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Hans-Jürgen Linke über S.A.D.O.: Johann Fritz Tannhäuser. Die wiedergefundenen Meisterwerke

Der Prinz auf dem Granatapfel

Hans-Jürgen Linke


LP Cover S.A.D.O., Die wiedergefundenen Meisterwerke

Das Sinnhafte ist in den meisten Fällen Anliegen und Ziel künstlerischen Arbeitens. Der Unsinn dagegen gehört zu den Extraleistungen, die zu wagen auch extra Mut und Aufwand erfordert. Wenn also konventionell gewandete Musiker die Disziplin aufbringen, alles Bekannte zu vermeiden, und dennoch im ernsten Unernst ihre Distanz selbst zum eigenen Konzertieren hörbar machen, lässt sich nur Unerwartetes erwarten. Hans-Jürgen Linke hat sich die „wiedergefundenen Meisterwerke“ des Johann Fritz Tannhäuser angehört.

 

Es scheine sich, kommentiert die Gratis-KI den Download, um ein längeres Dokument zu handeln, und sie bietet an, es zusammenzufassen.

Nur zu.

Recht schnell bekommt man auf drei Druckseiten das erstaunliche Leben des Komponisten Johann Fritz Tannhäuser zusammengefasst, eines „Genies am Rande“, wie die 2024 erschienene Biografie der Kulturvereinigung Johann Fritz Tannhäuser ihn charakterisiert. Tannhäuser, geboren 1898 in der chinesischen Provinz Guizhou als Sohn deutscher Missionsärzte, aufgewachsen in Regensburg, gestorben 1965 in Asmara, Eritrea, sei ein Revolutionär gewesen, „der sich bewusst von den Konventionen der akademischen Musik abwandte“ und einer der ersten deutschen Komponisten, der „elektronische Instrumente wie Ondes Martenot in seine Werke integrierte“. Zu seinen bedeutendsten Innovationen sei die „Entwicklung der raumakustischen Klangmodulation“ und das Aufbrechen der Zuschauerrolle zu rechnen. Er habe an einer Verbindung von Musik, Philosophie und Psychologie gearbeitet, in engem Kontakt mit dem Philosophen Karl Jaspers gestanden, experimentelle Opern- und Konzertformen kreiert und bedeutenden Einfluss auf die Entwicklung der Filmmusik genommen. Am Ende seines Lebens habe er an einer schweren Depression gelitten und im Oktober 1964 den größten Teil seiner Manuskripte und sein komplettes Haus in Brand gesteckt. Er sei einsam im Dezember 1965 verstorben.

Die KI bietet auch eine Zusammenfassung für Musikstudenten mit den wichtigsten Stationen, stilistischen Entwicklungen und prägenden Werken Tannhäusers an und fragt dann, womit sie als nächstes helfen könne.

Es ist sicher nicht die Art KI, die in absehbarer Zeit die Menschheit auslöschen wird, wenn wir sie nicht schnell noch bändigen. Sie versteht etwas so Komplexes wie Parodie und Ironie nicht. Denn diesen Tannhäuser hat es in der realen Welt nie gegeben.

Eine Gruppe, die sich Società Anonima Decostruzionismi Organici, Anonyme Gesellschaft organischer Dekonstruktion, nennt, hat umsichtig und humorvoll eine künstlerisch-biografische Tannhäuser-Hülle konstruiert und „wiedergefundene Meisterwerke“ zur Aufführung gebracht. Es gibt Ortszuschreibungen, Jahreszahlen und andere glaubwürdig wirkende Eigenschaften wie Werktitel oder verschiedene künstlerische Phasen. Dagegen kommt eine Gratis-KI nicht an. Und gab es da nicht auch den italienischen Komponisten und Cellisten des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts, der Francesco Zappa hieß, von dem der Komponist und Gitarrist Frank Zappa zwei frühe Werke auf dem Synclavier einspielte und an dessen reale, wenn auch vergangene Existenz zunächst kaum jemand so recht glauben mochte? Inzwischen gibt es sogar einen Franceso-Zappa-Artikel bei Wikipedia.

Dass „Tannhäuser“ ein deutscher Komponistenname sein könnte, wäre noch mit einiger Mühe annehmbar. Die in Italien ansässige Gruppierung, die sich bündig S.A.D.O. abkürzt, hat aber nicht nur die an Richard Wagner gemahnende Hülle einer Künstlerfigur erfunden, sondern auch seine Musik. Und sie hat sie mit lustigen Werktiteln ausgestattet, die auf eine geradezu perfide Art deutsch und unwahrscheinlich zugleich klingen. „Der Prinz auf dem Granatapfel“ etwa erinnert von fern an das Märchen von der Prinzessin auf der Erbse. „Ein Tanz der Ängste“ (entnommen aus „Der Bibelschreiber“) spielt möglicherweis auf die immer wieder aufflackernde „German Angst“ an. Auf die „Nicht nachhaltige Zentralheizung“ kann sich jeder seinen eigenen Reim mache.

Ein Sextett hat die Musik eingespielt, und wir können annehmen (obwohl es vorm Live-Konzert keine wirklich unwiderleglichen Beweise gibt), dass es sich um reale Musiker handelt. Es sind Giuseppe Garavana (Klavier, Kielflügel), Diego Marzi (Schlagwerk), Thi Ly Procacci (Sopran und Bansuri), Paolo Baltare (Ondes Martenot, Sampler, Violoncello) und Daniele Mignone (Bassgitarre), dazu leiht Giovanni Battista Franco dem biografisch-musikalischen Ereignis seine sonore Sprecherstimme. Moment mal: war nicht ein Giovanni Battista Franco, geboren 1510 in Venedig, auch ein bedeutender Maler des italienischen Manierismus? Eine Frage am Rande.

Die Musik klingt nicht nach einem Komponisten mit wagnerianischem Namen. Sie ist betont un-orchestral konstruiert und folgt keinen etablierten idiomatischen Vorbildern, sondern kommt nachdrücklich eklektizistisch und mit kammermusikalischer Transparenz daher. Sie weist kaum durchgehende Rhythmik auf und legt keine landläufigen harmonischen Bauweisen zugrunde. Ihre Dramaturgie ist behutsam, es gibt kaum Steigerungsperioden oder Verdichtungen, dynamisch bleibt sie im unaufdringliche Bereich. Sie lehnt sich weder an gängige Rock- noch Jazz-Verlaufsformen noch an Fugen-Regeln, die Suitensatzform oder andere gängige Idiome oder Regelwerke und kann daher behaupten, sich im weiten Feld der Neuen Musik des 20. Jahrhunderts zu bewegen, was sie gleichwohl nur parodistisch tut. Insofern bildet sie eine recht passgenaue Entsprechung zu der ironisch-verspielten verbalen Erfindungsarbeit einer Komponistenfigur. Mit ihr teilt sie auch die makellose seriöse Fassade.

Natürlich gibt es Konzert-Videos, die allerdings nicht die originale Aufnahmesituation des Tonträgers dokumentieren.

Aber die Videos machen klar, worum es S.A.D.O. wirklich geht: Um freies Theater, um freie Improvisation, multiple Beziehungen und Bezüge und um die große Freiheit, die in den Erfindungen und Entwürfen in Text und Musik entsteht. Da liegt der große, verspielte Spaß an der ganzen Angelegenheit verborgen.

Wenn aber eine KI lernt, was Spaß ist und wie man ihn herstellt und empfindet, und was Freiheit ist und wie man sie erlangt und spürt, dann sollten wir wirklich schnellstens etwas gegen sie unternehmen.

 

 

 


S.A.D.O., Die wiedergefundenen Meisterwerke, ist erschienen bei Banksville Records, 

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Erstellungsdatum: 22.10.2026