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Wolfgang Rügers Nachruf auf seinen Freund, den Autor Hans Herbst

Ein Leben zwischen Hamburg, München, Brasilien, Kuba und den Bars dieser Welt: Hans Herbst war Schriftsteller, Globetrotter und Chronist der Außenseiter. Sein literarisches Werk blieb einem größeren Publikum weitgehend verborgen. In seinem Nachruf erinnert sich Wolfgang Rüger an einen eigenwilligen Autor und außergewöhnlichen Freund, dessen Geschichten von Freiheit, Freundschaft, Mut und Menschlichkeit erzählen.
Das Schreckliche ist eingetreten: ein Freund stirbt, und ich erfahre es erst ein halbes Jahr später. Er hätte heute am 22.9. 2026 seinen 85. Geburtstag gefeiert.
Kennengelernt habe ich Hans Herbst im Oktober 1984 in Marburg. Ich hatte ihn zu einer Lesung eingeladen. Er kam mit dem Zug, schleppte mich die Stunden vor und nach der Lesung und auch anderntags – ohne gefrühstückt zu haben – bis zur Abfahrt am Nachmittag von einer langweiligen Kneipe zur anderen. Für einen schlechten Trinker wie mich war das eine Parforcetour am Rande des Kollapses, aber der Beginn einer Freundschaft, auf die ich stolz bin. Ich mochte diesen Kerl, der selbst in seinen schlechten Tagen besser aussah wie Hemingway in seinen besten von Anfang an. Meine Intuition sagte mir, dass ich diesem Mannsbild bedingungslos vertrauen und glauben kann. Hans Herbst gehörte zu dieser aussterbenden Spezies Mann, bei dem ein Versprechen noch etwas gilt, dessen Wort noch Wert hat, bei dem man sich glücklich schätzt, wenn man ihn zum Freund gewinnt. Und dass er ein großartiger Schriftsteller ist, wusste ich schon vor unserer ersten Begegnung.
Geboren wurde er 1941 in Hamburg-St. Pauli als Sohn eines Seemannes. Nach Volksschule und Autoschlosserlehre trampte er kreuz und quer durch Europa. Ein Jahr lang lebte er in Paris. Er hat, „aber nur, wenn unbedingt nötig“, unter anderem als Kellner, Kranführer, Hafenarbeiter, Bauhilfsarbeiter, Anstreicher und Filmbeleuchter gearbeitet. Er hat längere Reisen durch Mexiko, die Karibik, Nordamerika und Brasilien (Bahia war seine große Sehnsucht) gemacht. Er sprach neben Deutsch und Hamburger Platt „so gut Englisch, so gut Französisch, so gut Portugiesisch und so gut Spanisch wie jeder Tourist es kann“. Jeder, der ihn kannte, wusste, dass das eine schamlose Untertreibung war. Bescheidenheit war bei ihm keine Allüre, sondern eine Zier.
Als seine gute Stube, die berühmte „Palette“, ihre Pforten schloss, war das für ihn Grund genug, Hamburg zu verlassen. Er ist nach München umgesiedelt, hat dort den Barkeeper Charles Schumann kennengelernt und in dessen American Bar „Schumann’s“ später für Jahre eine neue Heimat gefunden. Die Freundschaft zwischen Charles und Hans hat Ausdruck gefunden in einer kleinen Messingplatte mit seinem eingravierten Namen am Ende der Bar. Am Spätnachmittag, wenn die Bar noch eine Oase der Ruhe ist, konnte man auf diesem Platz Hans Herbst treffen. Ausgerüstet mit Papier und Kugelschreiber, ein Glas irischen Whiskeys vor sich, Lieblingsmarke Power & Son, eine Pfeife oder filterlose Camel rauchend, hat er hier geschrieben.
Wie viele herausragende Autoren hat auch Herbst erst gelebt, Erfahrungen gesammelt, sich die Welt angeschaut und dann angefangen zu publizieren. 1979 erschienen seine ersten Reportagen in Zeitschriften. 1981 veröffentlichte der Übersetzer Günter Ohnemus in seinem Kleinverlag Herbsts ersten Erzählband „Der Cadillac ist immer noch endlos lang und olivgrün“. 1984 folgte „Siesta“ (Knaus), 1986 sein bisher einziger Roman „Mendoza“ (Knaus), 1987 die Reportagensammlung „Männersachen“ (Goldmann), 1988 das Romanfragment „Ein Sohn Ogums“ (Paria), dem folgten in längeren Abständen die Storybände „Gringo & andere Geschichten“ (Maro, 1992), „Zwischen den Zeilen“ (Eisenstecken, 1997), „Cuba linda“ (Abera, 2002) und „Stille und Tod“ (Maro, 2004).
Ihrem literarischen Rang angemessen wahrgenommen wurde keines dieser Bücher. Zum einen lag’s vielleicht an den Sujets: sein unaufdringlicher Politthriller „Mendoza“, der das Schicksal eines jungen chilenischen Exilanten erzählt, der aus Versehen das chilenische Folterzentrum Colonia Dignidad lebend verlassen und nach Frankreich flüchten kann, erschien zum Beispiel zu einer Zeit, als die Colonia gerade mal nicht Tagesthema war. Zum anderen sicher daran, dass es hierzulande immer noch ein Manko ist, die Amis auf ihrem ureigenen Terrain, der Short Story, zu schlagen.

Die Inhalte von Herbsts Geschichten bewegen nicht die Welt, aber man kann, wenn man will, in ihnen eine Menge über die Welt und die Menschheit erfahren. Was passiert zum Beispiel, wenn ein Conga-Spieler alt wird und die Gicht seine Finger frisst? Wie fühlt sich ein Weißer, der auf einer gottverlassenen, brasilianischen Landstraße in die Mündung einer 38er Rossi blickt? Warum sind Männer, die eine Lederjacke aus Schlangenhaut tragen, in manchen Landstrichen automatisch verdächtig? Wieso versammeln sich zu einer bestimmten Stunde Tausende von Vögeln auf den Stromleitungen Acapulcos? Welche Folgen kann es haben, wenn man als junger Heißsporn gegen die heiligen Tempel des Großkapitals pisst?
Das Ambiente seiner Geschichten, oftmals Bars, Großstädte und südliche Landstriche, kannte Herbst ganz genau. Seine Helden sind meist einsam und leben am Rande der bürgerlichen Legalität. Sie sind kleine Gangster, Desperados, Tramps, Einzelgänger, Barhocker, Musiker, die keine großen Worte machen, selten die Fassung verlieren, wenn sie vor existenziellen Entscheidungen stehen, nach einem eigenen Ehrenkodex handeln und genau wissen, wann ihre Uhr abgelaufen ist.
Beim Lesen dieser Geschichten ist man ganz weit weg, aber immer mitten drin. Die Handlungsorte werden in knapper, doch präziser Sprache skizziert. Herbst gehörte zu der raren Sorte von Autoren, die die Kunst der einfachen Sprache, die so schwer herzustellen ist, beherrschen, und die Bilder finden, die sofort einen ganzen Film im Kopf des Lesers ablaufen lassen. Er verstand es meisterhaft, seinen Leser in Bann zu ziehen, ganz leise und sanft eine Spannung aufzubauen, um sie schließlich in Pointen von solch abenteuerlicher Kühnheit enden zu lassen, dass selbst Suspensekönig Hitchcock seine Freude daran gehabt hätte.
Ein Grundthema aller Herbst-Bücher ist das Gewinnen und Verlieren, das Ausrichten des Lebens nach diesen „seltsamen Begriffen von Mut und Ehre“. Fast immer geraten Herbsts Helden in Situationen, in denen man sich binnen weniger Augenblicke für eine Seite oder Sache entscheiden muss. Auf dem Spiel stehen die für Herbst elementarsten Werte: Freundschaft und Glaubwürdigkeit. In diesen Konstellationen, dem Hinundhergerissensein zwischen Konvention, Ausreden, Feigheit, Aufstand und Courage, beweisen sich Herbsts Figuren als Menschen: In den seltensten Fällen gewinnen sie nämlich den Kampf gegen sich selbst. Gerade weil Herbst uns keine Sieger vorführt, sind uns seine Feiglinge und Mitläufer so sympathisch. Ihr Wissen um die Niederlage, ihr schlechtes Gewissen macht Herbsts Utopie vom besseren Menschen erst glaubwürdig und anstrebenswert.

Als ich ihn das erste Mal in München besuchte, wohnte er in einer 2-Zimmer-Wohnung hoch über dem Viktualienmarkt. Über eine altehrwürdige Holztreppe gelangte man in seine Sommerresidenz unterm Dach, in der ihm nichts gehörte, nichts zueinander passte, aber jeder Gegenstand etwas über seinen Benutzer aussagte. „Hier kann ich innerhalb einer Stunde ausziehen“, hatte er mir damals gesagt. In den folgenden Jahren zog er mit seinen paar Habseligkeiten in München, dieser „aalglatten, verlogenen Chichi-Stadt“, mindestens noch dreimal um, bevor er 1994 endgültig wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurückgekehrt ist.
Wenn ich an ihn denke, dann habe ich immer diesen ersten Besuch bei ihm im Kopf. Wir saßen zusammen, er schwärmte mir von seinen beiden Lieblingsschriftstellern Elias Canetti und Hans Henny Jahnn vor und unterbrach unser Gespräch öfters für kurze Pausen, in denen wir Musik hörten. Er setzte sich auf sein Lotterbett und spielte ein paar Takte Rumba auf seinen Bongos und Congas oder schob einen Mitschnitt des Evaldo-Montenovo-Trios, in dem er die Conga-Drums bediente, in den Kassettenrekorder. Dann saß er still in seinem Sessel, hob seinen Kahlschädel wie ein witterndes Tier, war konzentriert bis in die letzte Pore, schien wegzudriften in eine andere Welt, atmete die Musik mit einem verlorenen Glanz in den Augen. War das Stück zu Ende, graulte er etwas verlegen seinen angegrauten Vollbart und zeigte Zähne – ein strahlend weißes, makelloses Gebiss, ein Lachen, gegen das nicht mal Burt Lancaster hätte anstinken können. „Musik ist das Wichtigste in meinem Leben“, sagte er damals, und ich hörte in diesem Bekenntnis sein Bedauern heraus, nicht mit einer schwarzen Seele auf die Welt gekommen zu sein.

Was er an Sabu Martinez, Mongo Santamaria, Pepe Soria, Billie Holliday, Arsenio Rodriguez, Charlie Parker und Thelonious Monk so bewunderte und liebte, was ihm deren Musik gegeben hat, das können seine Leser in jedem seiner Bücher wieder finden. Wie kaum ein anderer deutschsprachiger Autor ist Herbst voller Menschlichkeit, voller Anteilnahme, voll Wärme, Erotik, Poesie und Rhythmus. Auf seine Art war er ein einzigartiger Missionar. In seinen Geschichten liegt die Weisheit des weitgereisten Globetrotters, die Liebe zu den (südländischen) Frauen, die Zärtlichkeit und Rebellion des Humanisten, die Sucht des Genießers, die Demut und die Hingabe des Menschenfreunds. Er war ein genauer Beobachter und pointierter Porträtist. Und seine knappen Dialoge gehören zum Besten, was auf diesem Gebiet geschrieben wurde. Wer Herbsts Bücher liest, weiß, warum behauptet wird, die deutsche Sprache wäre schön.
Seit einem Kuba-Aufenthalt 1992, wo er sich möglicherweise einen mysteriösen Virus eingefangen hatte, plagten ihn in den Neunzigern immer wieder entsetzliche Kopfschmerzen. Das – und ich glaube die Ignoranz von Publikum und Kritik – hatten ihn ein Stück weit resignieren lassen. Wenn ich ihn damals traf oder wir telefonierten, fielen irgendwann unweigerlich Sätze wie: „Wolfgang, ich kann nicht mehr schreiben. Ich bin leer.“ oder „Kannst Du mir sagen, warum ich mich dieser Schinderei aussetzen soll, wenn es doch niemanden interessiert?“ Es tat mir jedes Mal in der Seele weh, weil ich fürchtete, es könnte tatsächlich nichts mehr von ihm kommen. Jeder drittklassige Hirnwichser wird hierzulande hofiert und mit Preisen geschmiert. Aber die Besten übersieht man, lässt sie verhungern, treibt sie ins Aus.
Und dann passierte doch immer wieder das Unerwartete. In langen Abständen zwar, aber die Post brachte hin und wieder eine neue Geschichte, oder er erzählte mir am Telefon, dass er an einem Drehbuch arbeite. Dann wusste ich, dass er noch nicht aufgegeben hatte, dass es ihn immer noch in den Fingern juckte. Wenn genug Geschichten zusammengekommen waren, begann jedes Mal von Neuem die entwürdigende Suche nach einem Verleger. Von den großen Verlagshäusern die immer gleichen dummen Ausreden: „Kurzgeschichten verkaufen sich nicht“, „Wir sind mit unseren Hausautoren die nächsten fünf Jahre ausgebucht“, „Frauen wollen das nicht lesen“. Dann musste wieder ein Kleinverlag herhalten, der keinen Etat für Werbung hat, keine Verlagsvertreter, keine Presseabteilung. Wie so etwas endet, weiß jedes kleine Kind. Von dem Bitter Lemon Heft „Ein Sohn Ogums“, das ich 1988 in einer Auflage von 100 Exemplaren veröffentlicht habe, sind immer noch 3 Exemplare lieferbar.
Dann das Wunder: Günther Butkus vom Pendragon Verlag machte eine siebenbändige Werkausgabe. Zu jedem Band schrieben namhafte Kollegen enthusiastische Nachworte. Der Erfolg blieb trotzdem aus. Butkus hielt Herbst die Treue, veröffentliche noch drei Spätwerke. Seine letzten Lebensjahre hatte ein Mann seiner Vitalität nicht verdient, zuletzt vegetierte er in einem Pflegeheim vor sich hin. Er durfte nicht mehr rauchen und keinen Alkohol mehr trinken. Im Kopf noch klar, aber sein Körper ließ ihn im Stich. Im Frühjahr hat er diese Welt verlassen, still und unbemerkt von allen. Wie er es sich gewünscht hat.
Hans, mein Nachruf kommt viel zu spät, aber ich habe ihn Dir versprochen.

Erstellungsdatum: 23.09.2026