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Über Marie Luise Kaschnitz

Eine Fahne Blattgrün über einem Nichts von Welt

Ingrid Mylo


Marie Luise Kaschnitz. Foto: Walther Benser/Literaturarchiv Marbach

„Alte Bäume sterben/ Und neue wachsen in die neue Zeit;/ In meinem Becken spielen junge Kinder./ Mein Strahl erhebt sich,/ Singt Unsterblichkeit.“ Einen knappen Monat, nachdem sie das schrieb, ist Marie Luise Kaschnitz tot. Dass in diesem Jahr ihre Aufzeichnungen aus der Wiesenau, „Gott und die Welt“ in Frankfurt gelesen werden, trägt sicher zu ihrer Unsterblichkeit bei. Ingrid Mylo aber hat sich mit ihrem literarischen Leben befasst, das darüber hinaus gelesen werden will.

 

 

I.
              Ihre Tagebücher hören, irgendwann im Mai 1966, mit dem Wort „selig“ auf. Was für ein Schlußpunkt. Was für eine Irreführung. Denn was es bedeutet, ist eben nicht: still vor Glück und Jubel und rosafarbene Verheißung, sondern heißt harsche Kritik. Der Satz, an dessen Ende dieses selig fällt, ist eine Brandmarkung der Blödheit und liest sich so: „… aber das Publikum ist, wie immer, wenn es beschimpft wird, selig.“ Das macht sie oft, die Kaschnitz, das beherrscht sie, schöne Worte an Stellen verwenden, an denen sie zu Sprengkapseln werden: im Zusammenhang mit dem davor Geschriebenen verkehren sie sich in ihr Gegenteil und richten zielsicher den gewünschten Schaden an. Es ist ein Geruch aus Lilien und Leichen, der aus den Seiten steigt.


II.
             Sie schaut hin, ganz genau, sieht die Schwächen, die Fehler, die Krampfadern an den dicken Beinen der Frau. Die blutunterlaufenen Augen des Fischhändlers, der an Lungenkrebs stirbt. Schaut hin: ohne Mitleid, ohne Erbarmen, schaut hin und deckt die Defekte auf. Spart nichts aus: nicht das Blut in den Raupenspuren des Traktors, nicht den eingedrückten Brustkasten des jungen Knechts, nicht den Schaum, der „ihm in roten Flocken vor dem Mund“ steht. Und in der Geschichte ‚Christine‘, der Mord an der Gartentür und das Paar, das drinnen im Zimmer steht und zusieht: der Mann, die Frau. Er, der Anstalten macht zu helfen, sie, die ihn hindert, aus Angst um die eigene Familie, „denk an die Kinder“, er, der sich hindern läßt. Also geschieht es, vor ihren Augen quetscht der Mörder das kreischende Leben aus der Kehle der Siebenjährigen, vor ihrem sicheren Haus, und die vor Kälte blauen Hände der Kleinen klammern sich um die Gitterstäbe ihres geschlossenen Gartentors.

III.
            Was aber auch und immer wieder in ihren Geschichten vorkommt, in ihren Gedichten, Aufzeichnungen und Tagebucheintragungen, sind Pflanzen, Bäume, Tiere. Die Natur in ihren vielfältigen Erscheinungsformen. Eine ganze Geschichte, ‚Genug, vorbei‘, über das Sterben einer Ulme, detailreiche Beschreibungen in ‚Engelsbrücke‘ über einen Schmetterling auf ihrer Hand, über eine Gloxinie, die sie geschenkt bekam, über Samenkörner und das, was sie in sich tragen. Und überall Blumen und blühende Sträucher: Geranien, Oleander, Mimosen, Margeriten, Lupinen, Federnelken, Fuchsien, Zistrosen, und zu den vertrauten die Namen, die längst nicht mehr geläufig sind und klingen wie Prinzessinnen in exotischen Gewändern: Salvien, Gelsominen, Spiräen, Zinnien und Zyklamen.
Auf ihrer tagelangen Schiffsreise nach Brasilien hat Kaschnitz sich über die „sterile Atmosphäre an Bord“ ausgelassen, das Anorganische, in dem das Hirn taub wird und abstirbt. Damit das Denken keimt und Einfälle treibt, ist Natur vonnöten.

IV.
            Sie stellt hohe Forderungen an sich, verlangt sich einiges ab. „Halte nicht ein bei der Schmerzgrenze“, heißt es in ihrem Gedicht ‚Bericht vom Neumagen‘, „Halte nicht ein / Geh ein Wort weiter / Einen Atemzug / Noch über dich hinaus“. Und hat sich doch im Verdacht, das genau nicht zu tun. „Das Äußerste, das ist die Grenze, dahinter steht der Wahnsinn oder die Verzweiflung, dahin wollte ich nicht“, schreibt sie in ‚Nicht ans Äußerste‘. Mit einem Gedicht, das immerhin erkennt sie und gesteht es sich zu, mit einigen Zeilen Prosa, dringt sie hier und da in diese „Todeslandschaft“ ein. Mehr ist nicht, um der geistigen Gesundheit willen, ein dauerhafter Aufenthalt: und „Goyas schwarze Vögel“ flögen „ungehindert zum Fenster herein“.

V.
            Alfred Hitchcock hat einmal von einer Filmidee erzählt, einer Szene, die ihm vorschwebte: eine Einstellung ohne Schnitt und doppelten Boden. Man sieht ein Fließband, auf dem ein Auto zusammengebaut wird. Schritt für Schritt, vom allerersten einzelnen Teil bis schließlich zum kompletten Wagen, Stück für Stück, und die ganze Zeit ist die Kamera dabei, man sieht, wie alles montiert wird, wie die Frontscheibe eingesetzt wird, das Licht, der Motor, bei jedem Detail ist man Zeuge. Und dann öffnet, als das Auto fertig dasteht, einer die Fahrertür: und eine Leiche fällt heraus.
So sind viele ihrer Geschichten zusammengefügt. Ein Satz, der nächste, noch einer, klar und deutlich, Sätze, die nichts verstecken, und man ist bei allen dabei. Und doch ist am Ende etwas geschehen, das, obwohl alles benannt wird, so nicht dagestanden hat. Etwas hat sich in der Geschichte verbergen können, weil wir nicht genau hingeschaut haben, weil wir dachten, es sei nur ein Mantel, da über dem Stuhl: aber es war eine Erinnerung, eine Warnung, ein Gespenst.

VI.
            Was ist das, das „eigentliche Leben“? Das, was man wollte, einst und ursprünglich, aber nicht bekam? Oder das, was man erhielt, stattdessen: und jetzt muß man sehen, wie man mit dem Ersatz zurechtkommt? Das Feuer im Kamin ist künstlich, die beiden Möpse auf dem Teppich ausgestopft, die Äpfel mit Fäden an den Baum gebunden, der nicht trägt. Sie sind oft mit den falschen Menschen zusammen, die Figuren in den Kaschnitz-Geschichten, weil der, den sie gemeint haben, verschwunden ist oder Verrat verübt hat an ihnen. Sie richten sich ein, trotzdem, und machen sich vor, daß es Liebe ist, was haben sie denn für eine Wahl? Und dann, weil sie so hartnäckig daran glauben, ist es tatsächlich wahr, und dann ist es zu spät: denn es gibt sowas wie Schicksal, und den Zusammenstoß mit dem andern Auto überlebt der inzwischen Geliebte nicht. Schuld und Angst, darauf läuft es hinaus, und auf etwas, das die Menschen hindert, das vorgehabte, geplante Leben zu beginnen: etwas Uraltes, Müdes, das um die Sinnlosigkeit weiß und sich dem Schweigen ergibt. Und was Fluch zu sein scheint und Furcht erzeugt, als der Vogel Rock ins Zimmer fliegt und die Wohnung unheimlich macht, unbehausbar, stellt sich später, zu spät, auch diesmal, als Chance heraus, die man nicht wahrgenommen hat: und man weint.

VII.
            Wenn sie liest, aus ihren Werken, ihre Stimme: strikt klingt sie, strafend fast, eindringlich unbetont. Kurz und bündig liefert sie, ohne viel Federlesen, ihre Sätze ab, stellt sie, unverrückbar, vor die Zuhörer hin. Aufrecht ragende Worte, man kommt nicht um sie herum.
An anderer Stelle der Singsang ihrer Aufzählungen, das stetige Auf- und Abschwellen, begütigend, ohne wirklich zu beruhigen, Kinderlied, Litanei. Gestus, als wickelte sie Verbände ab, Klang um Klang: und darunter liegt manchmal die Wunde, unverheilt, offen und bloß, und manchmal ist da nichts.


VIII.
            Sie hieß früher, bei vielen, Tante Luise, warum? Wegen ihrer Frisur, weil sie, im Tagebuch von ihr gleich mehrfach erwähnt, sich die Haare herrichten ließ beim Friseur? Die Kurzgeschichten können sie nicht gemeint haben, die sind alles andere als tantenhaft, sind hart und fordernd und entschlossen und gehen in ihrer Schroffheit, ihrer schneidenden Kühnheit viel weiter als das heute so übliche halbseidene Geschreibsel, das allen möglichen Unzulänglichkeiten der erwarteten Käuferschicht von vornherein Rechnung trägt und liebedienerisch um Leser bettelt. Tante Luise: eher schon ihre Aufzeichnungen, die haben manchmal etwas vergleichsweise Vermittelndes, Versöhnliches, sind gefällige Betrachtung der kleineren Dinge, aus denen sie sehr wohl etwas Eigenes fertigt, und kunstvoll fertigt, aber mehr in Richtung Schmuck und ohne Gefahr.

IX.
            Und immer der Mond. Oft, so oft, mehr als die Sonne. Wintermondstrahl, Mondschwärmer, Mond, wieder und wieder. Mondsüchtig: und das heißt verstiegen im Hirn und wortwörtlich verstiegen: hinaus aufs Dach, den Abgrund zu beiden Seiten. Mond, „Schlafstörer und Liebeswecker“, ein Schälchen Pudding, „blaß wie Mondschein“, Mondkühle nach Gesprächen über den Selbstmord, und an der mondbeschienen Stallwand werden Männer erschossen im Krieg. Und wenn man hochschaut zum Himmel und sieht das Gesicht des Mannes im Mond, sieht man die Seele der weissagenden Sibylle.

X.
            Oft wie der Mond fällt ein anderes Wort: schön. An diesen Stellen glänzt die Geschichte, hebt sich ab von den Schrecken ringsum, von den Schrunden, den düsteren Kümmernissen, von dem Verhängnis. Ein einzelnes Wort, ein helles Aufhoffen, eine Glasscherbe, von der Sonne getroffen: schön.

XI.
            ‚Eines Mittags, Mitte Juni‘ ist der Titel einer ihrer Geschichten, und eines Mittags, Mitte Juni, taucht, während die Ich-Erzählerin, die Kaschnitz heißt, abwesend ist, Urlaub macht in Italien, eine Frau in dem Haus auf, in dem die Schriftstellerin sonst wohnt. Eine Fremde, die für Zeitschriften wirbt, eine Ausländerin, die den Mietern vom Tod erzählt, die sagt, die Kaschnitz sei gestorben, sei tot, weil sie niemanden mehr hätte auf dieser Welt. Und jetzt fordert sie deren Schlüssel, will deren Eigentum, deren Besitz, geht erst, als jemand sagt: Polizei. Als Kaschnitz, zurück aus Italien, Wochen später davon hört, ist sie empört, unruhig auch, dringt auf Aufklärung, will verstehen. Und findet an jenem zurückliegenden Tag, einem siebzehnten, in ihrem Notizbuch die Worte „Trinken, Ertrinken, Orfeo“. Und findet die Erinnerung an den Augenblick draußen im Meer, als sie bereit war, aufzugeben, aufzuhören, ganz und gar. Der Mann tot, „alles verloren“, und sie: abgekämpft, müde, wie einfach wäre es, sich sinken zu lassen, tief und für immer, und nur das vermeintlich vernommene ferne Flötenspiel ihrer Tochter, die in der Geschichte Costanza heißt wie im Leben, hält sie zurück, lockt sie zurück an den Strand.
Und ihr wirklicher Tod am 10. Oktober 1974, Jahre nach dieser Geschichte: sie hat sich, lautet der Bericht, zu lange im Wasser aufgehalten, so lange, daß sie davon krank wurde und starb, und es spielte, wird gemunkelt, womöglich eine Muschelvergiftung mit hinein. Ihr Tod, wie sie es gewußt hat, gewollt hat, kam aus dem Meer.

 

 

Aus: Ingrid Mylo: „Zufälliges Blau“, Verlag Das Arsenal, Berlin 2018

 

Siehe Kulturtipp:
Frankfurt liest ein Buch

Erstellungsdatum: 13.04.2026