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Auszug aus „Die Schöne und der Papagei“ von Mrinal Pande

Mit einem satirischen Roman aus Indien beginnt auf TEXTOR ein neuer Themen-Schwerpunkt, der in Kooperation mit dem Litprom-Freundeskreis in loser Folge übersetzte Welten-Literatur vorstellt. Der Roman der indischen Autorin Mrinal Pande stand 2024 bereits auf der Weltempfänger-Bestenliste. Wie wahr oder unwahr eine erzählte Geschichte ist, darüber wird auf der Grundlage uralter Überlieferungen entschieden, den heiligen Veden und den großen indischen Epen. Die Indologin und Übersetzerin Almuth Degener führt in das Werk ein. Eine Passage des Romans gibt Einblick in den – übersetzten – Originalton des Werkes.
„Unsere Geschichte beginnt mit dem Himalaya. – Wieso der Himalaya? – Weil er da ist, hat einmal ein Bergsteiger gesagt.“ So beginnt der satirische Roman „Die Schöne und der Papagei“ der indischen Schriftstellerin Mrinal Pande. Mit einer Frage, die die Geschichte in Frage stellt, bevor sie überhaupt begonnen hat, und mit einem Zitat, dem berühmten Ausspruch von George Mallory. Eine treffende Vorbereitung auf einen Roman, in dem alles und nichts wahr ist. Fragen darf man sich auch, ob es sich überhaupt um einen solchen handelt. Der Originaltitel spricht von „katha“, und das kann freilich alles Mögliche bedeuten, vor allem aber eine märchenhafte Erzählung, wie sie von orientalischen Geschichtenerzählern tradiert, immer wieder neu ausgeschmückt, mit Motiven aus anderen Quellen angereichert und verändert wird.
Selbstverständlich gibt es auch einen Erzähler, oder vielmehr deren zwei. Da ist zum einen die namenlose Erzählerin, die immer wieder mit metafiktionalen Kommentaren zur Hand ist, und zum anderen der gelehrte, sprechende Papagei Hiramani. Ein einbeiniger, einäugiger Krüppel ist dieser Vogel, aber er begegnet der schönen Waldfee Himuli, und zusammen bilden sie ein Team, das imstande ist, Throne wackeln zu lassen und Lachmuskeln zu strapazieren. Auch eine Bande von Spitzbuben tritt auf, die in einen Erzählwettstreit treten – natürlich, denn ums Erzählen, ums Fabulieren, um das Spiel mit Sprache und Motiven aus der reichen indischen Märchenliteratur geht es in diesem Buch. Und um Politik. Jeder erzählt etwas, das er selbst erlebt haben will. Gewinner ist aber nicht der Erzähler, dessen Geschichte am glaubhaftesten ist, im Gegenteil, gewonnen hat derjenige, dessen Erzählung sich als frei erfunden entpuppt. Wie wahr oder unwahr eine Geschichte ist, darüber wird auf der Grundlage uralter Überlieferungen entschieden, den heiligen Veden und den großen indischen Epen. Wenn etwa einer der Räuber eine haarsträubende Geschichte auftischt, in der ein ganzes Dorf in einer Lotosblume verschwindet, der Lotos von einer Kuh verspeist wird und am Ende alles wieder unversehrt auftaucht, dann gilt dies dank dem gewählten Maßstab keineswegs als unglaublich: „Frag nur irgendeinen von den Gottgläubigen hier in Indraprastha. Der kann dir erklären und auch eine bebilderte Broschüre dazu zeigen, wie unser gesamtes Universum, mit Tieren und Vögeln aller Art, Seen und Teichen, Bergen und Tälern, im Bauch unserer Mutter, der Kuh, Platz findet.“ Und der Bezug zur Gegenwart lässt nicht auf sich warten: „Im Hof des Geheimquartiers von Durjay, dem Diener der Allgemeinheit, befindet sich übrigens seine wohltätige Pflege- und Futterstation für herrenlose Rinder. Dort ist auf der Außenmauer die Kuhmutter selbst abgebildet.“ Die heilige Kuh Indiens! Die Kuh-Mutter, deren göttliches Wesen in den uralten hinduistischen Schriften überliefert ist, die aber im Indien des 21. Jahrhunderts zum Politikum geworden ist. Der gesetzlich verordnete Schutz der Kuh hat mit radikalen Schlachtverboten dazu geführt, dass Scharen von halbverhungerten Rindern über Felder herfallen und die Straßen von Städten bevölkern. Die „Diener der Allgemeinheit“ in Gestalt der Regierung richteten Kuhgnadenhöfe ein, die das Problem jedoch kaum abmildern konnten.
Am Ende findet sich übrigens ein Gewinner des Erzählwettstreits, aber das ist fast schon egal, denn im Grunde gibt es in „Die Schöne und der Papagei“ wie in einem orientalischen Märchen weder Ende noch Anfang. Das Vergnügen bei der Lektüre dieses schmalen Bandes speist sich nicht aus dem Spannungsaufbau, sondern aus der spielerisch-geistreichen Verflechtung von Märchenhaftem und allzu Gegenwärtigem.
2017 ist das Buch im Original erschienen und dabei so aktuell, wie nur ein Märchen es sein kann. So treffen wir bei aller Fantasie auf prominente Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft und sogar auf einen amerikanischen Herrscher namens Turamp Gelbhaar.
Eine Satire aus Indien, ganz ohne herzzerreißende Geschichten von Slumbewohnern und Kinderarbeit, ohne strahlende Paläste und den Duft indischer Gewürze, und bei aller Ironie so „indisch“, dass alle, die einen Blick auf den Subkontinent werfen möchten, diesen schmalen Band zur Hand nehmen sollten.
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2024 stand „Die Schöne und der Papagei“ auf der Litprom-Bestenliste Weltempfänger: „Eine kunstvoll durchtriebene Politsatire, die – angelehnt an das indische Mahabharata – in einem wilden Mix aus Straßenslang und Sanskrit-Imitat die hindunationalistischen Machenschaften von Modi aufs Korn nimmt. Herrlich komisch. Hervorragend übersetzt!“ (Claudia Kramatschek, Mitglied der Jury)
Die Autorin Mrinal Pande ist Schriftstellerin, Intellektuelle, Journalistin und Feministin. In ihren Kurzgeschichten und Romanen nimmt sie immer wieder mit spitzer Feder politische und soziale Missstände aufs Korn. Sie arbeitete auch als Universitätsdozentin, Redakteurin und Nachrichtensprecherin.
Mrinal Pande hat die Arbeit an der deutschen Übersetzung mit großer Anteilnahme und Bereitschaft zur Klärung von Verständnisfragen begleitet. Das Besondere daran ist, dass gleich vier Personen dieses Buch als gemeinsames Projekt gewählt haben. Dabei haben sie viel voneinander gelernt und in der Auseinandersetzung mit den Kolleg:innen die eigene Herangehensweise immer wieder auf den Prüfstand gestellt. Nicht zuletzt hat diese Übersetzung von Diskussionen mit indischen Kolleg:innen profitiert, vor allem bei der intensiven Zusammenarbeit im Rahmen eines Übersetzerworkshops an der Universität Dehradun in Indien, gefördert vom TOLEDO-Programm des Deutschen Übersetzerfonds.
Die Leseprobe stammt aus dem Anfangskapitel, noch bevor der Papagei, die Waldfee und andere märchenhafte Figuren in Erscheinung treten. Sid, ein junger Amerikaner, Sohn indischer Eltern, besucht zum ersten Mal Indien, er wird begleitet von seinem Freund:
Eine Zugverbindung bis zu der Stadt, aus der Sids Familie stammte, gab es noch immer nicht. Sie nahmen stattdessen ein klappriges Taxi. Nach einer langen Fahrt, während der sie sich damit vergnügten, Fotos zu schießen, erreichten sie endlich ihr Ziel. Der Tag neigte sich bereits dem Ende zu. Das Herumfragen im Viertel war frustrierend. Sid erfuhr, dass es in dieser Stadt von lauter Migranten keine einzige Person mehr gab, die eindeutig mit ihm verwandt war. Einer nach dem anderen waren sie alle fortgezogen, dorthin, wo immer sie ein Auskommen fanden: Lucknow, Delhi, Mumbai, Japan, China, Bangalore oder Amerika. Die von Generation zu Generation vererbten Häuser, Schauplätze der Lebensgeschichten einst großer und angesehener Familien, standen jetzt leer. Es gab weder Strom noch Wasser. Nach dieser etwas bitteren Erkenntnis beschlossen die beiden auf Anraten ihres neuen Freundes, des Taxifahrers, stattdessen in ein gewisses Dorf auf dem Gipfel des Kasar-Berges zu fahren. Dort, versicherte man ihnen, hatte sich rund um das trostlose Gefilde eine größere Anzahl von jungen Leuten aus Israel und Europa niedergelassen. Der Taxifahrer, der eine umgedrehte Baseballkappe trug und die Musik voll aufdrehte, ließ keinen Zweifel daran, dass es den Herrschaften dort oben besser gefallen werde als in der Stadt. Sie würden Gleichgesinnte antreffen, und übrigens werde er mit Sheru Da sprechen, damit sie tipp-topp untergebracht und verpflegt würden. Für ein paar Kröten konnte Sheru Da in dieser Siedlung nicht nur Mineralwasser, sondern von Toilettenpapier zum Abwischen ihres Hinterteils bis zu erstklassigem, schwer erhältlichem Malana-Haschisch in ausreichender Menge alles besorgen, was ausländische Touristen so brauchten.
Am Abend trafen sie im Dorf ein und hielten vor einem modernen Haus mit dem Schild „Sheru’s Inn”. Im Hof saßen um ein Lagerfeuer herum zahlreiche gut gebaute junge Leute wie sie selbst, die aus aller Welt angereist, von zu Hause weggelaufen oder mit Schimpf und Schande verjagt worden waren oder auch einfach ziellos umherreisten. Sofort waren sie bester Laune. Der Taxifahrer, der zugleich als Dolmetscher fungierte, stellte sie dem Herrn des Hauses Shersingh vor.
Sheru Da, wie er gewöhnlich genannt wurde, gab ihnen wunschgemäß ein Doppelzimmer mit einer westlichen Sitztoilette im Haus und überreichte ihnen dazu eine Preisliste für Essen und Trinken. Sid und Gab waren höchst angetan. Später am Abend, nachdem sie sich frisch gemacht hatten, setzten draußen Gitarrenklänge ein, und als sie vom Fenster aus beobachteten, wie unter den Gästen am Feuer – gleichsam als eine zermatschte Version der Hostie – Charas- oder Haschisch-Klümpchen ausgeteilt wurden, waren sie noch mehr angetan. Sogleich schlossen sie sich der Runde an.
„Wollt ihr?“, empfing sie lächelnd und mit rotglühenden Augen der Verwalter der Ware. Dann intonierte er laut: „Wer nie geschmeckt des Hanfes Blüte ...“
„... wird auch kein Mannsbild erster Güte! Alakh Bam!“ stimmte verzückt die Menge ein.
Auszug mit freundlicher Genehmigung des Draupadi Verlags.

In der neuen Rubrik „Übersetzungen“ stellen wir in loser Folge übersetzte Literatur aus dem „Litprom-Kosmos“ vor: Bücher aus dem globalen Süden, denen wir viele Leserinnen und Leser wünschen. Nicht immer, aber immer öfter kommen auch die Übersetzerinnen und Übersetzer selbst dabei zu Wort. Einen Textauszug als Leseprobe gibt es dazu.
Diese Rubrik betreut Anita Djafari vom Litprom-Freundeskreis. Vorschläge für Beiträge bitte direkt an: anita.djafari@posteo.de

Mrinal Pande
Die Schöne und der Papagei
Ein satirischer Roman aus Indien
Aus dem Hindi übersetzt von
A. Degener, I. Fornell, M. Kramer und H. W. Wessler.
Mit einem Vorwort der Autorin.
124 S. 12,- Euro
ISBN: 978-3-945191-87-3
Draupadi Verlag 2023
Erstellungsdatum: 28.01.2026