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Dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern von jedem Wort, das zwischen zwei Buchdeckeln Platz findet, hat sich im „Big Business“ noch nicht herumgesprochen. Doch wo eine stetige Monopolisierung der kommerziell orientierten Kultur stattfindet, die statt des Ersehnten das Erwartete anbietet, wächst auch immer eine Gegenkultur, aus der etwa Verlagsneugründungen hervorgehen. Vor einem halben Jahrhundert begann so Michael Kellner, in Kassel Bücher der untergründigen Szene zu veröffentlichen. Wolfgang Rüger gratuliert dem Verleger.
Am Anfang jeder Verlagsgründung steht immer jugendliche Unbekümmertheit. Wir reden hier nicht von kapitalkräftigen Großverlegern, sondern von Enthusiasten, die einer fixen Idee folgen, die Außergewöhnliches vollbringen, das nur dauerhafte Liebe schafft. Vor ziemlich genau 50 Jahren gründete in Kassel ein junger Mann eine Literaturzeitschrift (Loose Blätter Sammlung) mit nichts mehr als Idealismus im Geldbeutel. Wenn man so will, war das die Geburtsstunde des späteren Michael Kellner Verlags, an dessen Anfang ein Gedichtband von Anna Rheinsberg stand. Marlene in den Gassen verkaufte sich innerhalb weniger Wochen über tausend Mal, das ermutigte den Jungverleger, sofort nachzulegen. Peer Schröders Wo ich aufhöre in den Gedichten ist der Himmel voraus fast klar dämpfte die Euphorie dann gewaltig. „Anspruch und Wirklichkeit, ein kleiner Auflagenerfolg und die ‚buchhändlerische Realität‘ – alles war bereits so, wie es im wahren Verlegerleben ist.“, erinnert er sich 15 Jahre später in seinem Gästebuch. Am Anfang jeden Unternehmens steht immer das Lehrgeld, das der unbedarfte Neuling zahlen muss.
Neben den Freunden aus dem Kasseler Umfeld sind von Anfang an Autoren aus der Szene der Beatliteratur dabei. Kellner infizierte sich in den Siebzigern bei Autoren wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs. Der Jazztrompeter Ted Joans, der mit den Beats befreundet war und auch Gedichte schrieb, war folgerichtig der Dritte im Erstlingsprogramm.
Was klitschenmäßig begann, wurde nach und nach ambitionierter. Der Verlag übersiedelte nach Hamburg, wechselte die Namen und die Rechtsformen. Co-Verleger, Geldgeber und Mäzene stiegen ein und aus. Mit dem legendären Helmut Salzinger gewann Kellner nicht nur einen verlässlichen Unterstützer, sondern auch einen lebenslangen Freund. Nach Salzingers Bruch mit dem etablierten Feuilleton trafen sie sich oft auf dessen Head Farm in Odisheim. Dort wurde der Falk produziert (eine Zeitschrift „für alles Mögliche“), das erste 60/90-Treffen organisiert und manch andere avantgardistische Idee ausgeheckt.
Kellner, 1953 in Kassel geboren, ist ein intimer Kenner der Verlagsbranche und orientierte sich immer an grossen Vorbildern. Den Übervater aller Kleinverleger zum Beispiel, Kurt Wolff, ehrte er zum Hundertsten mit einer kleinen Festschrift. Wie sehr ihn der Kafka-Entdecker inspiriert hat, mag auch die von ihm mitherausgegebene Anthologie Kleines expressionistisches Geburtstagsbrevier (1987) verdeutlichen. In kurzen Essays werden hier die Protagonisten des literarischen Expressionismus vorgestellt, die Wolff in seiner berühmten Reihe „Der jüngste Tag“ erstveröffentlicht hat. Mit Heinrich Maria Ledig-Rowohlt führte er ein lesenswertes Interview über den „schönen Glanz“ des Anfangens und die Veränderungen im Verlegen von junger Literatur.
Für sein ehrgeiziges Programm gab es dann auch Lob selbst von gestandenen Verlegerkollegen. Heinrich Ellermann schrieb z.B. 1989: „Ein paar gute Rezensionen in den großen Blättern und ein paar Schlagzeilen, dann müsste Ihre Produktion, die sich in ihrer Vielfalt sehr gut sehen lassen kann, eigentlich laufen.“

In der ersten Hälfte der Neunziger warf Kellner umfangreiche Biografien über Sylvia Plath, William S. Burroughs, D.H. Lawrence, Jane Bowles und Samuel Beckett auf den Markt. Mit internationalen Autoren wie Nicholas Shakespeare, Raymond Federman, Mohamed Choukri, Ed Sanders, Allen Ginsberg, Paul Morand und Julien Green sowie einer Krimi-Reihe versuchte er, mehr Präsenz im deutschen Buchhandel zu erlangen.
In dieser Zeit war er ein relevanter Bestandteil der deutschen Kleinverlagsszene und sein Gemeinschaftsstand mit Norbert Wehrs Schreibheft eine Anlaufstation auf der Frankfurter Buchmesse für alle Literaturaficionados der „Nebenkultur“ (Fritz J. Raddatz).
Das Presseecho auf sein Programm war gut, die Verkaufszahlen aber nicht so, dass man davon ein gedeihliches Auskommen hätte haben können. Ende der Neunziger stellte der Kellner Verlag die Produktion ein und bestand Jahrzehnte nur noch auf dem Papier. Kellner konzentrierte sich jetzt auf das Übersetzen und nahm sich Autoren vor, die ihn ein Leben lang begleitet haben: Allen Ginsberg, Jack Kerouac, Diane di Prima, Neil Young, Nell Zink, 2009 wurde er für seine Neuübersetzung von Burroughs Naked Lunch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Wer allerdings einmal als Verleger Blut geleckt hat, trägt eine unstillbare Sehnsucht in sich. 2018 kam es zur Auferstehung des Kellner Verlags. Da erschien das erste Spatzen-Heft, der Anfang einer Lyrikreihe in kleiner Auflage und bibliophiler Ausstattung zu einem sensationell günstigen Preis. Kellners Passion für die Poesie findet hier ihren reinsten Ausdruck. Ein Forum für zeitgenössische Gedichte, ohne Schnickschnack und Brimborium, ganz dem Volksmund verpflichtet: Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach. Die Eleganz dieser gehefteten, 16 Seiten umfassenden Broschüren krönt Hokusais Sperling als Signet. Vorbilder für die Reihe waren die Announcements von Black Sparrow Press und die Bogen-Hefte des Hanser Verlags.

Den Anfang machte wieder Anna Rheinsberg. Sie ist die Grande Dame des Kellner Verlags. Schon während meiner Studentenzeit war ihr Name umrankt von einer Aura des Geheimnisvollen, eine Sphinx, die seit Jahrzehnten hoch oben an einem Hang in Marburg wohnt. Obwohl ich damals mit einem ihrer Liebhaber befreundet war, bekam ich sie eigentlich so gut wie nie zu Gesicht. Ein Partycatcher im Vorfeld war immer das Raunen: „Anna kommt wahrscheinlich auch.“ Singulär ist sie bis heute mit ihren ganz eigenwilligen Liebesgedichten. Auch in Vergissmein (Spatzen #1) gibt es Verse, die man so noch nicht gelesen hat: „Zurückkehren. Der Wunsch, du/ mögest ein Haus sein. Ein ärmelloses/ Sommerkleid. Der Polarkreis. Mögest/ Schlaf sein, mein Mann.“ oder „knietief, atemlos von unseren Küssen/ Eis + Mond im Nacken“ oder „Dein blondes Herz/ in meinem Schritt/ legst einen Schatten über mich“.
Und um den Verlagsanfang zu duplizieren, folgt auf Rheinsberg Peer Schröder. Der viel zu früh verstorbene Freund wird gleich mit zwei Spatzen-Heften protegiert. Eingeschweißter Himmelskörper (#2) ist ein Mix aus Dada-Gedichten und Haiku. #8 enthält einen Brief, in dem Schröder seine Erlebnisse mit Allen Ginsberg, Peter Orlovsky und Steven Taylor skizziert. Die drei Beats kamen im Dezember 1979 für eine Lesung nach Kassel, und Schröder hatte den Auftrag, sie in seinem VW Käfer vom Bahnhof abzuholen und ihnen eine Art Sightseeing-Rahmenprogramm anzubieten. Allen Ginsberg in Kassel – Ein Bericht ist gespickt mit kleinen erhellenden und entlarvenden Anekdoten über das Gebaren der Beats.
„Eine Ausnahmeerscheinung“ (Hadayatullah Hübsch) war die Künstlerin, Autorin und Aktionistin Hilka Nordhausen, die von 1976-1983 im Hamburger Karolinenviertel die unvergleichliche Buch Handlung Welt betrieb, „weniger eine Buchhandlung im klassischen Sinne, sondern ihr ganz persönliches Gesamtkunstwerk“ (Michael Kellner). Man fand dort in Regalen „Dada und Fluxus, Underground und Beatliteratur, Gegenkultur und Experiment, Autorenhefte und vielerlei Hektographiertes“ (Uwe M. Schneede) und auf einer riesigen freien Wand durfte sich ein ausgewählter Künstler im Monatsrhythmus austoben. Hilkas Laden „war die Anlaufstation von allen möglichen Leuten aus allen möglichen Szenen“ (Theo Köppen). Eine Reihe von Karrieren nahmen hier ihren Anfang, für Hannes Hatje war er „das Vorzimmer meiner Seele“.
„Ich war Organisatorin, Buchhändlerin, Buchhalterin und Brückenbauer, alles gleichzeitig“, sagt sie selbst in dem fulminanten Reader dagegen – dabei! Texte, Gespräche und Dokumente zu Strategien der Selbstorganisation seit 1969 (Hamburg 1998). Kellner hat der Buch Handlung Welt, diesem Kristallisationspunkt der Gegenbewegung, an dem er vier Jahre lang maßgeblich mitgearbeitet hat, und ihrer Initiatorin mit diesem Buch ein Denkmal gesetzt. Wer sich für die Anfänge der (Hamburger) Alternativkultur interessiert, für den ist es ein unverzichtbares Nachschlagewerk.

Folgerichtig ist auch Hilka Nordhausen unter den Spatzen-Autoren. #10 präsentiert nochmals ihre abgefahrenen Prosaexperimente Susie im Kongo – 2022 & Susie und der Zombie, die sie erstmals 1989 auf dem Frankfurter 60/90-Treffen vorstellte.
Die Wichtigkeit von Allen Ginsberg in Kellners Leben spiegelt auch Spatzen #16. Die ehemalige DDR-Aktivistin und heutige Künstlerin Gabriele Stötzer erzählt in diesem Heft von ihren Begegnungen mit Allen Ginsberg in Ost-Berlin (1983) und New York (1992). Man erfährt allerlei Wunderliches vom Beatheroen und bekommt einen winzigen Einblick in das große Fotoarchiv von Kellner, der seit Jahrzehnten auch fotografiert.
Der „Kassenschlager“ unter den Spatzen ist Autobiographie einer Bisswunde (#14) von Julia Mantel. Wenn ein Heft stark nachgefragt wird, weicht Kellner schon mal von der limitierten Auflage ab und druckt nach. Die Frankfurter Dichterin ist der lebende Beweis dafür, dass man es zu einer gewissen Berühmtheit bringen kann, wenn man Können und Stehvermögen hat und kontinuierlich die Werbetrommel in eigener Sache rührt.
Über all die Jahre versammelte Kellner, wie alle guten Verleger, einen kleinen Stamm von Schriftstellern um sich. Diese Hausautoren stellen das Gros der Spatzen. Neben den Genannten sind das im Weiteren Stefan Hyner mit seinen fernöstlichen, philosophisch angehauchten Gedichtmeditationen (#4), Sibylle Klefinghaus mit ihren poetischen Miniaturen (#5) und Theo Köppen mit seinen in Verse gestanzten Naturbeobachtungen (#12).
Es gibt eine lange Reihe von Verlegern, die auch geschrieben haben. Multitalent Kellner reiht sich hier als einer der jüngsten im 20. Jahrhundert ein. Den Dichter lernt man am besten kennen über Alles noch da (Spatzen #15). Diese minimale Auswahl aus seiner fast fünfzigjährigen Versproduktion stellt dem Leser einen reisefreudigen Minnesänger mit breiter Palette vor: Sonett, erotisches Liebesgedicht, Totengesang.
Das Risiko des betriebswirtschaftlichen Scheiterns ist bei den Spatzen überschaubar. In einem Land mit über 83 Millionen Einwohnern, von denen fast jeder Zugang zum Internet hat, sollte es doch 150 Menschen geben, die die Liebe zur Poesie mit diesem Hamburger Verleger teilen möchten. Leute, kauft die Spatzen-Hefte, auf dass der 1993 geäußerte Wunsch des damals fast hundertjährigen Julien Green in Erfüllung gehe: „… ich wünsche Michael Kellner … und seinem jungen Verlag, dass er eines Tages mein Alter erreiche.“
Erstellungsdatum: 27.09.2026