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Erinnerung an den Denker der Wunschmaschinen

Die Sandale des Gilles Deleuze

Ruthard Stäblein


Gilles Deleuze als jüngerer Mann. Foto: wikimedia commons

Ob die „Mille Plateaux“, die in Frankreich 1980, in Deutschland 1992 erschienen, überhaupt gelesen wurden, ist ungewiss. Aber die Idee der Rhizomatik, die allen Ordnungsvorstellungen widersprach, elektrisierte das informierte Publikum, ebenso wie „Differenz und Wiederholung“ aus dem selben Jahr. Der Autor Gilles Deleuze, der solche weiterwirkenden Begriffe in die Welt setzte, wurde im Januar 1925 geboren und starb im November 1995. Ruthard Stäblein erinnert an den großen Philosophen.

 

„Das Volk wie die Wissenschaft scheint sich ein Bild vom Philosophen zu machen, das vom Platonismus geprägt wurde: ein Wesen, das ständig im Aufstieg begriffen ist. Es kommt aus der Höhle gekrochen, erhebt sich und wird immer reiner, je mehr es sich erhebt. Der vorsokratische Philosoph steigt nicht aus der Höhle, er findet im Gegenteil, daß man noch nicht weit genug in sie vorgedrungen, ja in ihr versunken ist. Den Flügeln der platonischen Seele steht die Sandale des Empedokles gegenüber, die beweist, daß er von dieser Erde ist, unter die Erde will, ein Autochthoner, ein Eingeborener ist.“

Das schrieb Gilles Deleuze 1969 in eines seiner Hauptwerke, in die „Logik des Sinns“ (1). Der Vorsokratiker Empedokles hatte sich in den Vulkan des Ätna gestürzt, aber als letztes Zeichen seines Hierseins eine Sandale am Kraterrand zurückgelassen. Deleuze wertete die Anekdote des Lebens, und nicht nur diese, als Aphorismus des Denkens, als Signatur und Stilfigur.

Am 4. November 1995 hat sich der 70 jährige Philosoph aus dem Fenster seiner Wohnung in der avenue Niel in die Pariser Straßenschlucht gestürzt. Schon lange war er krank, er hatte ein Lungenleiden, konnte sich kaum noch fortbewegen. Deleuze hat den Freitod gewählt wie ein antiker, stoischer Philosoph. Er setzte einen letzten Aphorismus unter ein philosophisches Leben, das immer in die Tiefe ging, aber nicht im deutschen Sinn der Metaphysik, des Hintersinns, der erhabenen, gewichtigen Bedeutung und Systematik, sondern im wörtlichen Sinn. Einer seiner schönsten Essays, den er zusammen mit seinem Freund Félix Guattari geschrieben hat, dreht sich um das Werk von Franz Kafka. Er trägt den politisch engagierten Untertitel „Pour une littérature mineure“, „Für eine kleine Literatur“. Er erzählt von Franz K., der sich klein macht, kaum wahrgenommen wird, wie ein Schatten vorbeihuscht. Von Gregor Samsa, der völlig verschwindet, sich in ein Tier verwandelt. „Ein Schriftsteller ist kein Schriftsteller-Mensch, er ist ein politischer Mensch, eine Mensch-Maschine, er ist ein experimenteller Mensch (der durch seinen Stil aufhört, Mensch zu sein, um Affe zu werden, oder eine Käferart, oder ein Hund, oder eine Maus).“ (2)

Es handelt sich bei Kafka nicht nur um die Verwandlung in mindere Wesen, sondern auch um die Literatur einer Minderheit; Franz Kafka, der tschechische Jude, der auf Deutsch schreibt. Gilles Deleuze interessierte sich immer für die Minderheiten, die keine feste Identität besitzen, in kein System passen, sich nicht vereinnahmen lassen. Der Mai 1968 war die große Stunde des Philosophen. An der „Volksuniversität von Vincennes schwärmte er für die outcasts der Gesellschaft, für die Marginalisierten und die Verrückten, die „Schizos“. Mit seinem Freund Michel Foucault gründete er Gefangenenkomitees, mit dem Psychiater Félix Guattari begründete er eine Art Anti-Psychoanalyse, schrieb er seine beiden anarchischen Bücher, den Anti-Ödipus und die „Mille plateaux“. Er wollte das Perverse und Abnorme nicht weganalysieren, sondern freilegen, die Wünsche, das Unbewußte der sogenannten Kranken ernst und wörtlich nehmen. „Das atmet, das heizt ein, das ißt, das scheißt, das vögelt. Welch ein Irrtum der Analytiker, das Es ausgesprochen zu haben. Das sind überall Maschinen, nicht im metaphorischen Sinn. Wunschmaschinen.“ (3) Das Wandern des Schizophrenen ist ein besseres Modell als der Neurotiker, der auf dem Divan liegt. Deleuze und Guattari bewegen sich auf den Spuren von Büchners Lenz, der in den Vogesen, „in den Bergen, unter dem Schnee (!), mit anderen Göttern oder keinem Gott, ohne Familie, ohne Vater und Mutter, mit der Natur“ umherirrt.

Deleuze/Guattari prägten des Bild des Nomaden, nicht des Single, sondern des rebellischen Einzelgängers, der keine Heimat hat, noch sucht. Und einen anderen Slogan jener Zeit: „Deterritorialisation“. Nicht einmal die Urheber konnten dieses Wort aussprechen. Es bedeutet soviel wie alles, was nicht zu einem festen Territorium gehört, sich nicht in ein Staatsgebiet und auch keine Identität einsperren läßt. Das Nicht-Identische, die Differenz, die „kleinen Unterschiede“, das war das Salz in der Suppe auch seiner Zeitgenossen Michel Foucault und Jacques Derrida. Aber Deleuze suchte es auf eine andere Weise, sowohl klassischer als auch unkonventioneller als die sonstigen Pariser Meisterdenker aus der deutschen Schule des Friedrich Nietzsche. Deleuze ging nicht den Königsweg über die Eliteschule der „Ecole normale supérieure“, sondern den universitären Weg der Sorbonne. Er machte früh seine „agrégation“, seine Staatsprüfung, und lieferte dicke Schinken ab über die Klassiker der Philosophie, über Kant, Hume, Bergson, Spinoza, und dann sein Meisterwerk über Friedrich Nietzsche. Das führte zur akademischen Karriere, zuerst als Assistent an der Sorbonne, dann als Professor in Lyon, schließlich in Paris an die 68er Reform-Uni von Vincennes und Saint-Denis.

Schon früh widmete sich Deleuze der literarischen Sprache, aber weniger als Strukturalist, der formale Gesetze und Gegensätze aufstellt, wie die anderen, sondern als genauer Beobachter von Oberflächen, Falten, Geflechten und Differenzen, „Rhizomen“, die in die Tiefe reichen. In Marcel Prousts „Recherche“ erkannte er die Rosette einer Kathedrale und gleichzeitig ein Spinnengewebe. In Kafkas Figuren fand er den „mineur“, den Bergarbeiter, der er selbst war. Und das Verb dazu, miner, heißt ja auch untergraben, unterhöhlen.

Schon vom Aussehen gab Gilles Deleuze das Bild eines Maulwurfs, der seine Gedankengänge in die Berge der Kunst und Philosophie treibt. Ein Unter-Wanderer. Wenn er im Seminar an der „université de Saint-Denis“ sich präsentierte, war er alles andere als ein Medienstar. Er konnte nicht so glasklar und messerscharf und unterkühlt agitieren wie sein Freund Michel Foucault am Collège de France. Deleuze saß zusammengekauert auf seinem Stuhl, verbarg seine überlangen, krummen, spitzen, vergilbten Fingernägel in der Jackentasche und flüsterte fast nur. Wie abwesend meditierte er über das Kino von Kurosawa oder das Figurale, das entstellte Gesicht bei seinem Malerfreund Francis Bacon. Wenn er einmal eine Ader entdeckte, folgte er ihr bis zur Evidenz. Die wichtigste Idee seines Lebens hatten vor ihm schon Friedrich Nietzsche und die griechischen Vorsokratiker gedacht. Nämlich, alles war schon einmal dagewesen, ist nur die Wiederkehr des Immergleichen. Aber das Gleiche ist nicht das Selbe. Deleuze schrieb, nur um das zu unterscheiden, eines seiner dicksten und besten Bücher: „Differenz und Wiederholung“ (5) Aber er hatte auch außerhalb der Philosophie den Blick für die Besonderheit des anderen. Nur ein Beispiel: Gerne wird in der Volksweisheit, aber auch in der Schulanalyse der Masochist mit dem Sadisten zusammengebracht. Beide könnten sich doch blendend miteinander verstehen. Nur Gilles Deleuze bestand auf der Unvereinbarkeit der beiden Lebensformen. Der Sadist, bzw. der aufklärerische Marquis, orientiert sich am Vater, an der Gewalt und am Gesetz der gebieterischen Natur des Stärkeren. Der Masochist, bzw. Leopold von Sacher-Masoch mit seiner Frau im Venuspelz, dagegen sucht die Mutter und die verständnisvolle Natur des Schwächeren. De Sade und Sacher-Masoch kommen von zwei verschiedenen Sternen.(6)

Gilles Deleuze war empfänglich für die Differenz, für den Faltenwurf des Besonderen, für die tausendfache Verzweigung von Rhizomen, also Wurzelwerken, unter der Erde. Sein Weg führte ihn hinab. Gilles Deleuze war ein Erdgeborener, ein Philosoph der Spekulation, d.h. der Höhlenforschung, er war ein autochthoner Denker, er trug die Sandale des Empedokles.

 

 

 

(1)Vgl. auch die deutsche Fassung von Gilles Deleuze‘ „Logik des Sinns“. 18. Serie der Paradoxa. Von den drei Philosophenbildern. Deutsche Übersetzung von Bernhard Dieckmann. edition suhrkamp, Frankfurt am Main 1993, S. 162f
(2)Gilles Deleuze, Félix Guattari: Kafka. Pour une littérature mineure. Editions de Minuit, Paris 1975, S. 15
(3)Gilles Deleuze/ Félix Guattari: L’Anti-Œdipe. Capitalisme et schizophrénie. Nouvelle édition augmentée. Editions de Minuit, Paris 1975, S. 7
(4)Daselbst
(5) Aus dem Französischen von Joseph Vogl. Wilhelm Fink Verlag, München 1994
(6) Gilles Deleuze, Présentation de Sacher-Masoch. Editions de Minuit, Paris 1967

 

 

Erstellungsdatum: 24.02.2025