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Zu Erinnerungen des Autors Alexander Kluge an die eigene Kindheit

Der Zuhörer unter dem Tisch

Wolfgang Kaussen


Alexander Kluge. Foto: Alexander Paul Englert

„Dass ein Lebenslauf ein Text ist, daran habe ich keinen Zweifel.“ – Alexander Kluge ließ allerdings auch keinen Zweifel daran, dass er es ist, der diesen Text erfindet. Insofern musste er auch die Trennlinie zwischen Realität und Erfindung als erfunden auffassen. Und so ist auch plausibel, dass das Mögliche in seinen unzähligen kurzen Erzählungen dem Gewussten stets die Krone aufsetzte. Wolfgang Kaussen, langjähriger Lektor Kluges, hat einige der erhellenden Texte des großen Intellektuellen und Künstlers ausgesucht und eine Einführung dazu geschrieben.

„Blauer Montag“, auch „mentalesisch“

„Teils erfunden, teils nicht erfunden“ qualifizierte Alexander Kluge gelegentlich seine Geschichten, doch standen die „oft winzigen Kopierfehler“ der „Wahrnehmung“ in seinen fiktional durchwirkten Texten von Anfang an im Zeichen und Dienst einer „FREIHEIT“, die er selbst gegenüber einer strengen, auf totalem Realismus insistierenden Großmutter nicht verriet. Tausende Seiten lang hat der Autor mit „Kunstgriffen“ der „überfallartig“ auftretenden Versuchung widerstanden, den unendlichen Strom seines „depressiven Genusses an verzweifelten Situationen“, und das „zu allen Zeiten“, in den Abfluß des „Dokumentarischen“ einzuleiten. Und so lassen auch die Textstrecken „halbwahrer“ Erzählungen, in denen ein „Ich“ sich einesteils auflöst und andernteils zu einer multiformen Identität auseinanderfaltet, die Unterscheidungen von „Realität“, Wahrheit, Wahrnehmung, Illusion als Konfetti einer Zirkuswelt auf den Betrachter herniederregnen. Mit „leichtem Flügelschlag“ bewegt der Erzähler die schier endlose Folge von Blättern seiner Geschichte, läßt sie aufrauschen, abtropfen, erzittern, sich zerfasern, immer aber berührt von „Fingerspitzen“, in denen ein „überlegener Sinn“ die Regie führt. „Regie“, haben wir gelernt, kommt aus der gestrengen Geisteswelt des Lateinischen, abgeleitet vom Verbum regere, so daß man vermuten könnte, es gehe um Herrschaft, zumindest über das eigene Wort, um den „Schatz im Kohlenhaufen“, demnach um jene „verbrannten Partikel“, die sich für das Normalbewußtsein als „Trägheit des Fortschritts“ im Verlauf eines zuletzt tatsächlich ereignislosen Lebens formieren. Aber gäbe es da, in diesem „Arrangement von Resten“ und somit „wirklich im nachhinein“, nichts, das – „aus der Logik der Kausalität, dem Zusammenhang abgeleitet“, keineswegs nur dem „Zufall des Windes anvertraut“ – aus den „großen Unklarheiten“ immerhin so etwas gewönne wie einen „Widerstand in letzter Not“? Aber ja doch, und es manifestiert sich darin sogar „eine Botschaft an die Jugend“, eine „Glückssache“, ein „Grundgefühl“, „Genuß“ und „Tröstung“ zugleich, „ein Durchhaltewille“, welcher, „doktrinär durch eine Art Großvater gefeiert“, der gewesenen Kindheit „mit viel Überlegung, gewissermaßen mit Selbsterforschung, Erinnerungsvermögen, Vergleich mit historischen Vorbildern“ zu ihrem Recht verhilft, die unverständlichen Laute aus der „Trinkecke“ zurückzurufen, um sich, das Leben in Gegenrichtung „durcheilend“, wiederzufinden „in dieser anderen Zeit“. Vale poeta!  

 

 

Erstellungsdatum: 01.04.2026