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Walter H. Krämer über „Der Geizige von Molière“ an der Schaubühne Berlin

Desperate Man Blues

Walter H. Krämer


Lars Eidinger © Gianmarco Bresadola

Am 9. September 1668 wurde im Palais Royal die Komödie „L’Avare“ (der Geizige) von Molière uraufgeführt, die Geschichte eines Mannes, der sein ganzes Leben nur unter pekuniären Gesichtspunkten begreift. Die Figur ist nicht ganz lebensfremd entworfen und taugt deshalb mit ihren grotesken Entgleisungen für eine Übertragung in jede andere Epoche, also auch in unsere. An der Berliner Schaubühne hat Thomas Ostermeier das Stück mit Lars Eidinger in der Titelrolle inszeniert. Und Walter H. Krämer hat es gesehen.

 

„Ach! Mein armes Geld, mein armes Geld, mein teurer Freund! Man hat mich deiner beraubt; [...] alles ist zu Ende für mich, und ich habe auf der Welt nichts mehr zu schaffen: ohne dich vermag ich unmöglich zu leben.“

Die Stücke von Jean-Baptiste Poquelin (1622 1673), der sich als Schauspieler und Dichter Molière nannte, sind scharfsinnige Beobachtungen der Gesellschaft. Seine Komödie „Der Geizige“, uraufgeführt 1668 am Théâtre du Palais-Royal in Paris, spielt in der Zeit des Übergangs von Feudalismus zu Kapitalismus und thematisiert Gefühle gegen Gewinnmaximierung. So spukt das Gespenst des Kapitals schon lange vor Marx’ Manifest in Molières berühmtem Stück.
Nach „Hamlet“ (2008) und „Richard III.“ (2015) ist „Der Geizige“ eine weitere Zusammenarbeit zwischen dem Regisseur Thomas Ostermeier und dem Schauspieler Lars Eidinger.
Anfang 2026 inszenierte Thomas Ostermeier den „Geizigen“ mit Lars Eidinger in er Hauptrolle an der Schaubühne Berlin. Nach Bekanntgabe der Spieltermine waren innerhalb kurzer Zeit alle Vorstellungen ausverkauft. Und vor jeder Vorstellung finden sich Trauben von Menschen ein, um an der Abendkasse vielleicht doch noch eine Karte zu ergattern, um diesen Schauspieler auf der Bühne mit all seiner Präsenz, seiner Energie, seiner Körperlichkeit und seinem Spiel mit dem Publikum zu erleben.


Robert Beyer, Lars Eidinger © Gianmarco Bresadola

 

Harpagon, Familienvater und reich gewordener Pariser Bürger, leidet unter dem Diebstahl seiner Geldkassette so sehr wie andere unter dem Verlust ihres liebsten Menschen. Seinen zwei Kindern, jung und verliebt, verbaut er mit seiner schrankenlosen Habgier die Zukunft. Denn für Harpagon ist die Ehe ein reines Finanzgeschäft. Eine Lebenseinstellung, die den Familienzusammenhalt zusehends auflöst und die seine Kinder bald mit allerhand List zu bekämpfen suchen. So verstricken sich nach und nach nicht nur die Geliebten der Kinder in die Geschichte, sondern auch weitere Charaktere wie die geschickte Heiratsvermittlerin, der gekränkte Diener und der betrügerischer Geldvermittler. 
Gleich zu Beginn singt Eidinger in der Rolle des Harpagon das Lied „Desperate Man Blues“ von Daniel Johnston. Der Song beschreibt die Einsamkeit eines verzweifelten Menschen und wirft damit auch einen anderen Blick auf den Geiz des Harpagon. Vom Leben und den Menschen enttäuscht, blickt er misstrauisch auf diese und sucht Trost in seinen Millionen, die er in Sicherheit bringen will.

(…)
There ain't no fun in living
Anymore
And I don't feel much like living
Can't see what for
There ain't no life left in me, I feel a bit funny
Like a ghost with nowhere to go
My hope is gone and left me
A desperate man
(…)
Now I'm a desperate man
A lonely, scared, sad, sorry man
And I just can’t see no color
In the sky anymore
There's color there, I'm sure
But it ain't mine and it's made me blind

Wie Lars Eidinger den Blues singt und danach die UBER EATS Tüte auspackt, ist sehenswert und unterstreicht den Charakter der Figur. Genüsslich packt er die Pommes, den Hamburger, das Getränk aus und vergnügt sich an dem mitgegebenen Kinderspielzeug. Einer, der es sich leisten könnte, in den besten Lokalen zu speisen, begeistert sich für Fast Food – und das alles nur, um den Anschein zu erwecken, er sei arm und könne sich nichts anderes leisten. 

Dann zieht er die Million aus der Hosentasche, steckt sie in die UBER EATS – Tüte und vergräbt diese im Garten. Jedes Mal, wenn er wieder durch die Tür zum Garten rennt, um nachzuschauen, ob sein Geld noch da ist, kommt ihm jemand entgegen, sodass er rücklings hinfällt – ein Running Gag der Inszenierung. Und Lars Eidinger kann auch das Fallen perfekt in Szene setzen und die Inszenierung gibt ihm dafür reichlich Gelegenheit und Raum.
Krankhafter Geiz bestimmt das Leben des wohlhabenden Harpagon. Er misstraut allen Menschen, versteckt wie besessen seine Geldkassette und ordnet selbst die Beziehungen seiner Kinder seinem finanziellen Vorteil unter.
Sein Sohn Cléante (Amir Avdic) liebt die junge Marianne (Mano Thiravong), doch ausgerechnet Harpagon (Lars Eidinger) selbst will sie heiraten, weil sie angeblich keine Mitgift verlangt. Gleichzeitig soll Harpagons Tochter Elise (Magdalena Lermer) gegen ihren Willen mit einem reichen älteren Mann verheiratet werden, obwohl sie heimlich Valère (Pablo Moreno) liebt.


Lars Eidinger, Damir Avdić © Gianmarco Bresadola


Durch Intrigen, Verwechslungen und Streit eskaliert die Situation, besonders nachdem Harpagons versteckte Geldkassette verschwindet. Am Ende stellt sich heraus, dass mehrere Personen miteinander verwandt sind – Elise und Valère sind Geschwister, die von ihrem reichen Vater Anselme (Axel Wandtke) getrennt wurden und einer Heirat der vermeintlichen Liebespaare nichts mehr im Wege stehen sollte. Harpagon interessiert sich letztlich aber weniger für familiäres Glück als für eines: seine Geldkassette zurückzubekommen.

Lars Eidinger als Geiziger ist unbestreitbar der Star und das Zentrum der Aufführung und doch auch ein Teamplayer. Die Aufführung entfaltet nur durch das Zusammenspiel aller Beteiligten ihre volle Wirkung.
Der Regisseur Thomas Ostermeier verlegt die Handlung aus dem 17. Jahrhundert in die Welt eines heruntergekommenen Berliner Autohauses. Der geizige Harpagon erscheint hier als vulgärer Unternehmer mit Trump-Krawatte, Bauchansatz und schmieriger Macho-Attitüde – weniger klassischer Geizhals als Symbol eines entfesselten Gegenwartskapitalismus. Statt höfischer Intrigen zeigt die Inszenierung eine Welt aus Neonlicht, Fast Food, billigen Möbeln und moralischer Verwahrlosung. 

Lars Eidinger spielt Harpagon nicht als kalten Rechner, sondern als lächerliche und zugleich gefährliche Witzfigur. Permanent schwankt er zwischen Slapstick, Größenwahn und Kontrollverlust. Er tanzt, grölt, stopft Pommes in sich hinein und macht aus jeder Szene ein exzentrisches Solo. Gerade darin liegt die Stärke seiner Darstellung: Der Geiz wird nicht psychologisch erklärt, sondern körperlich sichtbar gemacht. Eidingers Harpagon wirkt wie ein Mann, der alles besitzt und trotzdem panische Angst hat, etwas zu verlieren. 
Der Regisseur beschreibt eine Gesellschaft, in der Geld Beziehungen und sogar Gefühle bestimmt. Der Geizige erscheint nicht mehr als kuriose Einzelgestalt, sondern als Symptom einer Welt, in der alles Ware geworden ist und liefert damit eine laute, überzeichnete Gegenwartsfarce. Und der Schauspieler Lars Eidinger verwandelt Harpagon in ein monströses, komisches und erschreckend vertrautes Ego unserer Zeit. 


Lars Eidinger, Damir Avdić © Gianmarco Bresadola

 

Neben Lars Eidingers dominanter Hauptrolle lebt die Inszenierung auch von einem Ensemble, das Ostermeiers Mischung aus Groteske, Sozialsatire und emotionaler Überzeichnung präzise mitträgt. Gerade weil Eidinger so viel Raum einnimmt, zeigt sich die Qualität der anderen Darsteller:innen darin, dass sie nicht untergehen, sondern eigene Figurenprofile entwickeln.
Magdalena Lermer gestaltet Elise mit einer nervösen Energie und großer emotionaler Direktheit. Ihre Stärke liegt darin, dass sie die Tochter nicht bloß als Opfer des tyrannischen Vaters zeigt. Zwischen Trotz, Verletzlichkeit und ironischer Distanz entwickelt sie eine moderne Figur, die sich gegen die patriarchale Kontrolle wehrt. Lermer bringt Tempo und Gegenwartssprache in die Szenen und sorgt dafür, dass der Generationenkonflikt glaubwürdig wirkt. Besonders in den Konfrontationen mit Harpagon entsteht eine spürbare Mischung aus Angst und Verachtung. 
Damir Avdić spielt Cléante mit trockener Lakonie und unterschwelliger Aggression. Er setzt weniger auf große Gesten als auf Widerstand aus der Defensive heraus. Dadurch entsteht ein interessanter Kontrast zu Eidingers exzessivem Spielstil. Avdić verkörpert einen Sohn, der längst resigniert scheint und trotzdem immer wieder versucht, dem Vater etwas entgegenzusetzen. Seine ruhige Bühnenpräsenz erdet den Abend immer dann, wenn Ostermeier ins allzu Groteske kippt. 
Pablo Moreno gibt Valère als opportunistischen Mitläufer, der zwischen Anpassung und ehrlicher Zuneigung schwankt. Moreno spielt diese Ambivalenz mit viel körperlicher Präzision. Seine Figur wirkt nie heroisch, sondern wie jemand, der gelernt hat, sich in toxischen Machtverhältnissen geschickt zu bewegen. Gerade dadurch passt er hervorragend in Ostermeiers kaputte Gegenwartswelt. 
Mano Thiravong verleiht Marianne eine stille Melancholie. Während viele Figuren laut und überdreht agieren, setzt sie auf Zurücknahme und feine Reaktionen. Dadurch entsteht eine der wenigen wirklich zarten Figuren des Abends. Ihre Szenen machen sichtbar, dass hinter dem ganzen Klamauk reale Abhängigkeiten stehen: junge Menschen, die ökonomisch und emotional ausgeliefert sind. 
Besonders stark ist auch Cathlen Gawlich als Frosine. Sie spielt die Heiratsvermittlerin nicht nur als komische Intrigantin, sondern als scharf beobachtende Überlebenskünstlerin. Mit großer rhythmischer Präzision nutzt sie Sprache, Timing und Körper. 
Falk Rockstroh (Simon / Jacques) und Robert Beyer (La Flèche / Kommissar) übernehmen mehrere Rollen und sorgen für viele der absurden Momente des Abends. Rockstroh verbindet Komik mit Melancholie, während Beyer mit trockenem Humor und präzisem Timing punktet. Beide verstehen es, Ostermeiers schnelle Szenenwechsel und den bewusst künstlichen Ton der Aufführung mitzutragen.
Die Schauspieler:innen reagieren permanent aufeinander, greifen Improvisationen auf und erzeugen das Gefühl einer instabilen, nervösen Familienwelt. Dadurch wird „Der Geizige“ nicht nur zur Soloshow eines exzentrischen Harpagon, sondern zu einem bitter komischen Gruppenporträt einer Gesellschaft, die vom Geld deformiert wurde.
„Der Geizige“ zeigt in der Lesart der Schaubühne, einen Mann, der durch seine Gier nach Geld und der Liebe zu einer jüngeren Frau vergeblich versucht, gegen den Tod und die Vergänglichkeit anzugehen.
Zum Schluss bleibt Harpagon als traurige Gestalt alleine auf der Bühne zurück und die Liebenden haben es beim Verlassen der Bühne nicht mehr ganz so eilig mit dem Heiraten und wollen nichts überstürzen – so ist die Liebe den Liebenden kein Halt.

 

 

 

Magdalena Lermer, Damir Avdić © Gianmarco Bresadola

 

Der Geizige von Molière

Regie: Thomas Ostermeier
Bühne: Magda Willi
Kostüm: Vanessa Sampaio Borgmann
Musik: Lars Eidinger, Siriusmo
Dramaturgie: Maja Zade
Licht: Erich Schneider
Harpagon: Lars Eidinger
Cléante: Damir Avdić
Elise: Magdalena Lermer
Valère: Pablo Moreno
Marianne: Mano Thiravong
Frosine: Cathlen Gawlich
Simon/Jacques: Falk Rockstroh
La Flèche/Kommissar: Robert Beyer
Anselme: Axel Wandtke

Dauer: ca. 110 Minuten

Schaubühne

Erstellungsdatum: 16.05.2026