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In dem neuen Gedichtband Michael Krügers, „Die Wiedereinführung der Sanduhr“, finden sich Verse, die sich dem Werk des Malers Giovanni Segantini zuwenden, der in dem damals österreichischen Arco in Tirol zur Welt kam und mit seiner pointilistischen Maltechnik einen intensiven Realismus entwickelte. Alexandru Bulucz beschreibt, wie souverän Krüger dabei verfährt, wie er die realen und die irrealen Themenstränge miteinander komponiert – von der mystischen Naturerfahrung bis zur Aufgabe der gefiederten Boten. Boten heißen im Griechischen Angeloi. Daher kommt unser Wort Engel.
Michael Krüger schrieb die Gedichte von „Die Wiedereinführung der Sanduhr“ (Suhrkamp 2026) während der Pandemie in weitgehender Isolation: Zur Leukämie war eine Gürtelrose gekommen, das Immunsystem geschwächt. Er zog sich in ein Holzhaus am Starnberger See zurück, der Außenwelt vor allem brieflich verbunden, etwa mit dem Beuys-Vertrauten Heiner Bastian. So entstand eine Reihe naturbezogener, am Begriff der Zeit interessierter Tagebuchgedichte. Eines, datiert auf den 25. März 2021, gilt einem anderen Abgeschiedenen: dem Maler Giovanni Segantini.
Das Gedicht erzählt einen Auftrag, den Segantini sich selbst gab und nie erfüllen konnte. Für die Pariser Weltausstellung von 1900 wollte er ein Panorama des Oberengadin malen, 400 Quadratmeter, alle Berge, Täler und Tiere. Dabei kam ihm, so Krüger, der Gedanke, eine Schar Vögel zu bitten, es nach Paris zu tragen. Segantini stirbt, bevor das Werk fertig wird. Krüger schließt lakonisch: Die Vögel seien auch ohne Bild losgeflogen, man sehe sie noch heute vor Notre-Dame, blicke man nach oben. Und die letzten Worte des Malers habe Beuys gehört. Das Werk fehlt, die Boten sind geblieben.
Verbürgt ist davon der Kern, nicht das Wunderbare. Das Panorama gab es wirklich: 1897 kündigte Segantini es an, finanzieren sollten es Engadiner Hoteliers – ein kreisrundes 360°-Rundgemälde von mehreren tausend Quadratmetern in einem eigens entworfenen Pavillon. Es scheiterte an den Kosten. Übrig blieb das Alpentriptychon, dessen Tafeln „Das Leben – Die Natur – Der Tod“ heißen und das als Zyklus „Werden – Sein – Vergehen“ bekannt ist. Auch dieses blieb unvollendet: 1899 starb Segantini, im Jahr vor der Ausstellung, auf dem Schafberg an einer Bauchfellentzündung. Das Triptychon wurde 1900 erst posthum in Paris gezeigt, im italienischen Pavillon. Die Vögel aber sind Erfindung – das Transportproblem löste der reale Segantini architektonisch, nicht ornithologisch –, und Beuys, 1921 geboren, kann keine Worte von 1899 gehört haben. Dass am Ende ausgerechnet er steht, ist gleichwohl kein bloßer Einfall: Beuys hat sich mit Segantini auseinandergesetzt, und den Tag des Gedichts markiert ein Brief eben jenes Heiner Bastian, der Beuys’ Sekretär war. So arbeitet das Gedicht mit einer Fabellogik, die das Belegte gegen die Erfindung tauscht: Pavillon gegen Vogelschar, tausende Quadratmeter gegen vogelflugfähige Fracht, Tod von 1899 gegen Beuys als Ohrenzeuge. Diese Freiheit gegenüber dem Verbürgten ist Methode und öffnet die eigentliche Spannung des Gedichts, die zwischen Wort und Sache.
Wer war dieser Maler? Geboren 1858 in Arco, das damals zum Kaisertum Österreich gehörte, lebte Segantini seit 1894 im Oberengadin. Ihn drängte es, wie er selbst bekannte, „immer weiter hinauf in die Höhen“: „Von den Hügeln ging ich zu den Bergen unter die Bauern, die Hirten, zu den Bewohnern des Hochgebirges, zu ihren Hütten und Ländern.“ Krüger nennt ihn dafür einen seltsamen Heiligen, einen Mystiker der Alpenwelt, einen, der eine Philosophie der Dankbarkeit ohne jede Frömmelei malte. Auch hier klafft Wort und Sache: Diese religiösen Namen gelten einem Pantheisten, der sich der Bergwelt verbunden wusste, nicht einem persönlichen Gott – einem Staatenlosen zumal, der Bice Bugatti mangels Papiere nie heiraten konnte und mit ihr und den gemeinsamen unehelichen Kindern in einer Existenz lebte, die das katholische Umfeld irritierte und die Behörden mit Ausweisung drohen ließ. Was das Gedicht heilig nennt, ist eine Sakralität ohne Theismus: Segantini wirft sich vor den Bergen nieder wie „vor lauter unter dem Himmel / aufgerichteten Altären“, und an die Stelle der Kirche tritt die „Arbeitsstelle“ des Malers im Freien. Und doch greift Krüger durchweg zur Sprache der Religion: Notre-Dame, die „Predigt des Wassers“, das Wort „unsterblich“.
Am schärfsten zeigt sich die Spannung dort, wo Name und Farbe gegeneinanderstehen. Segantini wollte die Pflanzen „nur als Farbe“ darstellen, „nicht als Individuen“: Das Viele soll ins Eine zergehen. Das Gedicht verfährt umgekehrt und wird im Aufzählen beschwörend: Wolfsflechte, Leinkraut, Seidelbast, Männertreu, Steinbrech, Alpenmohn. Indem es jede Art benennt, bewahrt es, was der Maler auflösen wollte. Doch hält das Benennen fest, was es zu retten scheint? Richard Feynman hat einmal berichtet, was ihm sein Vater beibrachte: Man könne den Namen eines Vogels in allen Sprachen kennen und wisse am Ende nichts über ihn, nur darüber, wie Menschen ihn nennen. Es gehe um „the difference between knowing the name of something and knowing something“. Daran gemessen kippt die Beschwörung: Die Pflanzenreihe verzeichnet, wie deutschsprachige Menschen diese Gewächse nennen, nicht die Gewächse selbst. Segantinis „nur als Farbe“ erscheint dann nicht als Verlust der Individualität einer jeweiligen Pflanze, sondern als die genauere Aufmerksamkeit für sie. Der Maler, der die Berge so lange betrachtet, dass selbst die Kühe misstrauisch werden, benennt nicht, er sieht. Die Farbe steht der Sache näher als der Name.
Das Gedicht weiß darum. Es benennt nicht bloß, es benennt farbig: das blaue Leinkraut, das schwarzrote Männertreu, den gelben Alpenmohn. Und es kennt die Grenze beider Verfahren, denn es fragt, was weder Name noch Pinsel beantworten: „Und welche Farbe hat der Geruch des Friedens, die Bedeutung / der Welt, das Muhen einer Kuh oder das unvergängliche Licht?“ Die Dauer, die es am Ende gewährt, gilt nicht dem Namen, sondern der Hand des Malers: Die Dohle, „schwarz / wie die Kohle“, ist mit eben dieser Kohle unsterblich gemacht.
Unsterblichkeit aber ist eine religiöse Kategorie. Was die Lehre der Seele zuspricht, überträgt das Gedicht auf die Kohle des Malers und auf ihn selbst. Für das, worum es geht – Dankbarkeit, Ehrfurcht, den Wunsch, das Vergängliche zu überdauern –, steht keine andere Sprache bereit als die religiöse. Heiliger, Mystiker, Altar, Predigt, Unsterblichkeit: Die Religion ist hier nicht der Inhalt, sondern die Form.
Michael Krüger
25. März 2021
Einen Tag nach der Impfung. Heiner Bastian hat geschrieben
Für die Weltausstellung in Paris 1900 wollte Giovanni Segantini
zusammen mit seinen Freunden Cuno Amiet, Giovanni Giacometti
und Ferdinand Hodler ein gewaltiges Panorama des Oberengadin malen,
alle Berge und Täler und seine geliebten Tiere.
Manche fanden, er sei ein wenig verrückt geworden.
Manche sahen ihm zu, wie er am Morgen minutenlang die Berge
betrachtete, noch bevor er zum Pinsel griff. „Ich fühle mich gedrängt,
mich vor ihnen niederzuwerfen, als vor lauter unter dem Himmel
aufgerichteten Altären.“ Selbst die Kühe wurden misstrauisch,
wenn sie ihn da so liegen sahen, wie kein Mensch sonst liegt.
Segantini träumte davon, eine Schar Vögel zu bitten,
das Panorama in die französische Hauptstadt zu fliegen,
Bartgeier und Steinadler, die nicht so leicht schlappmachten,
aber auch die Klappergrasmücke und der Dreizehenspecht
sollten dabei sein, und natürlich Steinschmätzer und Alpendohle,
die Paris noch nicht kannten und dort auch ganz unbekannt waren
bei den Vögeln von Notre-Dame. Dieser seltsame Heilige malte
zeitlebens eine Philosophie der Dankbarkeit ohne jede Frömmelei,
weshalb er den Ort, an dem er malte, auch im kältesten Winter,
seine Arbeitsstelle nannte, wie ihm überhaupt Natur & Arbeit
nur als Zwillinge bekannt waren. Der Sommer ist sehr kurz
im Oberengadin, man muss sich sputen, um die Predigt des Wassers
zu hören und die Farben der Pflanzen zu mischen, die Wolfsflechte,
die bleich in den Ästen der Lärche hängt, das blaue Leinkraut,
den Seidelbast und das schwarzrote Männertreu, Steinbrech
und gelber Alpenmohn, die alle nur als Farbe vorkommen dürfen,
nicht als Individuen, so wollte es dieser Mystiker der Alpenwelt.
Aber sollten in Paris Natur und Arbeit nicht getrennt werden?
Das einzige Argument für die Weltausstellung war die Größe
des Bildes: 400 qm sollten mit Farbe bedeckt werden,
um das flimmernde Blau des Himmels und das knallige Gelb
des Frauenschuhs zu zeigen, den schimmernden Glanz
der Berge und das Grün der hervorbrechenden Blattspitzen.
Und welche Farbe hat der Geruch des Friedens, die Bedeutung
der Welt, das Muhen einer Kuh oder das unvergängliche Licht?
Zu viele Fragen für das kurze Leben eines Malers.
Segantini starb 1899, ein Jahr vor der Weltausstellung in Paris.
Die Vögel sind auch ohne Bild losgeflogen, man kann sie heute
noch sehen, wenn man vor Notre-Dame steht und nach oben blickt:
den alten Bartgeier, den uralten Steinadler und die Dohle, schwarz
wie die Kohle, mit der der Maler sie unsterblich gemacht hat.
Seine letzten Worte hat Beuys gehört: Voglio vedere le mie montagne.

Michael Krüger
Die Wiedereinführung der Sanduhr
Gedichte
159 S., fester Einband
ISBN: 978-3-518-47536-2
Suhrkamp taschenbuch, Berlin 2026
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Erstellungsdatum: 01.08.2026