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Der Wunsch als Vater des Gedankens beeinträchtigt unseren Verstand, dessen wir uns als aufgeklärte Menschen bedienen sollten. Der Scharlatan bedient diesen Wunsch so, dass die innere Warnung vor seinem Geschwätz verblasst. Grete De Francesco hat in ihrem 1937 erschienenen Buch „Die Macht des Charlatans“ diese Methode gründlich beschrieben – zu einer Zeit, als zwei bis drei größenwahnsinnige Scharlatane ganze Völker um den Verstand gebracht hatten. Volker Breidecker klärt über die Autorin und ihr Buch auf.
Ein Schalk, wer beim Lesen unserer Überschrift an Donald J. Trump, den 45. und 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika denken mag. Unter diesem Titel erschien hingegen am 1. Juli 1933 in der in Paris und Amsterdam von Leopold Schwarzschild herausgegeben Exilzeitschrift „Das Neue Tage-Buch“ eine von Siegfried Kracauer unter dem Pseudonym Stergin verfaßte Filmkritik der amerikanischen Musikkomödie „The Phantom President“. In dieser Politsatire wird ein ausgesprochen blasser Präsidentschaftskandidat, dem jedes Charisma abgeht, erfolgreich von einem Quacksalber der Jahrmärkte gedoubelt: einem vermeintlichen Wunderarzt, der sonst unter lautem Geplärre und Gepolter seine Salben, Tinkturen und Mixturen an den Mann und die Frau bringt, sofern die Menschen einfältig genug sind, dem Wortschwall eines Gauklers Glauben zu schenken. Anstelle des richtigen Kandidaten, dem er äußerlich zum Verwechseln ähnlich sieht, zieht der Kräuterdoktor in den Wahlkampf: Seine steilen Phrasen und endlosen Wortkaskaden versetzen die Menge in einen wahren Rausch und sichern den Wahlsieg.
Der Film bestätigt dem Kritiker zufolge die Vermutung, wonach es „die Charlatane sind, die in der Politik die größten Erfolge erzielen.“ Weiter schreibt Kracauer: „(…) eine Wahlversammlung ist, dem Film nach zu urteilen, nicht kritischer als ein Jahrmarktpublikum gestimmt, und ob man den Wunderglauben der Massen durch medizinische oder politische Gaukeleien erweckt, bleibt sich ganz gleich. Jedenfalls enthüllt sich der Quacksalber als ein geborener Volkstribun und dieser als vollendeter Charlatan.“
Mit Donald Trump, der seine öffentliche Karriere wie sein italienischer Vorgänger Silvio Berlusconi, außer als Grundstücksmakler, als Spassmacher begann, hat die zeitgeschichtliche Wirklichkeit die politische Satire nicht nur eingeholt, sondern längst überholt und überboten. Denn ob als Staatsmann oder als Heiland, als Kriegsherr oder als Demagoge: Donald Trump ist und bleibt stets der Doppelgänger, das Double seiner selbst: Empfahl er seinen Mitbürgern während der Covid-19-Krise Immunität und Heilung durch den Genuss von Desinfektionsmitteln, so rückte er jüngst die eigene Selbstdarstellung als wundertätiger Heiland gegen den Vorwurf der Blasphemie dadurch zurecht, daß er sich als Wunderarzt und politischer Magier gerierte: Das fromme Christusbildchen „soll mich als Arzt zeigen, der Menschen heilt, und ich heile Menschen.“

Kracauer war auch im Jahr 1933 weder der erste noch der der letzte Beobachter einer politischen Wirklichkeit, in der Charlatane zur politischen Macht gelangten. Deutlicher drückte es ein damaliger Beobachter speziell deutscher Verhältnisse wie der englische Schriftsteller und Bloomsbury-Verleger Leonard Woolf in seiner 1936 erschienenen Streitschrift „QUACK, QUACK!“ wider Hitler und Mussolini aus: „Between 1920 and 1930 Germany was full off people offering themselves as political magicians. Herr Hitler was both one of the longers and one of the offerers.“ Tatsächlich wimmelte es im Deutschland der Zwischenkriegszeit nur so von Wundermännern, falschen Propheten, Gesundbetern, Handauflegern, Magiern, Esoterikern und Wahrsagern jedweder Couleur; der Charlatan als solcher wurde zur verbreiteten literarischen Figur, und die Charlatanerie zum Politikum schlechthin als Synonym für Demagogie.
Als politische Opposition, jeder Widerspruch und jedwede Kritik an der totalitären Diktatur des NS-Staats ausgeschaltet lebensgefährlich geworden waren, nutzte eine österreich-jüdische Schriftstellerin und Journalistin, die sowohl bereits die italienischen Verhältnisse seit den Anfängen des Faschismus als auch die deutschen Verhältnisse unter dem Niedergang der Weimarer Republik hautnah mitverfolgt hatte, ihren nicht-jüdischen Ehenamen zur Camouflage nicht nur der eigenen Person, sondern auch zur verdeckten Analyse von totalitärer Propaganda und demagogischer Rhetorik. Unter der Fiktion ein kulturgeschichtlich gleichsam abgeschlossenes, der Vergangenheit angehörendes medizingeschichtliches Phänomen zu erörtern, entwarf sie das Buch über „Die Macht des Charlatans“. Indem es von den rhetorischen Techniken und Taschenspielertricks der historischen Charlatane sprach, zielte es in Wirklichkeit auf die politischen Charlatane der Gegenwart samt deren Gefolgschaften. Grete De Francescos Kollege Joseph Roth konnte deshalb in seiner im Pariser Exil Anfang 1938 erschienenen Rezension des an einem sicheren Ort, in Basel, erschienenen Buchs im besten Wissen um die Hintergründe schreiben, „daß dieses Buch lange vor der Zeit in Angriff genommen wurde, in der der Scharlatanismus anfing, die europäische Politik zu bestimmen und sogar zu vergewaltigen.“
Zu ihrer Methode eines verdeckten Schreibens bekannte sich die Autorin in einem Brief an Thomas Mann, der seinerseits die amerikanische Übersetzung und Publikation ihres Buchs fördern sollte, mit den eindringlichen Worten:
„Ich schrieb unangreifbar, jeden Satz auf zwei Ebenen prägend, und war bestrebt, die Tarnung so dicht zu machen, daß dieses trojanische Pferd – möglicherweise – als medizingeschichtliches Buch in Deutschland Eingang findet.“
Tatsächlich war ihr dies zumindest partiell gelungen, so daß ihr Charlatanbuch möglicherweise das einzige Dokument des Exils und des Widerstands gegen den Nazismus gewesen ist, das sowohl im äußeren Exil als auch unter Protagonisten des inneren Exils, die wie Rudolf Pechel. Gerhard F. Hering und Dolf Sternberger ihrerseits die Kunst der verdeckten Schreibweise pflegten, publizistische Furore machte; daneben wurde das Buch auch in der nordamerikanischen politischen wie wissenschaftlichen Publizistik breit rezipiert.
Dennoch gerieten das Buch wie seine Autorin, mit deren getarntem Namen – er wollte nicht einmal so recht der alphabetischen Ordnung gehorchen – in der Nachkriegszeit bald niemand mehr etwas anfangen wollte, geschweige denn konnte, fast vollständig in Vergessenheit. Das Buch solange, bis ihm erst vor wenigen Jahren (2021) eine Neuausgabe in der Anderen Bibliothek (weiterhin lieferbar zum Sonderpreis für den „Extradruck“ von 25 Euro) zuteil wurde, begleitet von einem Essay des Verfassers dieses Textes, der die Biographie jener verfemten, verfolgten und sogar von der Exilforschung vergessenen Schriftstellerin und Intellektuellen von europäischem Format recherchiert hat.

Wer aber war die Autorin, die ihren Namen und ihre Nationalität so gut camouflierte, dass sich sogar mancher Kollege aus dem Kreis der Redaktion der „Frankfurter Zeitung“, der sie selbst vorübergehend und darüber hinaus mehrere Jahre als Mitarbeiterin angehörte, so wie der berühmte Friedrich Sieburg gewaltig in ihr täuschten. Diesbezüglich Bände spricht die Schilderung ihres letzten Auftritts auf den Redaktionsfluren der „Frankfurter Zeitung“ vom Frühjahr 1933 im Rückblick eines Briefs von 1937 an ihren akademischen Lehrer Karl Otto Thieme nach dessen Schweizer Exil:
„(…) nach diesem Abgang begegnete mir auf dem Korridor Herr Sieburg, der mich bisher nur von der Höhe seiner geistigen Stellung her übersehen hatte. Nun eilte er auf mich zu, küsste mir die Hand und sprach die öligen Worte: 'Liebe gnädige Frau, ich wußte ja gar nicht, dass Sie Italienerin sind, man sagte mir es eben, wie mich das freut.’ Worauf ich mich umdrehte und sagte: ‚Irrtum, ich bin Wiener Jüdin.“ Das waren die letzten Worte, die ich in dem Stall, den ich nie mehr betreten habe, sprach. Sie stimmten nicht einmal, da ich ja garnicht 100 % bin. Aber die arischen Vorfahren schenke ich mir in Deutschland um Unklarheiten vorzubeugen. Nun tat ich nichts mehr, erhielt aber häufig Aufforderungen von Nazizeitungen, speziell Frauenbeilagen, denn da sie doch nebenbei auch noch so unendlich doof sind, fallen Sie auf jeden ausländischen Namen herein.“
Wenn letzteres bis vor kurzem noch selbst für die Editoren von Ausgaben der Briefe Theodor W. Adornos, Walter Benjamins, Ernst Blochs, Ernst Kreneks und Max Horkheimers galt, die mit dem Namen der Grete De Francesco partout nichts oder wenig anzufangen wußten, blieb als einziges deutschsprachiges offizielles Dokument von ihr ein Sichtvermerk in den Akten der Frankfurter Gestapo erhalten, eine Karteikarte mit Namen und Frankfurter Adresse (Kurhessenstraße 31) und dem Eintrag vom 19. Oktober 1933: „Steht mit dem Ausland im Schriftverkehr.“
Grete De Francesco wurde als Margarethe Weissenstein 1893 in der Wiener Berggasse, in Nachbarschaft des von Sigmund Freud und seiner Familie bewohnten Hauses Nummer 19, geboren. Mit Freuds Töchtern Anna und Sophie teilte sie späterhin den Besuch des reformpädagogischen privaten Lyzeums der Salka Goldman, einer Schülerin des Leipziger Historikers Karl Lamprecht. Grete Weissenstein war ein authentischer Sproß der Wiener Geistes-, Theater- und Musikkultur, die sich im großbürgerlichen Döblinger Cottageviertel, wohin die Familie zuletzt ungezogen war, um die Jahrhundertwende neu vernetzte. Diesen heimischen Mikrokosmos als einer Lebensform, die die Weite der Bildungshorizonte mit der Enge der Sozialbeziehungen verband, tauschte die Tochter eines jüdischen Textilfabrikanten in jungen Jahren mit der Welt der Schwabinger Bohème ein, wo sie eine enge Freundschaft mit den Kunsthistorikern und Wölfflin-Schülern Carola Giedion-Welcker, Sigfried Giedion und Hans Curjel einging. Als nach der Niederschlagung der Räterepublik Anfang 1919 die Freikorps auf den Münchner Straßen wüteten, verließ der Freundeskreis fluchtartig die Stadt.
1916 hatte sie den kriegsversehrten Südtiroler Ingenieur Giulio De Francesco geheiratet. Ein gemeinsames Kind verstarb im frühen Knabenalter an einer Kinderkrankheit. Nach dem Friedensschluss von St. Germain – zuletzt waren die Ehepartner verfeindeten Nationen zugehörig – optierte das Paar für Italien, um sich in Mailand niederzulassen. Doch schon Mitte der 1920er Jahre vom Mussolini-Faschismus angewidert, brach Grete erneut auf und übersiedelte nach dem Berlin der Weimarer Republik, auf die sie fortan alle ihre politischen Hoffnungen setzte. Dort – daneben in der Schweiz – bewegte sie sich innerhalb eines Freundes- und Bekanntenkreises von Künstlern und Intellektuellen aus dem Umfeld der avantgardistischen Kroll-Oper und deren künstlerischem Leiter Hans Curjel, darunter László Moholy-Nagy, Albert Salomon, Walter Benjamin, Marcel Breuer, Ernst Krenek und Ernst Bloch.
Von Berlin aus schrieb sie für die Feuilletons mehrerer deutschsprachiger Zeitungen und Zeitschriften, engagierte sich in der Erwachsenenbildung als Pionierin des sogenannten „Zweiten Bildungswegs“ und studierte an der neugegründeten Deutschen Hochschule für Politik, wo sie als erste Frau überhaupt den akademischen Zweig mit der Diplomarbeit „Das Gesicht des italienischen Faschismus“ (1931) absolvierte. An dieser vorwiegend loyalen Kaderschmiede der Republik, an der sie sich stark engagierte, hatte sie sich auf die Untersuchung politischer Reklame und Propaganda spezialisiert. 1931 wurde sie Mitarbeiterin im Berliner Redaktionsbüro der „Frankfurter Zeitung“ an der Seite Siegfried Kracauers, und Anfang 1932 Assistentin des Feuilletonchefs Friedrich T. Gubler am Frankfurter Stammsitz des liberalen Blatts.
Seit 1933 war die österreichische Jüdin mit italienischem Pass von bisherigen Publikationsmöglichkeiten in Deutschland abgeschnitten. Als permanente Grenzgängerin pendelte sie fortan zwischen Wien, Paris, Basel, Zürich und Mailand. Die Übernahme der NS-Rassengesetze durch das faschistische Italien sollte jüdische Einwanderer der ersten Nachkriegszeit besonders hart treffen. Durch Entzug des Passes und weitere Repressalien zur Immobilität verurteilt, war De Francesco zeitweise in den Bergen untergetaucht. Nach einer Denunziation wurde sie im Herbst 1944 in Mailand von der Gestapo verhaftet und noch im Dezember mit einem der letzten Transporte über das Zwischenlager Bozen-Gries nach dem Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Dort, wo kein einziges Dokument von ihr erhalten blieb, wurde sie Ende Februar 1945 von einer überlebenden Mitgefangenen ein letztes Mal gesehen, bevor sich ihre Spuren für immer verloren haben.
Ihr 1937 im Basler Verlag von Benno Schwabe erschienenes, vom in die Schweiz geflohenen Typographen Jan Tschichold opulent gestaltetes Hauptwerk „Die Macht des Charlatans“ vereinigt – in Erneuerung einer marranisch-jüdischen Tradition verdeckten Schreibens unter Bedingungen der Verfolgung – Camouflage mit Konterbande.
Über Ihre bitteren italienischen wie deutschen Erfahrungen mit den Anfängen des Faschismus, die zum Hauptantrieb ihres Buchs wurden, hatte sie im Oktober 1937 wiederum an Thomas Mann geschrieben:
„Das Erlebnis des italienischen ambiente war für mich ein sehr persönliches gewesen und wenn ich mich heute an die Trauer und Verzweiflung erinnere, die mich, die ich menschlich durch die Vorgänge in einem Land, das nicht meine Heimat war, in keiner Weise getroffen war, erinnere, so weiß ich, daß die Ahnung all der lauernden Barbarei schon in den ersten glorreichen Wochen erbarmungslos und klar vor mir stand. Ich bin auch heute noch fest davon überzeugt, daß das Todesurteil der Demokratien schon nach zwei Wochen Faschismus gesprochen war. (…) Mein Pessimismus wurde verlacht, besonders von meinen deutschen Freunden (…); Überbewertung des Phänomens wurde mir von allen Seiten vorgeworfen –; was wird ein Vorgang im kleinen Italien schon zu bedeuten haben? (…)
Ich lebte dann in Deutschland von 1927 – Juli 1934 und ich erlebte die ersten Ausbrüche des »angenehmen Angstschweißes« [Anspielung auf Thomas Manns Novelle „Mario und der Zauberer“, v.b.] und erlebte – genau wie in Italien – die ersten Ausbrüche des Grauens. (…) Vom Regen in die Traufe geraten, flüchtete man gerne zurück in den Regen, den grauen Regen Mailands.“
Das als medizin- und theatergeschichtliche Abhandlung getarnte Buch war demnach „viel weniger aus medizingeschichtlichen Kenntnissen gewachsen, als aus der ganzen Trauer und Verzweiflung eines Menschen, der in zwei Ländern das Grauen miterlebt hat“. Es birgt vielmehr eine grundlegende Auseinandersetzung mit autoritär-populistischer Rhetorik und totalitärer Propaganda, und es entwickelt, neben einer Theorie der Halbwahrheiten, eine historische Phänomenologie und Psychologie volkstümlicher Scharlatanerie und politischer Demagogie von heute wieder bestechender Aktualität.

An dieser Stelle folgen deshalb einige zentrale Passagen aus dem Buch
„Da alle Charlatane (…) Meister in der Beeinflussung und Lenkung der Meinung waren, so wußten sie auch, daß der höchste Triumph und auch der einzig wirklich ausschlaggebende Erfolg in der Meinungsbeherrschung darin besteht, daß man die Leute soweit bringen muß, Widersprüche nicht mehr als Widersprüche zu empfinden und in der Tat zwei einander ausschließende Behauptungen gleichzeitig zu glauben. Das erst bedeutet die erfolgreiche Entthronung der Wahrheit. (…)
Die Macht des Charlatans bestand gerade darin, daß er alle Unsicherheiten einer religiösen, geistigen, historischen oder ökonomischen Situation durch mannigfache Fälschungen so auszunützen und zu lenken wußte, daß eine Wertwelt entstand, in der seine eigenen Unwerte zu Werten wurden.“ (…)
„Die verbindliche Formulierung, der präzise Ausdruck ist wichtig für denjenigen, der verantwortlich für seine Worte einsteht oder der leidenschaftlich darum ringt, seine Gedanken in der genauesten Form zu vermitteln. Wer keine Gedanken hat, wer Verantwortung flieht, der scheut die Klarheit der Sprache, die ihn festzulegen droht. Immer und ganz besonders in seiner sprachlichen Formulierung ist der Charlatan prinzipieller Feind jeder Präzision, auf ständiger Flucht vor jeder Klarheit. An die Stelle der Klarheit setzt er die Deutlichkeit. In diesem Wort steckt schon der Stamm von ‚deutbar‘. Etwas deutlich Gesagtes muß noch lange nicht klar sein. (…)
Das Körnchen Wahrheit, die halbe Wahrheit, konnte man im Redeschwall der Charlatane sicher häufig finden, z.B. in dem Verächtlichmachen der lebensfernen Professoren. Daß dieses Körnchen Wahrheit vorhanden war, ist eine für den Erfolg gar nicht hoch genug einzuschätzende Tatsache. Das Weglassen aber, das Redigieren, das Heranziehen von ablenkenden Dingen, die gar nicht zum Thema gehören, das ist jene Fälschung, mit der die Lüge destilliert und marktreif gemacht wird, so wie das Elixier erst durch die Spässe des Hanswurst Verkaufsreife erlangte. Das ist die halbe Wahrheit, die auf der Basis halben Wissens dargeboten wurde. Die übergroße Deutlichkeit (…) führt zu jener Umfälschung des für die Menge nicht Verständlichen in Verständliches, zu einer falschen Popularisierung (…) Diese Flut von Worten mit ihren zahlreichen Wiederholungen mußte immerhin Ausdrücke anschwemmen, die sich wiederholen ließen und der Mehrzahl der Zuhörenden nicht Überdruss, sondern Vergnügen bereiteten. (…)
Ein Schlagwort – die Engländer nennen es ‚catch-word‘, das Einfangwort – muß einfach sein, variabel, wiederholbar und von gefühlsmäßiger Weite, das heißt mit privaten Vorstellungswerten füllbar. Wenn es allen diesen Forderungen entspricht, dann kann dieses Morsezeichen zum Programm werden. ‚Stein der Weisen‘, ‚Trinkgold‘ – das waren Schlagworte, unbegrenzt wiederholbar. Jede Wiederholung steigerte noch den traumhaften Zauber der phantastischen Wunschvorstellungen, die jeder nach seinen persönlichen Bedürfnissen aus der schillernden Schale dieses Wortes zu schlürfen wähnte. Unendlich oft wiederholbar sind Worte, die Eindruck machen, ohne der Ausdruck für irgend etwas zu sein. Wird ein Wort bis zu Ende verstanden, hat man es begrifflich abgeschritten, dann ist es nicht mehr variabel. Wieder begegnen sich Charlatan und Gefolgschaft. Während der Charlatan nichts zu Ende versteht, weil er über Wissen und Verstehen »hinwegrauscht«, will das Publikum die ganz zu verstehenden, die klaren Worte gar nicht hören, denn sie wären niemals fähig, die süßen Schauer der phantastischen Wunschvorstellung zu spenden. Die klaren Worte wollen, daß man sich in ihnen finde, die schillernden, daß man sich an sie verliere, und genau das war es, was Charlatan und Gefolgschaft wünschten. Der gefühlsweite Ausdruck wurde besonders gierig eingesogen, wenn man Zukunftsschilderungen lauschte und die Illusion trunken machte. Saubere Beweisführung? Aber die wollte man gar nicht, die mied man, denn sie war illusionsgefährdend. (…)
Die Länge der Reden war für den Erfolg ebenso wichtig wie der unklare Ausdruck. Durch physische Rekordleistung (Stimmband-Akrobatie) wurde physische Ermüdung erzielt, und dieser bedurfte der Charlatan, um gegenüber der erhabenen Inhaltslosigkeit seiner Rede Kritik einzuschläfern. Auch erzeugte diese Länge und Ermüdung jene Gereiztheit des aus dem Dämmerschlaf Gerissenen, die der Marktschreier brauchte, wenn er in seiner Gefolgschaft Intoleranz gegen den Konkurrenten wachschrie. Dieser Konkurrent wurde zu jenem geheimnisvollen Feind, den alle Charlatane hatten, und in die Zorn- und Rachegefühle, die er gegen den unschuldig Schuldigen entfesselte, waren erst recht alle privaten Gefühlswerte zu gießen. (…)
ZUM BEISPIEL „MAGA“, „GOLDENES ZEITALTER“, „FAKE-NEWS-MEDIA“…
Aus der Flut der Worte wird sofort verständlich, was mit Wortanhäufung gemeint ist und wie sie angewendet wurde. Niemals konnte man in den Reden der Charlatane Sammelnamen finden. »Waffen« – das hätte keiner gesagt, sondern man sprach von »Kanonen, Mörsern, Bomben« und strahlte damit jene Magie aus, die »auf dem Wege über Gesicht und Gehör sanft und schmeichelnd eindringt«. Es ist das Ohr, das sturmreif gemacht und überrannt wird mit den vielen aufeinanderfolgenden »schon«, »von« oder der stattlichen Anzahl der mit dem Wort »Krieg« gebildeten zusammengesetzten Substantiva. (…)
Die Silben werden voneinander gelöst, einzeln steigen sie in die Luft und schillern, kleine und große, tanzende, fliegende und platzende Seifenblasen. Hier wird einzig Gehör und Gesicht aufgerufen, der Klang und die Erweckung der Vorstellung von Bildern stellen allein die Brücke und Kontakt zwischen Charlatan und Gefolgschaft her, es ist – wenn man so will – eine dadaistische Charlatanerie und für gewisse ästhetische Ausdruckstendenzen ein lehrreiches Spiegelbild, das zeigt, daß eine nichts als klingende und malende Sprachgestaltung, aus der der Gedanke vertrieben wurde, notwendig zur Charlatanerie wird, gleichgültig aus welchen Motiven der Bannstrahl gegen den ‚Sinn‘ geschleudert wird. Eine Propaganda, die genügend Autorität hat, um darauf verzichten zu können, daß ihre Manifestationen »Sinn« haben, die hat es auch nicht nötig, Widersprüche zu scheuen. Sie nimmt jene sieghaftePosition ein, von der aus es gelingt, die Gefolgschaft zwei einander widersprechende Behauptungen gleichzeitig glauben zu lassen, ohne den Widerspruch zu empfinden. (…)
„ALTERNATIVE WAHRHEITEN“, „ALTERNATIVE FAKTEN“ …
Daß der Charlatan seiner Gefolgschaft eine Art populärer Ethik zusammenbraute, in der die Wahrheit nur zur »Haut des unergründlich Unwahren« wurde und der Unterschied von Lüge und Wahrheit so vollkommen verschwand, daß er übersehen werden durfte, darin lag eines der tiefsten Geheimnisse seiner Macht. Wird die Wahrheit zur Fabel, dann gibt es kein Zurückschrecken mehr vor der Fälschung. Alle Maßstäbe und mit ihnen alle Wertungen, sittliche wie sachlich-qualitative, werden »verrückt« und können so mühelos bis zur Unkenntlichkeit relativiert werden. Nicht das
Bemühen um die Erkenntnis von der Wandelbarkeit der Wahrheit ist hier am Werke, sondern es agiert die souveräne Herrschaft der Lüge, die Fälschung und Fälscher sanktioniert. Die gefälschten Worte, sie, die in widerspruchsvoller Bedeutung schillern, sind ihre Helfershelfer. Wo die
Wahrheit nicht mehr als verbindlicher Maßstab gilt, da wird auch Echtheit weder anerkannt noch gesucht, Ersatzwerte treten an Stelle der echten. Erst sie geben dem Charlatan die entscheidende Macht in die Hand, mit ihrer Hilfe gelingt es ihm, der Lüge den Charakter der Lügenhaftigkeit, ihren echten Charakter, zu nehmen und sie zum Wahrheitsersatz zu machen. Die Lüge klingt verführerisch, sie ist bequem, und häufig würde sie gerne akzeptiert, wenn der verbindliche Maßstab der Wahrheit nicht dazu zwänge, sie als Lüge zu erkennen. Die Verbindlichkeit dieses Maßstabes setzte der Charlatan ebenso außer Kurs wie die Achtung vor jenen Menschen, die – »unverrückt« – mit ihrem Leben für Wahrheit einstehen, so, daß ihr Dasein selbst zu einem moralisch verbindlichen Maßstab wird. Der Charlatan gestattete zu glauben, was man sich zu glauben wünschte, ohne den peinlichen Zwang, sich eingestehen zu müssen, daß, was man glaubte, gar nicht wahr sei. Daß er die Lüge nicht mehr als Lüge, und wenn auch nicht als Wahrheit, so doch als Wahrheitsersatz so zu präsentieren verstand, daß die Illusion vollkommen wurde, darin war die Macht des Charlatans, des Künstlers der Fälschung, begründet. (…)
Genau wie der Mensch, so wird auch die Menschheit in den Krankheits- und Schwächeperioden ihrer Geschichte immer wieder zum Opfer von Charlatanen, die sich als Ärzte für die Leiden ihrer Zeit anbieten. (…)
Selten kam die wirksame Verneinung charlatanesker Prinzipien aus der Gelehrtenkaste (..) Am häufigsten fand sie sich bei jener kleinen Anzahl immuner Menschen, die unbekannt, ja sogar gemieden, als wären sie die Infizierten, neben der Herde der »Gläubigen« lebte. Diese wenigen gegen des Charlatans glitzernde Lockungen Gefeiten, deren Persönlichkeit beispielgebende Kraft besaß, standen mit beiden Füßen auf der Erde, aber sie klebten nicht an ihr, wie des Charlatans Anhänger. Um zu fliegen, bedurften sie keines Luftballons. Weil sie imstande waren, »die Realität fortwährend in ein erhöhtes zweites Dasein umzuformen« (*), konnte ihnen der Charlatan nichts anhaben. Sie, die unter ihren Mitmenschen Isolierten, waren zu allen Zeiten berufen zum Kampf gegen seine Macht.“
*) Hugo von Hofmannsthal in einem Brief aus dem Jahr 1900. Dieses Zitat steht dem Buch auch als Motto voran. Vollständig lautet es: „Ich lerne immer mehr die phantastischen Menschen von denen unterscheiden, die phantasievoll sind, nämlich imstande, fortwährend die Realität in ein erhöhtes zweites Dasein umzuformen.“

Die Macht des Charlatans
Grete De Francesco
Gestalter:in: Martin Steiner
Verlag
Die Andere Bibliothek
März 2021
Format
Extradruck
Anzahl Seiten 456
ISBN
978-3-8477-2036-2
Erstellungsdatum: 03.05.2026