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Zum 75. Geburtstag des Gestalters Walter Hartmann

Der große Gestalter

Wolfgang Rüger


Walter Hartmanns Koma Kid

Anfang der 1970er-Jahre betrat er als Autor die Underground-Bühne, übersetzte bald namhafte Autor:innen aus dem Englischen, begann Buchcover und Zeitschriften zu gestalten. Derzeit schreibt er für die seit 2024 erscheinende „Neue Berliner Illustrierte Zeitung“ einen Fortsetzungsroman. Der Name Walter Hartmann ist jedoch den wenigsten geläufig. Er scheut bis heute das Rampenlicht und zieht es vor im Hintergrund zu bleiben. Anlässlich seines 75. Geburtstags am 26. März verneigt sich Wolfgang Rüger „in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor diesem großen Gestalter“.


Er hat die visuelle Ästhetik des literarischen Undergrounds in Deutschland maßgeblich geprägt. Er gehört von fast Anfang an dazu. Wenn man sich mit der schreibenden Subkultur beschäftigt, wird man früher oder später unausweichlich auf seinen Namen stoßen. Ich kenne niemanden, der ihn und seine Arbeit nicht schätzt. Walter Hartmann ist eine Benchmark und eine Legende. Über sein Leben gibt er so gut wie keine Auskunft. Es gibt Publikationen, in denen im Namensregister hinter seinem Namen kein einziges Wort steht. Das hier ist der Versuch, ein paar Fakten zusammenzutragen, die vielleicht ein Porträt ergeben und ein dürftiges Spotlight auf seine Biografie werfen.

Im sonst allwissenden Internet findet man praktisch so gut wie keine Informationen zu ihm. In der Mitarbeiterliste der Agentur für Mediendesign Lichtenberg wird er als Typograf geführt und man erfährt unter einem Passfoto: „Zuständig für alles was mit Schrift, Schreiben, außergewöhnlichem Design und Kunst zu tun hat. Entwickeln von Webarchitektur, PR-Maßnahmen und immer wieder Ideenfinder.“ Er hat keine eigene Webseite und keinen Wikipedia-Eintrag. Mehr Understatement ist nach über 55 Jahren Wirken in der Literaturszene und hunderten von Publikationen, in denen sein Name steht, nicht denkbar.

Wie bei Rygulla und Pociao findet seine Underground-Sozialisation in London statt. „Ich war 67, 68 und 69 jeden Sommer für ein, zwei Wochen da“, erinnert er sich. „Anno 70 noch mal, da ging es dann mit zwei Kumpels weiter zum Isle of Wight Festival, wo ich Jimi Hendrix verpennte.“ In Swinging London entdeckt er im legendären Indica Bookshop in der Southampton Row die little mags und neuartigen Bücher hauptsächlich aus us-amerikanischen Kleinverlagen, die die Welt nachhaltig verändern sollten.

Im Herbst 1969 erlebt er zum ersten Mal Jürgen Ploog, „als er in einer Provinzgalerie aus seinem Buch Cola-Hinterland las. Carl Weissner war auch da, gerade aus den Staaten zurück.“ Diese zwei Männer werden wenige Jahre später wichtige Wegbegleiter auf seinem weiteren Werdegang. Zuerst muss er aber ihre Aufmerksamkeit gewinnen. Mit seiner ersten Einzelpublikation dürfte ihm das mühelos gelungen sein. 1971 erscheint als Maro-Manuskripte No.1 „Die Zeit der mystischen magischen Telefongesprächshalluzinationen“. Mit diesem wilden Cut-up-Text liefert er ein fulminantes Debüt ab und betritt furios die Undergroundbühne. Von da an geht es zügig vorwärts mit seiner Szenekarriere. 1972 lädt ihn Ploog zu einer Cut-Session und zur Mitarbeit an Heft 4 von UFO ein (das dann allerdings nie erschienen ist). 1974 wird er ab Heft 3 Mitherausgeber der legendären von Ploog, Weissner und Fauser gegründeten Zeitschrift Gasolin 23. Ab Heft 4 ist er die offizielle Kontoverbindung, ab Heft 5 Art Director. Wenn man weiß, dass Ploog permanent in der Weltgeschichte unterwegs war und eigentlich nicht viel Zeit hatte, dann kann man rückschließen, dass Hartmann, nach dem Ausscheiden von Weissner und Fauser als Herausgeber, die Zeitschrift mehr oder weniger allein gemacht hat. Bis 1986 sind 8 Hefte erschienen. Heute gesuchte Sammlerstücke.

Der Übergang vom Autor zum Grafiker vollzog sich fließend. Am Anfang könnte eine Maxime von Kurt Schwitters gestanden sein: „Mach es stets anders, als es die anderen machen.“ Man muss sich das vergegenwärtigen: Ende 60/Anfang 70 war Zeitschriftenmachen noch ein händisches Gefummel. Es war die Zeit der Spiritus-Umdrucker, der Wachs-Matritze, von Scribtol, Letraset, Filzstift, Schere und Uhutube. Eine Kugelkopfschreibmaschine war schon der pure Luxus. Inspiriert von den Publikationen und Schallplatten, die er aus London mitbrachte oder sich per Post zuschicken ließ, wurde der damalige Zivildienstleistende, der im „Dachkabuff“ des Elternhauses lebte und von dort im Austausch mit allen Szenegrößen in London, New York, Amsterdam, Frankfurt, Göttingen, Bottrop und Zürich stand, autodidaktisch schnell zum Avantgardisten unter den Layoutern. Spätestens ab Mitte der siebziger Jahre war Hartmann der Grafiker, der der deutschen Offszene den prägenden Stempel aufdrückte. Anfangs noch eher smart, wurden seine grafischen Innovationen mit der Zeit immer provokanter und radikaler. Ein Höhepunkt war sicher das letzte Gasolin 23-Heft mit dem Schäferhund auf dem Titel.

Eine seiner bekanntesten Kreationen ist der Koma Kid. Ein Mann mit einer Mischung aus X-Ray- und Taucherbrille, der sich durch den Polit-Porno-Dschungel kämpft. Oft einen provozierenden Spruch in der Sprechblase oder als Bildunterschrift wurde er so bekannt, dass er über die ganze Republik verteilt immer wieder als Graffiti auftauchte und sich sogar Punk-Bands nach ihm benennen wollten. Hartmann experimentierte schon früh mit dem Wortspiel Amok Koma, das sich schließlich in der wegweisenden Anthologie „Amok Koma. Ein Bericht zur Lage“ (EME 1980) zementierte.


Jürgen Ploog: Sternzeit 23, Verlag Udo Breger, Cover: Walter Hartmann, 1975


Weitere Highlights in seinem Schaffen sind das Decoder-Handbuch, das er zusammen mit Klaus Maeck zum gleichnamigen Punk-Kultfilm herausgegeben hat, oder das Veranstaltungsplakat zum Frankfurter 60/90-Treffen für das Jack-Kerouac-Institut 1988. Eng verbunden ist sein Name mit dem Werk von Jürgen Ploog, für den er bei den meisten Publikationen nicht nur die Cover gestaltet, sondern auch oft die Texte mit eigenen Collagen bereichert hat. Hartmanns Publikationen sind unverwechselbar. Man erkennt sie auf den ersten Blick. „Black Maria oder Das Echtzeit-Endspiel“ ist eines seiner typischen Meisterwerke. Hier setzt er um, was Filippo Tommaso Marinetti mal so formuliert hat: „Ich bin gegen das, was man die Harmonie des Satzbildes nennt. Wenn es nötig ist, werden wir drei oder vier Farben auf einer Seite verwenden und zwanzig verschiedene Schriften.“ Ploogs Auseinandersetzung mit den Gedanken von Virilio findet hier in der graphischen Umsetzung seine kongeniale Entsprechung. Die symbiotische Ausstattung des Heftes hat der Drucker leider versaut. Manches wird durch die Verwendung der falschen Farbe fast unleserlich. 


Jürgen Ploog: Black Maria, Verlag Peter Engstler, Layout: Walter Hartmann, 1995


Bei aller Reiselust in jungen Jahren ist er fast stoisch heimatverbunden. Dem Raum Darmstadt hält er die Treue. Von der elterlichen Bäckerei ist er ins Darmstädter Martinsviertel umgezogen und hat auch dort nur einmal die Wohnung gewechselt. In seinen vier Wänden zeugt alles von seiner Arbeit. Seine Wohnung könnte man eins zu eins als Museum der Subkultur eröffnen.

Natürlich hat er immer wieder auch für etablierte Verlage und Firmen gearbeitet. Bei Rowohlt hat er zwei Ausgaben der Reihe Rock Session (Magazin der populären Musik) betreut. Für die Frankfurter Rundschau und die Lufthansa hat er jahrelang Layouts gemacht. Die Jobs haben sich zwanglos und ohne eigenes Zutun ergeben. Es gab immer irgendjemanden, der gefragt hat: Willst Du das machen? So ist er auch für einige Zeit als Dozent an der FH Darmstadt gelandet, wo er sein Können als Typograf weitergegeben hat. 

Mitte der 70er Jahre hat er angefangen, professionell aus dem Englischen zu übersetzen. Die Liste der von ihm übertragenen Autoren ist beeindruckend. Aus dem Umfeld der Beats hat er William S. Burroughs, Lawrence Ferlinghetti, Michael McClure, Gary Snyder, Charles Plymell übersetzt, daneben Virginia Woolf, Nadine Gordimer, Jayne Anne Phillips, William Kotzwinkle und Tom Robbins, aber auch Bob Dylan und Patti Smith, die Memoiren von Bill Ayers (Weather Underground) und Bücher über Jim Morrison und Keith Haring. Pinckney Benedict und William Kennedy, heute nahezu vergessene Autoren, würde es ohne ihn auf Deutsch gar nicht geben. Wenn Carl Weissner adäquate Übersetzerhilfe brauchte, dann holte er Walter Hartmann mit ins Boot. Zusammen haben sie Norse, Dylan, Maher übersetzt.

Erstellungsdatum: 24.03.2026