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Volker Breidecker über Guido Cavalcanti als mittelalterlicher Vorläufer von Bob Dylan

Der Schwierige, federleicht

Volker Breidecker


Porträt Guido Cavalcanti. Foto: Wikimedia Commons

Boccaccio verewigte ihn in einer Novelle des Decameron: Nicht ganz so berühmt wie sein Jugendfreund Dante Alighieri, gilt der Florentiner Guido Cavalcanti gleichwohl als Hauptvertreter des „dolce stile nuovo“, mit dem die Liebeslyrik der Troubadoure ein neues, sublimeres Niveau erlangte. Als Flüchtling vor den Bürgerkriegen in seiner Heimatstadt hatte er selbst größten persönlichen Schaden genommen und doch stets seine Haltung und Würde bewahrt. – Volker Breidecker holt den Poeten in die Gegenwart zurück.

 

 

Then she opened up a book of poems
And handed it to me
Written by an Italian poet
From the Thirteenth century

 And every one of them words rang true
And glowed like burnin‘ coal
Pourin‘ off of every page
Like it was written in my soul
From me to you
tangled up in blue. 

(Bob Dylan)

 

Keinem mittelalterlichen Troubadour gingen die Verse leichter von der Hand und von den Lippen als dem Florentiner Guido Cavalcanti (um 1255–1300), so leicht zuweilen, dass sich eine Übersetzung erübrigt, wie für diesen Gedichtanfang: Fresca rosa novella, / piacente primavera / per prata e per rivera / gaiamente cantandoIn gleicher Nähe zu Tanz und Gesang bezeichnete Guido seine Versdichtungen als ballattette und schickte sie auf den Weg oder die Reise zur angebeteten Dame, sich an sie direkt adressierend: va’ tu, leggera e piana, / dritt’a la donna mia… In diesem Fall allerdings im traurigen Bewusstsein, als ein aus politischen Gründen aus der Heimatstadt Vertriebener „nie wieder in die Toscana heimzufinden“ – außer als Sterbender, der in der Verbannung an der Malaria erkrankt war.


Cavalcanti im Sprung über einen Sarkophag vor dem Baptisterium San Giovanni in Florenz. Illustration aus einer Handschrift des 14. Jahrhunderts von Boccaccios Decamerone (VI.9.).


Zur Legende wurde dieser Poet nicht erst für moderne Nachfahren wie Ezra Pound, oder wie für James Joyce, der seinen Helden Stephen Dedalus auf dem Morgenspaziergang  über Cavalcantis Melancholie meditieren ließ; oder wie für Italo Calvino, der Guido zum ,„Dichter der Leichtigkeit“ schlechthin erklärte; oder wie für Bob Dylan, der sich ob der schieren Unmöglichkeit erfüllter Liebe mit dem Blues seines mittelalterlichen Vorläufers nahezu ausweglos „in Traurigkeit verstrickt“ wähnt, auch wenn die „Dylanologen“ als Autor jenes geheimnisvoll besungenen „Buchs mit Gedichten eines italienischen Poeten aus dem 13. Jahrhundert“ wohl aus Gründen größerer Prominenz Guidos jüngeren und langlebigeren Freund Dante Alighieri vorzuziehen pflegen.

Dabei erfüllt Cavalcanti bei weitem mehr als Dante die Rolle des grüblerischen Einzelgängers, notorischen Außenseiters und pessimistischen Existenzialisten avant le lettre. So hatte ihn bereits der jüngere Landsmann Boccaccio in einem zentralen Kapitel des Decamerone (VI.9) verewigt: Auf einem Spaziergang durch die Innenstadt von Florenz vor dem alten Baptisterium und ursprünglichen duomo der Stadt von einem aggressiven Pulk berittener Patriziersöhne hart bedrängt, schwingt Guido sich leichten Fußes, die Hand auf den schweren Deckel eines von mehreren dort damals noch postierter Marmorsarkophage gestützt, auf die andere Seite hinüber, ging erneut aufrecht seines Wegs und ließ die düpierten jungen Stutzer verschämt zurück, nicht ohne ihnen noch ein paar herbe, in sarkastische Ironie gedrängte Worte nachzurufen.

Weil Cavalcanti, wie es auch bei Boccaccio heißt, vermeintlich „epikuräischen“ Ideen anhing – tatsächlich waren es die Lehren des jüdisch-arabischen Philosophen Averroes vom Übergang einer jeden Seele in eine allgemeine Weltseele –, stand er im Ruf der Gottlosigkeit. Deshalb und weil er jede Kumpanei verachtete, wurde er beim heiligsten Haus der Stadt, dem Leben und Tod gleichermaßen symbolisierenden domus, bedrängt und verhöhnt. Die elegante Antwort, die er seinen Widersachern im Sprung gab – „in euerm Hause, meine Herrn, könnte ihr mir sagen, was euch beliebt“ – musste den Ignoranten von einem unter ihnen noch erklärt werden: Cavalcanti hatte den Spieß herumgedreht, hatte in einem Akt der Autonomie alle Dunkelheit und alle Schwere, die seinem Denken und seiner Dichtung gewöhnlich nachgesagt wurden, abgeworfen und sie in Gestalt der „überwundenen“ Särge an jene abgegeben, die ihn bedrängten: Deren „Haus“ sollten die bleischweren Särge sein, in die man ihre leblosen Körper künftig bestatten werde.

Dass der weltgewandte und weitgereiste Dichterphilosoph, als Melancholiker zumal auch um „das Geheimnis der Leichtheit“ (Calvino) wissend, auch ganz anders konnte, zeigt die hier wiedergegebene Pastourelle provencalischen Stils, ganz in dem Sinne, wie bei Boccaccio zu lesen war: „... colui che leggerissimo era prese un salto“ –– un salto amoroso!

 

„In un boschetto trova‘ pasturella”

In un boschetto trova‘ pasturella
più che la stella – bella, al mi’ parere.

Cavelli avea biondetti e ricciutelli,
e gli occhi pien’ d’amor, cera rosata;
con sua verghetta pasturav’ agnelli;
[di] scalza, di rugiada era begnata;
cantava come fosse ‘namorata;
er’ adornata – di tutto piacere.

D’ amor la saluta’ imantenente
e domandai s’ avesse compagnia;
ed ella mi rispose dolzemente
che sola sola per lo bosco gia,
e disse: „Sacci, quando l’ augel pia,
allor disïa – ‘l me’ cor drudo avere”

Po’ che mi disse di sua condizione
e per lo bosco augelli audio cantare,
fra me stesso diss’ i’: „Or è stagione
di questa pasturella gio’ pigliare”.
Merzé le chiesi sol che di basciare
ed abracciar, – se le fosse ‘n volere.

Per man mi prese, d’amorosa voglia,
e disse che donato m’ avea ‘l core;
menòmmi sott’ una freschetta foglia,
là dov’ i’ vidi gior’ d’ogni colore;
e tanto vi sentìo gioia e dolzore,
che ‘l die d’amore – mi parea vedere.

 

„Im Walde traf ich eine Hirtin an”

Im Walde traf ich eine Hirtin an,
sie schien mir schöner als das Sternenlicht.

Ihr Haar war blondgelockt, ihr Auge lachte,
dem rosa Wachs glich ihre feine Haut;
Die Schafe mit der Rute sie bewachte,
die bloßen Füße waren noch betaut.
Sie sang, als hätt‘ die Liebe sie erschaut,
geschmückt mit allem, was uns Lust verspricht.

Der Liebe Gruß erbot ich ihr sogleich
Und fragte, ob sie in Gesellschaft hier.
Die Stimme war sehr zärtlich und sehr weich,
als sie zur Antwort gab: „Wenn im Revier
der Vogel zwitschert – ich gesteh‘ es dir –,
verlangt mein Herz den Freund, der es besticht.

Als ich vernommen, wozu sie bereit,
und ich im Wald die Vögel hörte singen,
da sagte ich zu mir: „Jetzt ist es Zeit,
um Lust mit diesem Mädchen zu erringen.“
Ich bat sie um die Gunst vor allen Dingen,
zu küssen, missfalle es ihr nicht.

Da nahm sie mit Verlangen meine Hand
Und sprach, sie habe mir ihr Herz verschrieben;
Sie führt‘ mich hin, wo frisches Buschwerk stand
Und wo in allen Farben Blumen trieben:
Ich bin in Lust und Zauber dort verblieben
Und sah dem Liebesgott ins Angesicht.

(Guido Cavalcanti)

 

 

 

Erstveröffentlichung: Gazzetta di Nittardi, Jg. 41 No. 42 (2026)

Guido Cavalcanti
Sämtliche Gedichte / Tutte le rime 
Deutsch von Tobias Eisermann und Wolfdietrich Kopelke 
151 S., brosch.
ISBN: 978-3-8233-4054-6
Narr Verlag, Tübingen 1990

 
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Erstellungsdatum: 11.07.2026