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Übersetzerin Jutta Himmelreich im Gespräch mit Anita Djafari

Ein persönlicher Blick auf die Literatur des Iran

Anita DjafariJutta Himmelreich


Foto: Unplash

Um ein Land zu verstehen, ist es hilfreich, literarische Werke zu lesen, die vor Ort entstanden sind oder – wie jetzt beispielsweise im Iran – in der Diaspora geschrieben wurden. Die Übersetzerin Jutta Himmelreich nennt im Gespräch mit Anita Djafari Schlüsselwerke der iranischen Literatur, die sie besonders schätzt und zu lesen empfiehlt. Ihr beruflicher Weg entstand noch in einer Zeit, in der Mittel für Dolmetsch-Kabinen bereitgestellt wurden, um den direkten Austausch mit Autorinnen und Autoren der Weltkulturen zu ermöglichen.

Zu Beginn die „Großen Alten“

Anita Djafari: Du bist eine der renommiertesten und auch fleißigsten Übersetzerinnen aus dem Persischen oder Farsi. Und du übersetzt schon sehr lange, auch aus anderen Sprachen wie Englisch und Französisch. Da kommt einiges zusammen im Laufe des Lebens. Übersetzen kann man ja erst seit einigen Jahren studieren, die meisten Übersetzerinnen und Übersetzer sind Quereinsteiger und fast zufällig zum Übersetzen gekommen. Wie war das bei dir?

Jutta Himmelreich: Ja, ‚fast zufällig‘ trifft hier wohl zu, obwohl es Zufälle ja angeblich gar nicht gibt. Als ich Romanistik, Amerikanistik, mit Schwerpunkten auf Frankophonie- und Anglophonie-Studien sowie Ethnologie studiert habe, wusste ich zunächst nur: nicht fürs Lehramt. Dennoch bin ich seit meinem Studienabschluss im In- und Ausland als Sprachdozentin tätig. Nach dem Master-Abschluss habe ich eine Dissertation begonnen, irgendwann aber festgestellt, die Arbeit ist mir zu theoretisch.

Wer oder was mich Mitte der 1980er dann zu der Gesellschaft geführt hat, die damals noch ihren langen Namen trug und heute, unterm Dach der Buchmesse Frankfurt angesiedelt, litprom. promoting global stories heißt, war wohl auch einer jener angeblich inexistenten Zufälle, ohne den ich heute tatsächlich weder literarische Übersetzerin noch Simultandolmetscherin wäre! Litprom verdanke ich also buchstäblich meinen beruflichen Werdegang. Hier war mir sofort klar: Die Verbindung von Literatur mit Lesungen und anderen Veranstaltungen, im direkten Austausch mit Autorinnen, Autoren und deren Leserschaft, ist genau der erfrischend sinnvolle Praxisbezug, der mir bei der Arbeit an meiner Dissertation gefehlt hat.

Das erste literarische Werk, an dessen Übersetzung aus dem Englischen ich mich versucht habe, waren Erzählungen von Stanley Nyamfukudza aus Zimbabwe: Wenn Gott eine Frau wäre. Von einem kleinen, heute leider nicht mehr bestehenden Verlag in Heidelberg an mich herangetragen, vor langer Zeit, als es von der Schreibmaschine auf den PC umsteigen hieß. Meine Güte …

 

Ja, gut. Anglistik/Amerikanistik und Romanistik hast du studiert, Persisch hast du dir selbst beigebracht. Eine stramme Leistung, wenn man da nur an die völlig andere Schrift denkt. Und viele Reisen in den Iran konntest du auch nicht unternehmen. Wie kam es dann zu deiner ersten Übersetzung aus dem Persischen?

Um darauf zu antworten, muss ich ein wenig ausholen und eine Facette der Arbeit mit Litprom hervorheben. Es gab weit über 20 Jahre lang bis Anfang der 2000er Jahre eine damals einzigartige Veranstaltung in der Evangelischen Akademie Iserlohn: eine Art Symposium, Zusammenkünfte mit Autorinnen und Autoren aus Afrika, Asien, Lateinamerika, der arabischen Welt, mit jeweils unterschiedlichen Schwerpunkten. Offen für ein breites Publikum. Viele Gespräche, viele Sprachen. Aber was tun, wenn nicht alle einander verstehen? Ein logistischer Segen in Iserlohns Akademie waren Dolmetsch-Kabinen, in die ich mich eines Tages kühn gestürzt habe, im Versuch, Sprachbarrieren überbrücken zu helfen. So nahm dieser Teil meiner beruflichen Tätigkeit ihren Anfang und wurde, neben dem literarischen Übersetzen, ein zweites Standbein.

„Frauen ohne Männer“

Damit war aber offensichtlich der Anfang gemacht. Inzwischen liegen weit über 20 Übersetzungen aus dem Persischen von dir vor. Darunter auch der 2012 erschienene Roman „Frauen ohne Männer“. Ich kann mich noch gut die Verfilmung erinnern, die Regisseurin Shirin Neshat hat dafür einen Silbernen Bären in Venedig ewonnen. Für Feministinnen war er damals Kult. Ich fand aber jetzt das Buch beim nochmaligen Lesen eigentlich besser als den Film mit seinen die surrealistischen Elemente überhöhenden Bildern. Wie ging es dir damit?

Manche Menschen erwarten von Literatur-Verfilmungen, dass sie die Vorlagen möglichst exakt auf die Leinwand bringen. Andere bevorzugen Neuinterpretationen. Ich finde Shirin Neshats Filmvariante trotz einiger Auslassungen, Umdeutungen reizvoll. Ein bedeutender Aspekt des Romans ist der, dass die Hauptfigur sich als Baum imaginiert bzw. tatsächlich zum Baum wird, um ihrer harten Wirklichkeit zu entrinnen. In der filmischen Umsetzung stelle ich mir das schwierig vor. Das könnte vielleicht ins Kitschige abgleiten.

Die politischen Zusammenhänge, die den Hintergrund bilden, werden, wie ich finde, im Roman deutlicher als im Film. Während der Roman fantasievolle Fluchtwege aus Notlagen auslotet, wirkt der Film trotz der surrealistischen Bilder, die du ansprichst, streckenweise realistischer. Die Dringlichkeit der Bedürfnisse der Frauen nach Freiheit und Selbstbestimmung wird im Film allerdings in der zerbrechlichen Figur der Prostituierten Zarin, die sich in ihrer Verzweiflung im Hamam die Haut blutig schrubbt, so überzeugend, dass sie mir, um im Bild zu bleiben, unter die Haut geht. Diese Zarin verkörpert buchstäblich alles, was in der iranischen Gesellschaft der Veränderung bedarf. Ich kann also sowohl dem Film als auch dem Roman viel abgewinnen.

 

Jetzt war die Übersetzung ins Englische auf der Longlist für den International Booker Prize. Interessant, dass dieses Werk, das sich ja um die Ereignisse von 1953 dreht, als der erste demokratisch gewählte Präsident Mossadegh vom CIA gestürzt wurde, also noch lebt und gewürdigt wird. 

Das liegt sicher auch daran, dass es hier um das — leider — zeitlose Thema Freiheitsdrang geht. Um die Befreiung aus dem Patriarchat, um Selbstbestimmung. Und hier scheint wieder einer jener Zufälle im Spiel, die es nicht gibt: Das Buch lebt auch deshalb noch, oder neu auf, weil es sich mit einem Schlüsseljahr iranischer Geschichte befasst. Wie schon 1953 geht es auch heute, nicht nur für Irans Frauen, nein, für die gesamte große iranische Nation, um Souveränität und Selbstbestimmung.  

 

Wie gesagt, „Frauen ohne Männer“ ist eines von vielen Büchern aus dem Iran, die du ins Deutsche gebracht hast. Welche möchtest du uns besonders ans Herz legen?

1999 habe ich das Jugendbuch Djalal reitet um sein Leben von Mohammad Reza Bayrami übersetzt. Die packende Geschichte über einen Jungen im Sabalan-Gebirge, der mitten in einer Winternacht ins Nachbardorf reiten und einen Arzt holen muss, weil der schwerkranke Vater des Jungen dringend Behandlung braucht. Erschienen bei Nagel & Kimche in Zusammenarbeit mit dem Kinderbuchfonds Baobab und der Erklärung von Bern, und mit dem Preiselbär und der Blauen Brillenschlange ausgezeichnet.

Sara Salars Roman Hab ich mich verirrt? hat mich beeindruckt. Er erschien im Verlag Peter Kirchheim, der sich für die Förderung iranischer Literatur verdient gemacht hat. Den Verlag gibt es nicht mehr. Peter Kircheim fand leider keinen Nachfolger, bevor er in den Ruhestand ging. Hab ich mich verirrt? handelt von einer jungen Mutter, die wie in Trance durch Teheran fährt und versucht, sich in ihrem scheinbar aus den Fugen geratenen Alltag zwischen Mann und Sohn neu zu orientieren. Versteh einer die Deutschen, von Taqi Akhlaqi, der in Kabul für die GIZ gearbeitet hat und mittlerweile in Deutschland lebt, ist der kluge Bericht über vier Monate, die der Autor 2016 als Stipendiat der Heinrich-Böll-Stiftung in Langenbroich verbracht hat. Humorvoll und kenntnisreich nimmt er — stark von Friedrich Nietzsche fasziniert — deutsche Alltagsphänomene und -gewohnheiten unter die Lupe und stellt sie afghanischem Alltag gegenüber. Er misst die theoretischen Vorstellungen, die er von Deutschland hatte, an der Praxis, kontrastiert sie mit Beobachtungen über seine afghanische Heimat und stellt dabei nicht nur sich selbst hier und da in Frage. So ergeben sich spannende Einsichten und viele Anlässe zu schmunzeln. Das Buch ist im Sujet-Verlag erschienen.

Das gilt auch für die auf Deutsch vorliegenden Bücher von Fariba Vafi, die zu meinen Lieblingsautorinnen zählt. Sie ist eine der bedeutendsten Autorinnen Irans, hat dort rund zwanzig Romane und Erzählbände veröffentlicht, einige wurden preisgekrönt. Auch Fariba Vafi lebt mittlerweile in Deutschland, wo sie ihren jüngsten Roman fertiggestellt hat, der in Kürze übersetzt wird. Unterdessen empfehle ich ihre facettenreichen Erzählungen An den Regen und ihren Roman Traum von Tibet,  in dem sie abwechslungsreich und umwerfend unkompliziert über Beziehungsprobleme zwischen Mann und Frau, den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung schreibt und dabei, eingedenk zu umgehender Zensurvorschriften, vieles zwischen ihren Zeilen unterbringt. Bei aller Ernsthaftigkeit kommt auch in ihren Werken subtiler Humor nie zu kurz. Für den Roman Tarlan bekam sie 2017 den LiBeraturpreis, ihr Schriftstellerfreund SAID hielt die Laudatio.                    

Alternative Versionen der Geschichtsschreibung

Abgesehen von Fariba Vafi, mit der du in sehr gutem Kontakt bist, vor allem seit sie in Deutschland lebt, hast du auch viele Werke von Amir Hassan Cheheltan übersetzt, ein weiterer bedeutender Autor, der nach längeren Aufenthalten auch in Deutschland, weiterhin im Iran lebt. Was hast du von ihm gelernt?

Ich lese Amir Cheheltans Werke meist als Kombinationen aus Sachbüchern und Romanen und lerne entsprechend aus jedem etwas über die Zeit, die er jeweils thematisiert. Der Autor hat es sich unter anderem zum Ziel gesetzt, der offiziellen Geschichtsschreibung seines Landes [s]eine andere Version entgegenzusetzen. Weshalb jedes Buch sich einer bestimmten historischen Zeitspanne und deren spezifischen Ereignissen widmet. So fand beispielsweise seine Teheran-Trilogie, von Susanne Baghestani übersetzt, hier relativ große Aufmerksamkeit. Sie gab Einblicke in den politischen Alltag des Landes. Iranische Dämmerung beleuchtet die Umbrüche in der Übergangszeit zwischen der Regierung Schah Reza Pahlawis und der islamischen Revolution. Hier geht es um die Konflikte, die Widersprüche und die vielen enttäuschten Hoffnungen aus jener Zeit. Offiziell gilt die islamische Revolution ja als voller Erfolg. Der Zirkel der Literaturliebhaber hat mir ein Themenfeld eröffnet, über das ich mir bis dahin kaum Gedanken gemacht hatte. Hier wird unter anderem — Jahrhunderte früher als in der europäischen Literatur, so der Autor — die Beziehung von Männern, hier von großen iranischen Dichtern des elften und zwölften Jahrhunderts zu Jünglingen thematisiert, mit denen man sich bevorzugt vergnügt, solange deren Bärte noch nicht sprießen. Eindrücklich wird auch die Liebesbeziehung des großen Mystikers und Sufis Rumi zu Schams aus Tabriz geschildert, der vermutlich von Gegnern dieser Beziehung ermordet wurde. Was Rumi in tiefe Trauer stürzt, aus der er sich durchs Tanzen rettet und so zum Mitbegründer des Derwisch-Ordens wird. Rumis Langgedicht Mathnavi gilt übrigens als ,Koran in persischer Zunge’.

   

Wie wichtig ist es dir, dass wir mehr lesen an Literatur, die im Land selbst geschrieben wurde? Es gibt ja sehr viele Titel, die in der Diaspora entstanden sind – in den USA, England, Frankreich und auch hier bei uns.

Heutzutage leben so viele Menschen rund um den Globus außerhalb ihrer Heimatkontinente, dass die jeweilige Diaspora einen fast gleichwertigen Stellenwert einzunehmen beginnt. Literarisch kommt heute eine weitere, sozusagen junge Dimension durch die in der Diaspora geborenen und aufgewachsenen Autorinnen und Autoren hinzu. Ich finde, jede dieser Literaturen hat ihre Bedeutung und ihre Existenzberechtigung, und sie ergänzen einander zu einem umfassenden Bild von dem Land und den Menschen, um die es jeweils geht.

Ist es zu gewagt zu fragen: Hängen Verlagsentscheidungen für ein Werk, gegen ein anderes, nicht auch mit Erwartungen zusammen, die man bestätigt oder widerlegt sehen will? Hinzu kommt, dass Lektorinnen, Lektoren sich im Fall von Persisch und auch im Fall von Dari, wenn wir an Afghanistans gute Autorinnen und Autoren denken, leichter tun mit der Einschätzung von Werken, die in gängigen Sprachen verfasst sind. Deine Frage gibt mir jedenfalls Anlass einzugestehen, dass ich am liebsten Werke lese, die im Land selbst entstanden sind, weil ich das Gefühl habe, durch sie am meisten über das jeweilige Land zu lernen. Wer mich vom Gegenteil überzeugen möchte, darf das gern versuchen.

 

Zum Schluss darfst du noch dein absolutes Lieblingsbuch nennen.

Statt eines Lieblingsbuchs möchte ich hier gern drei Bücher nennen, die mich stark beeindruckt, mir in einem Fall sogar eine Art lebens- oder berufspolitisches Schlüsselerlebnis beschert haben. In jungen Jahren brachte mein Vater mir, die ich krank im Bett lag, aus der Bibliothek in unserer Nachbarschaft Daniel Defoes Robinson Crusoe mit. Ob er geahnt hat, dass es mich eines Tages weit über Europas Grenzen hinaus verschlagen würde? In der 8. oder 9. Klasse auf dem Gymnasium enthielt mein Englischbuch einen Auszug aus Invisible Man von Ralph Ellison. Ein junger Afroamerikaner spaziert in den 1960er Jahren gut gelaunt durch einen Stadtteil New Yorks, sieht unterwegs sein Spiegelbild in einem Schaufenster und wird jäh daran erinnert, dass ein Mensch mit seiner Hautfarbe sich in den Vereinigten Staaten gar nicht wohlfühlen darf. Beeindruckt hat mich zum einen, dass ein literarischer Text mich dermaßen beeindrucken kann. Zum anderen wurde mir hier wohl deutlicher als je zuvor bewusst, wieviel Ungerechtigkeit in der Welt herrscht. Ich vermute, der Auszug aus Ellisons Roman gab damals einen ersten Anstoß hin zu meiner späteren beruflichen Tätigkeit im Zusammenwirken mit Litprom.

Plan B – Der Bücherpodcast © Buchhandlung Schutt & Anita Djafari

In der Rubrik „Übersetzungen“ stellen wir in loser Folge Literatur aus der früher von „Litprom“ vertretenen literarischen Welt vor: ins Deutsche übersetzte Bücher aus einer global verbundenen Welt, denen wir viele Leserinnen und Leser wünschen. Nicht immer, aber immer öfter kommen auch die Übersetzerinnen und Übersetzer zu Wort. Ein Textauszug ergänzt zumeist die jeweilige Buchvorstellung.

Diese Rubrik betreuen Andrea Pollmeier (Textor) und Anita Djafari vom Litprom-Freundeskreis. Vorschläge für Beiträge können direkt gerichtet werden an: anita.djafari@posteo.de

Erstellungsdatum: 14.05.2026