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Der Lyriker und Essayist Peter Maiwald

Der Dichter aus Düsseldorf

Matthias Buth


Peter Maiwald 1984. Foto © Brigitte Friedrich

Die Einfachheit der Märchenlyrik und die Lakonie der Brechtschen Gedichte haben ihm wohl die Richtung vorgegeben. 1968 trat Peter Maiwald zudem der DKP bei und war damit in den Augen der Genossen nicht nur ein politischer Lyriker, sondern ein Arbeiterdichter. 1984 war an der Gründung der linken Monatszeitschrift „Düsseldorfer Debatte“ beteiligt, was zum Parteiausschluss führte. Entdeckt wurde der Autor satirischer Texte, Agitprop-Stücke, Songtexte für die Gruppe „Floh de Cologne“, Essays und Hörspiele von der Zeitschrift „neues rheinland“. Matthias Buth erzählt.

 

„Das ist einer und der schreibt auf Büttenpapier, schickt keine Kopien,“ das war schon fast ein Ritterschlag von Hans Rudolf Hartung (1929-2012). Er gründete 1958 die Zeitschrift „neues rheinland“, die vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) herausgegeben wurde, eine Neugründung wie viele nach dem Zweiten Weltkrieg und stets mit der Vorsilbe „neues“. Denn zuvor gab es schon eine Zeitschrift mit diesem Namen – für ein Jahr vom November 1919 bis Mai 1920 in Mönchengladbach als avantgardistische Publikation des Rheinischen Expressionismus und der Künstlergruppe "Das Junge Rheinland". Hartung war Autor, aber primär (Lokal-) Journalist aus Soest, kam so an das Deutzer Rheinufer und erfand sich und dem Regionalverband mit 27 kreisfreien Städten und Kreisen eine Kulturzeitschrift von Rang und Ausstrahlung. Der LVR sponsorte. Die Zeitschrift war so klug und vielfältig, dass sie Neider auf den Plan rief. Solange Hartung was zu sagen hatte, hielt sie sich, dann wurden politische Rechnungen beglichen, übliche Diadochenkämpfe von Leuten, die Hartung nicht das Wasser reichen konnten. Der zum Kulturdezernenten (von 1972 bis 1985) aufgestiegene FDP-Mann Hartung wurde aus dem Amt gedrängt von SPDisten um Jürgen Wilhelm aus Bergisch Gladbach.

Die Zeitschrift „neues rheinland“ war eine Zeitschrift von Rang: sie berichtete nicht nur über Land und Leute, Museen und Archive, Taten und Versäumnisse sozialer Wirklichkeiten (Jugend- und Sozialhilfe, Psychiatrie in Pflege und Forensik) zwischen Aachen und Oberhausen entlang der Grenzen der ehemaligen preußischen Provinzialverwaltung, auf denen die beiden Landschaftsverbände in Köln und Münster nach dem Krieg aufsetzten, sie war auch eine Literaturzeitschrift. Der Mainzer Ordinarius für deutsche Sprache und Literatur Franz Norbert Mennemeier (1924-2021) brachte Monat für Monat exzellente Besprechungen von Romanen und Gedichtbänden von Autoren aus dem Rheinland, zudem gab Hartung der Gegenwartsliteratur in Prosa und vor allem der Lyrik ein Forum. Und er zahlte gute Honorare. Einer der Empfänger war der 1946 in Düsseldorf geborene Lyriker und Essayist Peter Maiwald. Auch er schickte neue Gedichte.

Auch ich. Und nach dem jur. Assessorexamen in Köln bewarb ich mich 1980 beim LVR in der Erwartung: wer meine Gedichte mag, mag mich. Ziel war die Kulturabteilung. Diese erreichte ich aber erst nach zwei Jahren als Referent für Sozial- und Verwaltungsrecht. Und ich kam mit Hartung ins Gespräch, der mir dann zwei Chancen gab: die ersehnte Abteilung „Landschaftliche Kulturpflege“ und er folgte meiner Idee zu einem Buch: Rheinblick. Ich schlug ihm im „Rheinland Verlag“ (umsichtig geleitet von Antonius Dommers) eine Auswahl von Gedichten aus „neues rheinland“ vor. Denn seit 1958 bis 1984 hatten hunderte Gedichte dort zum ersten Mal ein Forum. 70 davon stellte ich zusammen: von Rose Ausländer, Jürgen Becker, Rolf Bongs, Elisabeth Borchers und Rolf Dieter Brinkmann, Hilde Domin, Harald Hartung, Ernst Meister, Kristiane Schäffer, Hans Stilett, Rolfraffael Schroer bis zu Albert Vigoleis Thelen und Eva Zeller – ein Who is Who der Nachkriegsdichtung. Und natürlich war auch Peter Maiwald dabei, der regelmäßig einschickte und die Redaktion mit seinen gewitzten, melancholisch getönten und oft Brecht-nahen Gedichten erfreute. Hartung wählte natürlich nicht selber die Gedichte aus, sondern beauftragte damit Dr. Kay Hoff (1958-1967). Dr. Renate Eichholz (1967-1969), Dr. Mathias Schreiber (1970-1975) und ab 1985 Dr. Heinrich Vormweg: alles in der Literatur und Germanistik klangvolle Namen.

Peter Maiwald wurde 1946 in Grötzingen (Aichtal) geboren und starb 2008 mit 62 Jahren in Düsseldorf. Nach acht Semestern Germanistik brach er sein Studium ab, engagierte sich in der DKP (wie Ulla Hahn), schrieb in der „Düsseldorfer Debatte“, bis man ihn rauswarf. Er war den Kommunisten zu kritisch. Nach der Münchner Studienphase lebte er ab 1985 wieder in der Heinrich-Heine Stadt Düsseldorf. Und zwischen Heine und Brecht oszilliert auch seine Lyrik, mit  Reim und Metrum ging er souverän und spielerisch um. Also keine Wortabschüttungen wie bei den gegenwärtigen Nature Writing-Autorinnen und -Autoren. Naturlyrik eines Wilhelm Lehmann wäre heute out, wahrscheinlich „rechts“, der Reim verdächtig.

Wer kann sich aber dem Zauber der Maiwald-Poem in Rheinblick (Köln 1985) entziehen?


Die Liebenden

Was hast du, Anna?
Du atmest so sehr.

Aber nein, mein Liebster.

Ich komme vom Kaufen.

Es war viel zu laufen

Es ist die Tasche

Schwer.

 

Was hast du, Anna?
Die Hand ist so kalt.

Aber nein, Liebster.

Es ist nur das Wetter.

Es fallen die Blätter.

Es ist der Winter, Liebster

Es ist der Winter

Bald.

 

Was hast du, Anna?
Dein Haar ist so grau.

Aber nein, Liebster.

Ich backe nur Kuchen

Ich backe nur Kuchen.

Es ist das Mehl, Liebster

Es ist das Mehl

Schau

 

Ein anrührendes, ein atmendes Liebesgedicht, dessen Einfachheit hohe Kunst ist, Leben und Lieben umspannt und so „die Liebenden“ zusammenhält. Wunderbar.

Peter Maiwald fand mit seinen Gedichten nicht nur im „neuen Rheinland“ ein Forum, er wurde auch von Marcel Reich-Ranicki ins literarische Herz geschlossen, so wie auch Ulla Hahn, die ähnlich politisch (DKP) beschwingt war und beim Kölner Germanisten Walter Hinck promoviert wurde.

Hahn und Maiwald waren nunmehr die lyrischen Fixsterne der FAZ. Der prägende FAZ-Mann schrieb: „Peter Maiwald gehört in die erste Reihe der deutschen Lyriker dieser Jahre“ und brachte ständig die locker sowie kunstvoll hingereimten Verse. MRR sah in der von ihm äußerst umworbenen Lyrikerin Ulla Hahn Maiwalds literarische Schwester.

 

Volkslied

Ein Volk von Deserteuren
dazu will ich gehören.

Ein Land voll Kraut und Rüben
darin will ich dich lieben.

Ein Haus mit offnen Türen
dazu will ich uns führen.

Ein Tisch gedeckt mit Sachen
daran wollen wir lachen.

Ein Bett liebend zu sterben
das wollen wir vererben.

 

Das ist Maiwald-Poesie und tatsächlich Volkslied-nah. Der Text stammt aus dem Band „Balladen von Samstag auf Sonntag“ (München 1984) und begründete seine Anerkennung, ja seinen Ruhm. Und MRR gab die Initialzündung in einer ganzseitigen Besprechung im Literarturteil der FAZ am 2. Oktober 1984. Er erkannte im Düsseldorfer den Stilisten und manches mehr. Treffend seine Bemerkung, Maiwalds Gedichte zeichneten sich durch eine Tugend aus, der Seltenheitswert habe, sie seien diskret, dadurch aber nicht weniger klar. Er gebe sich nicht der Depression und der Hoffnungslosigkeit hin. Dieser „Artist“ halte vielmehr der Misere unserer Zeit unbeirrt sein Gedicht entgegen, dem drohenden Zerfall die Form und die Schönheit. Darin liege die tiefste Aktualität, man könne ebenso sagen: die Bedeutung der Verse Peter Maiwalds.

Das sind – wie gestochen – Sätze zur Lyrik, die über Maiwald hinausgreifen.

 

Zwei

Von dem was schön ist fürchten wir: Verlust

weil jeder Blume Blatt doch fällt.

Geh nicht, bevor du gehen mußt

und nenn nicht schwach, was uns noch hält

 

So werden dir die eignen Augen blind

und sehen nichts vom Tag vor Nacht

hast du das Licht schon ausgemacht.

 

Und brauchst doch nur zu sehen: dich und mich

Wir sterben nicht vor unsrer Zeit

Zwei halten sich und nähren sich

 

Aus Sattheit, Durst, Befriedigung und Leid.

Und sterben, wachsen über sich hinaus

und fallen, steigen und halten sich aus.

 

Das sind Verse, als wären sie aus Robert Schumanns Liederzyklus „Dichterliebe“ (op. 48) nach Heinrich Heine-Gedichten gesprungen. Und sie schließen an die wehmütig-weichen Märchenverse von „Die Liebenden“ (S. 74) an. Nach den „Balladen von Samstag auf Sonntag“ war Maiwald als Dichter „da“. Die frühen Agitprop-Texte lange vergessen. Er hatte seinen Stil gefunden und so sich als Lyriker. Die FAZ nobilitierte ihn weiterhin.

1977 ließ er den Lyrikband „Guter Dinge“ folgen. Er blieb bei seinem Ton, zauberte in wie hintupften Strophen eine Welt, die immer wieder einfängt und in ihrer Tristesse mit dem Leser sogleich ein Gespräch anfangen. Dies ist bei den Maiwaldschen Prosaminiaturen, die er im Hebelschen Anklang „Kalendergeschichten“ nannte („Das Gutenbergscher Völkchen“, Frankfurt am Main 1990) nicht anders. Das Prosastück „Der Luftzug“ beginnt so: „Mein Luftzug hat keine Schienen und Weichen, keine Stellwerke und Schranken. Er hält an jeder Wolke. Mein Luftzug kennt keinen Zuschlag und keine Klassen. Jeder, der fliegen kann, wird mitgenommen. Kinder zahlen die Hälfte.“ Und endet: „Wer ihn bezweifelt, versteht nur Bahnhof“. Mit verschmitzter Ironie ist das geschrieben. Ein Dichter eben, der wusste, daß Poesie zaubern kann.

Im März 2015 veröffentlichte Uwe Michael Gutzschahn in der renommierte Zeitschrift DAS GEDICHT von Anton G. Leitner aus Weßling fünf noch unveröffentlichte Kindergedichte. Eines lautet so:

 

Unglaubliche Geschichte

Es war ein Tag, es war April
als (batsch!) die Sonn‘ vom Himmel fiel.

Pit nahm die Sonne in die Hand
und dachte: Das gibt Sonnenbrand.

Den gab es aber (prima!) nicht.
Trag mich herum, die Sonne spricht

und lag in Pitters Hand ganz kühl.
Pit trug sie sanft, daß sie nicht fiel

und alle Leute, die das sahn
die starrten Pit, die Sonne, an.

Wenn das nur gut geht, sagten sie.
Geh aufrecht Pit und streck die Knie!

Nun ist es gut, die Sonne sprach
und sie ging unter kurz danach.

Seitdem erzählt man die Geschicht.
Die einen glaubens, andre nicht.


Das hätte auch Reiner Kunze, der im August 93 Jahre vollenden will, gern geschrieben, ist er doch auch ein Lyriker, der für Kinder kunstvoll geschrieben hat, für große und kleine.

Düsseldorf wird sich hoffentlich eines seiner Dichter annehmen und so Peter Maiwald mit einer zwei- bis dreibändigen Ausgabe seiner vielfältigen Werke würdigen im S. Fischer Verlag, dem ich für den Abdruck dieser Trouvaillen hier danke.

Maiwald wäre 2026 gern 80 Jahre alt geworden. Seine Texte lassen ihn weiterleben.

 

Erstellungsdatum: 14.02.2026