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Pariser Geschichten von Rainer Erd

Der Meisterfälscher von Paris

Rainer Erd


Adolfo Kaminsky im Fälscherlabor der Hagana, Paris 1947

Deutsche Besatzung in Frankreich, das bedeutete Lebensgefahr und die Ungewissheit, wer Freund und wer Feind ist. In dieser Situation für die Résistance tätig zu werden, erfordert nicht nur Mut. Der Chemiker und Fotograf Adolfo Kaminsky, der 1925 im argentinischen Buenos Aires geboren wurde und seit 1932 in Paris lebte, half Flüchtlingen, indem er ihnen in einer Fälscherwerkstatt Ausweispapiere herstellte. Rainer Erd erzählt seine Geschichte.

 

Adolfo Kaminsky, argentinisch-französischer Jude, 1925 in Buenos Aires geboren, hat in jungen Jahren in Färbereien gearbeitet und eine Leidenschaft für chemische Verfahren entwickelt. Der Umzug seiner Eltern nach Paris und die Besetzung der Stadt durch die Nazis 1940 machten aus seiner Leidenschaft ein Handwerk, das er zur Rettung von geschätzt 14.000 Jüdinnen und Juden, überwiegend Kinder, einsetzte. Adolfo Kaminsky fälschte Geburtsurkunden, Ausweise, Reisepässe, Lebensmittelscheine und andere überlebenswichtige Papiere so perfekt, dass er unentdeckt blieb. Jüdische Namen und Religionsangaben verwandelten sich unter seinen Händen in Angaben, die Pariser Nazibesatzer unbeachtet ließen.

Jüdische Untergrundkämpfer gegen die deutschen Besatzer erreichte die Nachricht von Kaminskys Fähigkeiten, die ihn zu einem wichtigen Teil ihres Widerstands gegen die deutschen Invasoren machte. Kaminsky entwickelte mit anderen ein professionelles Fälschungslabor, das es schaffte, angekündigte Deportationen jüdischer Kinder zu verhindern, indem in drei Tagen 900 Geburtsurkunden, Taufscheine, Ausweise und Lebensmittelkarten erstellt wurden. Kaminsky berichtete später, dass ihn der Gedanke, in einer Stunde 30 gefälschte Dokumente herstellen zu können, die 30 Kindern das Leben rettete, manche Nacht schlaflos durcharbeiten ließ. Die gefälschten Papiere ließen Kaminsky und seine Mitarbeiter über ein Kuriersystem in Paris und in anderen Teilen von Frankreich in die Institutionen transportieren, deren Bewohner von Verhaftungen und Deportationen durch die Nazis bedroht waren.

Hier setzt das soeben erschienene Buch von Eberhard Schmidt ein. Ist Kaminsky eine verbürgte historische Person, dessen Leben erst 2009 von seiner Tochter Sarah biografisch dargestellt wurde („Adolfo Kaminsky, une vie de faussaire“), so sind die Charaktere, die die Geschichte von Schmidt tragen, fiktiv. Zentrale Person des Buchs ist der 15-jährige Junge René, der im östlichen Pariser Arbeiterviertel Belleville groß geworden. Er erzählt die Geschichte, wie er als Fahrradkurier zum Transport der gefälschten Papiere angeheuert wird und in dieser Eigenschaft das junge Mädchen Claudine kennenlernt, die aus einer bürgerlichen, gegen die Nazis aktiven Familie im Westen der Stadt kam. Ihre sich entwickelnde Freundschaft und das gemeinsame Interesse, Menschen zu helfen, die von Deportationen der Nazis – erst in die Internierungslager in Frankreich (vor allem Drancy) und dann in das Vernichtungslager Ausschwitz – bedroht waren, sind der Wegweiser durch die Geschichte.

Bereits im September 1940, drei Monate nach dem Einmarsch der Nazis in Paris, erging ein Aufruf an alle Juden der Stadt, sich registrieren zu lassen. Damit hatten die Pariser Behörden (und mit ihnen die Nazis) Daten, die sie ein Jahr später für groß angelegte Razzien gegen die jüdische Bevölkerung von Paris einsetzen konnten. Dies, wenn nicht zu verhindern, doch wenigstens zu erschweren, hatten sich die Widerstands-Gruppen zum Ziel gesetzt. Gefälschte Papiere, die eine rechtzeitige Flucht aus der Stadt ermöglichten, waren dafür ein unerlässliches Mittel. Diese produzierte der im Roman David Bloch genannte Alfonso Kaminsky, und der junge René sowie seine Freundin Claudine sorgten neben anderen Personen als Kuriere dafür, dass die Fälschungen bei den Betroffenen rechtzeitig ankamen.

Der Leser des spannend geschriebenen Buchs fährt mit den beiden durch das nächtliche Paris und bangt mit ihnen, unentdeckt von den Nazis zu bleiben. Um die beiden Protagonisten der Geschichte entwirft Schmidt eine Fülle unterschiedlicher Charaktere, die in ihrem Verhältnis zu den Besatzern eindringlich geschildert werden. Da gibt es den zwielichtigen Bruder von Claudine, André, der die Gunst der Stunde für illegale Geschäfte mit den Nazis nutzt, um sich zu bereichern. Dann erlebt man Personen, die nicht direkt mit den Besatzern kollaborieren, aber sorgenvoll auf Distanz zu den Widerstandskämpfern bleiben. Andere wiederum fühlen sich der Widerstandsbewegung verpflichtet, ihnen aber fehlt die Courage, Taten folgen zu lassen.

Wer die Geschichte des besetzten Paris aus der Fülle von Sachbüchern kennt, die es zu dem Thema gibt, erinnert sich an prominente Personen, die sich den geschilderten Charakteren annähern: die Modeschöpferin Coco Chanel, der Schriftsteller Jean Cocteau, Filmregisseur Sacha Guitry oder die Schauspielerin Arletty, die alle in einem problematischen Verhältnis zu den Besatzern standen. Viele von ihnen mussten sich nach dem Ende der Besetzung von Paris einem juristischen Verfahren stellen, waren aber nach ein paar Jahren wieder in der Pariser Kulturszene aktiv.

Leser des Buchs von Eberhard Schmidt erleben ihr Sachbuchwissen über diese Zeit als Roman, der durch die bewegten vier Jahre von Paris führt. Neben Richard Morgièves Roman „Wunder und Legenden aus meinem Land im Krieg“, einem der wenigen ins Deutsche übersetzten Erzählungen über die „années noires“, die schwarzen Jahre von Paris, ist Schmidts Buch das einzige, das besonders für Leser, die mit dem Thema nicht vertraut sind, einen dramaturgisch gestalteten Einblick in diese Zeit gibt.

Die Präzision der Darstellung, die den Leser von der ersten Seite an fesselt, ist nicht zuletzt dem Umstand geschuldet, dass der Text ursprünglich als Grundlage für ein deutsch-französisches Filmprojekt geschrieben worden ist, das aber deshalb nicht zustande kam, weil der französische Produzent vor Beginn des Projekts verstorben ist. So gibt es zwar keinen Film über die Pariser „années noires“ aus der Feder von Eberhard Schmidt, aber dieses wunderbare Buch, dem man viele Leser wünscht.

Anmerkung der Redaktion: Adolfo Kaminsky hat u.a. auch die Reisepässe von Daniel Cohn-Bendit gefälscht, als dieser in seiner staatenlosen Zeit zwischen Frankfurt und Paris illegal hin und her reisen musste.
Siehe auch:
Rezension der Biographie von Cohn-Bendit

Auszug aus seinen Erinnerungen

 

Eberhard Schmidt
Der Meisterfälscher von Paris
Roman
183 S., brosch.
ISBN: 978-3-95565-762-8
Hentrich & Hentrich Verlag, Berlin/ Leipzig 2026
 
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Erstellungsdatum: 19.05.2026