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Für und um Karl Schupp

Chronik der Trauer

Shirin Kumm


Claude Monet, „Impression, Sonnenaufgang“ Foto: wikimedia commons

Die Sehnsucht ist etwas, was einen am Leben hält, sagt die Autorin Shirin Kumm und schreibt über den Weg der Trauer. Es ist nicht das Gehen, das schmerzt – nicht das Sterben selbst –, sondern das Zurückbleiben, das Weiterleben in einer Welt, die plötzlich leer geworden ist. Wer das schon einmal erfahren hat, versteht diese Last. Dennoch, das Leben wird nach uns greifen und Goethe recht geben: „ … was wir lieben, ist geblieben, bleibt in Ewigkeit“.

 

 

 

25. Juni

Ein Wimpernschlag
von Zweisamkeit
zur Einsamkeit
Von hier
bis dort
vom Leben
zum Tod

 

27. Juni

Mein Herz ist zerrissen
Mit halbem Herzen
atme ich ein und aus
Ein halbherziges Leben
wie halbseitig gelähmt
so wie du am Ende warst

 

30. Juni

Ich bin nicht einsam
ohne dich bin ich
„nullsam“
Das ICH, das ich
mit dir war
ist auch mit dir
gestorben
Das „Nullding“ muss sich 
nun ein neues ICH
erfinden


14. Juli

Am Ende
als alles schief lief
als der Tumor in deinem Kopf
die Macht ergriff
als du nicht mehr
du selbst warst
als deine rote Reisetasche
alleine auf Reisen ging
und ich bei Fundbüros
am Telefon hing
als du Lichter ständig anließt
und mein Mantra hieß
Licht aus!
Licht aus!
dachtest du, es reicht
und dein Licht ging
für immer aus

 

25. Juli

Stück für Stück verblassen
deine Spuren aus den
Ecken meiner Wohnung
Mit jedem Stück
geht auch eins von mir verloren

 

26. Juli

Ein roter Faden zieht 
sich durch meine Welt
Erst im Verlust
erkenne ich den Wert

 

27. Juli

Du der Einsamste
aller Einsamen
hast dich eingenistet
in einer Höhle
dunkel und blind
fern und weit
In der Stille der Einsamkeit
Bist du eingeschlafen
bis das Echo des Lichts tagt

 

27. Juli

Noch zappele ich in der ersten Phase
höre dich die Treppe hochkommen
Zweifel flüstert leise:
„Karl  ist tot“
Doch wo bleibt der Zorn?
Warum schlage ich nicht
alles krumm und klein
warum schreie ich nicht laut?
Immer nur diese Trauer
die verharrt

 

31. Juli

Heute lasse ich
das Schwarze im Schrank
ziehe das rote
T-Shirt an und
male den Mund rot
Nicht dass du denkst
ich habe dich vergessen
das ist nur die Tarnung

 

1. August

Unsere Geschichte
ist zu Ende,
unser Buch zugeklappt
Ein Neues macht sich auf
ich muss es 
alleine schreiben
Doch jede Zeile
ruft nach dir

 

10. September

Nach wie vor dreht sich die Welt
Die Jahreszeiten machen keinen Halt
Der Sommer kam und ging ohne dich
Der Herbst sendet schon seine Vorboten
Die Bäume verlieren Blätter
Die Luft ist kühler geworden
Die Buchmesse naht
Ulla versinkt in Arbeit
Liza tanzt
Petra macht eine Radtour
Maria ist zurück aus Griechenland
Eveline und Andreas sind im Harz 
Gerhard ist am Meer
Dominik baut sich ein Haus
Edwin macht seine Café-Gänge
an manchen Tagen trifft man sich
Dann und wann rufen noch 
Hans und Werner an
Hans-Ulrich ist Großvater geworden
wie du einst
Karl, das Leben geht weiter
Ich muss gestehen
auch meins
Was soll ich sagen
Die Welt stellt keine Fragen
Und die Toten haben nichts mehr zu sagen

 

 

Auszug aus unveröffentlichten Texten

 

 

Erstellungsdatum: 05.05.2026