lesungen in Pfarrheimen und Volkshochschulen, sondern geht  auf „Tournee“ mit seinem jeweils neuen Buch in Theater und Opernhäuser – alle ausverkauft, schon viele der Stationen ab Herbst 2026. Warum ist das so? Liegt es an seinem familiären Hintergrund (seit 700 Jahren seien die von Schirachs Juristen, bekannte Schirach), an seinem Auftreten, seiner Literatur.? Das macht ihn – den Viel- und Schnellschreiber – so zu einem ständigen Event.

Er ist nun ein Weiser, der markante Forderungen in der ARD aufstellen darf – ohne Widerspruch. So forderte er am 16.11.2025 bei der Talkrunde Caren Miosga: „Machen Sie eine große Grundgesetzreform!" und verlangte, ein Kanzler solle für sieben Jahre gewählt werden, es solle seiner Meinung nach keine zweite Amtszeit geben. Ein Regierungschef in Deutschland dürfe nach Schirachs Plan autonom drei Gesetze verabschieden dürfen. Anders, so meint er, ginge es nicht. „In Koalitionen, wie wir sie heute haben, geht es schief." Herr Merz hat nach diesem deutschen Denker drei Gesetze frei, ohne Deutschen Bundestag.

Irgendein Aufschrei ? Gingen die Tourneebuchungen zurück? Schirach auf den Spuren von Carl Schmitt? Alles rätselhaft bis bedrohlich. Die von Herrn Schäuble als „blitzt gescheit“ nobilitierte Ricarda Lang von den GRÜNEN schien‘s zu passen.

Einen ähnlichen Status hat sich Juli Zeh erarbeitet. Sie kommt auch aus einer Bonner Juristenfamilie und lebt mit ihrer Familie in Brandenburg. Unlängst tauchte ihr Name in höchster Flughöhe auf: als mögliche Bundespräsidentin.

Sie wandte sich in ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Passau und Leipzig besonders dem Völkerrecht (mit späterer Dissertation zum völkerrechtlichen Status des Kosovo) zu. Als DAAD-Stipendiatin ging sie 1999 und 2000 nach New York und Krakau, wo sie ein Osteuropastudium an der Jagellonin Universität Krakau absolvierte. „In New York habe ich die Idee aufgegeben, später als Juristin für die UNO zu arbeiten. Vieles war mir dort zu bürokratisch. Und in Krakau habe ich Polnisch gelernt und mein Interesse für Osteuropa weiter ausgebaut."

Schon ihr Debütroman Adler und Engel (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk u. a. mit dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Heinrich-Böll-Preis (2019) ausgezeichnet. Im Jahr 2018 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und wurde zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt. Ihr Roman Über Menschen war das meistverkaufte belletristische Hardcover des Jahres 2021. Zuletzt erschienen der zusammen mit Simon Urban verfasste Bestseller Zwischen Welten und die Sammlung von zeitkritischen Theaterstücken Good Morning, Boys and Girls. Ihre politischen Ansichten – so zur Ukraine, der sie keine Waffen zur Verteidigung gegen Putins Russland liefern würde – werden wahrgenommen, aber sie ist keine Julija Nawalnaja, die Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, die den Kampf ihres Mannes gegen das Putin-Regime aus dem Exil fortsetzt. Warum nicht?

Auch sie ist gern gesehener Gast ist Talkrunden nicht nur in Deutschland. Ihr Prosawerk ist Ausdruck von Zeitgenossenschaft, ihr Blick in den Osten Europas verbindet sich mit jenem von Karl Schlögel, dem Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels von 2025, kein Jurist, sondern ein Historiker von Rang. Poeta doctus? Doctus, also gelehrt und gebildet sind wohl alle Juristen, die schreiben. Bernhard Schlink (bedeutender Professor zum Verfassungsrecht), dessen Roman Der Vorleser auch ein Welterfolg wurde, gehört genauso dazu wie Herbert Rosendorfer, ehemaliger Richter am Oberlandesgericht. Aber Poeta, Dichter gar?

Eugen Wohlhaupter, ein Rechtshistoriker aus Kiel mit NSDAP-Vergangenheit, wäre lange vergessen, wenn er nicht posthum der Begründer eines Begriffes wäre, der Dichterjuristen. Eine dreibändige Sammlung – 1952 herausgegeben von H.G. Seifert – liegt vor. Wer diese durchblättert, kann zu dem Schluss kommen, dass ohne Jurisprudenz kaum ein literarisches Werk von Rang entstanden sei.

Natürlich: Goethe, der Autor in allen literarischen Genres, der Dichter der Dichter, der den Begriff „Weltliteratur“ etablierte, war Jurist.

Erstellungsdatum: 13.05.2026