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Martin Lüdke über Eugene O’Neill und Bonn Park im Schauspiel Frankfurt

Was will das Theater? Was wollen wir vom Theater? Stets und immer neu: zwei Fragen; und glücklicherweise immer zwei Antworten. In Frankfurt kam der O’Neill-Klassiker „Des langen Tages Reise in die Nacht“ zur Aufführung und im Kammerspiel „Deutschlandherz“ von Bonn Park. Martin Lüdke hat beide Stücke gesehen und kommt zu der Erkenntnis, dass das aktuelle das klassische ist, das neue aber kaum mehr als Ansichtssache. Wie auch immer, das Publikum sucht die ernsthafte künstlerische Auseinandersetzung mit den Zumutungen der Gegenwart.
Eugene O’Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Das große Drama einer kleinen Familie
Mit nur vierundzwanzig Jahren, 1912, erkrankte Eugene O’Neill an Tuberkulose. Im Sanatorium beginnt er zu schreiben und hat bald schon seine ersten Erfolge. 1953 starb der Nobelpreisträger (von 1936) an dieser Krankheit. Als der Autor, an seinem zwölften Hochzeitstag, am 22. Juli 1941, das Originalmanuskript dieses Stücks seiner Frau schenkte, als „Anerkennung“, auch als „Feier dieses Glückstages“, da konnte er davon ausgehen, dass sie erkennen wird, was da gespielt wird. O’Neill verfügte, dass erst zwanzig Jahre nach seinem Tod Aufführungen erlaubt werden sollten. Carlotta O’Neill aber gab das Stück schon nach drei Jahren frei. 1956 wurde es uraufgeführt und direkt danach begann der Triumphzug um die ganze Welt. Hier geht es, Karl Kraus hat einst auf die Zweideutigkeit des Begriffs hingewiesen, um „Familienbande“.
Am Ende wird das kleine Ferienhaus der Familie Tyrone buchstäblich auf den Kopf gestellt. Buchstäblich – das heißt, das Haus dreht sich vertikal um die eigene Achse (eine beachtliche Leistung der Bühnentechnik, nebenbei gesagt!). Die Bücher fliegen aus den Regalen, das spärliche Mobiliar fliegt umher. Ein Trümmergelände bleibt. Und mitten darin diese Familie, um die sich hier alles dreht. Vater, Mutter, zwei Söhne. Der dritte Sohn, früh, als Kind, schon gestorben, spielt in der einen und in der anderen Hinsicht aber weiter eine wichtige Rolle. Der Vater, James Tyrone, ein bekannter Schauspieler, bisschen geizig, hat sein Talent zugunsten schneller Erfolge, wie er meint, verschleudert. James Jr., eher gezwungenermaßen auch Schauspieler geworden, vom Vater protegiert, lebt frustriert immer noch zu Hause und – trinkt, tagtäglich, ja mehr noch, säuft, so viel, so regelmäßig, dass ihm die Ärzte schon Jahre zuvor nur noch wenige Jahre prophezeit hatten, was er gerne triumphierend verkündet. Edmond Tyrone, der jüngere Sohn, eher ein Schöngeist, ist an Tuberkulose erkrankt und sieht einer ungewissen Zukunft entgegen. Und schließlich Mary, Frau des Schauspielers, Mutter der Kinder, ist nach dem Tod ihres Sohnes drogenabhängig, nämlich morphiumsüchtig geworden. Verschiedene Entziehungskuren sind erfolglos geblieben. Von der letzten dieser Versuche gerade erst zurück, ist sie bereits wieder rückfällig geworden. Heidi Ecks zieht diese scheue Unruhe beeindruckend durch. Immer leicht zittrig, übernervös, schwebt sie geradezu durch den Raum, flatternd von Kopf bis Fuß, aber immer auch scheinbare Ruhe markierend, verkündet stets: Ist doch alles in Ordnung. Während bei James Jr. gar nichts in Ordnung ist. Seine andauernden Wutausbrüche, oft völlig überraschend, wechseln ab mit sanftmütigen Passagen, in denen er den liebevoll, verständnisvollen Bruder gibt, um dann doch im gleichen Augenblick wieder herumzutoben.

Mit diesem Personal, das wirklich überzeugt, gilt es nun auszukommen. Viel Zeit steht auch nicht zur Verfügung. Denn alles spielt sich im Laufe eines Tages ab. O’Neill hat, technisch perfekt, ein dichtes Gewebe geschaffen, in dem Geschichte und Vorgeschichte, das vertrackte Beziehungsgeflecht, im Grunde Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft perfekt miteinander verknüpft sind.
Max Lindemann, der Regisseur, hat O’Neills Text gekürzt, ja sogar drastisch eingestrichen. Aber, so muss man einräumen, durch diese Reduktion auf den Kern dieses wahrhaften Dramas hat er es auch aktualisiert. Was sich da auf der Bühne abspielt, das könnte sich heute oder morgen in den Einfamilienhäuschen an Rande jeder Innenstadt genauso gut wieder ereignen. Solche Väter sind nicht selten; das hat sich jetzt zeitgleich in dem Film „Vaterland“ am Beispiel von Thomas Mann ebenso gezeigt. Der Kampf um Anerkennung (in der Hegelschen Fassung ist er ja sogar mit dem Tod konnotiert) hat die Zeiten überdauert. Und das gilt für Kinder gegenüber ihren Eltern. Und verstärkt noch für Kinder untereinander.
Am Ende des langen Tages stoßen die beiden Brüder wieder aufeinander. James, der Vater, scheint zu schlafen. Jamie, der ältere Bruder, kommt schon ziemlich beschickert nach Hause. Er trinkt noch weiter. Auch Edmund, egal wie schädlich es für ihn ist, will die Flasche haben.
Jamie: Glaubst wohl nicht, dass ich mir nicht echt Sorgen mache, was? (…)
Edmund: Klar weiß ich, dass du dir Sorgen machst (….)

Die beiden reden allerdings konsequent aneinander vorbei. Und auch das kommt in Lindemanns Inszenierung deutlich heraus: Von Mary abgesehen, die genug damit zu tun hat, ihre Suchtprobleme notdürftig zu verbergen, haben die drei Männer mit ihren komplementären Neurosen zu kämpfen. Jamie, der Versager und Säufer, ein auch feinfühliger Grobian (Christoph Bornmüller). Edmund (Miguel Klein Medina), der Feingeist und Kranke. James, der Vater (Uwe Zerwer), kehrt nicht den Schauspieler raus, den er verkörpert. Er präsentiert sehr überzeugend den geizigen Egozentriker, der seine Frau einst wirklich liebte, aber mehr noch den schnellen Erfolg.
Mag sein, dass diese Tyrones schon eine komische Familie sind. Aber so ungewöhnlich sind sie, als das Stück entstand, vor nicht einmal hundert Jahren, nicht gewesen. Und sie sind es auch heute nicht. O’Neills Stück ist schlicht aktuell geblieben, weil sich an den Grundstrukturen solcher Familien und deren Konfliktpotential gar nichts verändert hat.
Warum darum die Protagonisten von Anbeginn bis über weite Strecken des Abends in regelrechte Clowns-Kostüme gesteckt werden, Pluderhosen, unten zugebunden, Grundfarbe gelb mit kleinen dunklen Punkten, hohe Rüschenkragen, warum die Tyrones also lächerlich gemacht werden sollen, erschließt sich (mir) beim besten Willen nicht. Der komische Aufzug steht im direkten Gegensatz zu dem Drama, das sich hier abspielt. Wenn die beiden Brüder in einer Ecke hocken, lesen oder auch nur so tun, während ihre Eltern regelrecht um den heißen Brei herumtanzen, während also klar wird, dass sich das Drama zuspitzt, die Diagnose Tuberkulose für Edmund steht zu erwarten, fragt man sich: warum dieser zirkusartige Aufzug. Erst gegen Ende dieser großartig kondensierten Fassung, wenn Jamie und Edmund noch einmal richtig in den Clinch geraten, vor allem Jamie in einer eindrucksvollen Ambivalenz seine Zuneigung zu Edmund und zugleich seinen Neid auf ihn regelrecht herauskotzt, wird eindrucksvoll gezeigt, was Geschwister aneinanderkettet und wie diese Ketten sie zugleich voneinander trennen. Familienbande. Jana Fritzsche, die Dramaturgin des Stücks, hat dafür die schlüssige Formel gefunden: „Die Figuren treffen sich mit gegenseitigen Vorwürfen dort, wo sie am meisten verwundbar sind.“ Und, das ist das bittere Fazit: genau darin liegt die Aktualität dieser „langen Tages Reise in die Nacht“.
Nebenbei gesagt: An diesem Stück zeigt sich eindrucksvoll, dass man keine Erzählungen, Novellen oder Romane dürftig dramatisieren muss, um gutes, zeitgenössisches Theater zu präsentieren. Es reicht, zu gucken, was es gibt.

Um die Namen der Protagonisten wirklich komisch zu finden, dazu muss man schon sehr früh aufgestanden sein: Naömi, Waltor und Richord. Dass der Schaffner, der Vierte im Bunde, sozusagen zuglos unterwegs, nur auf dem Bahnhof umherschleicht, gelegentlich seine Aufgaben ernst nimmt, aber auch öfter aus der Rolle fällt und den Feldwebel beim simulierten Ernstfall im Manöver spielt, das darf man der Komödie gutschreiben, als die sich Bonn Parks Jammerspiel im Kammerspiel durchaus gewollt maskiert. Der Schwund an Personal ist beträchtlich, am Ende sind 75% aller Darsteller tot. Das Ganze dauert 80 Minuten und das ist auch gut.
Es geht los in einer Art Wartehalle, Sitzbank, Schließfächer. Eine kleine Warnbarke, mit der Baustellen markiert werden, steht die ganze Zeit mitten in dem düsteren Raum. Daneben ein Eimer. „Scherben statt Fenstern, Schmutz statt Hygiene, der Geruch von Urin statt dem Duft der Stabilität“. Alles grau. Mausgrau. Oder sogar schwarz. Bis auf das breite rot-weiße Absperrungsband, das um ein seltsames Gebilde hinter der Wartebank geschlungen ist, keine Farbe, nirgendwo. Trostlos. Das Bühnenbild von Sina Manthey passt besser noch als die Faust aufs Auge zu dem folgenden Geschehen.
So geht es also los. Und so geht es weiter, bis zum ebenfalls trostlos tragischen Ende.
Nach und nach kommen die Protagonisten angestolpert, auf dem Weg – raus. Raus aus Deutschland, auf den letzten Drücker, mit dem letzten Zug, der, wie sie glauben, noch abfahren wird. Endzeitstimmung, wie sie einst einmal, allerdings unvergleichlich, von Beckett auf die Bühne gebracht worden ist, nur jetzt: weitaus, ja, trostloser. Hängen bleibt jedenfalls die vergebliche Suche von, ich glaube Waltor, der über den ganzen Bahnhof hin versuchte, die fehlenden 30 Cent aufzutreiben, um auf die Toilette gehen zu können. Vergeblich, allerdings mit den daraus resultierenden Folgen. Ansonsten bekommen beiden Männer, Waltor und Richord, wenig Möglichkeiten, an Kontur und Statur zu gewinnen. Warum die beiden überhaupt wegwollen aus Deutschland, bleibt unklar. Und am Ende wollen sie dann auch gar nicht mehr weg. Warum, das bleibt ebenfalls unklar.

Nur Naömi, eine, wie sie unmissverständlich klarstellt, Deutsche, aber, sichtbar an ihrer Hautfarbe, mit Migrationshintergrund, sie ist anders, nämlich farbig. Warum sie weg will, darf (ich fürchte sogar: das soll) man sich denken. Fragt sich nur, wo sie hin will. Bei unseren europäischen Nachbarn sind zumal farbige Immigranten nicht überall willkommen. Hier lautet jedenfalls die Devise: Hauptsache weg. Und die Motivlage wird immerhin angedeutet.
Die Klischees dazu werden einzeln abgerufen:
Richord: Wenn ich Wagner höre
Waltor: denke ich an Antisemiten.
Richord: Sehe ich Öngelina Jolü:
Naömi: Denke ich an Brustkrebs
Richord: Höre ich Rammstein
Waltor: Dann denke ich an Missbrauch.
Dieser Bericht zur Lage der Nation kommt über die Registratur nicht hinaus. Es gibt keine Entwicklung. Nirgends. Der Zustand der Bahn soll offenbar für den Zustand des Landes stehen. Nur bleibt es bei der Behauptung, die dann auch noch oft genug wiederholt wird:
Richord:
Maroder ist nur die deutsche Eisenbahn. Wenn ich eine Eisenbahn sehe, dann kann ich einfach nicht mehr. Dann kann ich einfach wirklich nicht mehr. Das ist das Allerschlimmste. Es gibt nichts Schlimmeres, als die deutsche Eisenbahn.“

Es mag sein, dass sich Bonn Park hier an den Tiraden von Thomas Bernhard orientieren wollte. Nur wo Bernhard eine Stufenleiter benutzte, bleibt Park bei der planen Aufzählung stehen. Dadurch entsteht keine Spannung, dafür Ermüdung. Wie es überhaupt keine wirkliche Entwicklung gibt. Nur Behauptung.
Doch ein Fortschritt lässt sich zweifellos verzeichnen: die Ausbreitung des Schimmels. Je mehr Zeit vergeht, desto stärker breitet sich der Schimmel aus. Der Schaffner ist schließlich von Kopf bis zu den Füßen völlig verschimmelt. Die beiden Männer sehen nicht viel besser aus. Aber so richtig stört sich keiner daran.
Plötzlich klingelt das Telefon. Ein altes Gerät, noch mit Wählscheibe, das in dem Schließfach stand, in dem Naömi auch ihren Koffer verstaut hatte. Sie nimmt den Hörer ab und spricht mit, wie es so hübsch heißt, der „Königin von Deutschland“. Diese Dame erzählt von dem Zug, in dem sie bereits sitzen würde und der auch Naömi aus Deutschland heraus befördern könne. Leider funken da kräftige Störgeräusche dazwischen, wenn es um die konkreten Angaben, Gleis, Zeit etc. geht. Und bald bricht die Verbindung völlig ab. Dafür hat Naömi plötzlich ein scharfes Messer in der Hand. Was dazu führt, dass neben dem Jungen, der bereits am Anfang einmal durch das Bild laufen durfte und außer Naömi keiner der Beteiligten das Drama überlebt.
Es sind, so viel ist klar, keine dankbaren Rollen, die der Autor und Regisseur Bonn Park seinen Darstellern anzubieten hat. Dazu ist der Stoff zu dünn und zu löchrig. Um so bewundernswerter, was die Beteiligten daraus machen. Bis auf Andreas Vögler, der mit dem Schaffner die schlechteste Karte gezogen. Und trotzdem sein Bestes gibt. Er soll ebenso autoritär sein wie ein Spieß beim Militär und gleichsam so freundlich, wie es die Bundesbahn von ihrem Personal erwartet. Naömis beide Kumpane eiern sehr ordentlich herum. Präsentieren Meinungen, verkünden Ansichten, die man früher einmal wohlfeil nannte. Das kommt erstaunlich gut an. Sehr freundlicher Beifall, von einem zu guten Teilen ziemlich jungen Publikum. Und das wiederum macht Hoffnung.
Siehe auch: Martin Lüdke über die Eröffnung der neuen Spielzeit im Schauspiel Frankfurt

Miguel Klein Medina. Foto: Arno Declair
Eines langen Tages Reise in die Nacht
von Eugene O‘Neill
Aus dem Englischen von Michael Walter
Regie: Max Lindemann
Bühne: Signe Raunkjær-Holm
Kostüme: Cédric Mpaka
Licht: Jan Walther
Dramaturgie: Jana Fritzsche
Mary Tyrone: Heidi Ecks
James Tyrone: Uwe Zerwer
James Tyrone Jr.: Christoph Bornmüller
Edmund Tyrone: Miguel Klein Medina

Rokhi Müller. Foto: Robert Schittko
Deutschlandherz
von Bonn Park
Regie: Bonn Park
Bühne und Kostüme: Sina Manthey
Musik: Ben Roessler
Dramaturgie: Katja Herlemann
Darsteller:
Steffen Link
Rokhi Müller
Mitja Over
Andreas Vögler
Ayman Ben Magahed
Erstellungsdatum: 06.10.2026