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Volker Breidecker über Schwarze Avantgarden

Der Kitsch, der Tod, die Gewalt und ihre Liebhaber

Volker Breidecker


Foto: Anna Stein

Black is Back. Vor dem Terroranschlag auf die Besucher des Berliner Christopher Street Day hatte Abdul B. vorübergehend schwarze Kluft angelegt, um in vollständiger Vermummung vor der laufenden Videokamera seines Mobiltelefons eigens einen Treueschwur auf den „Islamischen Staat“ (IS) abzulegen. Volker Breidecker geht in diesem Essay der profanen Frage nach, was den IS für frustrierte junge Männer so besonders attraktiv macht und was das alles im Zusammenspiel von Thrill, Faszination und Schrecken, von Sex, Gewalt und Horror mit Pop-Kultur zu tun hat.

 

Black is Black

„Schwarz steht für das Dunkle, das Böse, für den Tod und den Teufel.“ So wirbt der Verlag Philipp von Zabern für das Buch Schwarz. Geschichte einer Farbe aus der Feder des französischen Farbenforschers Michel Pastoureau. Ausstellungen über die Farbe Schwarz in der Malerei sind Legion, vom florentinischen und spanischen Manierismus über Kasimir Malewitsch zur New York School, oder von Ad Reinhardt und den Abstrakten Expressionisten zu Beckmann, Manet, Goya und zurück. Die Münchner Pinakothek der Moderne wartete vor einigen Jahren mit einer Schau von gleich Drei Farben Schwarz auf. Und mit Schwarz, so befand das ZEITmagazin bereits zu Beginn des dritten Milleniums habe nicht nur „das neue Jahrhundert seine Farbe gefunden“, sondern unsere ganze Gesellschaft „ihren Grundton ausgetauscht“. Dies muss wohl auch jemand im fernen Bagdad gelesen haben, wo die bislang gar nicht sonderlich frommen Anführer des „Islamischen Staats im Irak“ (ISI) ihre fortan als Standarte des Terrors firmierende schwarze Flagge aus der Asservatenkammer des säkular-nationalistischen Baath-Regimes hervorholten.

 

Back to Hollywood

Von den Kinoleinwänden wehte das Schwarze Banner des Kalifen mit den weißen Schriftzügen des islamischen Glaubensbekenntnisses letztmals in einem Klassiker aus dem Jahr 1937: In John Fords Rekrut Willie Winkie mit dem Kinderstar Shirley Temple als resoluter Friedensstifterin, die zwischen britischen Kolonialsoldaten und aufständischen Arabern hin und her laviert. Historisch betrachtet, spielte die schwarze Kriegsfahne der Nachfolger Mohammeds vom Stamm der Abassiden seit deren Entmachtung im 13. Jahrhundert hingegen keine reale Rolle mehr. Grün ist und bleibt die Farbe des Islam. Erst die Terrororganisation IS zog das schwarze Tuch aus der apokalyptischen Klamottenkiste wieder hervor und versorgte sich und das Fußvolk mit langen schwarzen Stoffbahnen für Fahnen, Trikots und Gesichtsmasken. Die zugehörige Botschaft prangte oftmals schon auf T-Shirts neben den Logos der Marken Nike, Puma und Adidas.

 

From Moskau with(out) Love

Soweit die Regisseure und Medienprofis des selbsternannten Islamischen Staats noch den nationalistischen Bath-Parteien Syriens und des Irak entstammten, hatten sie ihre politische und weltanschauliche Sozialisation, wenn nicht an Moskauer Parteihochschulen selbst, so doch unter den direkten ideologischen Einflüssen der mit den arabischen Eliten verbündeten Sowjetunion erhalten. Zum dort zu erlernenden politischen Alphabet des Machterwerbs und Machterhalts gehörte Lenins Lehre von der notwendigen Unterscheidung von Agitation und Propaganda: Agitation bedeutet die Verbreitung einer einzigen Idee für die Vielen, Propaganda hingegen die Verbreitung vieler Ideen für die Wenigen. Was die ungebildete und einfältige breiten Masse glaubt oder glauben soll, brauchen deren auserwählte Anführer nicht unbedingt zu teilen, auch wenn sie es ihnen einhämmern. Die Vorhut unterliegt der strengen Auslese zu professionellen Kadern einer verschworenen Gemeinschaft. Intellektuelle Krieger und Kleriker, säkulare Priester und Prediger bilden „die Partei“, welche keine andere neben sich duldet, auch keine Abweichung von der vermeintlich reinen Lehre. Im Kampf um die Macht organisiert und führt die Avantgarde die Masse als deren Vorhut an, ohne freilich – sagt Lenin – „auf das Niveau der Massen“ und ihrer „rückständigen Schichten herabzusinken“. Auch Terror darf und muss mit dabei sein: „Grundsätzlich“, so schreibt Lenin in der Programmschrift Was tun?, „haben wir  den Terror nie abgelehnt und können wir ihn nicht ablehnen. Er ist eine Kampfhandlung …“

Und Religion?! Die Frage, „welche Zuversicht man aus dem rechten Gebrauch der Religion gewinnen kann“, beschäftigte bereits den Florentiner Staatsmann und ersten modernen Politologen Niccolò Machiavelli: Allein das Beispiel des archaischen römischen Religionsstifters Numa Pompilius habe den Beweis erbracht, „daß die Bürger sich mehr scheuten, einen Schwur zu brechen als die Gesetze zu verletzen, da sie die göttliche Macht höher achteten als die der Menschen.“ Fabula docet.

 

Breaking the Waves

Als „religiös motiviert“ bezeichnet und ordnet die Karlsruher  Bundesanwaltschaft all jene Terroranschläge, die der IS für sich reklamiert oder deren Täter sich ihrerseits zum IS bekennen, gewöhnlich per selbst hochgeladenen Videos, in denen sie den Treueschwur auf den IS ablegen. Etwas anders als die hiesige Behörden setzt die Gewichte aus größerer Nähe der jordanische Islamismusforscher und Terrorexperte Hassan Abu Haneyel in einem Interview mit der ARD: „Der IS“, sagt er, „ist ein Phänomen, das mehr mit modernen Technologien verbunden ist als mit Tradition.“ Das muss man sich bei allem Gerede über den Islamischen Fundamentalismus und seine kulturellen wie religiösen Wurzeln und Erscheinungsformen einmal auf der Zunge zergehen lassen und eine Probe darauf machen: Erfahrenen modernen IT- und Medienprofis, die selbst einmal Jugendliche waren und im Wirkungskreis globaler Popkultur großgeworden sind, obliegt nämlich die brillante Szenographie, Choreographie und audiovisuelle Aufzeichnung von Paraden und mobilen Aufmärschen der schwarzen Legionäre des IS. Die „Ritter des Kalifats“, wie sie sich nach mittelalterlich-okzidentalen Vorbildern und modernen Comicfiguren selber nennen, pflegen den fotogen Aufzug in langen Kolonnen, entweder zu Fuß und auf Sneakers, oder auf den waffengespickten Ladedecks blendend weißer Landcruiser der Marke Toyota. Eine Variante von Lieferwagen desselben Herstellers heißt im übrigen Isis.

Für die flächendeckende Verbreitung des PR-Materials sorgen die internationalen Medien und Nachrichtenagenturen dann schon selbst, erweitert um die sozialen Netz- und Hetzwerke von Google, YouTube, TikTok, Twitter, Instagram & Co. Aus wenigen einschlägigen Motiven speisen sich die repetitiven Grundmuster einer martialischen Selbstdarstellung starker Männer, die gleich Hollywoodhelden den Tod nicht fürchten, von Milizen und internationalen Brigaden eines selbsternannten Staats, der unter wehenden Fahnen und Standarten buchstäblich „in Bewegung“ und, auch nach dem Verlust seiner Territorien, auf mehreren Kontinenten weiter im Begriffe ist, Grenzen niederzureißen – territoriale, staatliche und zivilisatorische: Das schwarze Banner des Kalifen wurde nicht nur neu eroberten Territorien in möglichst erhabener Höhe aufgepflanzt, sondern drapierte fortan auch Hinrichtungen, grausame Massaker und die nackte Gewalt gegenüber der leiblichen Physis geschundener und geschändeter Menschen.

 

Break the Cross

Die mit Webcams aufgezeichneten Inszenierungen sprechen eine deutliche Sprache. Die Choreographie der mobilen Kolonnen und geschlossenen Formationen – zumeist im Licht und Farbenrausch einer auf- oder untergehenden Sonne – ist entweder frontal auf den Betrachter ausgerichtet oder verläuft pfeilgerade entlang der Bilddiagonalen. Die Mise en Scène gleicht den Vorbildern klassischer Hollywoodwestern, wie etwa den Ausritten der U.S. Kavallerie unter Stars and Stripes vor dem dramatischen Hintergrund des Monument Valley. Gedreht wurde entweder im Wüstensand oder – wie in den Road Movies des New Hollywood – auf den staubigen Straßen eroberter Städte und Ländereien. Die global ausgestrahlte Botschaft ist immer dieselbe: „Schaut her, wir kommen! Wir sind schon da!“ Passend dazu macht die 15. Ausgabe (2016) des IS-Hochglanzmagazins Dabiq mit dem Schlachtruf „Break The Cross!“ auf und dem Bild einer Kirchturmspitze, auf der Jihadisten das Kreuz zerbrechen und an seiner Stelle die schwarze Standarte hissen. Die Cover-Story von Dabiq 4 war sogar schon weiter und bekräftigte den Anspruch auf  Weltherrschaft in der Nachfolge Roms durch die Fotomontage von einer dem Vatikanischen Obelisken des Petersplatzes aufgepflanzten schwarzen Flagge.

 

Urbi et orbi

„Soldaten des Kalifats“ sind auch solche, die – statt sich auf eine lange Reise zu begeben, den hijriyah zu den Kriegsschauplätzen und gleich weiter in den Märtyrertod  – als „einsame Wölfe“ und Do-it-yourself-Terroristen an Ort und Stelle angreifen und ihr Bekenntnis zum IS vor oder auch während der Tat ins Netz stellen. So hatte der 17-jährige Attentäter auf einen Regionalzug bei Würzburg (2016) bei sich zu Hause zuvor noch rasch eine handgemalte IS-Fahne gebastelt und verkündet: „Ich bin ein Soldat des Islamischen Staates und beginne eine heilige Operation.“ Ähnlich improvisiert agierte der Attentäter von Ansbach, der sich für den Internetauftritt zur Ankündigung seiner Tat als einer „gesegneten Operation“ eigens ein schwarzes Fransentuch um das Haupt geschlungen hatte. Der IS hatte seine Strategie gewechselt und den sozialen Realitäten zunehmender jugendlicher Vereinzelung und Vereinsamung vor dem Computer angepaßt: Standen bisher noch die flammenden Aufrufe zum hijriyah im Vordergrund, schlug Dabiq nunmehr einen anderen Ton an. Ein als langer Brief von der Front formulierter „ernster Ratschlag“ eines amerikanischen Konvertiten an einen frisch bekehrten Landsmann zu Hause schließt mit der Aufforderung, er möge für seine „Operationen“ keine „komplizierten Pläne“ schmieden, sondern bei nächster Gelegenheit zur nächstbesten Waffe greifen und „an einem Ort, der „größten Schaden und größte Panik“ verheisse, den „Ungläubigen so viel Tod und Verderben wie nur möglich“ bereiten. 

 

Radical chic

Terroristische Attentäter und „gewöhnliche“ Amokläufer eint der Faible für schwarze Klamotten. Schwarz, wenn es nicht zum Distinktionsmerkmal des Bürgers, des  Klerikers oder Intellektuellen verfeinert ist – oder im Umkehrverfahren zum Habit antibürgerlicher Gegenkultur –, gilt seit dem 19. Jahrhundert als „schreckliches Symbol“ (Alfred de Musset): abstoßend und anziehend zugleich, Urängste aber auch geheime Laster und Lüste erweckend, in jedem Fall starke, wenn nicht extreme Gefühle hervorrufend. Von den Kirchenattentätern Rouens des Jahres 2016 heißt es, bevor sie ihr grausames Werk verrichteten, hätten sie die Kirche vorübergehend verlassen, um draußen eigens schwarze Kleidung anzulegen. In Schwarz gehüllt war auch der vermeintliche Amokschütze von München, der in Wirklichkeit ein überzeugter Rechtsextremist war. Vom Bombenleger von Oklahoma-City zieht sich der schwarze Dresscode zu den school shooters von Colombine und ihren Nachahmern in den USA, in Finnland und Deutschland; von Anders Breivik zu dem bei der Premiere eines Batman-Films just als Titelheld kostümierten Täter des Kinomassakers von Aurora im Staate Colorado. So verschieden die Beweggründe, der schwarze Habit bleibt überall gleich, und mit ihm die Überzeugung, gottähnlich zu sein. Oder wie „Götter in Uniform“, was archaische Mythen wiederbelebt, auch wenn solche Mythen bei aller Kinohaftigkeit längst zu ordinärem Kitsch herabgesunken sind – einem freilich gewaltförmigen und todbringenden Kitsch.

 

Strangers in Paradise

Ihrer neureligiösen, islamistisch verbrämten Inbrunst zum Trotz sind auch die einander mystisch vermählten schwarzen Mordbruderschaften des IS durchweg säkularisierte, wenn nicht verpoppte Ableger jener schwarz uniformierten Götter, um sich wie der Ex-Rapper Deso Dog auf einem Video in einem blutigen Knäuel massakrierter Menschenleiber zu suhlen und daran zu berauschen. Blanke Mordlust, kaltblütig und ungerührt oder mit ekstatisch lachendem Gesicht exekutiert, kann selbst in religiöser Verbrämung nicht die profanen Kitschmotive ihres Antriebs verbergen. Die Vorbilder stammen aus der globalen Kulturindustrie – von pornografischen Snuff-Filmen als Vorlagen für die filmische Aufzeichnung realer Foltermorde bis hinab zu dem banalen Angebot an sexuell frustrierte Jungs, wonach im Paradies bereits 72 Huris erlesene Jungfrauen mit großen, schwarzen mandelförmigen Augen ungeduldig, voller Inbrunst und göttlicher Geilheit auf ihre auserwählten Galane warten, wenn diese nur den Märtyrertod wählen. 

 

Sex, Lies and Videotape

Ähnlich verpoppte Erlösungsmythen und Gewaltkulturen hatten schon einmal der Faschismus und der Nationalsozialismus in Europa hervorgebracht. Im Rückblick auf die bis zu ihrem frei flottierenden Eigenleben in Romanen und Filmen, aber auch in bloßen Phantasmagorien nachwirkende, nicht zuletzt erotische „Attraktivität des Nazismus“ hat der Historiker Saul Friedländer in seinem großen psychohistorischen Essay Kitsch und Tod. Der Widerschein des Nazismus (Hanser 1984) solch merkwürdige „Juxtapositionen entgegengesetzter Bilder von Harmonie (Kitsch) und Tod“ als Fortleben nazistischer Phantasmen gedeutet. Jenseits aller Ideologien seien Linke wie Rechte dafür gleichermaßen empfänglich. Die Farbe Schwarz eignet sich da als vorzügliche Projektionsfläche und Transportmedium dessen, was schon die antike Rhetorik unter den Begriff des Erhabenen fasste und an existenzielle Grenzsituationen heftete, die mit den extremen Gefühlen von Angst und Schrecken, Wut und Hass sowie mit aktiver wie passiver Todesbereitschaft im Bunde sind. 

Als das „Sublime“ hielt die Kategorie des Erhabenen Einzug in die Ästhetik der Moderne. „Erhaben“ ist für Immanuel Kant das, „was jeden Maßstab der Sinne übertrifft“. Unter dem Eindruck der Französischen Revolution erkannte der britische Philosoph Edmund Burke, in welchem Maße der terreur starke Empfindungen „exquisiten Schreckens“ hervorruft und sich vorzüglich an Dunkelheit, Finsternis und Nachtschwärze heftet. „Die Finsternis ist schrecklich“, schreibt Schiller, weil sie uns „der ganzen Gewalt der Einbildungskraft ausliefert.“ Sigmund Freud endlich begreift das „Unheimliche“ als das „verdrängte Heimische“. Als Farbe der nächtlichen Finsternis und des traurigen oder melancholischen Gemüts eignet sich Schwarz als ideale Projektionsfläche extremer Phantasien, die im Äußersten todverbunden und im Banalen kitschig sind „Die Farbe ist schwarz; das Material ist Leder; das Ziel ist Ekstase; die Phantasie ist der Tod.“ Die Camp-Theoretikerin Susan Sontag schrieb dies in ihrem berühmten Essay Faszinierender Faschismus (1974) und zielte sowohl auf die Liturgien und Totenkulte des Nationalsozialismus als auch auf deren Fortleben in der kitschigen Banalität hausgemachter Sadomaso-Kulte in Lack und Leder.
 
Mit Blick auf die Schwarzen Legionäre des IS wiederum lohnt ein historischer Rekurs: Die Heroenzeit schwarzer Korps fiel in die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts. Die Spuren lassen sich präzise zurückverfolgen zu den schwarzuniformierten Arditi, den italienischen Elite-Sturmtruppen des Ersten Weltkriegs. Als Freischärler und paramilitärische Freikorps zogen deren viele nach Kriegende, ähnlich wie in Deutschland, terrorisierend und marodierend weiter durch die Lande. Auf der dalmatinischen Expedition der Arditi von 1918/19 tauchte erstmals auch das Wort „Avantgarde“ (vanguardia) auf, formuliert unter dem „Duft der heiligen Idealität des Krieges“ durch den Kommandanten Mario Carli. Weitergegeben wurde der Begriff, außer an die Futuristen um Filippo Tommaso Marinetti,  an Mussolinis faschistische Schlägertrupps, die auch als „Schwarzhemden“ bezeichneten Squadristi, und ihre deutschen Nachahmer von SA und SS. 

„Im Mittelpunkt faschistischer Dramaturgie“ erkannte Susan Sontag, „das orgiastische Wechselspiel zwischen machtvollen Kräften und ihren einheitlich gekleideten Marionetten.“ Faschistische Choreographie variiert „zwischen pausenloser Bewegung und erstarrten ‚virilen’ Posen.“ Damit sind ziemlich exakt auch die Bildpolitik und die Bildermaschinerien des IS beschrieben. Nicht von einem vermeintlich „islamischen Faschismus“ sei hier die Rede, im Blick steht vielmehr ein spezifischer, aufdringlich maskuliner und an Vorbildern aus der Popkultur orientierter Habitus, von dem gerade frisch angeworbene Jihadisten – eben noch perspektivlos frustrierte Teens und Twens – affiziert werden. Es sind freilich unsere eigenen Bilder und Phantasien, an denen sie kleben und denen sie nacheifern. 

 

Intimate Confession

Zeitgeschichtlich ist dies nicht einmal ein neues Phänomen, es bindet sich lediglich an neue Medien. Pars pro toto – offen ausgesprochen von  einem deutschen Literaturnobelpreisträger, der stets auch eine politisch-moralische Instanz sein wollte – bekannte Günter Grass lange vor der Selbstenthüllung seiner einstigen Mitgliedschaft bei der Waffen-SS in einem Offenen Brief des Jahres 1966 an den damals jungen Rebellen Peter Handke: „... wer aber als Knabe, wie ich, beim Onkel das offen zutage liegende Schwarze Korps lüstern gelesen hat, bis ihm heiß wurde ...“ Was dem Pubertierenden offenbar als Masturbationsvorlage diente, war das von März 1933 bis Mai 1945 wöchentlich erscheinende „Organ der Reichsführung SS“, eines der auflagenstärksten Blätter der Nazizeit. In einem bunten Potpourri von knallharter Propaganda, betulicher Gartenlaube und frivoler Reportage zeigte es gerne auch etwas nackte Haut von Tänzerinnen, Sportlerinnen oder Leichtlebigen. Opferpropaganda, soldatische Totenkulte und blanker Kitsch waren hier zu einer einzigen schwarz-braunen Soße verrührt. 

Nicht viel anders, nur weitaus krasser stehen in den Propagandamagazinen des IS neben gewaltpornografischen Fotos von Enthauptungen, Steinigungen und ganzen Bergen abgeschlachteter Menschenleiber die zarten Postkartenmotive pittoresker Landschaften im Sonnenuntergang, von Flora, Fauna und Bienenwaben, von exotischen Gärten und lachenden Kindern in Blütenkleidern.

 

Eine frühere Version des an dieser Stelle aktualisierten und erweiterten Essays war für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung entstanden, durfte dort aber nicht erscheinen. Eine Kurzfassung erschien unter dem Titel „Schwarze Avantgarden“ in dem Schweizer Periodikum NZZ Geschichte (No. 18, Oktober 2018).

 

 

Kitsch und Tod
Der Widerschein des Nazismus
Die Zeit des Nationalsozialismus – »Schwarze Reihe«

Saul Friedländer
Übersetzt von: Martin Grendacher

FISCHER Taschenbuch 2007
ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3596179688

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Erstellungsdatum: 05.08.2026