Lothar Schirmers und Magdalena Kröners „Die Bienenkönigin nährt am Ende alle …“
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein und mit der richtigen Nase das Potential des ganz Unbekannten aufzuspüren, das macht den erfolgreichen Kunstsammler aus. Wenn er sich dann noch als sorgfältiger Verleger mit der Verbreitung von Kunst Verdienste erwirbt, wird ihm zu Lebzeiten schon ein Nimbus umgeben, der Neugier erregt. Lothar Schirmer hat, um dieser Neugier entgegenzukommen, mit Magdalena Kröner Gespräche über ein langes Kunst-Leben geführt, und Walter H. Krämer hat sich darin vertieft.
Lothar Schirmer, geboren im Februar 1945 in Schmalkalden, Thüringen, verbrachte seine Jugend- und Ausbildungsjahre im Thüringer Wald, in Köln am Rhein, Recklinghausen und Bremen. Er lebt und arbeitet als Verleger des Schirmer/Mosel-Verlags seit 1974 in München.
Dem Verleger und Kunstsammler war es von Anfang an ein Anliegen, die Kunst in direktem Kontakt mit den Künstlern zu überprüfen. Aus diesem direkten Kontakt zu den Menschen, die das hervorbringen, ergaben sich für Lothar Schirmer neue Sichtweisen und ganz neue Welten taten sich auf. Und vor allem wurden die Sachen für ihn auf eine unglaubliche Art und Weise glaubwürdig: „Die Menschen, die ich getroffen und aufgesucht habe, waren mit Bedacht ausgesucht. Ich muss sagen, wenn man Joseph Beuys zum Beispiel, der relativ umtriebig war, nachdem er ganz zurückhaltend gelebt und gearbeitet hatte, persönlich kennenlernt, dann hatte man in Sekundenschnelle den Eindruck, dass man es mit einem sehr ernsthaften Menschen zu tun hatte.“
Dieser direkte Kontakt mit den Kunstschaffenden hat seine Sicht auf die Kunst verändert.
Lothar Schirmer hat das Gespür für Themen, Eleganz, Stil, und Attitude. In seinem Verlag fanden große Namen ein verlegerisches Zuhause: Gerhard Richter, Joseph Beuys, Cy Twombly, Edward Hopper. Museen und Sammlungen vertrauten sich ihm an, auch Fotografen wie Peter Lindbergh, August Sander oder Barbara Klemm. Und natürlich auch Schriftsteller wie Cees Nooteboom, Hans Magnus Enzensberger, Peter Handke oder Michael Krüger.
Persönliche Erinnerungen an Kunstwerke, Künstlerinnen und Künstler, Autoren, Historiker, Schriftsteller und Dichter werden wach, wenn Lothar Schirmer, der gerade sein 50. Jubiläum als Verleger und seinem 80. Geburtstag feiern konnte, von einer klugen Kunsthistorikerin zu den Stationen seines Lebens als Sammler und Kunstbuchverleger befragt wird.
Es ist ein Geschenk für kunstinteressierte Leser*innen – nicht zuletzt auch ein Geschenk für den Verleger selbst. Es ist weder Biografie noch Autobiografie und doch beinhaltet es Elemente von beiden.
Ein erstes Kunstwerk von Joseph Beuys – „Die Bienenkönigin 1“ – erwirbt er noch in jungen Jahren und ruft damit sogleich die Ängste besorgter Eltern hervor, ob der „unvernünftigen“ Ausgabe. Doch Lothar Schirmer beruhigt sie erfolgreich mit dem Versprechen „Die Bienenkönigin nährt am Ende alle …“.
Das ist nicht nur der Titel dieses Buches mit Gesprächen zu Kunst und Büchern mit Magdalena Kröner, sondern erweist sich auch als vorausschauende Ahnung. Auch Werke von Cy Twombly, mit dessen Werk er sein Ur-Erlebnis in Bezug auf die abstrakte Malerei verbindet, kauft Schirmer zu Zeiten, als beide Künstler noch relativ unbekannt waren und die Werke erschwinglich. Kaum einer konnte ahnen, dass der Preis dieser Werke um ein Vielfaches in die Höhe sprang und somit eine gut angelegte Kapitalanlage waren und er mit dem Kauf von Werken dieser beiden Künstler eine Art goldenes Los gezogen hatte.
Als Schirmer allerdings mit Beuys „Badewanne“ – für die er damals 1.500 Mark bezahlte – nach Hause kam, war man seitens der Eltern überzeugt, der Sohn hätte jetzt komplett den Verstand verloren.
Überhaupt hat Joseph Beuys eine besondere Bedeutung für Lothar Schirmer. Von ihm erwarb er ein erstes Kunstwerk für seine Sammlung und im Laufe der Verlagsgeschichte hat er mehrere Bücher über Beuys herausgegeben.
Die Betreuung der Werke von Joseph Beuys bezeichnete der Verleger einmal zu Recht als eine Kernkompetenz des Schirmer / Mosel Verlags. Im Laufe der Jahre kamen mehr als 40 Bücher über den Künstler Joseph Beuys in seinem Verlag heraus und zeigt so die besondere Verbundenheit mit diesem Künstler und seinem Werk. Cy Twombly hat es bisher nur auf 29 Bücher geschafft.
An diesen beiden Künstlern zeigt sich exemplarisch, dass der Verleger ein Interesse daran hat, langfristige Bindungen mit Künstler*innen und deren Werke einzugehen. Ein lobenswertes Unterfangen, das sich immer wieder in der Herausgabe neuer Bücher über die Künstler*innen zeigte.
Mehr als ein halbes Jahrhundert Kunst- und Kulturgeschichte zieht, meist in humorvolle Worte verpackt und kostbar illustriert, am Leser vorüber. Künstler wie Joseph Beuys, Cy Twombly, Walter De Maria, Bernd und Hilla Becher, Cindy Sherman, Hanne Darboven, Lothar Baumgarten, Jeff Wall, Thomas Struth und die Maler der jüngeren Generation wie Cornelius Völker und Martin Assig hinterlassen Spuren im Verlagsprogramm.
Auch die Münchner Szene kommt nicht zu kurz. Zu nennen sind hier beispielsweise Hanna Schygulla, Roger Fritz, Laszlo Glozer, Edgar Reitz, Herbert List, Klaus-Jürgen Sembach und Michael Krüger. Große Photographen, Künstlerinnen und Kreative wie Isabella Rossellini, Charlotte Rampling und Yves Saint Laurent tauchen ebenso auf wie Helmut Newton, Henri Cartier-Bresson, Richard Avedon, Irving Penn, Anton Corbijn, Nick Knight und viele andere.
Ein Leben ohne Bücher und Kunst ist möglich, aber sinnlos! könnte ein Credo des jetzt 80jährigen Verlegers und Kunstsammlers lauten.
Und genau das ist das Thema dieses Buches. Hier breitet der Verleger all seine Einsichten und Erfahrungen eines langen Lebens mit der Kunst und den Künstler*innen aus. Und dieses 1.100 Gramm schwere Buch (24 cm hoch, 17 cm breit und 3 cm tief) mit seinen 376 Seiten und 112 farbigen Abbildungen ist auch optisch ein Genuss.
Man kann über die Interviews – klug gefragt und klug geantwortet – eintauchen in die Künste. Kann das Buch nutzen als Nachschlagewerk, sich entlang des Inhaltsverzeichnisses kundig machen über einen Künstler eigener Wahl. Nicht immer leicht - weil anspruchsvoll. Aber es lohnt die Mühen und man kommt als Leser*in klüger aus der Lektüre heraus als man es zu Beginn war.
Lothar Schirmer
Die Bienenkönigin nährt am Ende alle …
Gespräche zu Kunst und Büchern mit Magdalena Kröner
376 S., geb.
ISBN 978-3-8296-1008-7
Schirmer/Mosel, München 2024
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Erstellungsdatum: 05.03.2025