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Matthias Buth verbindet Ingeborg Bachmann und Hildegard Knef

Die beiden „die“ – Bachmann und Knef

Matthias Buth


Fotocollage Textor

Anlässlich ihres 100. Geburtstags ist das Augenmerk derzeit auf Ingeborg Bachmann gerichtet. 2025 galt es der Schauspielerin Hildegard Knef, die ein Jahr vor der Dichterin geboren wurde. Beide zählen heute zu den herausragenden Frauengestalten der jüngeren Vergangenheit. So verschieden ihre Charaktere und künstlerischen Ambitionen auch gewesen sind, kann Matthias Buth allerlei Ähnlichkeiten entdecken. Bachmann und Knef hätten die Grenzen der damaligen Konvention, Ästhetik und Sprache überschritten und nicht wenigen eine Projektionsfläche für das eigene Verlangen und Verlorenheitsgefühl geboten.

 

„Ich brauch Tapetenwechsel“ sprach die Birke 
Und macht sich in der Dämmerung auf den Weg 
Ich brauche frischen Wind um meine Krone 
Ich will nicht mehr in Reih und Glied…

 

Das hat nicht Ingeborg Bachmann gedichtet, sondern Hildegard Knef, also nicht „die Bachmann“, sondern „die Knef“, beide blond und ikonisiert durch den Artikel „die“. Beide in den 1950er und 1960er-Jahren des Nachkriegsjahrhunderts öffentliche Personen, Frauen, die anzogen durch das, was sie in Literatur und Film darstellten, wie sie präsentiert wurden und welches Bild sie von sich selbst zeichneten. Die Knef wurde 1925 in Ulm geboren, die Bachmann 1926 in Klagenfurt, Schwestern im Geiste? Wohl nicht, aber doch ähnlich, beide überschritten sie Grenzen, die Konvention, Ästhetik und Sprache setzten. Sie suchten ihre Rolle, ihre Stimme im Leben, im zerklüfteten Dasein.

Der Dichter und Germanist Harald Hartung (1932-2025 ) erkannte 2012 in seinem Brevier kurzeiliger Weisheiten „Der Tag vor dem Abend“ „Der Philosoph sucht Schüler, der Dichter Liebhaber.“ Und das ist wohl der Zauber von Gedichten, die wortfängerisch Netze auswerfen und mit Lyrik Geliebte an Land ziehen wollen – für eine Zeit, meist kurz und sei nur für Augenblicke. Bachmann war eine überaus erotische, d.h. erotisierende Frau. Ihre Erscheinung löste bei Männern etwas aus, öffnete Schleusen und Weiten. Und sie wusste es und – tritt man ihr zu nahe? – setzte ihre weibliche Aura auch ein. Sie war die Denkerin unter den Dichtern, dem Sinngedicht oft näher als dem sinnlichen Lied. Aber 1953 konnte sie auch Sound kreieren, fast ein Song, den die Knef des „Tapetenwechsels“ hätte singen können:

Die große Fracht des Sommers ist verladen,
das Sonnenschiff im Hafen liegt bereit,
wenn hinter dir die Möwe stürzt und schreit.
Die große Fracht des Sommers ist verladen.

Das dreistrophige Gedicht „Die große Fracht“ ist wohl wenig typisch für den Klang und den Gestus ihrer Gedichte, denn sie „singt“ nicht, sondern denkt in Versen, ist Karl Kraus und dessen „Worte in Versen“ näher als einer Lasker-Schüler oder Gertrud Colmar. Aber sie liebte in Gedichten, auch und dort besonders ,wenn sie (wie im Gedicht „Nebelland“) die Blickrichtung verkehrt. Denn Dichten ist lieben in Worten, ein spracherotischer Vorgang.

Drüben versinkt dir die Geliebte im Sand,
er steigt um ihr wehendes Haar.
Er fällt ihr ins Wort,
er befiehlt ihr zu schweigen,
er findet sie sterblich
und willig dem Abschied
nach jeder Umarmung.

Das ist die zweite, die eigentliche Strophe im Gedicht „Die gestundete Zeit“. Dichter lieben die Projektion, das sich Hineinfinden in den anderen, in eine andere Welt. Und sie wissen, dass sie dort untergehen werden, so wie Hölderlins Beschwörung:

Diotima! Selig Wesen! 
Herrlich, durch die mein Geist
Von des Lebens Angst genesen,
Götterjugend sich verheißt

Diotima – ob männlich oder weiblich – die unsterbliche und ferne, nur im Gedicht geborene Geliebte, soll die Sinne heilen. „Denn göttlich stille ehren lernt‘ ich /Da Diotima den Sinn mir heilte“.
Bachmann war kein Hölderlin und hat sich zu ihm nicht geäußert, aber sie konnte wie er Suggestion erzeugen. Klang und Anmutung. In den großen Zyklen wie „Lieder auf der Flucht“ und „Lieder von einer Insel“ , auch in „Curriculum Vitae“ greift sie dennoch ähnlich aus, ins Hymnische aus, ins Kosmische, von Tod und Sterben, Geburt und Werden bestimmt: Endlosschleifen wie oft die Symphonik von Gustav Mahler in einem märchenhaften O- Menschheits-Ton. Man muss Fan sein, um darin aufzugehen oder sich abwenden.

O hätt ich nicht Todesfurcht!
Hätt ich das Wort,
(verfehlt ich‘s nicht),
hätt ich nicht Disteln im Herz,
(schlüg ich die Sonne nicht aus),
hätt ich nicht Gier im Mund,
(tränk ich das wilde Wasser nicht),
schlüg ich die Wimper nicht auf,
(hätt ich die Schnur nicht gesehn)

Sie kam aus der Sprachsuche Ludwigs Wittensteins, der sie 1949 in der Dissertation an der Universität Wien nachgegangen ist und 1950 promoviert wurde. Werner Kraft betreute die Arbeit.
Ingeborg Bachmanns Dissertation – die erst 1985 veröffentlicht wurde – trägt den Titel „Die kritische Aufnahme der Existentialphilosophie Martin Heideggers“. Sie untersuchte kritisch die Philosophie des Freiburgers, insbesondere dessen Werk „Sein und Zeit“ und distanzierte sich, wobei dessen zeitweise Nähe zu NS-Ideologie nicht eine primäre Rolle spielte, sondern sie sah Heideggers Philosophie selbst als intellektuelle Wegbereiterin und Rechtfertigung für den Totalitarismus und für die Verführungskraft der NS-Ideologie. Das Raunende, Pathetische und fast Religiöse an Heideggers Sprache stört sie besonders. Aber man fragt sich, ob es trotz dieser Kritik nicht doch zahlreiche semantische Reflexe in ihrer Dichtung finden, so in ihrem Hang zu Abstrakta, zu Begriffen und zum Unbestimmten, ob eben eine Philosophin dichtet, die der Sprachsuggestion Heideggers und Wittgensteins nicht entkommen kann. Bachmann wollte Zauberin sein und wurde selbst zum Gedicht. Und für das Nachkriegsdeutschland zu einer Ikone, zum schönen Bild einer Dichterin, die man nicht verstehen musste, die durch ihre kärntnerisch gefärbte Diktion und das Unbehaustsein ihrer Verse einfing und beschwor, was die eigene Stimme nicht zu sagen wusste.

1951, vor 75 Jahren, Bachmann hatte ihre sprachkritische Dissertation hinter sich und die ersten Gedichte platziert, inzwischen angestellt bei der amerikanischen Besatzungsbehörde in Wien und als Redakteurin beim Sender Rot/Weiß/Rot tätig, erschien der Film „Die Sünderin“ mit Hildegard Knef in der Hauptrolle, ein Ereignis, und ein Skandal wegen eines winzigen Blickes auf Knefs nackt-schönen Frauenkörper. Eine Liebesgeschichte ums Blindwerden und Gerettetwerden und doch sterben: Marina, eine Prostituierte, verliebt sich in den gescheiterten Maler Alexander, der an einem Gehirntumor erkrankt ist, der ihn erblinden lässt. Die Reise nach Italien soll retten und dort gelingt eine kurze Zeit, ein glückliches Leben, ein Arzt wird gefunden, der das Augenlicht rettet – und sich in Marina verliebt. In Wien. Dann erblindet Alexander erneut. Keine Rettung mehr. Marina gibt ihm Veronal, er stirbt. Und sie folgt ihm. 

Euthanasie, Liebe und Sex: ein Gemisch als Verlorenheit, Idylle und Existentialismus mit Anklängen an die Geschichte von Maria Magdalena aus Bibel und Hebbels Drama, das denn auch die katholische Kirche aus Köln auf den Plan rief. 
Ist das allzu fern von der Klagenfurt Dichterin und deren Sinn- und Weltsuche mit liebenden Gedichten? Wohl nicht. Und wer Bilder der beiden Mitzwanzigerinnen von 1951/52 sieht, erkennt Ähnlichkeiten und versteht, dass beiden Frauen diejenigen zu Füßen lagen, die in ihnen eine Projektion eigener Verlorenheit und erhofften Verlangens sahen. Natürlich: die Songtexte der Knef reichen bei weitem nicht an die Sphärenklänge der Bachmann heran, aber schlecht waren sie nicht. Und gesungen wurden sie.

Heute Nacht, Amsterdam,
wird ein Traum angespült
und der glaubt, er erfüllt
sich bei dir, Amsterdam.
Heute Nacht, Amsterdam,
hängt die Hoffnung an dir,
wie die Fahne am Mast
auf dem windstillen Pier.
Heute Nacht, Amsterdam,
wenn das Saufen so schmeckt,
fällt ein Junge nach vorn
auf sein Hirn und verreckt.
Ziemlich schwül, Amsterdam,
wird die Nacht heute Nacht,
ohne dass, wer es will,
dort ein Seemann gemacht.
Heute Nacht, Amsterdam,
haben Seeleute schon
sehr viel Fischfett am Hemd
nach der dritten Portion

Ein Knef-Text, der nur Song sein will, so wie das Weltschmerz-Lied „So oder so ist das Leben“, das so endet:

Du musst entscheiden
Wie du leben willst
Nur darauf kommt′s an
Und musst du leiden
Dann beklag dich nicht
Du änderst nichts daran.

Schauspielerin war sie (Den Film „Die Mörder sind unter uns“ von Wolfang Staudte aus dem Jahre 1946 wird Bachmann gesehen haben), die aber zu Schriftstellerin wurde durch die Romane „Der geschenkte Gaul“ von 1970 und „Das Urteil oder der Gegenmensch“ von 1975, dem sich „Nichts als Schatten“ von 1978 anschloss, und eben auch durch Liedtexte. Ist es ein Sakrileg, beide in einen Atemzug zu nennen oder entspricht diese Frage einem romantisierenden Verständnis des Dichtertums in Anlehnung an Hölderlins Diktum aus dessen Gedicht „Andenken“ („Was bleibet aber, stiften die Dichter“)? Kennengelernt haben sich Bachmann und Knef nicht.

Bachmann war ständig verliebt, bei Männern gibt es den wenig sympathischen Begriff des Womanizers. Wie lautet die Entsprechung bei Frauen? Mit Hans Weigel (1908-1991) traf sie zunächst zusammen, weil sie es so wollte und arrangierte. Ein Liebes- und dann Förderungsverhältnis entwickelte sich. Ausgangspunkt war das Café Raimund in Wien, dort war der Kreis des Theaterkritikers und Journalisten zu Hause. Wer dort dabei war, gehörte „dazu“ und wurde performt. So auch die Bachmann. Im Roman „Unvollendete Symphonie“ aus dem Jahre 1951 umkreist Weigel seine Liebschaft mit der jungen Dichterin. Bachmann fühlte sich gut skizziert.

„Der surrealistische Lyriker Paul Celan, den ich bei dem Maler Jené am vorletzten Abend mit Weigel noch kennenlernte und der sehr faszinierend ist, hat sich herrlicherweise in mich verliebt, und das gibt mir bei meiner öden Arbeiterei doch etwas Würze. Leider muss er in einem Monat nach Paris. Mein Zimmer ist momentan ein Mohnfeld, da er mich mit dieser Blumensorte zu überschütten beliebt“, schrieb sie am 20 Mai 1948 an ihre Eltern. Celan, eine ganz andere Größe als Hans Weigel, ein Schmerzensmann aus Rumänien, dem Holocaust entronnen und – vor allem – ein echter Dichter. Bachmann erkannte ihn, als Lyriker von Rang und Geliebten. Eine Dichterliebe entwickelte sich. Sie dauerte Jahrzehnte, verlor sich immer wieder, sie umwarb ihn, er sie. Sie waren einander das Alter Ego. Und wurden zum Gedicht. Bei Celan besonders im Gedicht

In Ägypten
Für Ingeborg  
Du sollst zum Aug der Fremden sagen: Sei das Wasser!
Du sollst, die du im Wasser weißt, im Aug der Fremden suchen.
Du sollst sie rufen aus dem Wasser: Ruth! Noemi! Mirjam!
Du sollst sie schmücken, wenn du bei der Fremden liegst.
Du sollst sie schmücken mit dem Wolkenhaar der Fremden.
Du sollst zu Ruth und Mirjam und Noemi sagen:
Seht, ich schlaf bei ihr!
Du sollst die Fremde neben dir am schönsten schmücken.
Du sollst sie schmücken mit dem Schmerz um Ruth, um Mirjam und Noemi.
Du sollst zur Fremden sagen:
Sieh, ich schlief bei diesen!

Ein Liebestext zu Bachmanns 22. Geburtstag, er gab ihr das Gedicht, kurz bevor er 1948 nach Paris aufbrach, ein erotisches Stück Lyrik, das ihr – gerade ihr – viel zumutete, nämlich bei jedem Liebesakt an die ermordeten Jüdinnen zu denken, die vor ihr die Liebespartnerinnen des Mannes waren. 

Konkurrenten waren sie – als Lyriker und Personen der öffentlichen Wahrnehmung. Und Bachmann war im Vorteil, denn wenn es eine Dichterin aufs Titelblatt des trendbestimmenden Hamburger Magazin DER SPIEGEL schafft, ist ein Star geboren. Dichterin von Deutschland, das elegisch schöne Gesicht sollte ihre Dichtung beglaubigen. Ein „Fräuleinwunder“, in der Diktion der 50er Jahre. In der Ausgabe vom 18. August war es, begleitet vom Aufmacher-Artikel „Gedichte aus dem deutschen Ghetto“, es ging um Bachmanns „Neue Römische Elegien“. Diese mit dem NS-Begriff „Ghetto“ zu verbinden, muss Celan verwundet haben, hatte er doch die Ermordung seiner Eltern, Verfolgung und Stigma erleben müssen als jüdischer Lyriker aus dem rumänischen Czernowitz. Bachmann kam aus einer NS-Familie.

Der 2009 veröffentliche Briefwechsel „Herzzeit“ entschlüsselt manches, auch zur Selbstinszenierung beider. Deren Auftritte bei der „Gruppe 47“ sind Ausgangspunkte für die vier bedeutenden Gedichtbände, nämlich von Bachmanns „Die gestundete Zeit“ von 1953 und „Anrufung des Großen Bären“ 1956 und Celans „Mohn und Gedächtnis“ von 1952 und „Von Schwelle zu Schwelle“ von 1955.

Sie hatten Klang und Nachklang und haben ihn bis heute. Ina Hartwig geht dem 2017 in ihrem Buch „Biographie in Bruchstücken“ nach und sieht in den Texten beider die Suche nach einer „geteilten Sexualität“ und den Wunsch nach Nachruhm; beide wollten „Marke“ sein. Und wurden es ja auch.
Bachmanns Lebenshunger und kalkulierte Erotik führten sie zu sehr vielen, noch nicht gezählten Geliebten und sexuellen Begegnungen, so zu Max Frisch (der Briefwechsel dieser – offenen Beziehung – „Wir haben es nicht gut gemacht“ erschien 2022), Hans Werner Henze – dem Komponisten – zum italienischen Germanisten Paolo Charini und zu dem Dandy Adolf Opel, mit dem sie kurz nach Griechenland aufbrach. Sogar der aus Deutschland stammende US-Amerikaner Henry Kissinger (und spätere US-Außenminister) soll in ihrem Bett gewesen sein, stets krank an Leben, Alkohol, Tabletten und Ich-Verlorenheit. Hartwig sah sie sogar in der Nähe des horizontalen Gewerbes und verweist auf den Deutschlehrer Martin Mumme als Zeugen. Bachmanns Studien über die „sexuelle Poetik“ von Jean Genet und ihre sexuellen orgiastischen Phantasmen, von deren Opel in seinen Erinnerungen erzählt und die sie im „Wüstenbuch“ (als Teil des Romanprojekts „Todesarten“) ausbreitet, leuchten eine Frau aus, welche Schatten in die Anbetungsseminare der Germanistik werfen und zu tiefenpsychologischen Deutungen einladen.

Die Bachmann in einen gesellschaftskritischen und auch ästhetischen Zusammenhang mit der Knef zu betrachten, ist also keine Unverfrorenheit am hundertsten Geburtstag der Klagenfurterin, sondern kann helfen, das Selbstbild der deutschen Nachkriegsgesellschaft und jenes des Nachkriegs-Österreichs zu schärfen, denn Dichter und Dichterlieben spiegeln – uns.

Bachmann übersetzte die ihrer eigenen Lyrik so fernen Gedichte des italienischen Großdichters Guiseppe Ungaretti (1888-1970), dessen Vers „Mattina“ / „Morgen“ sie so ins Deutsche holte:
„Ich erleuchte mich durch Unermessliches“ 
Jeder Mensch in Italien kennt diesen Vers, denn er gibt den Blick auf Psalmen frei und auf das religiöse „Ex oriente lux“. Was suchte die Frau vom Wörthersee?
Jeder Morgen kann ein Stück Ostermorgen sein, jeder Morgen ein Stück neuen größeren Lebens. „Mattina // M'illumino / d'immenso".  Bei Bachmann bleiben Fragen offen. Gottsucherin durch Dichtung? 

 

 

Siehe auch:
Ria Endres: Ingeborg Bachmann und ihre Lyrik, Teil I-III

 

 

Erstellungsdatum: 25.06.2026