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Wolfgang Rüger über den Verleger und Autor Michael Kellner

Die Liebe zur Poesie

Wolfgang Rüger


Michael Kellner, Frankfurt 1988. Foto: Harald Schröder

Dass der Mensch nicht allein vom Brot lebt, sondern von jedem Wort, das zwischen zwei Buchdeckeln Platz findet, hat sich im „Big Business“ noch nicht herumgesprochen. Doch wo eine stetige Monopolisierung der kommerziell orientierten Kultur stattfindet, die statt des Ersehnten das Erwartete anbietet, wächst auch immer eine Gegenkultur, aus der etwa Verlagsneugründungen hervorgehen. Vor einem halben Jahrhundert begann so Michael Kellner, in Kassel Bücher der untergründigen Szene zu veröffentlichen. Wolfgang Rüger gratuliert dem Verleger.


Am Anfang jeder Verlagsgründung steht immer jugendliche Unbekümmertheit. Wir reden hier nicht von kapitalkräftigen Großverlegern, sondern von Enthusiasten, die einer fixen Idee folgen, die Außergewöhnliches vollbringen, das nur dauerhafte Liebe schafft. Vor ziemlich genau 50 Jahren gründete in Kassel ein junger Mann eine Literaturzeitschrift (Loose Blätter Sammlung) mit nichts mehr als Idealismus im Geldbeutel. Wenn man so will, war das die Geburtsstunde des späteren Michael Kellner Verlags, an dessen Anfang ein Gedichtband von Anna Rheinsberg stand. Marlene in den Gassen verkaufte sich innerhalb weniger Wochen über tausend Mal, das ermutigte den Jungverleger, sofort nachzulegen. Peer Schröders Wo ich aufhöre in den Gedichten ist der Himmel voraus fast klar dämpfte die Euphorie dann gewaltig. „Anspruch und Wirklichkeit, ein kleiner Auflagenerfolg und die ‚buchhändlerische Realität‘ – alles war bereits so, wie es im wahren Verlegerleben ist.“, erinnert er sich 15 Jahre später in seinem Gästebuch. Am Anfang jeden Unternehmens steht immer das Lehrgeld, das der unbedarfte Neuling zahlen muss.

Neben den Freunden aus dem Kasseler Umfeld sind von Anfang an Autoren aus der Szene der Beatliteratur dabei. Kellner infizierte sich in den Siebzigern bei Autoren wie Allen Ginsberg, Jack Kerouac und William S. Burroughs. Der Jazztrompeter Ted Joans, der mit den Beats befreundet war und auch Gedichte schrieb, war folgerichtig der Dritte im Erstlingsprogramm.

Was klitschenmäßig begann, wurde nach und nach ambitionierter. Der Verlag übersiedelte nach Hamburg, wechselte die Namen und die Rechtsformen. Co-Verleger, Geldgeber und Mäzene stiegen ein und aus. Mit dem legendären Helmut Salzinger gewann Kellner nicht nur einen verlässlichen Unterstützer, sondern auch einen lebenslangen Freund. Nach Salzingers Bruch mit dem etablierten Feuilleton trafen sie sich oft auf dessen Head Farm in Odisheim. Dort wurde der Falk produziert (eine Zeitschrift „für alles Mögliche“), das erste 60/90-Treffen organisiert und manch andere avantgardistische Idee ausgeheckt. 

Kellner, 1953 in Kassel geboren, ist ein intimer Kenner der Verlagsbranche und orientierte sich immer an grossen Vorbildern. Den Übervater aller Kleinverleger zum Beispiel, Kurt Wolff, ehrte er zum Hundertsten mit einer kleinen Festschrift. Wie sehr ihn der Kafka-Entdecker inspiriert hat, mag auch die von ihm mitherausgegebene Anthologie Kleines expressionistisches Geburtstagsbrevier (1987) verdeutlichen. In kurzen Essays werden hier die Protagonisten des literarischen Expressionismus vorgestellt, die Wolff in seiner berühmten Reihe „Der jüngste Tag“ erstveröffentlicht hat. Mit Heinrich Maria Ledig-Rowohlt führte er ein lesenswertes Interview über den „schönen Glanz“ des Anfangens und die Veränderungen im Verlegen von junger Literatur.

Für sein ehrgeiziges Programm gab es dann auch Lob selbst von gestandenen Verlegerkollegen. Heinrich Ellermann schrieb z.B. 1989: „Ein paar gute Rezensionen in den großen Blättern und ein paar Schlagzeilen, dann müsste Ihre Produktion, die sich in ihrer Vielfalt sehr gut sehen lassen kann, eigentlich laufen.“

Michael Kellner
Alles noch da
ISBN: 3-933444-65-9
Edition Michael Kellner

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Erstellungsdatum: 27.09.2026