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Der Zyniker, so lautet die Definition, kennt von allem den Preis, aber nicht den Wert. Die Verachtung alter Menschen stützt sich also auf den fehlenden Mehrwert der Greisinnen und Greise. Einer solchen besinnungslosen Selbstverwertungsgesellschaft fehlt der Mensch. Aber das merkt sie nicht. Thomas Rothschild verdeutlicht anhand einer Szene von Anton Tschechow, dass 1901 ein Bewusstsein für diesen Verlust bestand.
Was ist die grausamste Szene der dramatischen Weltliteratur? Medeas Ermordung der eigenen Kinder? Das Schlachtfest in „Titus Andronicus“? Der Auftragsmord an den Prinzen durch Richard III.? Der Erfrierungstod eines Babys durch dessen Großmutter in den „Geschichten aus dem Wiener Wald“? Die Steinigung eines anderen Babys in Edward Bonds „Gerettet“?
Die grausamste Szene findet sich bei einem Dramatiker, bei dem kein Mord vorkommt, wenn man Selbstmord und Duell nicht dazu rechnet. In der Übersetzung von August Scholz lautet sie, im dritten Akt von „Drei Schwestern“, so:
„Natascha. Ja. Ich seh' wohl ganz unordentlich aus? (Vor dem Spiegel.) Man sagt mir, ich sei stärker geworden … Ich finde das gar nicht! Nicht im geringsten! Und Mascha schläft, ist müde geworden, die Ärmste … (Anfissa fröstelt.) Wie kannst Du Dir erlauben, in meiner Gegenwart zu sitzen? Steh' auf! Mach, dass Du hinauskommst! (Anfissa entfernt sich; Pause.) Ich versteh' nicht, warum Du die Alte noch immer behältst!
Olga (verwundert). Entschuldige, auch ich versteh' nicht …
Natascha. Man braucht sie doch gar nicht! Sie ist eine Bäuerin, mag sie aufs Dorf gehen … Ganz verhätschelt habt Ihr sie! Ich will im Hause Ordnung haben. Überflüssige Esser braucht man im Hause nicht. (Streichelt Olgas Wange.) Armes Kind, Du musst Dich so abrackern! Unsere Schulvorsteherin ist müde! Wenn meine Sofotschka groß sein und das Gymnasium besuchen wird, werd' ich Angst vor Dir haben.
Olga. Ich werde nie Schulvorsteherin werden.
Natascha. Man wird Dich aber dazu erwählen. Es ist schon abgemacht.
Olga. Ich nehm's nicht an. Ich kann nicht … (Trinkt Wasser.) Du warst eben so hart zu der Kinderfrau … Ich kann das nicht ertragen … Es wurde mir dunkel vor den Augen …
Natascha (erregt). Verzeih', Olga, verzeih' … Ich wollte Dich nicht kränken.
Mascha (erhebt sich, nimmt ihr Kissen und geht ärgerlich aus dem Zimmer).
Olga. Du wirst das begreifen, meine Liebe. Wir sind darin vielleicht etwas sonderbar erzogen, aber ich ertrage einmal so etwas nicht. Eine solche Behandlung Untergebener ist mir peinlich, schmerzlich … Es drückt mich förmlich nieder.
Natascha. Verzeih' nur, verzeih' … (küsst sie).
Olga. Jede Gefühllosigkeit, mag sie noch so geringfügig sein, jedes unzarte Wort regt mich auf.
Natascha. Ich rede öfter mal 'was Unnötiges. Aber Du wirst zugeben, meine Liebe: sie passt doch wirklich besser aufs Dorf.
Olga. Sie ist schon dreißig Jahre bei uns.
Natascha. Aber sie ist doch jetzt nicht mehr imstande zu arbeiten. Entweder versteh' ich Dich nicht, oder Du willst mich nicht verstehen. Sie ist einfach unfähig zur Arbeit, sie schläft nur oder sitzt herum.
Olga. So lass sie doch sitzen.
Natascha (erstaunt). Was heißt sitzen lassen? Sie ist doch ein Dienstbote! (Unter Tränen.) Ich versteh' Dich nicht, Olja. Ich hab' eine Amme und eine Kinderfrau, wir haben ein Stubenmädchen, eine Köchin … Was soll uns noch diese alte Person? Was soll sie?“
Diese Szene ist deshalb so außerordentlich grausam, weil sie uns, wenn man von skurrilen Einzelfällen wie dem Giftmord an Alexej Nawalny absieht, anders als die zuvor erwähnten Szenen, aus unserer Gegenwart vertraut ist. Dass ihre Grausamkeit im Text selbst benannt, dass auf sie im Stück mit Entsetzen reagiert wird, verringert nicht ihre Wucht. Sie bedarf keines Hinweises auf dichterische Fantasie. Sie hat, mehr als 100 Jahre nach ihrer Niederschrift, sogar an Glaubwürdigkeit gewonnen.
Der Ausfall Nataschas, der Frau Andrejs, des Bruders der drei Schwestern, gegen die Njanja Anfissa ist das Modell des heutigen Umgangs mit sozial untergeordneten alten Menschen, die „nicht mehr imstande zu arbeiten“ sind, also an der Kapitalvermehrung teilzunehmen. Die Szene ist umso drastischer, als der Protest nicht, wie in einem marxistischen Lehrbuch, von einer Vertreterin oder einem Vertreter des Proletariats kommt, sondern aus der Klasse des niedrigen Landadels im Russland des 19. Jahrhunderts, und ihr Ziel selbst eine Aufsteigerin, das weibliche Gegenstück zu Sternheims Bürger Schippel, ist. Tschechow porträtiert in den drei Schwestern bei aller Kritik eine selbst vom Niedergang bedrohte Oberschicht, die noch Verantwortung empfindet gegenüber den „Untergebenen“. Ein paar Jahre später, bei Gorkij, sieht das anders aus. Und schon im „Kirschgarten“, zwei Jahre nach den „Drei Schwestern“, wird der greise Firs im verlassenen Haus vergessen.
Bereits vor Jahren erschien in einer deutschen Ärztezeitschrift ein Artikel, in dem kalkuliert wurde, ab wann sich die Investitionen für die Lebensverlängerung eines Schwerkranken nicht mehr „rechnen“, weil er, im Fall seiner Genesung, nicht so viel erarbeiten könne, wie seine Heilung kostet. Der Mensch ist, wie Anfissa für Natascha, in unserer kapitalistischen Gegenwart nicht mehr als ein ökonomischer Faktor. Da die ökonomische Nützlichkeit in der Regel, wie in den „Drei Schwestern“, mit dem Alter korreliert, gehört der Ageismus – die Altersdiskriminierung – mittlerweile zum Alltag. Im Gegensatz zu Tschechows Natascha allerdings sind die realen Entscheidungsträger von heute zu feige, es den Diskriminierten ins Gesicht zu sagen. Sie streichen sie einfach stillschweigend von der Liste und flüchten sich in windige Ausreden, wenn sie dabei ertappt werden. Dass jene, die den Ageismus mit dem konkurrenzbedingten Selbstbetrug betreiben, dass, wer alt ist, auch notwendig dement sein müsse, später einmal selbst sein Opfer sein werden, ist für die Betroffenen ein schwacher Trost. Die moralischen Prinzipien, die das Christentum und den Sozialismus verbinden, wurden verabschiedet. Das Nützlichkeitsdenken schlägt Kapriolen. Beim einzelnen Menschen ebenso wie bei allen Tätigkeiten, jedenfalls wenn sie Geld kosten. Wer sich etwa auf eine Diskussion über die Nützlichkeit von Kunst einlässt, ist bereits in diese Falle geraten. Was im Frühkapitalismus noch seine Logik haben mochte, ist heute Ausdruck von Unmenschlichkeit und Grausamkeit. Tschechow hat es formuliert. In der grausamsten Szene der dramatischen Weltliteratur.
(Die Übersetzung ist von August Scholz)
Erstellungsdatum: 07.04.2026