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Gedicht von Miedya Mahmod

der kopf eines nagels oder: wir reden werkzeug ohne hand herbei

Miedya MahmodAlexandru Bulucz


 

die ostung des herzens
 die krümmung des bauches
  die stundung der füße
 
irgendwo gehst du hin 
je tiefer du eindringst 
desto weniger wirst du verstanden
 
überall gehst du einen schritt 
hinein hinaus in die wege aus
 den bahnen willst du die fuge
 
            brechen 

umgebungsballung raumgebete
 jede grenze sprechen sie 
von selbst und anderen
 
             sprechs
 
abgezeitet hängen die sätze
 in der luft auf den plakaten 
aus den mündern skandiert
 
ein skandal nach der nächsten
 sandale die geworfen wird 
wie ein schuh auf westweltführer

auch das hier hätte ihr hamlet besser gestammelt 
es reicht die fünfreihige zahnlücke nicht 
ich trage generationen armut um die zunge wie ba gawram sein tas-bigh um finger 
gewickelt zwischen mattscheibe und glänzendem anschreiben motivationen null  
aber alle beweggründe  
gegen das leuchten aus vorrückenden stimmen; 
sie gären, sie schwelgen, es schwebt einem vor:

die geburtsurkunde des lichtz 
die adlerflüge der gehrechten
die gesänge des mahrschs

 

Miedya Mahmod – wenn auch noch ohne eine Buchpublikation, die aber mit ziemlicher Sicherheit nicht mehr lange auf sich warten lassen wird – ist eine der aufstrebenden Stimmen der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur.

Geboren 1996 in Dortmund mit irakisch-kurdischen Wurzeln, wuchs Miedya Mahmod in einer Welt auf, die von Migration, kulturellen Brüchen und gesellschaftlichen Spannungen geprägt ist. Miedya Mahmod studierte Medien- und Theaterwissenschaft an der Universität Bochum und arbeitet heute frei sowie als Kulturvermittlerin. Die Texte von Miedya Mahmod kreisen um Themen wie Identität, Trauma, Kolonialismus, Körperlichkeit und die Verflechtungen von persönlicher und globaler Geschichte. In einer Sprache, die poetisch ist, fragmentarisch, hochreflektiv – eine Sprache der Grenze, die Lesende und Hörende herausfordert und Komplexitäten neu bedenkt.

Miedya Mahmods literarische Tätigkeit begann früh und ist geprägt von einer intensiven Auseinandersetzung mit Form und Inhalt. Texte in Anthologien und Zeitschriften sind Beiträge zu Themen wie Feminismus, Rassismus und psychischer Gesundheit. Die Prosa ist oft hybrid: eine Mischung aus Essay, Lyrik und Erzählung, die persönliche Erfahrungen mit politischen Analysen verwebt. Der Körper wird zum Schauplatz von Gewalt und Widerstand. Am Individuum oder am Kollektiv lassen sich die Langzeitfolgen von Krieg und Kolonialismus ablesen.

Ein Meilenstein in der noch jungen Laufbahn in der literarischen Öffentlichkeit war der Auftritt beim Open Mike 2022 in Berlin und der Gewinn desselben, es ist einer der renommiertesten Wettbewerbe für junge Schreibende. Dort präsentierte Miedya Mahmod einen Text, der sich in charakteristischem Stil vorstellte: fragmentiert und multilingual. Die Jury lobte damals die Fähigkeit, abstrakte Themen wie Entfremdung und Erbe greifbar zu machen.

Noch größeren Widerhall fand der Auftritt beim Ingeborg-Bachmann-Preis 2024 in Klagenfurt. Eingeladen mit dem Text „es schlechter ausdrücken wollen oder: BA, DA“, las Miedya Mahmod  einen intensiven Monolog über Sprache, Verlust und die Unmöglichkeit, Trauma adäquat zu artikulieren. Die aktuellen Arbeiten von Miedya Mahmod erweitern diese Ansätze zu einer Reflexion über Familie, Migration und körperliches Erbe.

In „DUR“ schreibt Miedya Mahmod zum Beispiel: „Du warst nicht da, als die Mauer fiel, aber die Risse, die an jenem Tag zu Raum wurden, sie sind die weißdunklen Flecken unter deinen Achseln. Unwillkürlich wird dir warm, du schwitzt das Wort ‚Zäsur‘.“ Hier wird der Körper zur Metapher für historische Brüche, und das „Du“ verschiebt sich kontinuierlich – von Selbstgespräch zu Ansprache an Eltern und Gesellschaft.

In „parallelgesellschaft“ thematisiert Miedya Mahmod Körper als Schauplatz von Gewalt und Heilung: „Also wo beginne ich am Besten beim Mund, den hab ich ja schon, also benutzt jetzt, damit beginne ich gerade.“ Miedya Mahmod webt Zitate von Frantz Fanon zum Beispiel ein, um Kolonialismus und Disability zu verknüpfen: „‚Die kolonisierte Welt ist eine zweigeteilte Welt. Die Trennungslinie, die Grenze, wird durch Kasernen und Polizeiposten markiert.‘“ Und reflektiert über Krankheit als kollektives Erbe: „In einer anderen Welt, ohne imperialen Hangover, ohne Königreich der Gesunden, bin ich nicht krank. Bin ich erschöpft, müde.“

Ähnlich kritisch geht es in einem anderen Text zu, wo Tourismus und Kolonialismus kollidieren. Miedya Mahmod kontrastiert TUI-Werbung mit der Geschichte der Preussag AG, die in Chemiewaffen-Produktion verwickelt war: „TUI – Packed differently. Entdecke die Welt. LIVE HAPPY. [...] Mischkonzern. In den 1980ern unterstützt Preussag Muammar al-Gaddafi beim Bau einer Giftgasfabrik.“ Alexandru Bulucz, Textland 25.10.2025

Der Lyriker und Übersetzer Alexandru Bulucz stellte mit Miedya Mahmod eine wichtige literarische Stimme der jungen Generation in Deutschland auf dem Textland-Literaturfest vor. Miedya Mahmods assoziationsreicher Mix aus Spoken Word, Kurzgeschichte, Lyrik sowie der schnelle Wechsel von einer Sprache in die andere machen die Performance zum Erlebnis.

Erstellungsdatum: 05.01.2026