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Die immer wieder gern gestellte Frage, ob Literatur in der Gesellschaft etwas bewirken kann, wird meistens mit guten Gründen negativ beantwortet. Aber es gibt eben Ausnahmen (Harriet Beecher Stowe, Jean-Jacques Rousseau etc.). In den Köpfen der Individuen kann sie hingegen einiges anrichten, im besten Fall ein Widerstandspotenzial gegen Falschmeldungen, Propaganda und Sprachmissbrauch entwickeln. Für Matthias Buth gehören die widerständigen Schriften von Reiner und Elisabeth Kunze dazu.
Wenn Mut eine literarische Kategorie ist, dann ist sie von Reiner Kunze nobilitiert worden.
Ein Leben in Deutschland seit 1933, erst als Kind im Verbrechersystem des NS-Staates, dann als Student und Schriftsteller bis 1977 gefangen im Repressionssystem der SED, anschließend nach Bayern gewechselt und seit dem 3. Oktober 1990 im Vereinigungsland.
Hätte Heinrich Heine in Deutschland. Ein Wintermärchen in Caput XIX auch Reiner Kunze meinen können?
O, Danton, du hast dich sehr geirrt
Und musstest den Irrtum büßen!
Mitnehmen kann man das Vaterland
An den Sohlen, an den Füßen.
„Mein Vaterland ist Deutschland“, sagte Kunze am 16. Oktober 1979 in der ARD und auf die Frage, ob er ein politischer Autor sei, am 27. Oktober desselben Jahres im WDR:
Ich stelle mich dem Politischen dort, wo es mich als Autor stellt, wo es ins Existentielle hineinreicht. Aber ich bin kein politischer Autor, kein Autor, der schreibt, um Politik zu machen.
Im Buch Deckname Lyrik stellt Reiner Kunze 1990 Auszüge aus 12 Bänden Stasi-Verfolgungen zusammen.
Dort heißt es:
Gera, 31. August 1976 (Datierung ungenau)
Durch… IM… wurde bekannt, dass der Deutschlandfunk am 1.9.1976 gegen 19.30 Uhr eine Sendung über Reiner Kunze ausstrahlte, die folgendes beinhaltete: … Jetzt erscheint im S. Fischer Verlag eine neue Textsammlung von Reiner Kunze Die wunderbaren Jahr… Über dieses Buch sprach Gottfried Hoster mit der Leiterin des S. Fischer Verlages, Monika Schoeller… Nach der Veröffentlichung dieser stark politischen und systemkritischen Texte sowie evtl. persönlichen Konsequenzen des Autors befragt, äußerte die Sch.: „Das (ist)… möglich. Doch Reiner Kunze ist zu sehr realistisch, um das nicht zu sehen. Er hat mir, als ich das Manuskript bekam, einen Brief geschrieben, in dem steht – ich zitiere das jetzt:
Nach Erscheinen dieses Buches rechnen wir, meine Frau und ich, mit jeder möglichen Maßnahme, die eine Regierung gegen einen Schriftsteller treffen kann. Wir hoffen, dass uns das Schlimmste erspart bleibt, aber auch darauf bin ich vorbereitet. Seien Sie jedenfalls versichert, dass ich meinen Teil gründlich bedacht habe.
Für Reiner Kunze ist die Sprache der Ort, um Halt zu finden und Mut zu mobilisieren, sein inneres Vaterland.
In Gedichten, in den Prosastücken Die wunderbaren Jahre, in den Kinderbüchern, den Nachdichtungen vor allem tschechischer Lyrik sowie in Interviews und Essays hat er so Deutschland auch als geistiges Gefilde, als Sprachraum, erkennen lassen.
Am 16. August 2013 blickt Reiner Kunze auf acht Jahrzehnte zurück. Sein Werk und sein tapferes Leben haben viele angeregt, über ihn zu schreiben und sich in einen Kontext zu setzen zu seinen Texten und Einsichten.
So ist ein Lesebuch entstanden zur Lyrik in Deutschland, zur Diktatur und Bevormundung des SED-Staats und zum Selbstbehauptungswillen aller, die wie Reiner Kunze an Deutschland gelitten haben und leiden, dieses Land aber heute als offene Hand erkennen wollen.
Mut und Entschiedenheit sind erforderlich: im Leben wie in der Literatur.
Das schrieb ich im Vorwort zum Buch „Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“, ein Band mit Stimmen zum Werk von Reiner Kunze und umgeben von einer sehr sprechenden Auswahl von Kunze-Porträts der Kölner Fotografin Brigitte Friedichs.
Das mit Günter Kunert herausgegebene Buch erschien zum 80. Geburtstag des Dichters am 16. August 2013. 2026 wird Reiner Kunze 93 Jahre alt werden. Seine Frau Elisabeth musste er im Januar 2024 zu Grabe tragen und so seine in ihr wohnende zweite Poesie-Sprache, das Tschechische.
… und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein
So endet Rudern zwei, das wohl bekannteste Gedicht von Reiner Kunze. Und dieses hat der Dichter seiner Elisabeth, dem blauen Komma seiner Lyrik, ins Grab gelegt. Das Meer wird blau sein und so bleiben, alle Stürme vergessen machen. Elisabeth Kunze war ihm mehr als eine treue Begleiterin. Sie war sein eigentliches Gedicht.
„Über mich gibt es nicht viel zu erzählen. Auf Leinwand und auf Seide sticke ich zu Hause und außer Haus. Ich bin ruhig und froh und mein Zeitvertreib ist es, Lilien und Rosen zu züchten. Ich mag die Dinge, die solch einen süßen Zauber haben, die von Liebe und Frühling sprechen.“
So singt uns Puccinis Mimi ins Herz. Und das hätte auch Elisabeth singen können oder anders formuliert: Mimi hat das Lied für sie gesungen. La Bohème ist die Oper der Dichtung, sie nimmt viel von dem auf, was ich bei Elisabeth anlande.
Sie wurde am 19. Mai 1933 im südlichen Mähren, im Znaim, geboren. Heute heißt der Ort Znojmo. Er liegt Niederösterreich nahe. Und nahe der deutschen Geschichte. Als im Oktober 1938 das Protektorat Böhmen und Mähren von der Berliner NS-Regierung erzwungen wurde, kam der Mann aus Braunau in die Stadt und hielt auf dem Unteren Platz einige Wochen später eine Rede. Da war Elisabeth fünf Jahre alt. In ihrem Elternhaus wurde deutsch gesprochen, die Muttersprache. Die Vatersprache war tschechisch. Auf Znaim, Hauptstadt des sogenannten „Reichsgau Niederdonau“, kamen schlimme Zeiten zu; die Vertreibung und Verfolgung von jüdischen Mitbürgern, deren Synagoge zerstört und dann völlig abgerissen wurde, Urteile des NS-Sondergerichts Znaim, dann drei schwere Bombenangriffe 1944, das Flüchtlingselend der Ostdeutschen aus Schlesien und anderen Regionen, die sich vor der Roten Armee in Sicherheit bringen wollten, die am 8. Mai 1945 die Stadt erreichte. Elisabeth war 12 Jahre alt. Und das Deutschsein wurde vielen zum Fluch. Die tschechischen „Revolutionsgardisten“ vertrieben und drangsalierten die deutsche Bevölkerung. Mord, Totschlag, Zwangsarbeit waren die bestimmenden Begriffe, 18.840 Personen wurden vertrieben, nur 200 konnten bleiben, so auch die Familie Mifka. Dass die Mutter eine in Wien geborenen Tschechin war, rettete, vor allem aber der Umstand, dass Vater in der Tschechoslowakei gebraucht wurde. Dennoch blieben die Repressionen der tschechischen National-Kommunisten nicht aus, die Heranwachsende spürte es, war nunmehr die Deutsche, die Sudetendeutsche, also verdächtig. Und so vertiefte sie sich in Bücher und in die vorgestellte Welt des Poetischen. In beiden Sprachen, in doppelter Sprachbürgerschaft.
Sie durchlief die Schule bis zum Abitur, studierte dann Zahnmedizin und eroberte für sich den noch frischen Begriff der Kieferorthopädie; ein Spezialgebiet, das neben der Literatur ihre Profession wurde. Ihr Leben schien zu gelingen. Es folgten eine Liebe, die Heirat und nicht viel später Marcela, die Tochter, bis deren Vater sich von Kind und Mutter abwandte und sie sich allein durchschlagen musste. Die Lektüre, die Welt der Dichter und besonders die Lyrik gaben Elisabeth Halt. Die Antennen der Neugier auf deutsche Gedichte wurden aufs Haus gesetzt. Und so empfing sie die Literatursendungen vom Berliner Rundfunk und von Radio DDR, dem sozialistischen Bruderland der kommunistischen Tschechoslowakischen Republik ČSR (ab 1960 Tschechoslowakische Sozialistische Republik ČSSR). Und so kam Reiner Kunze zu ihr, so die neue Lyrik, die er dort vortrug. Es funkte. Sie schrieb an den Sender, den Namen hatte sie nicht recht verstanden und anders wiedergegeben. Aber der Brief, die „Millimeteröffnung zur Welt“ kam an. Es folgten mehrere Hundert Briefe zwischen Reiner und Elisabeth. Dann schickte sie ein Foto, das – wie Reiner schmunzelnd erklärte – sie wenig vorteilhaft zeigte. Aber er hatte sie ja mit den Okularen des Dichters, mit der Welt der Poesie gesehen, organisierte eine Telefonverbindung ins unerreichbar nahe Mähren und fragte sie, ob sie zusammen das Leben bestreiten, ob sie heiraten sollten. Reiner Kunze war von seiner ersten Frau Ingeborg Weinhold schon seit 1959 getrennt und fühlte sich frei. Das Unmögliche gelang. Die beiden Wort-Verliebten R & E wurden ein Paar, einige Zeit hintertrieben und verzögert von den Prager Kommunisten. Reiner hatte aus seiner ersten Ehe den Sohn Ludwig, der aber nicht beim Vater lebte, Elisabeth brachte Marcela mit, die Tochter, welche Reiner sogleich adoptierte.
Das DDR-Leben begann in Greiz, erst noch in Solidarität der SED (Kunze war Arbeiterkind, der Vater Bergmann), bis der Dichter das System der politischen Lüge der deutschen Sozialisten durchschaute und er nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt-Armeen 1968 in Prag das SED-Parteibuch zurückgab. Sodann war er Staatsfeind, dem Stasi-Staat ausgesetzt, aber nicht allein, denn er hatte die Welt an seiner Seite: Elisabeth. Sie war das Wort, das Aura hatte, das rettende Ufer, das mitzog. Für das Stacheldrahtdeutsch der Stasi-Verfolger unerreichbar.
„Als wir noch in der DDR lebten, sagte mir ein leitender Offizier eines Volkspolizeikreisamtes, was in diesem Staat wie einzuschätzen sei, bestimme einzig und allein die in ihm herrschende Arbeiter- und Bauernmacht, und meine rhetorische Entgegnung, ich hätte bisher geglaubt, Teil dieser Arbeiter- und Bauernmacht zu sein, konterte er mit den Worten: ‚Auch wer Sie sind, bestimmen nicht Sie, sondern wir.‘ Es gibt Sätze, die im Ohr wachliegen.“, schrieb Reiner Kunze 2002 in seiner Denkschrift „Die Aura der Worte“. Sich gegen dieses MP-bewehrte „Wir“ zur Wehr zu setzen, forderte den ganzen Menschen. Und dies gelang nur mit den Dimensionen der Zärtlichkeit der Gefährtin, die Welten aufschloss, in die keine Verfolger gelangten: die sichereren Kontinente der Poesie, gleich in welcher Sprache, jedoch besonders in jener Welt aus Böhmen und Mähren, den Landschaften des Tschechischen.
„Ich danke meiner Frau, der Wegbereiterin und der Wegbegleiterin ins Tschechische von Übertragung zu Übertragung“, so dankt Reiner seiner Elisabeth 2003 am Schluss des Bandes „Wo wir zu Hause das Salz haben“, der alle Übersetzungen, besser: alle Nachdichtungen aus dem Englischen, Jiddischen, Polnischen, Serbischen, Slowakischen, Ungarischen und besonders dem Tschechischen versammelt: Gedichte, die funkeln und korrosionsbeständig bleiben. Die weitaus meisten Dichter, die Kunze ins poetische Deutsch holte, kamen aus der zweiten Sprache seiner Frau.
erfindbar sind gedichte nicht
es gibt sie ohne uns irgendwo seit
irgendwo hinter sie sind dort in ewigkeit
der dichter findet das gedicht
Das sind Verse, einer der berühmten Vierzeiler von Jan Skácel (1922–1989). Ohne Elisabeth wäre Reiner diese Sprache verschlossen geblieben, hätte er sich in diese Dichterlande nicht begeben und wäre auch sein eigenes lyrisches Sprechen, sein kupferstichgenaues Dichten ein anderes geblieben. Gedanken sind kleine Bojen, an der Ausruhen möglich ist. Das Aperçuhafte von Kunzes Lyrik wurzelt im Tschechischen, besonders in den Versen von Skácel. Gedichte sind immer da, in allen Erscheinungen der Welt, der Dichter denkt, deckt auf und ist so mehr Archäologe. Das ist eine Zugewandtheit zur Schöpfung, zur Zeit (aufgehoben und entgrenzt in der Ewigkeit), die eine Sprachmystik erkennen lässt, die tiefe Quellen hat, so in den Sätzen und Begriffen von Meister Eckhart.
„Nachdichten und einander den eigenen Vers hinschenken – das ist der Internationalismus der Dichter“, bekundet Kunze im Buch, das Gedichte von Josef Svatopluk Machar, Karel Toman, Bohuslav Reynek, Jiří Wolker, František Halas, Vít Obrtel, Jaroslav Seifert, Jan Zahradníček, Vilém Závada, Vladimír Holan, František Hrubín, Oldřich Mikulášek, Jiří Kolář, Ivan Blatný, Ludvík Kundera, Antonín Bartušek, Jan Skácel (mit 59 Gedichten, aus einem nahm er den Titel des Bandes), Miroslav Holub, Vlasta Dvořáčková, Jiří Šotola, Ivan Diviš, Miloš Macourek, Milan Kundera, Miroslav Florian, Josef Hrubý, Jiří Pištora, Oldrich Dadák, Olga Neveršilová, Jana Štroblová, Václav Havel, Josef Hanzlík, Antonín Brousek, Petr Kabeš, Daniel Strož, Karel Kryl, Milena Fucimanová, Helena Aeschbacher-Sinecká, Lenka Chytilová, Petr Hruška und Pavel Petr enthält: ein poetischer Kosmos (so von Kunze im Buch angeordnet), der aus der Welt und Sprache von Elisabeth kommt. Sie war für Reiner die Fährtensucherin. Sie wusste, dass es diese Gedichte gab, dass die Schätze gehoben, dass sie in die Sprache von Böhmens Meergestaden transferiert und so in die Dichterworte ihres Lebensgefährten geholt werden sollten.
Elisabeths doppelte Sprachbürgerschaft machte sie zu einer wahren Europäerin. Reiner Kunze schrieb aus tiefer Seele den Liebessatz „Ich habe die tschechische Sprache geheiratet.“ Ein sprechender Titel für die Ausstellung, die anlässlich des 90sten Geburtstags des Ehepaares im Sommer 2023 von Renate Braun und Linda v. Keyserlingk-Rehbein von der „Reiner und Elisabeth Kunze-Stiftung“ sowie der Universität Passau konzipiert wurde, im August 2024 in Oelsnitz, dem Geburtsort von Reiner Kunze, gezeigt werden wird und sodann in Brünn, wo das dichterische Werk eines Freundes der beiden Kunzes, nämlich von Jiří Gruša, dem Dichter in beiden Sprachen, dem Botschafter Tschechiens und – wie Kunze – Träger des Andreas Gryphius-Preises, präsentiert werden wird. So begegnen sich Dichter, denn Dichter sterben nicht, sie leben weiter in Poesie und so im Leben jener, welche die Wege bereitet haben.
Auch Mimi stirbt nicht, selbst wenn sie am Ende der Oper La Bohème stirbt, stickt sie weiter Blumen, Lilien und Rosen. Sie können nicht welken. Und ihr Duft strömt aus den Gedichten und der Musik, die sie zum Klingen bringt.
Rudern zwei
ein boot
der eine
kundig der sterne
der andere
kundig der stürme
wird der eine
führn durch die sterne,
wird der andere
führn durch die stürme
und am ende ganz am ende
wird das meer in der erinnerung
blau sein
Elisabeth Kunze wurde am 3. Februar 2024 in Obernzell beerdigt, nahe der Donau, nahe den Sternen, die erhellen wie alle Poesie.
Ohne Liebe kann nur wenig Poesie entstehen. Für Reiner Kunze war Elisabeth Poesie und Sprachverwandlerin. Aber auch bei Kunze ist die Neigung erkennbar, sich der Sprache wie einer Geliebten anzunähern, mit der Sprache der Dichtung ein Stück Weltherrschaft zu erschaffen. Der schnippische Satz „Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“ aus einem Kunze-Gedicht zeigt im Widerspruch zu den staatlichen Bevormundern zugleich auch den Standort des Autors, des Dichters – die höchste Stufe des Schriftstellers – quasi sein Machtpotential, eben stärker als die Diktatoren zu sein, ob sie nun aus Österreich kommen, aus Moskau, Peking oder den USA. Dichter haben Sprache, Diktatoren nicht – das klingt poetisch und zugleich imperial sowie in diesem inszenierten Widerspruch auch ein wenig hilflos.
Und dennoch hat die Sprache der Dichter Kraft und Wirkung. Auf der Rückseite des Bandes „Dichter dulden keine Diktatoren neben sich“ (erschienen im Verlag Ralph Liebe, 2025 ausgezeichnet mit dem Deutschen Verlagspreis) schrieb ich: Wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg wagte Reiner Kunze den entscheidenden Wurf, den Widerstand gegen das System der Ideologen und Machthaber. Nicht mit Staatsstreich und Gegenregierung, sondern mit Gedichten in Zimmerlautstärke….
Das war eine Anspielung auf den George-Kreis um den eigentümlichen Jünger-Kreis um Stefan George (1868-1933), der sich als Seher und poetischer Weltherrscher und -erklärer inszenierte, ein Männerbund, zu dem auch die drei Brüder Alexander, Claus und Berthold von Stauffenberg gehörten. Wort und Tat waren Synonyme, eingeschworen in den Begriff des eigentlichen Deutschlands, dem des Geistes und der Vorstellung, eben dem „Geheimen Deutschland“, das über George hinausreichte zu Kleist, Heine, Hölderlin und bis zum Kaiser und Dichter Friedrich II. von Hohenstaufen (1194-1250), dem römisch-deutschen Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, dessen Sarkophag in Palermo steht; er war auch König von Sizilien.
Wolf Biermann, wie Kunze mit dem Büchner-Preis geehrt, verstand diesen Zusammenhang und weiß aus eigenem Erleben und Dichten, welche Kraft Gedichte haben können. Dem Staat in den Arm fallen durch Sätze und Poeme!! Auch Nawalny wusste es. Widerspruch kam professoral in der FAZ durch den Bamberger Spitzen-Germanisten Wulf Segebrecht, der konstatierte, Kunze habe doch gar keinen Staatsstreich versucht ... Tja.
Das Geburts- und Todesjahr von Rainer Maria Rilke (1875-1926) geben dem Erinnern an den Prager Dichter ein Doppeljahr.

„Warum willst du jegliches Unbehagen, jegliches Leid, jegliche Depression aus deinem Leben verbannen, wo du doch gar nicht weißt, was diese Zustände in dir bewirken? Warum quälst du dich mit der Frage, woher das alles kommt und wohin es führt? Du weißt doch, dass du dich mitten in einem Übergang befindest und dir nichts sehnlicher wünschst als Veränderung. Sollte etwas Ungesundes an deinen Reaktionen sein, bedenke nur, dass Krankheit das Mittel ist, durch das sich ein Organismus vom Fremden befreit; man muss ihm also einfach helfen, krank zu sein, seine ganze Krankheit zu haben und mit ihr auszubrechen, denn so wird er gesund.“ Das sind – wie mir scheint – typische Rilke-Sentenzen. Diese hier stammt aus dem viel gelesenen „Briefe an einen jungen Dichter“.
Rilke wird in Publizistik und Medien geradezu als der Dichter der Dichter verehrt, nicht nur in den deutschsprachigen Ländern, sondern weltweit, besonders auch in den USA. Die Bücher über ihn sind unzählig. Nur vereinzelt liest und hört man so etwas wie Kritik an seiner Dichter-Stilisierung, dem Sehertum, der quasi von den Göttern bestellt ist, letzte, mithin die einzige Wahrheit zu verkünden. Die Begriffsverliebtheit des Dichters ist kaum Gegenstand der Untersuchungen. Für Peter Handke war bei Rilke anziehend, dass dieser „die stummen Dinge“ zum Sprechen brachte, eben solche, die von einer sprachlichen und expressiven Überfrachtung befreit sind, also Gedichte, die Rilke als „Ding-Gedichte“ bezeichnete wie „Der Panther“.
Ich muss gestehen, dass ich nicht zu denen zähle, die Rilke anbeten. Er ist natürlich ein großer Dichter, aber eben auch ein Dichter-Darsteller, verliebt in seine Pose, in seine Einsamkeits-Pose. Seine Frau und sein Kind waren ihm wohl wenig wert, zu wenig Welt. Seine Reim-Künste sind erstaunlich. Aber das Hohe-Priestertum, das ewige Welterklären wirken auf mich doch ein wenig seifig. Ein André Rieu der Poesie? Das wäre denn doch daneben.
Und Rilke war Mussolini (1883-1945) nah. Sandra Richter ist dem in ihrem Buch „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“ (Frankfurt am Main 2025) und auch in ihrer Marbacher Ausstellung 2025 nachgegangen sowie auch Rüdiger Görner (u.a. ausgewiesen durch sein von Empathie und Genauigkeit getragenes Rilke-Buch „Im Herzwerk der Sprache“ (Wien 2004) in der 151. Ausgabe von Lettre International vom Dezember 2025. Er verweist darauf, wie Rilke von Mussolinis Rede vor dem Gouverneur von Rom vom 31. Dezember 1925 geschwärmt habe, wo der Duce gesagt hatte: „In fünf Jahren muß Rom allen Völkern der Welt wie ein Wunder erscheinen. Weitläufig, wohlgeordnet, kraftvoll, so wie es zu Zeiten des ersten Kaiserreiches vom Augustus war“, dem er nun nachfolgen wollte. Das Prinzip Freiheit war Rilkes Sache nicht. Görner verweist auf Rilkes Brief an die italienische Herzogin Aurelia Gallarati-Scotti vom 17.Januar 1926, wo es heißt: „Das ist es, was ich der ‚Freiheit‘ zum Vorwurf mache, daß sie den Menschen höchstens bis zum dem hinführt, was er versteht, nicht weiter. Die Freiheit allein ist zu wenig; selbst maßvoll und gerecht gebraucht, läßt sie uns auf halben Weg, auf dem schmalen Gebiet unserer Vernunft zurück … Ist es nicht dies, was Diktatoren, die wahren Diktatoren, manchmal, wenn sie eine wohltätige und sichere Gewalt ausübten, begriffen haben?“ Und fährt fort: „Die Freiheit! krankt nicht an ihr die Welt? Hat nicht ihr Phantom die Geister verwirrt, indem es ihnen die wenigen (selbstverständlich vorläufigen) Wirklichkeiten, von denen unsere Väter lebten, durch seine vage Form ersetzte?“ Das sind Sätze, die erschaudern lassen. Wirklich von Rilke?
Görner ist ein nobler Könner, der nicht dafür plädiert, mit solchen und anderen Briefäußerungen das Oeuvre des Dichters zu verdammen, auch nicht dessen antijüdischen Einlassungen zu Franz Werfel und Karl Kraus. Mussolini hatte für manche deutsche Dichter und Denker Anziehung, so bei Harry Graf Kessler, Emil Ludwig und Gerhart Hauptmann, selbst Theodor Wolff schwärmte im Berliner Tageblatt.
Irritierend sind manche der unzähligen Brief- und Gesprächskontakte Rilkes, so auch zu der schwedischen Publizistin und Reformpädagogin Elly Key (1848-1926), die im Buch „Das Jahrhundert des Kindes“, das deutsch 1902 beim S-Fischer Verlag erschien, in Anlehnung an den Darwinismus die Euthanasie, d.h. die Ermordung kranker Kinder mit Sätzen wie „Erst wenn ausschliesslich die Barmherzigkeit den Tod giebt, wird die Humanität der Zukunft sich darin zeigen können, dass der Arzt unter Kontrolle und Verantwortung schmerzlos ein solches Leiden auslöscht“ befürwortete. Welch grausame Gedanken. Hat Rilke widersprochen?
Und wie war es bei Gottfried Benn (1886-1956)?
Benn sah im Nationalsozialismus eine Möglichkeit zur Stabilität und nationalen Erneuerung. Er sprach von der Vorstellung eines „neuen Menschen“, den Dichter wie er als geistige Führer mitgestalten könnten. Diese anfänglichen positiven Reaktionen führten dazu, dass Benn in die Preußische Akademie der Künste eintrat und dort kurzzeitig eine offizielle Rolle übernahm. Benns Vorstellungen ähneln denen von Rilke und zeigen Parallelen zum staatstheoretischen Denken von Carl Schmitt (1888-1985). Diese Überzeugungen basieren auf der Selbstzuschreibungen des Dichters, des Sehers in Anlehnung an den Glaubenssatz von Friedrich Hölderlin im Gedicht „Andenken“ aus dem Jahre 1803: „Was bleibet aber, stiften die Dichter“. So deutsch, romantisch und doch so abendländisch, oder sollte man sagen, so „westlich“ als Begriff für die „werte-orientierte“ Weltsicht“?
Bei Reiner Kunze liegen die Dinge etwas anders. Wer so wie er durch die Mühlen von SED und Stasi gegangen ist, weiß, dass er im sinnlich Erfahrbaren, in den „Dingen“ und Menschen die Poesie entdecken muss, nicht in den Begriffen auf -ung, -heit und -keit, ja, dass zuweilen der Reim und Enjambement verdächtig sind und so die sprachliche fassbare Welt nicht in sinnlich erfahrbare Verse bringen können.
Diktatoren (auch Trump, Putin, Xi) dulden nichts, keinen Widerspruch, kein Gedicht. Sie sind sich selbst Maß und Welt.
Was Dichter leisten können, sagt Kunze trotz seines hochmütigen Verses, indem er den Ort angibt, welcher dem Dichter gehört, wo er hineinhört, nämlich „in ihrem winzigen reich dem freien vers“. In Kleinschreibung und so die Freiheit verteidigend. Denn der freie Vers macht das Gedicht, das bleibt.
Ich habe in meinem Bücherschrank das originale „Buch der Bilder” mit einer bemerkenswerten Widmung von Rilke, nämlich an Elly Ney (1882-1968), wo steht:
„Elly Ney
page12
dankbar und freundschaftlich
R.M.
Rilke 1916“
Und was steht auf Seite 12? Im Gedicht „Von den Mädchen“ heißt es in der dritten Strophe
„Aus ihrem Leben geht jede Türe
in einen Dichter
und in die Welt“
Rilke hat diese drei Zeilen angestrichen und „Elly Ney“ hingeschrieben und im Text verbessert „Aus Ihrem Leben…“ sowie drei Punkte hinter „und in die Welt...“ angefügt. Elly Ney war eine Klavierspielerin von Rang, aber tief mit dem NS-Staat verbunden. Das war 1916 so noch nicht möglich.
Rilke spielt mit ihr durch die Widmung, denn das Gedicht endet mit dem Vers „Keine darf sich je dem Dichter schenken“.
So was finde ich eher zuckrig und selbstinszenierend denn anziehend: Wenn schon keine Fürstin, dann eben eine Pianistin – , die er von sich weisen und ihr mit seinem Dichtertum die Grenzen zeigen kann.
Der Dichter als Hoher Priester. Da liegt die Verwandlung zum Diktator, der im Gewand des Sprechers über die Welten und Meere geht, nahe.
Erstellungsdatum: 04.02.2026