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Da kommt viel zusammen. Die Erfahrungen des Krieges, der Flucht, Gefangenschaft und Verfolgung der Eltern, die ihm, Dany Cohn-Bendit mitgegeben wurden, und die eigenen Erfahrungen als Staatenloser und jüdischer Linker in so unterschiedlichen Nachkriegsstaaten Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland. Als Dany, le rouge ist er in die Weltöffentlichkeit getreten, lebt seitdem ereignisreich und hat jetzt seine Erinnerungen veröffentlich, aus denen wir einen Auszug vorstellen.
Am Morgen des 7. Oktobers ging mir unablässig ein Satz durch den Kopf: „Wir Juden, wir sind allein.“ Niemals hatte ich einen solchen Satz formuliert. Niemals habe ich „wir“ gedacht, wenn ich über Juden sprach. Und plötzlich war ich nichts mehr als ein Jude, denn ich sah mich mit der Tatsache konfrontiert: Außer den Juden war so gut wie niemand traumatisiert. Was an jenem Tag passiert ist, hätte man nicht für möglich gehalten. Ich weiß gar nicht, wie ich es bezeichnen soll, denn das Wort „Pogrom“ meint den Angriff einer Mehrheit auf eine Minderheit – was hier nicht der Fall war. Völlig enthemmte Leute drangen in die Häuser ein, um Frauen vor ihren Eltern oder Kindern zu vergewaltigen, um zu morden, um zu enthaupten. Es hatte eine so unvergleichlich sadistische Dimension, dass man hätte aufschreien müssen. Stattdessen mussten wir feststellen, dass kaum jemand berührt war. Schreie der Entrüstung? Einige wenige. Hat man Moslems rufen hören: „Hamas, nicht in unserem Namen“? Zur Demonstration gegen den Antisemitismus in Paris kamen nicht mehr als 100 000 ältere, weißhaarige Personen. Die meisten Menschen auf dieser Welt stehen dem Verhängnis des 7. Oktober, das einen in die Schoah und andere historische Pogrome zurückversetzt hat, gleichgültig gegenüber. Die Männer der Hamas haben junge Israelis in Kibbuzim oder auf der Rave-Party, die sich in Containern versteckt hatten, massakriert – wie die „Einsatzgruppen“, die bei der Schlucht von Babin Jar bei Kiew in der Ukraine während der Schoah das größte Massaker durch Erschießungen angerichtet hatten. An diesem Tag kam in meinem Kopf die ganze Geschichte der Massaker an den Juden wieder hoch, gepaart mit dem Entsetzen, dass sich keine dem Drama angemessene Entrüstung zeigte. Ich sah mich in die Einsamkeit zurückgeworfen.
An jenem Tag empfand ich, was Claude Lefort in seinem Buch über Solschenizyn, Un homme en trop (Ein Mensch zu viel), zum Ausdruck gebracht hat: die Vorstellung, dass die Juden, was auch immer sie tun oder sagen, stets zu viele sind. Ich dachte wieder an die Konferenz von Évian im Juli 1938, bei der man den deutschen und österreichischen Juden, die kurz nach dem „Anschluss“ vor dem Nationalsozialismus flohen, zu Hilfe kommen wollte. Sie blieb ergebnislos. Ein Jahr später, im Mai 1939, lief das Schiff Saint-Louis in Hamburg aus, mit 10 000 Juden an Bord, die vor dem Dritten Reich flohen. Von den Vereinigten Staaten bis Kanada wies ein Land nach dem anderen das Schiff zurück. Sie sagten: „Wir können die Juden nicht aufnehmen, es sind zu viele.“ Es sind zu viele Juden! Die Amerikaner wollten sie nicht und schickten sie nach Kuba; Kuba wollte sie nicht und schickte sie zum lateinamerikanischen Festland; dort wurden sie abgelehnt, und man empfahl ihnen Kanada; in Kanada wurde das Schiff ebenfalls nicht geduldet, und so kehrte es nach Hamburg zurück. Die Geschichte der Saint-Louis ist symbolisch. Der 7. Oktober hat in mir eine lange verdrängte Angst ausgelöst: Es gibt zu viele Juden. Die 16 Millionen Juden (acht in Israel, acht an anderen Orten der Welt) stören nur. Also störe auch ich. Und da ich mich außerdem weigere, die israelische Regierung und ihre Besetzung des Westjordanlands zu verteidigen, werde ich in einem höllischen Räderwerk zerrieben.
Zurzeit bin ich ein umherirrender Jude – ein zweifelnder Jude, der sich zunehmend nirgends mehr wiederfindet. Dem Slogan „From the river to the sea“, mit dem militante Pro-Palästinenser – bewusst oder nicht – dazu aufrufen, Israel und seine Bevölkerung von der Landkarte zu tilgen, antwortet die faschistisch gewordene Netanjahu-Regierung mit ihren rassistischen und kolonialistischen Ministern mit dem Schrei: „From the sea to the river, the land is jewish“. Hirnrissige aller Länder, vereinigt euch … Die von Israel in Gaza begangenen Massentötungen, die dauernd vorangetriebene Kolonialisierung der Westbank sowie die täglichen Bombardements des Libanon sind gleichermaßen unerträglich. Die Träume von einer „Riviera“ in Gaza und andere Verrücktheiten, die sich die Trumps dieser Welt ausdenken mögen, werden nichts an der grundsätzlichen Tatsache ändern: Es wird keine Friedensperspektive geben ohne eine Zwei-Staaten-Lösung. Wer für die Palästinenser ist, muss für die Israelis sein, und wer für die Israelis ist, muss für die Palästinenser sein.
Ich empfinde zutiefst die Legitimität sowohl der Israelis als auch der Palästinenser, und mit Sorge stelle ich fest, wie völlig abgeschottet sie gegeneinander sind. Auf beiden Seiten ist jeder am Ende einer „Die-oder-wir“-Logik angelangt, bei der es nur noch darum geht, sich für eine Seite zu entscheiden. Niemand hört mehr zu, niemand will sich überhaupt noch verständigen. Und ich, ich fühle mich eingekeilt zwischen diesen beiden Denkweisen, die beide, die eine wie die andere, gleichermaßen legitim wie verrückt sind und miteinander kollidieren.
Auszug aus dem Kapitel 1 – Mit freundlicher Genehmigung des Verlagshauses Jacoby & Stuart
Erich Cohn-Bendit und Herta David stiegen im März 1933 im Abstand von wenigen Tagen an der Gare de l’Est aus. Ihre Liebesgeschichte hatte gerade erst begonnen, inmitten der Angst Berlins in der düsteren Zeit des Aufstiegs des Nationalsozialismus. Beide glaubten in den Tagen nach der Wahl am 31. Juli 1932, als die NSDAP die größte parlamentarische Fraktion wurde, er ließe sich noch aufhalten. Hitler war es nicht gelungen, die absolute Mehrheit der Wähler zu erlangen, aber er begann bereits mit der Gleichschaltung Deutschlands. Sechs Monate später, in der Nacht des 30. Januar 1933, marschierten tausende Mitglieder der paramilitärischen SA Unter den Linden in Berlin auf; dies markierte den Beginn der Jagd auf Oppositionelle – in erster Linie auf Juden und Kommunisten. Es zirkulierten Namenslisten.
Herta war 25 Jahre alt und beendete gerade ihr Jura-Studium. Erich war Rechtsanwalt, jüdisch, links, revolutionär, aber nicht leninistisch, sondern in der Tradition von Rosa Luxemburg. Er stand kommunistischen Kreisen nahe, ohne selbst Kommunist zu sein, und unterstützte die USPD, eine Partei links von der SPD, die sein Sohn Gaby später mit liebevoller Ironie als »Salonlinke« bezeichnete. Erich war einer der Verteidiger der Hilfsorganisation Rote Hilfe.
Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler nach wochenlangen politischen Intrigen zum Reichskanzler von Deutschland ernannt. Am nächsten Tag löst er den Reichstag auf. In der Nacht des 27. Februar werden die Berliner Zeuge eines mysteriösen Brands, zu dem sich niemand bekennt und den die Nazis sofort einem kommunistischen Komplott anlasten. Die Armee lässt sich von Hitler verführen, die paramilitärischen Kampftruppen der NSDAP, SA und SS werden von ihm mit Polizeibefugnissen ausgestattet. Für Oppositionelle ist es das Ende – Denunziationen, Verhaftungen, Folterungen, Ermordungen. In dem Durcheinander und der Panik der aufkommenden Diktatur hasten Züge nach Frankreich und Schiffe nach London und den USA, beladen mit politischen Aktivisten, Intellektuellen, Künstlern und verängstigten deutschen Bürgern. Nur wenige Stunden nach dem Reichstagsbrand verhaften die Polizei und SA Hunderte von Schriftstellern, Journalisten und Aktivisten. Zu ihnen gehört Hans Litten, ein renommierter Rechtsanwalt der Roten Hilfe. Er hatte Hitler 1931 gezwungen, im sogenannten Edenpalast-Prozess als Zeuge aufzutreten, in dem Litten den Nachweis führen wollte, dass Überfälle durch die SA von der Parteiführung gesteuert waren. In einem weiteren Prozess gegen die SA-Gewalttaten wurde Litten als Verteidiger abgelehnt, und sein Freund und Kollege Erich Cohn-Bendit übernahm kurzfristig seine Funktion. Vor allem aber verfasste Cohn-Bendit ein später in der Weltbühne abgedrucktes aufsehenerregendes Plädoyer für Hans Litten, das nicht nur bei Antifaschisten, sondern auch beim Spitzenpersonal der Nazis bleibenden Eindruck hinterließ. „Erich, ich glaube, du solltest gehen“, rät Litten seinem Freund wenige Stunden vor der eigenen Verhaftung.
Erich wird ihn nicht wiedersehen. Hans Litten wird in verschiedenen Konzentrationslagern interniert; er sollte nicht mehr freikommen. Aber der letzte Rat, den er seinem Freund gegeben hat, hallt anders nach, als ein hoher Richter, geschützt durch seine NSDAP-Parteizugehörigkeit, Erich warnt: „Cohn, Sie stehen auf der Liste. Gehen Sie.“ Dieser zögert nicht. Rasch sucht er noch ein paar Sachen zusammen, und ohne jemanden zu benachrichtigen, stürzt Erich zum Bahnhof. Er nimmt den ersten Zug nach Paris. Herta schließt sich ihm einige Tage später an. Als Hitler am 20. März das Dritte Reich ausruft, haben beide Berlin bereits hinter sich gelassen. Sie verfolgen das Ereignis mit Entsetzen und erfahren nun dieses gemischte Gefühl der Geflüchteten, das sie auf andere Weise auch weiterhin verfolgen wird, nämlich eine Mixtur von Erleichterung und Schuldgefühl.
Das XV. Arrondissement von Paris ist die neue Exil-Heimat von Erich und Herta, die noch kein Wort Französisch sprechen. Sie landen in einer Wohnung am Square Léon-Guillot, Nr. 2, denn der Zufall hat aus dem Quartier Convention einen Treffpunkt für antifaschistische deutsche Exilanten gemacht, von denen sie einige von Berlin her bereits kennen. In der einen oder anderen Unterkunft jenes XV. Arrondissements, in dem sie alle wohnen, insbesondere in einem Lokal in der Rue Dombasle trifft sich abends eine kleine Gemeinschaft von Intellektuellen, um bis in den frühen Morgen zu diskutieren. Zu dem „Stamm“ gehören auch Walter Benjamin und Hannah Arendt. Die Philosophin, die 1933 Deutschland verlassen hat und noch nicht die Israel-Kritikerin ist, zu der sie später wird, teilt mit Herta die gleichen zionistischen Überzeugungen. Sie organisiert die Aufnahme der Juden, die vor dem Nationalsozialismus geflohen sind, setzt sich für die Schaffung eines jüdisch-arabischen Staatsgebildes in Palästina ein und hilft den Geflüchteten, dorthin zu emigrieren.
Am 14. April 1936 kommt ein Kind zur Welt und wird abends in der Zwei-Zimmer-Wohnung des Square Léon-Guillot von Schoß zu Schoß weitergereicht. Gabriel Cohn-Bendit, genannt Gaby, wird bei seiner Geburt als französischer Staatsbürger angemeldet. Bei Daniel sollte dies später nicht der Fall sein; der Optimist Dany kommt erst neun Jahre später in dem Moment auf die Welt, in dem der Krieg endet. Anders als sein Bruder ist er nicht Franzose. Er hat noch nicht einmal Ausweispapiere. Weil seine Eltern in den ersten sechs Monaten nach seiner Geburt zögern – Erich will in die Vereinigten Staaten, Herta nach Israel –, wird er nirgends angemeldet. Vaterlandsloser und Flüchtling, das ist Dany Cohn-Bendits Identität bis zu seinem dreizehnten Lebensjahr. Er bezeichnet das als seine „überdeterminierte Vorgeschichte“: Heimatlos geboren zu sein, weil seine Eltern bereits entwurzelt waren.
Ich bin dreigeteilt. J.M.G. Le Clézio hat einem seiner Bücher den Titel gegeben, der am besten auf mich passt: Identité nomade [Nomadische Identität]. Das Nomadentum meiner Eltern war erzwungen, meines war keineswegs immer selbst gewählt, wurde aber dazu, weil es am besten zu meinem Selbstverständnis passt. Ich bin ein deutscher, französischer und jüdischer Nomade, nichts von dem und alles zugleich, und das gefällt mir. Ich will mich nicht festlegen. Ich bin nomadisch und vaterlandslos im positivsten Sinne des Wortes. Die ganze Geschichte meiner geflüchteten, eingewanderten und versteckt lebenden Eltern lastet bewusst oder unbewusst auf mir; und das ist in der Tat eine jüdische Geschichte. Alles, was ich bin, ist die Folge der Tatsache, dass meine Eltern auswandern mussten, weil sie Juden waren. Wenn ich mir vergegenwärtige, wodurch die Entscheidungen in meinem Leben bestimmt wurden, dann wird mir klar, dass alles, absolut alles, darauf zurückgeht.
Das erklärt, wie die beiden Brüder manchmal glauben, einen Teil ihrer Meinungsverschiedenheiten und ihrer unterschiedlichen Weltanschauungen. Gaby und Dany sind beide Juden, aber der eine ist Franzose, der andere nichts. Ihre Unterhaltung aus dem Jahr 2021 setzte sich so fort:
Gaby: Ich hätte vom Krieg traumatisiert sein können, aber das war nicht der Fall. Immerhin habe ich in Moissac ohne meine Eltern gelebt.
Dany: Das ist seltsam, Gaby, manchmal sagst du »unsere Eltern« oder »deine Mutter«, manchmal »mein Vater« oder »meine Eltern«, als ob ich nicht existierte! Du bist nicht ganz klar im Kopf!
Gaby: Du, du warst doch noch gar nicht auf der Welt! Als wir in der freien Zone lebten, arbeitete meine Mutter mit einer Vereinigung israelitischer Pfadfinder in Moissac zusammen, um die jüdischen Kinder unterzubringen, deren Eltern deportiert worden waren. Es gab die Großen und ein Haus, das den Kleinen vorbehalten war; dort war ich. Nach ’42, als die freie Zone ebenfalls unter Besatzung kam, mussten die Unterkünfte aufgegeben werden. Die Großen wurden auf dem Land verteilt, und ich wurde mit falschen Papieren einer Familie namens Collet anvertraut, die in Moissac verblieb. Meine Mutter kam von Zeit zu Zeit, um nach mir zu sehen. Sie und mein Vater waren von nun an auf der Flucht, sie versteckten sich in der Umgebung von Montauban, manchmal in verlassenen Häusern im Wald. Sie hatten den Namen Delpioux angenommen. Ich hieß Jean Collet. In der Schule musste ich auf diesen Namen antworten. Oft spielte ich auf den Straßen nahe dem Haus, in dem ich wohnte, und sprach mit Soldaten der Wehrmacht. Ich hatte Fotos von der ältesten Tochter der Collets geklaut und präsentierte sie ihnen im Tausch gegen Zigaretten. Das zeigt, wie wenig ich begriff, was Sache war.
Dany: Gaby, du verdrängst! Was du erzählst, ist nicht glaubhaft. Du warst sechs Jahre alt, musstest deinen Namen ändern, sahst deine Eltern nicht, und alles war in Ordnung? Du wolltest so sehr ein kleiner normaler Franzose sein, dass du es selbst geglaubt hast.
Gaby: Trotzdem, diese Jahre haben bei mir keine traumatisierende Erinnerung hinterlassen, ganz im Gegenteil. Ich entdeckte in diesem Moment, dass dich Leute, die nicht deine Eltern sind, zutiefst lieben können. Ich habe den Krieg ohne die geringste beängstigende Erinnerung überstanden. Ich habe mich in dieser Zeit derart wohlgefühlt, dass meine arme Mutter einen Schrecken bekam.
Dany: Na gut. Ich habe natürlich auch keine beängstigenden Erinnerungen an den Krieg, weil ich noch nicht auf der Welt war. Zwischen dir und mir liegt der Krieg; alles, was ich über ihn weiß, muss ich mir erst vorzustellen versuchen. Aber das ist nicht der große Unterschied zwischen dir und mir, wie ich ihn mir heute erkläre. Der große Unterschied besteht darin, dass ich lange nach dem Krieg und im Gegensatz zu dir zugleich in Frankreich und in Deutschland gelebt habe. Und in Deutschland wirst du mit einer Menge Debatten konfrontiert – was übrigens Frankreich gutgetan hätte –, mit endlosen Fragen nach Verantwortung, Vergebung und dem möglichen oder unmöglichen Recht auf Vergessen.
Als Erich und Herta nach Kriegsende nach Paris zurückkehren, ist Gaby neun Jahre alt und Dany einige Monate zuvor in der Entbindungsstation von Montauban geboren. Sie versuchen es nun zunächst mit einem Zwischenstopp in Cailly in der Normandie, wo beide Eltern ein Haus des OSE (Œuvre de secours aux enfants) leiten, einem Hilfswerk für jüdische Kinder. Erich kümmert sich um die Verwaltung und die Finanzen. Das ist jedoch nichts für ihn. Er ist unglücklich. Sie finden sich also wieder im Square Léon-Guillot Nr. 2 ein, aber das XV. Arrondissement ist nicht mehr dasselbe. Der „Stamm“ der Intellektuellen ist verstreut. Er hatte immerhin während des Krieges noch teilweise in Montauban wieder zusammengefunden – wider jede Erwartung. Durch Zufall war Erich gemeinsam mit Heinrich Blücher interniert worden, einem geflüchteten Deutschen, der aus der kommunistischen Spartakus-Bewegung stammte und der Geliebte und seit Januar 1940 der zweite Ehemann von Hannah Arendt war. Herta und Hannah ihrerseits hatten unmittelbar nach dem Waffenstillstand vom Juni 1940 gemeinsam mit dem kleinen Gaby Zuflucht in Montauban gefunden.
Mein Bruder und ich haben lange diese für unsere Eltern schmerzvolle Vergangenheit verdrängt und es abgelehnt, uns damit zu befassen. Sie selbst haben, um uns zu schützen, niemals etwas über diese traumatische Zeit ihres Lebens verlauten lassen. Erst im Herbst 2024 konnte ich dank des bewegenden und informativen Buches von Marina Touilliez – Parias: Hannah Arendt et la »tribu« en France (1933–1941) – begreifen, was meinen Eltern während des Krieges in Frankreich widerfahren war.
Als am 3. September 1939 der Krieg ausbrach, hat man in Frankreich alle deutschen und österreichischen Geflüchteten sowie spanischen Republikaner, ob jüdisch oder nicht, verhaftet. Die Regierung hatte kein Vertrauen zu diesen Ausländern, die sich, ihren rassistischen Phantasien zufolge, dem Feind womöglich anschließen könnten. Mein Vater wurde im Stadion Yves-du-Manoir de Colombes in einem Vorort von Paris inhaftiert. Zufällig fand sich da auch, zwischen all den „unerwünschten Ausländern“ aller möglichen Nationalitäten, Heinrich Blücher. Marina Touilliez schreibt: „Indem es alle deutschen und österreichischen Staatsangehörigen zu ›feindlichen Subjekten‹ erklärte, ist das Dekret vom 1. September 1939 über ›Verbote von Beziehungen mit dem Feind‹ der Höhepunkt […] einer Politik, die seit dem Frühjahr 1938 darauf abzielte, die ausländische Bevölkerung auf französischem Boden zu kriminalisieren. Es ordnet die Zusammenlegung ›aller Ausländer im Alter von 17 bis 65 Jahren‹, die ›aus Gebieten kommen, die dem Feind gehören‹, in ›besonderen Zentren‹ an.“ Also, die Republikaner aus Spanien, die politischen Flüchtlinge aus Deutschland und Österreich und wohlgemerkt die deutschen und österreichischen Juden – sie alle wurden verdächtigt, möglicherweise mit dem Feind unter einer Decke zu stecken. Die Verantwortungslosigkeit der Regierung Daladier ging Hand in Hand mit dem dummen und kriminellen chauvinistischen Nationalismus jener Zeit. Mein Vater hatte entsprechend ein Recht auf doppelte Bestrafung. Da er als politischer Flüchtling und als Jude suspekt war, wurde er nach dem Stadion von Colombes in diverse besondere, unter militärischer Verwaltung stehende Internierungslager überführt. Gegenüber den vielen Versuchen meiner Mutter, ihn mit dem Hinweis freizubekommen, dass ihr Sohn Gaby ja Franzose sei, blieben die Behörden taub. Marina Touillez fährt fort: „Erich Cohn-Bendit wurde trotz der Bemühungen seiner Frau Herta am 3. Januar vom Lager Vernuche nach Cepoy nahe Montargis im Département Loiret gebracht. […] [Anschließend transportierte man ihn] vom Lager Cepoy in das von Bengy-sur-Craon, das für die dort herrschenden entsetzlichen hygienischen Verhältnisse berüchtigt war. Die Männer wurden im Camp de la ferme des Battereaux neben den Kühen untergebracht.“ Im Juli 1940 konnte mein Vater aus dem Lager von Brest, in dem er schließlich gelandet war, fliehen. Es gelang ihm, das besetzte Frankreich zu Fuß zu durchqueren und sich in Montauban seiner Familie wieder anzuschließen, wo auch Heinrich Blücher Hannah und Herta wiedergefunden hatte.
Ihre Wege trennen sich wenig später im Februar 1941. Hannah Arendt entscheidet sich, mit Heinrich ins Exil in die Vereinigten Staaten zu gehen. Von Montauban aus begeben sie sich über Spanien nach Portugal, bevor sie nach New York aufbrechen können. Die Philosophin beginnt ein neues Universitätsleben jenseits des Atlantiks. Staatenlos wie ihre Freunde, erhält sie 1951 die amerikanische Staatsbürgerschaft. Die Cohn-Bendits hingegen nehmen mehr schlecht als recht ihr Pariser Leben wieder auf.
Dany hat in einer Ausgabe von Texten Arendts einen Brief von ihr aus dem Jahre 1940 an seinen Vater gefunden. Er wusste nichts von ihrem Briefaustausch. Das Ergebnis ihrer Überlegungen, das sie Erich zukommen lässt und das in diesem Buch veröffentlicht worden ist, scheint auf ihre Diskussionen zur Minderheitenfrage und zur juristischen Definition ausgebürgerter Flüchtlinge zu verweisen.
„Kein Volk Europas leidet so schwer wie wir unter diesen neuen Verhältnissen“, schreibt sie. „Weder die Polen noch die Tschechen. Unsere einzige Chance – aber auch die einzige Chance aller kleinen Völker – liegt in einem neuen föderalen System Europas. Unser Schicksal darf nicht mehr verknüpft werden mit dem irgendwelcher Minderheiten – es wäre für uns hoffnungslos. Es kann nur verknüpft werden mit dem der kleinen europäischen Völker. […] Es kann sehr bald eine Zeit kommen, wo die Zugehörigkeit zum Territorium durch die Zugehörigkeit zu einem Nationenverband ersetzt wird, in welchem nur der Verband als gesamter Politik macht.“
Auf diese Weise steckt Hanna Arendt das Feld für eine europäische Union ab, der der damals noch nicht geborene jüngste Sohn Erichs, Dany, sein Leben widmen wird, unter anderem während seiner zwanzigjährigen Tätigkeit als Abgeordneter des Europäischen Parlaments. Aber so weit sind wir noch nicht. Wir befinden uns erst im Jahr 1948, in dem die Cohn-Bendits, in der Nachkriegszeit umherirrende Staatenlose, sich entscheiden, nach Paris zurückzukehren.
Die Wohnung am Square Léon-Guillot ist für sie alle viel zu klein. Auch wenn Erich oft auf Reisen ist, müssen manchmal fünf bis sechs Personen in der Zwei-Zimmer-Wohnung untergebracht werden, so die Großmutter, aber auch Freunde auf der Durchreise. Im gegenseitigen Einvernehmen wird beschlossen, dass Gaby bei seinem Vater und seiner Großmutter im XV. Arrondissement bleibt, während Herta, die zur Verwaltungsdirektorin des jüdischen Gymnasiums École Maïmonide in Boulogne-Billancourt ernannt worden ist, sich für die meiste Zeit mit dem Kleinsten, Dany, in ihrer Dienstwohnung niederlässt. Zwei Jahre lang geht er in die städtische Schule von Boulogne, verbringt aber auch Zeit in der École Maïmonide, nimmt an deren Ferienlagern teil und ist von Kindern emigrierter Juden aus aller Herren Länder umgeben. Derjenige, den alle für einen waschechten Pariser halten, hat keinen Pass, aber die Frage stellt sich nicht. Die Grundschullehrer beschreiben ihn als „ein Kind, das viel redet und sehr direkt ist“. Als er fünf Jahre alt wird, verlässt sein Vater Paris und zieht nach Frankfurt. Während die beiden Eltern die Jahre im Untergrund zur Zeit der Besatzung gemeinsam durchgestanden haben, ist es nun die Tatsache, dass sie Eingewanderte im Frankreich der Nachkriegszeit sind, die sie trennt. Herta fühlt sich in Paris wohl und ist der Meinung, dass sie in Deutschland nichts zu suchen hat. Erich seinerseits fühlt sich in Frankreich fehl am Platze, denn er möchte wieder seinen Beruf als Rechtsanwalt ausüben.
Dany braucht Gaby, damit ihm dieser ihren Vater beschreibt, den er selbst kaum kennengelernt hat. Gaby antwortet chaotisch und immer mit dieser seltsamen Vermischung der Possessivpronomen „dein“ oder „mein“, wenn es um ihre Eltern geht. „Dein Vater war ein bisschen ungebärdig, während deine Mutter anpassungsfähig war. Sie stellte sich auf die Emigration ein, sie akzeptierte diese Welt. Sie war gesellig, offen, kam leicht mit Leuten ins Gespräch. Sie war ein wenig die Mutter aller Gymnasiasten und fertigte Strickmützen an, die sie an die mittellosesten Kinder verteilte. Deshalb nannte man sie Tricoty [von tricoter, stricken]. Ihr Charme, ihre Liebenswürdigkeit und ihr Humor waren bezaubernd. Mein Vater hingegen war ein unerbittlicher Intellektueller. Für ihn bestand sein Leben darin, Rechtsanwalt zu sein, und das ging hier nicht. Als Deutscher hätte er, um in Frankreich einer zu werden, das Abitur nachmachen müssen; und er las nicht fließend Französisch. Du siehst, der reinste Hindernislauf … Deshalb ging er nach deiner Geburt nach Deutschland zurück. Alles, was er bis dahin zu tun gezwungen war, fand er entsetzlich: Uhren verkaufen, die Finanzen des jüdischen Kinderheims in Cailly verwalten … Er hat sich in Frankreich niemals aufgenommen gefühlt. Im Gegensatz zu unserer Mutter.“
Erich Cohn-Bendit raucht und trinkt viel. Im Jahr 1958 trifft seine Freundin Hannah Arendt ihn in München und ist über seinen Zustand äußerst betrübt. Sie schreibt an ihren Ehemann Heinrich Blücher: „Außerdem war Cohn-Bendit hier […]. Er hat im April einen Kollaps gehabt und war halbwegs nüchtern. […] Der einzige wirklich, mit dem sich ein politisches Gespräch über Deutschland lohnte. Aber gestern […] roch er schon wieder sehr bedenklich. Es ist wirklich zum Heulen.“ Einige Jahre nach seinem Aufbruch von Paris nach Deutschland wird bei Erich Lungenkrebs diagnostiziert. Zur gleichen Zeit kehren Dany und seine Mutter zum Square Léon-Guillot und zum „Stamm“ der deutsch-jüdischen Intellektuellen im XV. Arrondissement zurück. Danys Pariser Kindheit dauert jedoch nicht lange an.
Kapitel 2 – Mit freundlicher Genehmigung des Verlagshauses Jacoby & Stuart
Siehe auch:
Buchbesprechung von Rainer Erd

Erinnerungen eines Vaterlandslosen
Daniel Cohn-Bendit
mit Marion van Renterghen
Übersetzt von Petra Willim
Erscheinungsdatum 01.03.2026
Verlagshaus Jacoby & Stuart
Seitenzahl 240
ISBN 978-3-96428-312-2
Erstellungsdatum: 27.04.2026