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Weil der Mensch sich aus genetischem Erbe, Imitation, Anpassung, Erkenntnis, Verletzung und Enttäuschung zusammensetzt, gestaltet sich die Suche nach dem Ich zuweilen schwierig. Und es ist ein Unterschied, ob der Mensch ohnehin ein anderer ist oder ob er ständig ein anderer sein will. Arthur Rimbaud und Jens Spahn – diese Verbindung fällt einem nicht gleich ein. Matthias Buth sieht bei beiden die Ich-Verlorenheit, auf die jeder Mensch zurückblicken kann, wenn er sich gefunden und gefangen hat.
„Durch die blauen Abende des Sommers werde ich gehen,
in den von Korn stechenden Wegen das zarte Gras zertreten.
Ich Träumer.“
Dies sind Wünsche eines Verlorenen, eines Menschen, der die Grenzen, die ihm das Menschsein, die Sprache und die Gesetze der Natur setzen, überwinden wollte. Ein Träumer, deshalb uns allen so nah. Er kam aus Frankreich, ein Dichtergenie: Es sind Zeilen von Arthur Rimbaud. 1881 starb er mit 37 Jahren, sein letztes Gedicht schrieb er mit 19. Doch er bleibt gegenwärtig durch seine Poesie.
Im Herbst 1873 erschien Rimbauds Prosaband „Eine Zeit in der Hölle“. Das letzte Kapitel ist ein Bekenntnis und heißt „Adieu“.
„Ich! Ich, der sich Magier oder Engel genannt hat, losgesagt von jeder Moral, ich bin der Erde zurückgegeben, eine Pflicht zu suchen und die raue Wirklichkeit zu umarmen.“
„Ich ist ein anderer“. Das ist die Lebensformel von Rimbaud in seinen „Seherbriefen“, die eingeschrieben ist in die Geschichte der europäischen Literatur. Und deshalb unvergessen.
„Ich sage, man muss Seher sein, sich zum Seher machen. Der Dichter macht sich zum Seher durch eine lange, ungeheure und wohlüberlegte Entregelung aller Sinne. Alle Formen der Liebe, der Leiden, des Wahnsinns; er sucht selber, er erschöpft in sich alle Gifte, um nur deren Quintessenzen zu bewahren.“
Das war seine Poetologie, sein Lebensprogramm, wie er 1871 in einen Brief dokumentierte. Konventionen, Recht und Gesetz, gar Moral und Anstand – alles Schall und Rauch. Sich selbst auf die Spur kommen, sich selbst sein in einem andern. Sich verwandeln. Das war es. Sein alter Ego war der Dichterkollege Verlaine, sein Geliebter. Und auch nicht gänzlich, ihm auch nicht ausreichend. Verlaine schoss auf ihn. So wie er – Rimbaud – Schüsse und Schreie evozierte im berühmten Gedicht „Das trunkene Schiff“:
„Als ich mich schleppte durch die unbewegten Flüsse
war ich die Mannschaft los und allein.
Kopfjäger hatten sie zum Ziel ihrer Schüsse nackend an Pfähle genagelt
mit entsetzlichem Schreien.“
Jens Spahn ist ein einfacher Typ, kein Dichter, Philosoph oder großer Denker. Ein Volksvertreter, also genauso mittelmäßig und bourgeois wie wir, das Volk. Ein Aufsteiger aus dem Münsterland. Und mit zweiten Namen heißt er „Georg“; so wurde er 1960 getauft. Abitur machte er 1999 am Bischöflichen Canisius-Gymnasium. Messdiener war er gerne. Dann Banklehre bei der West LB, die er 2001 an der IHK als Bankkaufmann abschloss. Schon 2002 rückte er in den Bundestag ein, nicht in die Bundeswehr, denn er war „wehruntauglich“. Also machte er auch keinen Wehrersatzdienst. Volksvertreter ohne akademischen Abschluss, das wurmte ihn (wie 2025 Ricarda Lang von Bündnis 90/Die Grünen). Also Fernstudium an der Fernuniversität Hagen mit Bachelor- und 2017 Master-Abschluss in – Politische Wissenschaft.
Nur einmal hat er sich öffentlich zum dem geäußert, was sein inneres Leben, nicht das politische, bestimmt. Das Schwulsein. Das war im Magazin DER SPIEGEL im Jahre 2012. Er definiere sich als Politiker nicht über das Schwulsein und mache demnach „keine schwule Klientelpolitik“, sondern wolle „als Gesundheitsexperte die Probleme unserer Zeit lösen“. Er sei auch nicht „queer“.
Sein Leben als Bundespolitiker in der CDUCSU-Fraktion, als Parlamentarischer Staatssekretär bei Bundesfinanzminister Schäuble, der sein Talent erkannte, als Bundesgesundheitsminister und in verschiedenen pro-politischen Zirkeln und Verbänden ist bekannt, im Fokus ist nun sein Wirken als Fraktionsvorsitzender der größten regierungstragenden Fraktion im Deutschen Bundestag und was seinen Sturz auslöste am 18. Juli.
Am 15. Juli 2026 machten Spahn und sein Ehemann Daniel Funke öffentlich, dass sie nun Familie seien, dass der Sohn Georg in den Vereinigten Staaten zur Welt gekommen sei durch eine Frau, die den Samen seines Ehemannes Daniel aufgenommen und so das Kind in den USA geboren habe. Das Bild der Drei, Spahn mit Kinderwagen, ging in die Medien.
Und doch wird Spahn von Rimbaud gespiegelt,
„Durch die blauen Abende des Sommers werde ich gehen,
in den von Korn stechenden Wegen das zarte Gras zertreten.
Ich Träumer.“
Diesen Satz wird er nicht kennen und doch nehmen diese Verse ihn auf. Er ist ein verbohrter Ich-Besessener, ein Träumer, der seine Vorstellung von Glück und Selbstoptimierung zum alles entscheidenden Maßstab gemacht hat – und weiterhin machen wird. Er hängt seinen Projektionen nach, ohne zu erkennen, dass er im eigenen Ich gefangen bleiben wird. Dass er eben nicht in ein anderes Ich wechseln kann. Das können nur Dichter und dies auch nur in Gedichten. Der zweite Name von Spahn ist Georg. Und so heiß nun sein Sohn. Er hatte mit seinem Männer-Ehemann, rechtlich nunmehr gleichgestellt mit heterosexuellen Eheleuten, bestimmt, dass nicht er, sondern sein Lebenspartner Daniel die Samenspende einbringt. Diese wurde einer unbekannten Frau in den USA eingenistet und führte so zur Schwangerschaft. Spahn ist also gesetzlicher, nicht biologischer Vater, eigentlich die Mutterseite dieser Männer-Ehe. Und das alles führt nun zum Familienglück – vorbei an der bundesdeutschen Rechtslage unter Ausbeutung von Kontakten (vornehmlich im MAGA-Lager, dem sich Spahn nahe sieht) und bei reichlichen Finanzmitteln, über die diese Eheleute verfügen. In welches Ich will Spahn wechseln und welches alter Ego sehen in ihm die brillanten Politiker wie Kanzler Merz und Ministerin Hubig, die als Bundesjustizministerin erst recht die Rechtslage kennt. Beflissen haben beide erst persönlich gratuliert und dann Kübel ausgeschüttet, als die Empörungswelle wuchs und die Sache politisch heiß wurde. Im BILD-Podcast spricht Spahn wortreich von der Zerrissenheit, die ihn bestimmt habe, trotz CDU-Parteitagsbeschluss, der diese Art der Instrumentalisierung einer Frau wortreich verbot. Er wollt eben nur sein Glück – über alles in der Welt. Sehr deutsch. Spahn wollte und will nun eine Mutterrolle übernehmen. Er wird aber nie eine Mutter sein. Und sein Sohn Georg wird seine leiblichen Mutter – vertragsgemäß – nie kennenlernen.
Hat der Glücksucher Spahn an die Fragen gedacht, die ihm sein Sohn mal stellen wird? Kann er die Verachtung aushalten, die ihm möglicherweise entgegengeschleudert werden wird von einem jungen Mann, der sein inneres Ich suchen will und nicht finden kann? Eine „Zeit in der Hölle“ könnte ihm bevorstehen, Spahn und Sohn. Und der Sohn ist qua Geburtsort US-Amerikaner. Wie wird er damit klarkommen, wo doch Spahn auf konservativ macht und deutsche Nation ihm kein Fremdwort ist? In welcher Armee wird Georg Spahn den Fahneneid leisten wollen, auf was, auf welchen Staat und welches Recht?
„Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist vom Himmel mir beschieden,
Daß du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst dich liebend über mich,
mein guter Geist, mein beßres Ich!“
Das sind die Schlusszeilen des so überaus anrührenden Gedichtes von Friedrich Rückert, genial vertont von Robert Schumann, der damit seine Clara ins Lied setzt und sein Ich übergehen lässt in jenes der geliebten Frau.
Das ist nicht Rimbaud, aber Sinnbild für etwas, was es immer noch gibt, deutsche Innerlichkeit aus romantischer und so menschlicher Sehnsucht. Ich weiß nicht, ob solche Himmelsmusik in Wort und Klang für alle Ich-Sucher erreichbar bleibt. Recht und Gesetz und alle ungeschriebenen Konventionen, welche die Humanitas steuern, geben kulturgeschichtliche Fassungen. Wer sie ignoriert, wird einsam und produziert Einsamkeiten – für andere.
Erstellungsdatum: 22.07.2026