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Matthias Buth über die Quellen der Dichtung

Schon auf dem Parnass waren die Zuständigkeiten für die Dichtung divers verteilt. Fünf von neun Musen teilten sich diesen enormen Arbeitsbereich in tragische, ländliche, lyrische, Liebes- und epische Dichtung auf. Das Attribut des Lorbeerkranzes trug Klio. Die aber war für die Geschichte verpflichtet. Die Poesie entspringt vielen Quellen und wird von einfachen wie von komplizierten Menschen betrieben. Einigen Berufsgruppen entspringen indessen mehr Verse als anderen, prominent darunter, wie Matthias Buth beschreibt, – die Juristen.
Der alte Teich
Ein Frosch springt hinein
Das Geräusch des Wassers
Dieses Gedicht ist einfach und erfasst gerade deshalb die Flüchtigkeit, die jedem Moment innewohnt. Wir Deutsche haben dafür das poetisch-mystische Wort „Augenblick“. Jedes Schulkind kennt in China diesen Haiku im Silbenmaß von 5 – 7 – 5 des Dichters Matso Bashō (1644 – 1694), später bekannt als Matsuo Chūemon Munefusa; er war der berühmteste japanische Dichter des Edo-Zeitraums von 1603 bis 1868.

Das Frosch-Haiku von Matsuo Bashō hält uns die Teichlandschaft, die wie ein großer Spiegel vor dem Betrachter steht, nicht durch eine Beschreibung seiner Umrisse und seiner plastischen Erscheinung vor Augen, sondern durch das Geräusch des ins Wasser springenden Frosches, der dort untertauchen, der verschwinden will, um sich so zu retten. Sein Wassersprung macht den Teich aus. Diese existentielle Engführung zieht an.
Meine Fenster verbergen glühende Mondlichtpfützen,
vielleicht liegt auf dem Boden nur Frost, so scheint es;
ich hebe den Kopf und blicke zum glänzenden Mond hinauf,
ich senke den Kopf und sinniere über meine heimatlosen Träume.
Ein Gedicht des chinesischen Dichters Li Bai (701-762). Er gilt neben Dù Fǔ (712– 770) als der bedeutendste lyrische Dichter Chinas in der kaiserlichen Tang-Dynastie von 617 bis 907.
Mondlichtpfützen, schon dieses Wort holt herab in die Wahrnehmbarkeit, die den Mond sogleich in das „Vielleicht“ des Frostes wandelt. Dann wieder der Blick hinauf. In die Ratlosigkeit, in die Welt der Träume, die Heimat sucht. Dazwischen der Dichter, der Übersetzer, der die Erscheinungen ergründen will und es nicht schafft. Die Fenster öffnen und verbergen zugleich.
Dieses Gedicht ist in China sehr bekannt, ist vielleicht ein China in uns, das auf Entdeckung wartet.
Immer wieder wurden seine Verse neu übertragen und so verändert und verändernd in viele Sprachen geholt, so auch ins Deutsche. Manfred Hausmann, Günter Eich (Dichter und studierter Sinologe), Klabund und Hans Bethke zählen dazu. Mit Gedichten wird man nicht fertig, alles ist ein Über-setzen. Und die 1908 komponierte poetische Symphonie Lied von der Erde von Gustav Mahler versenkt sich musikalisch in diese Poesiewelt Chinas in Anlehnung an Bethkes Übertragungen.
Li Bai wollte gerne Beamter werden, nahm aber nicht an den Prüfungen des Kaiserhauses teil. Er zog es vor, im Alter von fünfundzwanzig Jahren nach Art eines fahrenden Gesellen durch China zu reisen, quasi im Widerspruch zum Ideal eines konfuzianischen Edelmanns.
Später schaffte er es doch zum Beamtenstatus in der Hanlin-Akademie. Sie war eine Einrichtung, die u. a. Schreib- und literarische Aufgaben für den Kaiserhof ausführte. Nur die erlesensten Gelehrten durften Mitglieder der Akademie werden, war also so etwas wie bei uns die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung.
Li Bai starb 762 in Dangtu (Provinz Anhui). Ein Dichtertod, wenn nicht wahr, so doch schön erfunden, denn er soll ertrunken sein, als er in berauschtem Zustand versucht habe, das Spiegelbild des Mondes auf einem Fluss zu umarmen.
Japan und China sind kulturell verschwistert, grenzen sich aber ständig politisch voneinander ab. Der japanische Imperialismus im 20. Jahrhundert und die erstarkte Weltmacht China fixieren Trennlinien. Aber die Hinwendung zur Lyrik, zu kurzen und so prägnanten Sprachschöpfungen ist beiden asiatischen Kulturnationen geblieben. Dichten gehört zum Bildungskanon da wie dort.
In Japan wie in China wird das Verfassen von Haiku in der Schule gelehrt. Und mit diesen Kurzgedichten dichten sich Chinesen und Japaner gerne an, in jeder Generation. Es gibt zahlreiche Haiku-Wettbewerbe für Kinder und Erwachsene.
Auch das Dichten von Tanka (31-Silber) ist eine oft gewählte Form. Diese gehört zum Kanon der klassischen Literatur, oft im Kontext der Geschichte und Ästhetik des Landes.

Das Dichten in Haiku und Tanka wird als selbstverständlicher Ausdruck von Gefühlen, Verständnis für Natur und als kreative Übung geschätzt. Dichten gehört einfach zum Leben und wird nicht in den Elfenbeinturm des weltabgehobenen Seherzentrums verbannt. Hölderlins Sprachstil und die genialen Reimwelten eines Rilke liegen fern und werden erst gar nicht angepeilt. Es sind zu ferne Sprach- und Gefühlswelten.
In China kombiniert die „TingTing Poetry Education“ klassische Gedichte mit Musik und macht sie für junge Menschen so attraktiv. Über 3.300 Schulen nutzen solche Methoden.
Die (heroischen) Gedichte, die Mao in Anlehnung der Tang-Dynastie geschrieben hat, dürften den Verfasser nicht zum literarischen Dichter qualifiziert haben, Hitlers Gemälde und Zeichnungen machten aus diesem Massenmörder auch keinen Künstler, und er ließ das Künstlern auch, nachdem er sich zum Politiker berufen fühlte; das Gedichtemachen übt aber eine starke Anziehung aus, die im asiatischen Kulturraum weit verbreitet ist. Wer dichtet, zeigt Bildung und Sensibilität, auch Gelehrsamkeit. Das scheint das Leitmotiv den Menschen in China, Korea und Japan zu sein, ist also eine Statusbegründung oder Selbstbehauptung und ist stark vom Taoismus und Buddhismus beeinflusst, welche die Harmonie mit der Natur und Vergänglichkeit betonen. Poesie wird als Ausdruck von Gefühl gesehen und oft mit kalligraphischen Ausdrucksformen verbunden, was in Europa eher unbekannt ist. Stefan George ist da eine Ausnahme, so im Band Jahr der Seele von 1904.
In Europa ist die Dichtung auch eine Grundform künstlerischer Welterfassung. Der Begriff „Poeta doctus“ wurzelt in der griechischen und lateinischen Lyrik und meint, dass der Dichter stets der universal gebildete Mensch ist, einer, der die Enden der Gelehrsamkeit mit jenen der sinnlichen Erscheinungen aus Gegenwart und Vergangenheit zusammenbringt, ja, zusammmenwebt, also Texte entstehen lässt wie ein Tuch, einen Teppich oder einen Schal, der wärmt.
Dichter zu werden, ist demnach nicht jedermanns Sache, sondern erfordert auf der Grundlage von Talent und Sprachbeherrschung die Befähigung, Phantasie, Bildung und Seinserfahrungen so zu verknüpfen, dass die Leser mitgenommen werden, dass diese den Text quasi als fast eigene Erfahrung erleben und so zum zweiten Erschaffer der Dichtung werden, da die Verse den Rezipienten fast zum zweiten Autor werden lassen.
Gelehrsamkeit kann auf vielfältige Weise erworben werden. Einen besonderen Rang als Disziplin und Sprachtraining bilden dabei die Rechtwissenschaften, die Jurisprudenz in den Bereichen Staats- und Verwaltungsrecht, Zivil- und Strafrecht.
In der deutschen Gegenwartsliteratur präsentieren sich zahlreiche Autorinnen und Autoren, die eine juristische Ausbildung mitbringen, meist sogar zwei Staatsexamen gemacht haben (also sogenannte Volljuristen sind), manche zudem durch die „Denk-Schule“ einer Dissertation gegangen sind.
Als ehemaliger Strafverteidiger in der Kanzlei von Otto Schily hat sich Ferdinand von Schirach (Enkel des NSDAP-Reichsjugendführers Baldur von Schirach, 1907 – 1974) an die Spitze der deutschen Gegenwartsliteratur geschrieben mit Erzählungsbänden wie Verbrechen (2009) und Schuld (2010) sowie mit Romanen wie Der Fall Collini und Theaterstücken (Terror, Regen). Sein sachlich-kühler Sprachstil ist der eines Juristen, auch wenn er in manchem an Hemingway erinnert. Er will den „Sachverhalt“ – die wichtigste Aufgabe in der Strafrechtspflege – erfassen, also was war, was ist. Erst dann fragt er nach den Folgerungen aus Moral und Gesetz, dem Strafgesetzbuch. Ausgehend vom juristischen Denken greift er hinab in viele Bereiche menschlichen Lebens, in die Philosophie, Geschichte und Politik, stets auf der Spur nach der Zerbrechlichkeit der Existenz. Er macht keine Lesungen in Pfarrheimen und Volkshochschulen, sondern geht auf „Tournee“ mit seinem jeweils neuen Buch in Theater und Opernhäuser – alle ausverkauft, schon viele der Stationen ab Herbst 2026. Warum ist das so? Liegt es an seinem familiären Hintergrund (seit 700 Jahren seien die von Schirachs Juristen, bekannte Schirach), an seinem Auftreten, seiner Literatur.? Das macht ihn – den Viel- und Schnellschreiber – so zu einem ständigen Event.
Er ist nun ein Weiser, der markante Forderungen in der ARD aufstellen darf – ohne Widerspruch. So forderte er am 16.11.2025 bei der Talkrunde Caren Miosga: „Machen Sie eine große Grundgesetzreform!" und verlangte, ein Kanzler solle für sieben Jahre gewählt werden, es solle seiner Meinung nach keine zweite Amtszeit geben. Ein Regierungschef in Deutschland dürfe nach Schirachs Plan autonom drei Gesetze verabschieden dürfen. Anders, so meint er, ginge es nicht. „In Koalitionen, wie wir sie heute haben, geht es schief." Herr Merz hat nach diesem deutschen Denker drei Gesetze frei, ohne Deutschen Bundestag.
Irgendein Aufschrei ? Gingen die Tourneebuchungen zurück? Schirach auf den Spuren von Carl Schmitt? Alles rätselhaft bis bedrohlich. Die von Herrn Schäuble als „blitzt gescheit“ nobilitierte Ricarda Lang von den GRÜNEN schien‘s zu passen.
Einen ähnlichen Status hat sich Juli Zeh erarbeitet. Sie kommt auch aus einer Bonner Juristenfamilie und lebt mit ihrer Familie in Brandenburg. Unlängst tauchte ihr Name in höchster Flughöhe auf: als mögliche Bundespräsidentin.
Sie wandte sich in ihrem Studium der Rechtswissenschaften in Passau und Leipzig besonders dem Völkerrecht (mit späterer Dissertation zum völkerrechtlichen Status des Kosovo) zu. Als DAAD-Stipendiatin ging sie 1999 und 2000 nach New York und Krakau, wo sie ein Osteuropastudium an der Jagellonin Universität Krakau absolvierte. „In New York habe ich die Idee aufgegeben, später als Juristin für die UNO zu arbeiten. Vieles war mir dort zu bürokratisch. Und in Krakau habe ich Polnisch gelernt und mein Interesse für Osteuropa weiter ausgebaut."
Schon ihr Debütroman Adler und Engel (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk u. a. mit dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Heinrich-Böll-Preis (2019) ausgezeichnet. Im Jahr 2018 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz und wurde zur Richterin am Verfassungsgericht des Landes Brandenburg gewählt. Ihr Roman Über Menschen war das meistverkaufte belletristische Hardcover des Jahres 2021. Zuletzt erschienen der zusammen mit Simon Urban verfasste Bestseller Zwischen Welten und die Sammlung von zeitkritischen Theaterstücken Good Morning, Boys and Girls. Ihre politischen Ansichten – so zur Ukraine, der sie keine Waffen zur Verteidigung gegen Putins Russland liefern würde – werden wahrgenommen, aber sie ist keine Julija Nawalnaja, die Witwe des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny, die den Kampf ihres Mannes gegen das Putin-Regime aus dem Exil fortsetzt. Warum nicht?
Auch sie ist gern gesehener Gast ist Talkrunden nicht nur in Deutschland. Ihr Prosawerk ist Ausdruck von Zeitgenossenschaft, ihr Blick in den Osten Europas verbindet sich mit jenem von Karl Schlögel, dem Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels von 2025, kein Jurist, sondern ein Historiker von Rang. Poeta doctus? Doctus, also gelehrt und gebildet sind wohl alle Juristen, die schreiben. Bernhard Schlink (bedeutender Professor zum Verfassungsrecht), dessen Roman Der Vorleser auch ein Welterfolg wurde, gehört genauso dazu wie Herbert Rosendorfer, ehemaliger Richter am Oberlandesgericht. Aber Poeta, Dichter gar?
Eugen Wohlhaupter, ein Rechtshistoriker aus Kiel mit NSDAP-Vergangenheit, wäre lange vergessen, wenn er nicht posthum der Begründer eines Begriffes wäre, der Dichterjuristen. Eine dreibändige Sammlung – 1952 herausgegeben von H.G. Seifert – liegt vor. Wer diese durchblättert, kann zu dem Schluss kommen, dass ohne Jurisprudenz kaum ein literarisches Werk von Rang entstanden sei.
Natürlich: Goethe, der Autor in allen literarischen Genres, der Dichter der Dichter, der den Begriff „Weltliteratur“ etablierte, war Jurist.

1771 reichte er seine Dissertation ein, die das Verhältnis zwischen Staat und Kirche zum Thema hatte. Auf Grund des Protestes der Kirche zog Goethe seine Dissertation zurück und begnügte sich mit einem niedrigeren juristischen Abschluss, für den er lediglich 56 Thesen in lateinischer Sprache unter dem Titel „Positiones Juris“ anfertigte. Danach war er als Anwalt tätig, bevor er nach Weimar ging und zum Staatsminister aufstieg und Universalgelehrter wurde. Auch Theodor Storm war Chef einer eigenen Rechtsanwaltskanzlei, später Kreisrichter. Wer das Adjektiv „kafkaesk“ verwendet, denkt an den Prager Erzähler und Romancier Franz Kafka, denkt an Werke wie Vor dem Gesetz oder Das Urteil. Darin geht es um einen Vater-Sohn-Konflikt, der vom Vater mit den Worten „Ich verurteile dich jetzt zum Tode des Ertrinkens!“ beendet wird. Franz Kafka, Dr. jur., kurze Zeit Anwalt und dann geradezu von 1908 bis 1922 „begraben“ als juristischer Sachbearbeiter bei der „Arbeiter-Unfallversicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen“ in Prag. Die Literatur rettete ihn.
Andreas Gryphius war ein großer Lyriker, siebensprachig und Syndikus der Glogauer Landstände. Wer kennt nicht das Gedicht Der Mond ist aufgegangen von Matthias Claudius? Aber war er auch Jurist? Er studierte zwar Rechts- und Kameralwissenschaften, aber wohl ohne Abschluss, dichtete lieber und begründete den Journalismus mit dem Wandsbeker Bothen.
„Ich habe den ganzen verflossenen Winter anhaltend Jurisprudenz getrieben und war dadurch imstande, vorige Woche das juristische Doktorexamen zu machen, welches ich ganz vortrefflich bestand [...]. Ich bin also der Sache nach Doktor und es macht keine ironische Wirkung mehr, wenn Sie mich in Ihren Briefen mit diesem Titel benennen." Das sind Sätze von Heinrich Heine, der in Berlin seine eher dilettantisch betriebenen Jurastudien mit dem Dr. jur. abschloss. Der Düsseldorfer ist der bedeutendste deutsche Dichter – zumindest des 19. Jahrhunderts – und erfüllt so ganz den Begriff „Dichter-Jurist“, der Lyriker, Journalist und Deutschland-Verzweifler, Citoyen Frankreichs, dem Paris dennoch Exil war, wo er starb und begraben liegt.
Die Liste der Dichter-Juristen, die sich bei Google finden lässt, ist ellenlang und eine Fundgrube der deutschen und europäischen Kultur- und Literaturgeschichte. Man fragt sich, welches Sprachtraining die Rechtswissenschaften abverlangen und ob das Erfassen der Wirklichkeit und die Ausfüllung unbestimmter (Rechts-)Begriffe eben doch zum literarischen Schreiben befähigen – in Lyrik und Prosa.
In Deutschland wird nicht so viel gedichtet wie in China ,Korea oder Japan; das Dichten, der Umgang mit Metaphern Rhythmus, Reim und Strophenformen ist in den Schulen eher selten, eher ein Muss der Stundentafel, in jedem Fall keine selbstverständliche Kulturpraxis. Ein modernes „Writing“ verschiedener Ausrichtung hat um sich gegriffen. Zuviel Form gilt fast für verdächtig, Assoziationsketten werden in Blogs und weniger Zeitschriften veröffentlicht. Kreatives Schreiben lehren die Universitäten Hildesheim, Leipzig, Jena, Berlin und Bayreuth
Aber nicht wenige Hochschullehrer, Germanisten von Rang und mit umfangreichen Œuvres als Forscher wenden sich der Lyrik zu, so als wollten sie sich einmischen mit dem Impetus: Das kann ich auch oder so wird´s gemacht, vielleicht aber auch, weil sie sich nicht der Anziehung der Poesie entziehen können, ist diese doch die am meisten unmittelbare Kunstform der Literatur.
Überlieferung
Das wiedergefundene
Gesangbuch des Urgroßvaters,
letzter Analphabet
der Familie.
Auswendig sang er
im Kirchenstuhl mit
mächtiger Kleinbauernstimme
die Lieder ins
aufgeschlagene Buch.
Ein Strohhalm
sein Lesezeichen.
Das schrieb der aus dem schlesischen Neiße stammende Germanistik-Professor Peter Horst Neumann (1936 – 2009) im Band Pfingsten in Babylon. Er war musikalisch gebildet, pflegte in seinem Würzburger Haus die Hausmusik. Ein lakonisch genaues Gedicht, hätte Günter Eich gefallen. In den letzten Lebensjahrzehnten sah er sich mehr als Dichter denn als Gelehrter der Germanistik; der Aachener Rimbaud Verlag pflegt sein lyrisches Werk.
„Wir täuschen uns, wenn wir meinen, Peter Horst Neumann habe erst spät mit dem Gedichteschreiben begonnen, nur weil sein erster Lyrikband erst im Jahr 1994 erschien, unter dem harmlosen Titel »Gedichte Sprüche Zeitansagen«. Nein, Gedichte hat er seit jeher geschrieben. Aber der Universitätsprofessor für Neuere deutsche Literaturgeschichte, der er war, scheute sich, nun auch noch auf diesem, dem fragilsten, heikelsten Gebiet der Literatur hervorzutreten, und also versteckte er über Jahrzehnte hin seine Verse, und zwar die besten in seiner Schreibtischschublade, die noch zu überarbeitenden in einer sogenannten „Nutzschrottmappe“ – so seine Bezeichnung. Es muss ihn wohl jemand dazu angestiftet haben, denn endlich entschloss er sich, einige seiner Gedichte in einem kleinen Verlag zu veröffentlichen.“ Das schrieb die in diesem Jahr den hundertsten Geburtstag feiernde Dichterin Dagmar Nick, als Neumann den schlesischen Kulturpreis erhielt, sie kam auch aus Schlesien, aus Breslau.
Barfuß
Im sichelreifen Gras,
an deinen Sohlen meine,
ein anderes Begreifen,
handfern, als wir übten
der Schritte leichtesten
den schwerelosen Gang,
im Rücken, die uns
trug und trägt und
tragen wird als Staub:
ich war dein Weg, du warst
du warst mein Grund.
Ja, auch dieses Liebesgedicht zeigt: Neumann war ein Dichter, hatte ein überschäumendes Wesen. Nur als Lyriker nahm er sich zurück, grub sich in die Stille seiner Verse ein. Aber er sah sich in der Flughöhe von Hilde Domin. An Selbstbewusstsein fehlte es ihm nicht, auch wenn daran Freundschaften zerschellten. Den Grad der Gelassenheit, mit der auf den lyrischen prägnanten Augenblick gewartet wird, umschreibt er im Kurzgedicht Wanderlied als Rat an den „gehbehinderten“ Freund: Bleib stehen./ Es kommt / auf dich zu.

Das stellte der Kölner Germanistik-Professor Walter Hinck (1922 – 2015) in der „FAZ" zu Neumann fest, von Kollege zu Kollege. Auch der brillante Brecht-Forscher und Spezialist zur Lyrik im Exil (Gesang der Verbannten. Deutschsprachige Exillyrik von Ulrich von Hutten bis Bertolt Brecht, Stuttgart 2011.), übrigens auch Doktor-Vater von Ulla Hahn, schrieb Gedichte sowie zärtliche Prosastücke, die Liebes-Szenen aus Frankreich spiegeln, als deutsche Soldaten es im letzten Krieg besetzt hatten. Das überrascht denjenigen nicht, der sich in den Büchern des lange in Hoffnungsthal lebenden Homme de lettres umsieht und sich von der geradezu erzählenden Germanistik-Prosa angezogen fühlt. Wenn aus Liebesversen Elegien werden. So heißt sein letztes Buch über verlorene Illusionen. Es sind zehn Erzählungen, die er 2015 bei Bouvier in Bonn herausbrachte, ein poetischer Lebensrückblick, der die deutsche Sprache adelt. Hincks Die Wunde Deutschland. Heinrich Heines Dichtung im Widerstreit von Nationalidee, Judentum und Antisemitismus, Frankfurt am Main 1990, reicht weit in die deutsche Gegenwart hinein und verschwistert sich geradezu mit dem anmutigen Buch Stationen der deutschen Lyrik. Von Luther bis in die Gegenwart, Göttingen 2000. Der in Landau auch von seinem akademischen Schüler Uwe Wittstock zu Grabe getragene Walter Hinck hatte testamentarisch gebeten, dass an seinem Sarg Mozart gespielt werde: dessen Klarinettenquintett in A-Dur (Köchel-Verzeichnis 581), als Dichtung in Musik. Hinck war in Serbien Kriegsgefangener, jahrelang, bis er aufgefordert wurde, für die Russen zu spionieren: er weigerte sich mit der Folge weiterer Jahre als Gefangener. Ein Glück, ihn gekannt zu haben. Mut ist oft poetisch grundiert.
In der Rösrather Fröbelstraße lebte lange der Spitzengermanist, Goethe-Forscher und Meisteranthologist Karl Otto Conrady (1926 – 2020).
Die Anthologie Der Große Conrady präsentiert ca. 2500 Gedichte von rund 650 Autoren und damit die deutschsprachige Dichtkunst in ihrer ganzen Bandbreite – von den Anfängen im Mittelalter bis zur Gegenwart. An diesem Buch in der Fassung von 2008 (dem im selben Jahr der Hör-Conrady mit 21 CDs folgte) orientieren sich alle nachfolgenden. Karl Otto Conrady liebte Gedichte (auch ihm gab Heine Orientierung, das Leiden an Deutschland), war er doch als Pimpfenführer dem NS-Staat näher als ihm lieb gewesen. Als PEN-Generalsekretär bewerkstelligte er den Zusammenschluss von Ost- und West-Pen – bei Übernahme einiger Stasi-nahen Autoren – was zum Austritt von so bedeutenden ostdeutschen Autoren wie Freya Klier und Reiner Kunze führte. Und – natürlich – verfasste auch Conrady Gedichte. Der stündliche Bus / Verschenkt seinen Halt. Ein treffender Vers aus dem Band Wörtertreiben (Landpresse, Weilerswist, 2002). „Wenn Professoren zu dichten beginnen, fallen die Ergebnisse meist recht mager aus. Nicht so im Fall von Karl Otto Conrady“; so wandte sich Conradys germanistische Kollege Heinrich Detering in der „FAZ" dem Kollegen zu.
Scherzhaft, manchmal elegisch, immer ein wenig selbstironisch stelle er der deutschen Skepsis gegenüber dichtenden Dichtungswissenschaftlern jene angelsächsische Gelassenheit gegenüber, die vom critic erwarte, dass er sich im Gefilde seiner Forschungen auch selbst zu bewegen versteht, hält Detering fest. Na ja.
In Anlehnung an Friedrich Rückerts sarkastischem Gedicht Grammatische Deutschheit schrieb Conrady in seinem einzigen Gedichtband:
Endlich traf ich die deutschesten Deutschen, die selbst sich bedeutschet:Deutscherling, Deutschdich und Deutsch, Deutscherig auch noch dabei.
Weil sie den Positiv deutsch beim deutschesten Steigern verloren.
Hörten sie auf mit dem Deutsch
und entdeutschten sich ganz.
Nichts mehr wollten sie hören von deutschkulturellen Phrasen.
Patriotismus sogar war ihnen nun suspekt…

Und eben auch Heinrich Detering, geb.1959 in Göttingen seit 2005 Professor für Neuere deutsche Literatur und Vergleichende Literaturwissenschaft bis zu seiner Emeritierung, Bob Dylan-Experte und von 2011 bis 2017 Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er dichtet auch. Und das in kundiger Manier. Zuvor schrieb er zahlreiche Bücher, so u.a. Holzfrevel und Heilsverlust. Die ökologische Dichtung der Annette von Droste-Hülshoff (2020); Menschen im Weltgarten. Die Entdeckung der Ökologie von Haller bis Humboldt (2020); Der Antichrist und der Gekreuzigte. Friedrich Nietzsches letzte Texte (2010).
Ich bin mit den Wiesen gut Freund, ich entziffere die
Sandwege von hier bis zum Ufer, bis zu den Brücken, bis
dorthin, wo die Nachricht abbricht im Taubengrau. Linkes
Ufer, rechtes Ufer: Regengrün, Windstille.
Eine Strophe aus einem stillen Gedicht im Huchel-Sound aus: Zeichensprache. Frühe Gedichte 1977–1987. Aachen: Rimbaud 2016, denn Detering schrieb immer schon Gedichte. Wie Peter Horst Neumann fand er im ambitionierten Rimbaud Verlag eine Bleibe, bis er zu Wallstein wechselte, wo er das Eidersperrwerk im Band Wrist 2009 so erfasst:
es geht sehr langsam hier mit den Flüssen
in weiten Mäandern durch Moorwiesen
das dunkle Wasser spiegelt den Himmel
wenig Unruhe manchmal der Flügel-
schlag eines Kiebitz der die Fläche leicht
ritzt und ein Wind der sie flüchtig riffelt
Der 1966 in Kiel geborene Dirk von Pettersdorff sitzt auf dem Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur am Institut für Germanistische Literaturwissenschaft in Jena. Er sieht sich als Ironiker und versteht sich zunächst als Nachahmer, Neusortierer und Umgestalter dessen, was er in der gegenwärtigen Welt, aber auch in vergangenen Zeiten als Stoff zur lyrischen Verarbeitung findet (Wie es weitergeht, 1992, Zeitlösung, 1995). Er kennt genau die verschiedenen Formen lyrischen Sprechens und nimmt sie in seiner Lyrik auf, mal gereimt, mal frei spielend. Er sieht sich Eichendorff nah. Im Lyrikband „Sirenenpop“ finden sich liedhaft gebundene Gedichte, deren Formkunst Rüdiger Görner in der „Neuen Zürcher Zeitung“ lobte. In zahlreichen Gedichtsammlungen und Reflexionen zur Dichtung so in Literaturgeschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von 1945 bis zur Gegenwart, München 2011 ist er als germanistisch geprägter gelehrter Dichter medial präsent.
und wenn es schneit, dann können Flocken landen,
die hängen bleiben, wie uns alles nützt –
lasst diesen Jungen gehen, unverletzt,
im Licht der Straßenlampen, unverletzt.
Hohe Lyrik?

Ein Gelehrter beeindruckenden Ausmaßes ist der viele Jahre in London lehrende germanistische Hochschullehrer Rüdiger Görner, 1957 in Rottweil geboren und nun Bad Honnef lebend. Ein Könner und jemand, der die Zwiesprache zwischen Dichtung und Musik ins Wort nehmen kann. Seine musik-literaturwissenschaftlichen Essays sind Lesegenuss und öffnen neue Weiten. Die 2024 erschienen Biographie über Anton Bruckner gehört dazu. Aber auch zu Oskar Kokoschka, Georg Trakl, Rainer Maria Rilke schrieb er sehr lesbare Monographien, ohne mit Gelehrsamkeit aufzutrumpfen. Seine Arbeit Romantik: Ein europäisches Ereignis setzt seit 2021 Maßstäbe und grenzt sich von Rüdiger Safranskis Buch Romantik: Eine deutsche Affäre, München 2007, ab.
Görner schreibt auch Novellen und Romane im exzellenten Berliner Verlag PalmArtPress – in englischer Sprache.
Und natürlich – dichtet er. Seine Bände erscheinen in Wien und Salzburg, gekeltert von Melancholie und leisem Spott, Herzzonen durchschreitend.
Im 2025 erschienen Gedichtband Der Tod der Gitarre verbindet er deutsche Gegenwart und Geschichte, die sich in ihre Lakonie sogleich einbrennt.
An der Frauenkirche. Dresden, morgens (1996)
Gerüst der Gerüste,
verschalter Glaube und
nummerierte Trümmer.
Man restauriert für tote Beter
und sühnt und staunt
und staunt und sühnt
uns setzt das Opfer
steuerlich ab.
Beseitigt, entsorgt,
das geköpfte Denkmal
des Reformators.
Bombentrichter werden zu Teichen;
Rabenflügelige Terrassentreppen
Führen ins Heutegestern,
wie ich als Kind nur zu gerne sagte.
Coventry liegt an der Elbe.
Semper idem, denke ich mir
Und zähle Krähe und Gräben
Und verlerne,
wo ich bin.
Ja, wo ich bin? Diese Frage durchzieht dieses Gedicht und im Kern alle Gedichte, wo sie auch geschrieben sind, welcher Kulturgeschichte sie folgen. Das unbestimmte Gebiet Ich bestimmt die Anziehungsfläche der Dichter, ob sie nur wie E.T.A. Hoffmann oder Joseph von Eichendorff aus der Denkschule der Rechtswissenschaften kamen, aus der Germanistik oder aus anderen Bereichen der Bildung und sinnlicher Erfahrung.
Germanisten dichten also, aber nicht immer. Je mehr sie sich in das dichterische Werk eines großen Lyrikers versenken, desto weniger wird offensichtlich der Impuls geweckt, auch selbst Verse zu schreiben und, ja und diese zu veröffentlichen. So einer war Professor Axel Vieregg (1938-2020). Er ist in die Literaturgeschichte eingegangen als ein, nicht ein, als der Peter Huchel-Forscher, beginnend mit der ersten Dissertation zu diesem märkischen Poeten. Sie erschien 1974. Huchel durchmaß Deutschland als Sinn und Form- Herausgeber, Hörspielautor, aber ganz besonders durch seine Gedichte – von Brandenburg und Berlin bis in den Schwarzwald und die Faust-Stadt Staufen.
Vieregg skizzierte genau die Sprachinszenierungen in Huchels Dichtung, seine Chiffrierungen und so seine Vision vom endgültigen Untergang Deutschlands in einem (dann doch ausgebliebenen) weiteren Krieg. Das berührt und bedrängt durch zwingende Sprachbilder sowie einem tiefen Moll der Worte. Ähnlich wie von der Lyrik Trakls geht von Huchels Versen Suggestion, ja, sirenenhafte Anziehung aus, die immer noch anhält. Peter Huchel fühlte sich von seinem Interpreten Axel Vieregg, dem Herausgeber der Gesammelten Werke in zwei Bänden (Frankfurt am Main 1984) tief verstanden. „Er hat mich durchschaut, er hat mich durchschaut,“ rief Huchel durchs Haus in Staufen, als er den Essay im Materialienband in die Hand nahm. Ein schönes Kompliment, das Huchels Sohn Stephan Axel Vieregg verriet, als man sich in der Faust-Stadt traf.
Dieses Erkennen kommt nicht von ungefähr. Es gibt biographische und emotionale Gründe.
Vieregg ist, war Berliner. Dort wurde er am 4. August 1938 geboren. Am 8. Mai 1945 war er noch nicht sieben Jahre alt. Die Sprachverrohung der Nationalsozialisten konnte den Knaben und Jugendlichen nicht mehr verheeren, aber es wirkte nach im zerstörten Nachkriegs-Berlin und in ganz Deutschland. Seine Schulzeit begann aber im thüringischen Mühlhausen. Dorthin zog Axel Vieregg mit der Mutter wegen der schweren Bombenangriffe auf Berlin im August 1943. Im Herbst 1944 wurde er Schüler der Nicolaischule. Erst 1948 kehrten Mutter und Sohn nach Berlin zurück. Die märkische Mentalität, die Weite von Feldern, Seen und Wälder nahm er auf in seine Seelenlandschaft auf, denn Brandenburgs Seen und Wälder erkundete von Berlin aus als Junge und später als Student immer wieder.
Er begegnete dieser Dichtung 1966, die er wie die Alpen durchwanderte, lesend und bewundernd. Das weckte den Wunsch, diesem Dichter näher zu kommen. Aber zunächst nicht in Deutschland, sondern in Neuseeland, einem Ruf als Junior Lecturer for German an der Massey University folgend. Die erste Dissertation zu Peter Huchels Gedichten wurde entwickelt und 1972 abgeschlossen unter dem sprechenden Titel „Die Lyrik Peter Huchels. Zeichensprache und Privatmythologie“, den er im Sammelband von Hans Mayer wieder aufgriff. Huchel hatte sie im Manuskript gelesen und fand: „Endlich ein Interpret, der den richtigen Schlüssel besaß, um die verborgenden Türen zu öffnen.“ Und mit diesem Satz verwies er zugleich seine Dichtung in die Sphäre des Geheimnisvollen, zu den Besitzungen der Dichtung, deren Zugänge durch Zitate und Anspielungen aus Philosophie und Literatur offengelegt werden müssen, um den Leser mitzunehmen. Vieregg ist ein Meister hermeneutischen Lesens und Erklärens. Lyrik von Rang entwirft sich eine eigene Zeichensprache, eine individuelle Wortwelt, die einen Sound entfacht, der unverwechselbar wird, so wie bei Chopin und Schubert schon nach zwei Takten deren Melodien im Ohr liegen. Und so ist Viereggs Studie in vielem Modell, lyrische Texte zu erfassen. Wenn auch die Landschaften der Mark für Huchel den Resonanzraum für seine poetischen Erkundungen bilden, kann er nicht in die Nachfolge einer – ohnehin nicht existenten – Fontane- oder Lehmann-Schule verwiesen werden. Dass sich gerade Wilhelm Lehmann und auch der immer beschwingte Hans-Jürgen Heise an Huchel rieben, wirft ein erklärendes Bild mehr auf diese lyrischen Konkurrenten denn auf Huchel. Huchels Dichtung schildert nicht bloße Erscheinungen der Natur, sondern lotet über die Szenarien des Gesehenen in die Tiefenebenen der menschlichen Existenz. Und insofern ist er mit Georg Trakl eher verwandt, der wie Huchel erst recht nicht zu den Naturlyrikern gehört. Vieregg, geschult am herben Klang der Barocklyrik, erkennt bei Huchel nicht nur die Bezüge zur griechischen Philosophie, sondern auch zum verzweifelten Wortsucher Jakob Böhme aus dem schlesischen Görlitz („Die gantze äussere Welt sichtbare Welt mit all ihrem Wesen, ist eine Bezeichnung oder Figur der inneren geistlichen Welt.“). Und die Sprachmystik von Meister Eckardt nimmt Huchel in seine Lyrik ebenfalls auf. Die Zeichensprache des Dichters konstruiert also nicht primär einen Schutzraum von dem politischen Zugriff der nationalsozialistischen Sprachdiktatur in den 30er und 40er Jahren des letzten Jahrhunderts, dem dann jene des SED-Staates ab 1949 folgte, sondern sie entspricht seinem Impetus als mitleidender und mitteilender Dichter: er spannt sich sein eigenes Zelt auf, um sich selbst zu schützen und nicht zu verlieren in den Bedrängnissen, in die er sich gestellt sieht. Auch wenn er nur in frühen Gedichten Gott unmittelbar anspricht (in: „Du Name Gott“ aus dem Jahre 1925) und dies sonst meist vermeidet, ist Huchel ein Gottsucher wie wenige, der die Dimension Gott ins Wort holt; nicht nur in Gedichten, die im Titel darauf hinweisen wie „Psalm“ und „Winterpsalm“ und zu Beginn seines Dichtens in Texten wie „Weihnachtslied“ und „Die Hirtenstrophe“. Er verortet sich auch bei dem denkenden Dichter des Christentums, bei Augustinus. Im 1963 in Frankfurt am Mai erschienenen Band Chausseen Chausseen hat er diesen im Vorblatt zitiert: „… im großen Hof meines Gedächtnisses sind mir Himmel, Erde und Meer gegenwärtig…“.
Wer so schreibt und forscht, bleibt bei der Dichtung – des anderen, schwingt sich nicht auf, selber Gedichte zu schreiben. Schweigen ist Dichten im anderen – im geliebten Menschen und in der dichterischen Landschaft derjenigen, denen das Wort Dichter angemessen ist. Axel Vieregg war ein großer Forscher zu Huchel, Wilhelm Lehmann und anderen, deren Genie er erkannte.
Else Lasker-Schüler (1869 – 1945) aus Elberfeld war nicht akademisch gebildet und doch die größte Dichterin deutscher Sprache. Vielleicht deshalb, unverstellt durch zu viel Bildung und Belesenheit und insofern immer im sinnlich Erfahrbaren zu Hause. Denn dort liegt die eigentliche Quelle der Dichtung.
Die Chinesen dichten weiter. Und auch die Deutschen werden es nicht aufgeben und sich immer wieder neu auszumessen mit Versen, die die Welt bedeuten. Ihnen und den Lesern. Und nicht selten werden sie auf den Saiten der Musik weiterklingen. Auch Professoren dichten, auch Juristen, die Dichtung – das geniale Gedicht – fragt nicht nach Examen.
Erstellungsdatum: 13.05.2026