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Eröffnung der Wim Wenders Ausstellung W.I.M. Im Lauf der Zeit im DFF

Das klingende Tabernakel

Eva Claudia Scholtz


Wim Wenders in der Ausstellung. Foto: Norbert Miguletz/DFF

Wie für alle großen Filmregisseure ist auch für Wim Wenders der Einsatz von Musik von großer Bedeutung. Die Bilder und die Dialoge drängen die Wahrnehmung der Musik zwar oft aus dem Bewusstsein. Aber die Musik erzählt, was die Darsteller nicht sagen und was nicht zu sehen ist. Sie ist Stimmungsmacher und berichtet vom Gefühlsleben der Leinwandfiguren. Eva Claudia Scholtz von der Hessischen Kulturstiftung hat in ihrem Grußwort zur Eröffnung der Wim Wenders Ausstellung W.I.M. Im Lauf der Zeit im DFF den Wenders’schen Musikeinsatz thematisiert.

 

Nicht allen unter Ihnen wird der Ausdruck „Tonträger“ noch geläufig sein. Anders, wer in den 1980er Jahren von West-Berlin aus zu einer Tagesreise in die DDR aufbrach: Am Grenzkontrollpunkt war die wie ein Mantra wiederkehrende Frage zu beantworten: „Waffen, Tonträger, Munition?“

Das erschrockene Kopfschütteln von ertappten Musikfreundinnen und -freunden im innerdeutschen Grenzverkehr traf auf keine Gegenliebe, stapelten sich doch in der Ablage unter dem Kassettendeck deutlich sichtbar die Audiokassetten – ganz wie in dem gleich einer mobilen Jukebox tönenden Lieferwagen des Helden von Wim Wenders’ letztem Film Perfect Days.

An der innerdeutschen Grenze freilich folgte nun die Beschlagnahme aller mitgeführten Musikkassetten. Offenbar standen Audiokassetten im Verdacht, die sozialistische Staatsordnung mit systemfremden Klängen und feindlichem Gedankengut zu infiltrieren.

Im Stillen wird sich so manch einer gewundert haben, warum nur nach Ton- und nicht auch nach Bildträgern, wie zum Beispiel Kameras, gefragt wurde.

Es ist eine reizvolle Aufgabe, versuchsweise einmal einen Katalog aller akustischen Aufzeichnungs- und Wiedergabegeräte zu entwerfen, die in den Filmen von Wim Wenders eine tragende mediale Rolle spielen. Am Anfang – zumal für diejenigen, die sich 1974 noch im grenzüberschreitenden Transitverkehr bewegten – stünde da das Transistorradio am kindlichen Ohr der Titelheldin von Alice in den Städten. Unversehens aber müsste die Liste der Tonträger an spätestens einer Stelle in den noch umfangreicheren Katalog der Bildträger übergehen:

Die Stelle, die den Übergang markiert – einem Tabernakel gleich, in den leuchtenden Neonfarben seiner Materialien Plaste, Glas und Stahl –, ist der Ort der farbenfroh blinkenden und glitzernden Jukebox. Vor deren Tasten konnte jeder Liebhaber der populären Musik – auch jeder Pinball-Wizzard des benachbarten Flippers – sein eigener Musikproduzent werden. Wenders, der in seinem jüngsten Buch Wesentliches mit einer feierlichen „Ode an die Jukebox“ aufwartet, bekennt eingangs:

„Ich weiß nicht, was aus mir geworden wäre, wenn es die Jukebox nicht gegeben hätte.“

Überschrieben ist das Kapitel mit „Driven by Music“, das heißt: auf der weiten Straße zum Film, genauer, zum Road Movie. Der halbe Kreisbogen der von Alice in den Städten über Paris, Texas und Don’t come knocking zu Perfect Days führt, wiederholt selbst noch einmal die vollplastische Grundform einer Jukebox der Marke Wurlitzer.

In einem Cameon-Auftritt à la Hitchcock zeigt Wenders sich in Alice in den Städten beim Bedienen einer Jukebox im Hintergrund eines Diners. An deren Fenstersims sortiert Wenders Alter Ego Philip Winter (gespielt von Rüdiger Vogler) seine unterwegs geschossenen Polaroidaufnahmen. An der Aufgabe des Schreibens über Amerikas Landschaften war der Reporter Winter gescheitert: „Sie sollten keine Fotos machen. Sie sollten eine Geschichte schreiben“, hatte ihn der New Yorker Agent seines deutschen Auftraggebers gerüffelt. – „Ich weiß“, war die Antwort, „aber die Geschichte handelt von Sachen, die man sehen kann.“ – Das Sehen aber kennt keine Plots.

 


Yella Rottländer in Alice in den Städten von Wim Wenders © WDR, PIFDA MCMLXXIV. Mit freundlicher Genehmigung der Wim Wenders Stiftung


Anders gesagt: Baby you can drive my car, währenddessen allerhand Menschen, Dinge und Zeichen von den Windschutzscheiben, Seitenfenstern und Rückspiegeln der Vehikel langer Kamerafahrten reflektieren: In den Straßen von Wuppertal, von Tokyo oder auch auf der legendären Route 66, dem Highway nach dem verlorenen American Dream. Am Straßenrand, irgendwo in New Mexico wurde vor Jahren ein Leuchttransparent gesichtet, in knallbunten Lettern beschriftet mit: „Dreamcatcher Cinema“. – Vielleicht war Wim Wenders dort gerade „auf Dreh“.

Apropos „Dreh“: So wie Paris, Texas mit dem sich mehrfach um die eigene Achse drehenden Freudentanz der Nastassja Kinski in der Rolle der Jane schließt, so wird der entscheidende Wendepunkt in Alice in den Städten von den Rotationen um die Achse einer Drehtür vor New Yorks JFK-Airport markiert: Alice bringt mit der Drehtür sich selbst und den beim zufälligen Betreten darin eingefangenen Philipp Winter mächtig ins Rotieren. Von da an übernimmt die Neunjährige Regie und Dialogführung des Films.

Showdown: Für die Dauer von rund fünf Minuten, da der Canned Heat Song On the Road Again aus einer Jukebox tönt, sitzen Alice und ihr grantig gewordener Beschützer in einer Eisdiele einander gegenüber. Die Kamera schwenkt hinüber zu einer Jukebox. Und auf sie gestützt, schleckt ein lümmelnder Junge dort völlig in sich gekehrt an seinem Eis. Er begleitet das Lied von Anfang bis Ende durch leises Mitsummen der heiseren Fistelstimme des früh verstorbenen Sängers Al Wilson:

„(...) the life I love is makin’ music with my friends And I can’t wait to get on the road again (...)

Abblende: Von dem Reisenden in Peter Handkes früher Erzählung Versuch über die Jukebox heißt es, ganz am Ende

„spürte er mit Staunen, daß er jetzt erst wirklich aufgebrochen war von dort, wo er herkam.“

Staunen ob des großen filmischen Werks von Wim Wenders, das wir hier im DFF nun in seiner Gänze bewundern können, wünsche ich uns allen beim Gang durch die Ausstellung. Und Freude.


Ausstellungsansicht. Foto: Norbert Miguletz/DFF


Dafür, dass Sie es uns näherbringen, bedanke ich mich auch im Namen unseres Stiftungsrates und unseres Vorstandes sehr herzlich – beim DFF, allen voran beim kuratorischen Team Isabelle Bastian und Hans-Peter Reichmann. Ihnen, lieber Wim Wenders, danke ich für die Bilder!

 

Siehe auch Kulturtipp

 

Erstellungsdatum: 21.03.2026